AUS DEM LEIB – LONI LITTGENSTEIN

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

Aus dem Leib,

   in ein Leben …

 

 

Das Wasser fühlte sich warm an. Und es schmeckte leicht süßlich.

Wie ein kleiner Fisch bin ich in dir geschwommen, nahm die Geborgenheit auf, wuchs von einer Flüssigkeit zu einem gekrümmten Wesen.

Manchmal konnte ich dich hören, wenn du leise gesungen hast und die vertraute Stimme mich einschlafen ließ.

 

Weisst du, wie viel Sternlein stehen

An dem blauen Himmelszelt

Weisst du, wieviel Wolken gehen

Weit hin über alle Welt

Gott der Herr hat sie gezählet

Dass ihm auch nicht eines fehlet

An der ganzen großen Zahl

 

Dann hattest du deine Hände auf den Bauch gelegt, so, dass ich dich spüren konnte. Aber mich erreichte deine Unruhe, das Zittern, dass meine Bleibe zum Beben brachte.

Spätestens da hast du aufgehört zu singen und  deine Dunkelheit übermannte mich.

Was für mich düster und giftig war, das war deine Zufriedenheit. Nach der Ruhe,   lachtest du laut und hattest mit stampfenden Beinen getanzt. So musste es gewesen sein, denn mein Körper wurde zu einem Gummiball, der gegen deine menschliche Wand sprang.

Und nun, es wurde eng, die schmierige Hülle der Blase umhüllte meinen nackten Körper, ich konnte mich nicht mehr drehen oder wenden. Die Zeit in dir war behaglich, aber es war soweit, aus dir auszutreten und dich kennenzulernen, nicht in, sondern an dir zu sein.

Ich schrie. Und war nackt. Dein Blut klebte an mir und mischte sich mit der weißen Lauge. Gerade noch lag ich in einem warmen Nest, ehe ich mich durch den engen Tunnel drückte, bis ich die neue Welt erreichte.

Mein kleiner Körper flutschte aus deinem Bauch direkt auf weiches Laken.

Kälte begrüßte mich. Geblendetes Licht und Schreie, die lauter waren als meine eigenen.

Auf dem Bett hast du dich neben mir gekniet. Schemenhaft erkannte ich deine Tränen auf deinem verzerrten Gesicht. Das Blut, das die Wäsche verdreckte, machte dich wirr, und auch die Schnur, die uns verbunden hatte. Schnell hattest du diese in deine Hände genommen und hart daran gezogen, verbissen und mit aller Kraft, bis sie entzwei war. Erschöpft ließest du dich mit dem Rücken auf das Bett fallen, mit deinem Kopf zu mir gedreht.

Ja, ich wurde ein Mensch.

Der Mensch, den du gemacht hast, auch als du mich ansahst, als wäre ich ein Monster

Mama, warum hattest du denn solche Angst mich zu sehen? Die Reise, die wir bestehen mussten, war vorüber. Und dennoch war deine Stimme trüb und finster. Dein Seufzen war bitterlich vor Schmerz, deine Augen, sie gafften mich an.

Ich konnte dir nicht antworten. Selbst wenn ich es gekonnt hätte, was wolltest du denn nur von mir hören? Außer, dass ich dein war. Dein Fleisch und dein Blut.

Deine Haut glänzte vom Schweiß, deine Mimik war panisch. Wie sehr du dich doch abgekämpft hast mich zu empfangen.

Mein Kreischen machte dich garstig, doch ich konnte nicht anders.

Nicht anders musste man die Welt begrüßen.

Nachdem du die Decke im Zimmer angestarrt hast, verfielst du wieder in ein Loch voller Leid. Krümmtest dich, wie ich es in dir tat und schriest mit mir. Du hattest auf deinen Bauch gedrückt und dir den Teufel herbei gewünscht.

In deinem Blick war keine Wärme, dein Gesicht strahlte kein Lächeln aus, nichts, was man sonst für sein Kind übrig haben sollte.

Ekel ließ dich erschaudern. Selbst als du mir wieder in die Augen sahst, zählte nur der Unmut für dich. Das konnte ich spüren.

Dennoch hast du mich genommen und auf deinen Arm gelegt.

Und dabei hatte ich dich gerochen. Dieser herbe Duft meiner Mama.

 

***

 

Ruckartig hattest du mir die Windel gewechselt, mich angezogen und dann auf die Couch gelegt. Dort ließest du mich alleine, mit den Bildern des Fernsehers.

Das seien Affen, sagte der Hund, als er sich zu mir setzte.

Schimpansen, Leo.

So wie der Hund meinen Namen aussprach,  wünschte ich es von dir zu hören.

Fasziniert schaute ich den Tieren bei ihrem Treiben zu. Wie sie unbekümmert herumtollten, sich in den Armen lagen und miteinander spielten. Eine kurze Zeit, in der ich dachte, mich an einem anderen Ort zu befinden. Sie waren nett zueinander, auch wenn sie nicht miteinander sprachen wusste jeder was der andere benötigte.

Dann kamst du und sagtest im Vorübergehen, wie sehr du dich danach sehntest, alleine zu sein. Keine Menschenseele, kein ich. Deine Stimme war monoton und ich glaubte dir jedes einzelne Wort, jede Silbe die du ausgesprochen hattest. Alles um mich herum drehte sich.

Es war, als wäre ich einer der Schimpansen, der sich nicht mitteilen konnte, und die Zeichen die ich versuchte zu machen, endeten in einem Meer aus Spott.

Der Hund verfolgte mich mit seinen Blicken. Da war mir klar, dass er meine Gedanken lesen konnte

Er sagte, ich solle nicht traurig sein. Er wäre mein Freund.

Gerne hätte ich dieses Tier berührt es fest an mich genommen, aber ich war in einem Babykörper, der noch alles zu erlernen hatte.

Ich war zwar ein kleines Wesen, neugeboren und ohne Worte, aber mein Verstand sagte mir mehr, als ich wissen wollte.

Aber wer konnte das schon wissen?

Ich schaute in diese treuen Knopfaugen. Natürlich wusste er es. Er sagte, ich müsse stark sein. Du würdest dich manchmal verändern.

Ich kannte dich nicht anders. So warst du schon seit Beginn zu mir. Gleichgültig,  kalt und ohne Herz. Gab es denn noch eine andere Seite von dir? Eine, die das Tier kannte, und ich gerne kennen würde? Es klingelte, du gingst an mir vorbei und ein kalter Hauch erfasste meine Glieder. Das Tier stand immer noch neben mir, beäugte mich und fragte, ob es sich vor mir stellen sollte.

Ich schaute den Hund an. Es war, als bestünde eine innige Bindung zu diesem Tier das mich auch ohne Worte verstand. Unsicherheit füllte mich. Ich solle wegschauen, sagte er. Da käme etwas, das ich nicht sehen wollte. Ich glaubte dem Tier und würde deinen Blicken ausweichen, aber ich hätte dich dennoch hören können.

Ich streckte meine Hand nach dem Hund aus, gab einen kurzen Laut von mir, den nur das Tier hörte. Denn du hörtest nur die Klänge deiner rauschartigen Dimension.

Der Hund legte seinen Kopf neben mir ab. Dieser war beinahe genau so groß wie mein ganzer Körper. Das machte mir aber keine Angst. Die hatte ich nie. Denn er war der Einzige der mich verstand.

Ich könne auch die Augen zu machen, sagte er noch, bevor er sie selbst schloss.

 

***

Hier war sie wieder. Die Stimme, die ich schon hörte, als ich in dir war. Von einem Mann mit weißen Haaren. Vor dem Fernseher fing er an, dein Shirt auszuziehen und dir seine Zunge zu zeigen. Die Affen mussten weichen. Aus seiner Hosentasche holte der Alte einen Beutel und gab dir einen braunen Schein. Er grinste breit, sagte, das sei für jetzt. Den Rest gäbe es später, käme darauf an, was noch ginge. Du hast den Schein genommen und in einen Schub des Wohnzimmerschrankes gelegt. Mama, warum hast du mich alleine gelassen? Dieser Fremde ließ mich erschaudern als er näher kam. Sein Blick war voller Hohn und teuflischer Gier. Er sprach zu mir, fragte, warum ich so hässlich sei. Einen Balg wie ich einer war, könne man getrost durch die Kanalisation spülen. Dann kamst du zurück und hattest den Alten vor mir weggezogen. Du meintest, ich würde sowieso nichts mitbekommen. Das wäre schön gewesen, dann säße mein Schmerz nicht so tief. Der Alte zog dich weiter aus, und ich sah dich so wie am Tag meiner Geburt. Nackt. Dann zog auch er sich aus, warf seine Kleidung auf den Teppich und knetete an deinen kleinen Brüsten. Jene, die mich versorgten und nach Harz rochen. Dann leckte er daran, während du steif vor ihm standst und er begann an deiner Brustwarze zu saugen. Die Muttermilch lief ihm am Mundwinkel heraus, während er seine Hand an sich legte. Er rieb das Teil an dir, keuchte dabei. Dann drückte er seine Stirn an deine, meinte, du wüsstest, was er wolle. Deine Finger glitten über seine erschlaffte Haut. Dein Lächeln war das eines Engels, aber du hattest dabei nicht mich angesehen. Du wärst eine seiner liebsten Nutten, sagte der Alte. Und das es ihm nichts ausmache, dass er dein Opa hätte sein können. Du sahst verschämt weg. Warum hattest du dir das nur angetan, wenn es dir doch so unangenehm und peinlich war? Dann sah mich der Fremde wieder an, fragte, ob der Troll von ihm sei. Du hast deinen Kopf geschüttelt, und ihm auf die Nase geküsst. Ich war eingefroren von deiner Ignoranz, tot und regungslos, obwohl ich euch sah und hörte. Da hattest du dich gewandelt und ich verstand die Worte, die mir der Hund sagte. Du hast ihn von dir geschubst und ins Gesicht geschlagen. Der Alte packte deinen Körper und zog dich an ihn. Er warf  dich zu Boden und fragte, ob es fester ginge. Du schienst verwirrt zu sein, standst aber sofort wieder auf. Und hast ihn mit deiner Hand erneut geschlagen. Immer und immer wieder. Der Alte stand da und bewegte sich kaum. Dann hast du ihn auf der anderen Wange weiter geschlagen. Ich hatte keine Ahnung, dass du so böse sein konntest. Mit Worten hattest du mich schon verletzt, aber ich hoffte, du würdest niemals deine Hand gegen mich erheben, so wie du es gerade bei diesem Mann getan hast. Das war etwas, das wollte ich nicht sehen. Und nicht spüren. Mama, warum kannst du mich nicht sehen?  Der Alte stöhnte und spielte an sich herum. Dabei brülltest du, wenn er nicht artig sei, würdest du ihn umbringen, niederstechen und seinen Leib in hundert Teile zerlegen. Mein Mündchen war offen, aber ich konnte nicht schreien, nicht weinen oder sonst irgendetwas. Ich hörte nur: Hundert Teile? Es reiche, wenn man ihm die Beine absäge. Lautes, tiefes Gelächter. Du hast deine Hände um seinen Hals gelegt und meintest, er solle sein Maul halten, sonst würdest du zudrücken. Der Alte grinste dich an, kicherte und stöhnte wieder. Dein Gesicht verzog sich nicht, auch wenn du nun bestimmend schienst und sagtest, das er alt und schwach sei, er sich gut überlegen solle, was man zu dir sage. Ich wünschte, ich könne dir nur mitteilen, wie ich mich fühlte, wie du mich sehen könntest und mich dabei in deine Arme nehmen würdest. Ich streckte meine Hand nach dem Hund aus, gab einen kurzen Laut von mir, den wieder nur das Tier hörte. Denn für dich zählten nur die Worte des Mannes. Mit einer Drecksau, wie du eine seist, mache er es am Liebsten, sagte er. Du nahmst dein Shirt vom Boden und riebst es ihm unter die Nase. Du meintest, du trugst dieses verfickte Shirt seit über einer Woche. Tag und Nacht. Und geduscht hättest du seitdem auch nicht mehr. Du seist dreckig, so wie der Alte es haben wollte. Das sei wunderbar, dass du so stinkst, sagte er ehe du ihm dein Shirt in seinen weit geöffneten Mund gestopft und ihm Recht gegeben hast. Das konntest du nicht so meinen, Mama. Du hast mir schon oft genug gesagt, dass ich stinke und dein Gesicht dabei verzogen. Es war der Ekel in deinem Ausdruck, als mir die braune Brühe an den Beinen herunterlief. Du hast mich sauber gemacht und mit Verachtung betrachtet. Der Alte steckte dein Shirt weiter in seinen Rachen und auf Knien strecktest du deine Zunge nach seinem fleischigen Ding aus. Dein Mund war voll von ihm, und er schob es hin und her. Als er dem Ersticken nahe war, holte er dein Shirt aus seinem Mund, hechelte und stöhnte. Du hast nicht reagiert, nur weiter gemacht. An ihm genuckelt, wie ich es an deinen Brüsten tat. Als er sein fleischiges Teil aus deinem Mund zog, hieltest du deine Lippen fest verschlossen, drücktest ihn zu Boden und lehntest dich über ihn. Dann kam die Milch. Seine Milch. Sie war weiß und flüssig. Sie floss aus deinem Mund direkt in seines. Und der stechende Geruch kam direkt über mich. Der Alte sabberte, während du weggeschaut hast. Nicht zu mir, oder zum Tier. Du hattest einfach zur Seite gesehen, dort wo der Schrank war. So, als würdest du dich schämen. Warum kannst du nicht erkennen, wie sehr ich mit dir leide? Ich werde dich immer lieben, egal wer auch immer du warst. Schließlich bist du aufgestanden und hast dich schnell wieder angezogen. Der Alte tat das Gleiche und es war, als hätte er alles was in seinem Mund war aufgesogen. Oder einfach heruntergeschluckt. Ich war durcheinander. Dachte ich doch, es würde dir Qualen bereiten, so sagte mir dein breites Lächeln gerade doch etwas anderes. Strahlende Augen hattest du, Mama. Er sagte, er sei sehr zufrieden mit dir und ist gegangen. An mir vorbei, mit einem Blick des Bedauerns. Du hattest dich neben mir gesetzt und den Hund gestreichelt. Hättest du nicht auch eine Hand für mich frei gehabt? Stattdessen holtest du eine Tüte, die du hinter dem Kissen verstecktest und hast sie auf deinem Schoss geöffnet. Eben noch hattest du gelächelt und plötzlich fingst du an zu weinen.

Du sagtest zu mir, es würde dir Leidtun. Dein kaltes Herz erweichte.

Feuchte Augen sahen mich an, Augen die ohne Hoffnung waren, und die mich traurig machten. Das weiße Pulver hast du auf deinen Handrücken gestreut, es dann durch die Nase gezogen.

Steif standst du da. Das Tier fragte mich, ob ich wüsste, dass es ein Hund sei. Natürlich, das blonde Fell, die lange Schnauze, dieser treue Blick. Nie und nimmer konnte er ein Mensch gewesen sein. Ich wünschte, er wäre trotz alle dem für mich da. Er sei es. Ich sollte mir keine Sorgen machen, sagte er. Der Hund hatte mich gehört, auch wenn ich nicht sprach. Und er tat mir so unendlich gut. So wie die Droge.

Jene Droge, die dich glücklich machte. Und mich hässlich.

 

***

 

Ich krabbelte auf dem Boden, vorbei an Beinen, die dir gehörten. Zog mich an der Tischkante hoch, sah dir in die Augen, und als du weggeschaut hattest, überkam mich die Wehmut. Ich streckte meinen Arm nach dir aus, bettelte nach Geborgenheit, brabbelte und sabberte. Nehm mich doch auf deinen Schoß, lass mein Köpfchen auf deine Brust, reibe mir den Rücken, küsse mich auf die Stirn, halte mich einfach fest. Doch du warst unruhig, hattest dich lange für mich aufgeopfert und schlaflose Nächte gehabt. Ja, Mama, ich weiß das. Ich war dabei. Jetzt war es so, als würdest du mich dafür bestrafen. Dafür, dass ich monatelang in dir war, dir Übelkeit beschert hatte und es mich nun gab.

Du, du, du ich bin hier. War es denn wirklich egal?

Ich fing an zu weinen, doch du hast mich nicht angesehen. Mein Schrei war kein Verlangen meinen Hunger zu stillen. Oder doch? Aber es war ein anderer Drang. Die Sucht nach dir. Von dir abhängig zu sein, mich von dir behandeln zu lassen, wie bei Arzt und Patient. So, wie ich es einmal im Fernseher gesehen hatte. Ja, ich wollte dein Patient sein, deine Krankheit, die nur du heilen konntest.

Mama, sei mein Arzt.

Meine Äugelein füllten sich mit Tränen, ich war dabei zu rebellieren und in Ohnmacht zu fallen.

Und du?

Sahst weg.

Ich lief. Ich wackelte. Doch ich lief. Zwei, drei Schritte. Es waren meine ersten. Ich lernte es schnell, auch wenn du nicht da warst, um mich aufzufangen, wenn ich fiel.

Mama, bist du denn nicht stolz auf mich?

Dein Griff veränderte sich mit der Zeit. Deine Hände wurden Zangen, die mich grob packten.

Wie eine Puppe nahmst du meinen Körper und legtest mich und auf den Sessel. Dann hast du mir einen Keks in die Hand gedrückt, ehe du gegangen bist. Der Hund lief auf mich zu, schnupperte an meiner Kleidung und leckte den Arm. Als ich das Knusperchen fallen ließ, hatte er es gefressen. Genau das wollte ich. Ich konnte mich nicht an diesem großen Tier sattsehen, an seinem langen, hellen Fell, der riesen Schnauze und den wunderschönsten Knopfaugen der Welt. Und er machte mich glücklich. Selbst wenn es für einen Moment war, er machte deinen Job. So wie er mich ansah, füllte es mein kaputtes Herz mit warmen Blut.

Das wird wieder, sagte er. Sie wird dich schon noch lieben.

Und dann hatte ich dich gehört. Der Ton der Eigenartigkeit.

Das Geräusch des Verderbens.

Es war ein Stöhnen. Ein inniges Seufzen, so wie du dich nach meiner Geburt angehört hattest. Der Schrei des Schmerzens, der sich damals mit meinem paarte.

Ich sehnte mich zurück in deinen Körper, fühlte mich in dir, dort, wo meine Welt durch fleischige Mauern geschützt war. Doch mit dem Moment, als man mich auf die Erde entließ, war ich verloren. Getrennt von meinem persönlichem Halt, der Stabilität, der Unschuld.

Das spürte ich.

Ich war Eines.

Alleine.

Weg von dir. Weg von der Sicherheit, hinab zu den Blicken, dem Stöhnen, das mich ängstigte.

Aber ich hatte den Hund.

Sieh lieber nach… Er sah mich mit seinem treuen Blick an. Sieh nach…

Ja, irgendwas war da falsch. Ich seilte mich ab. Rutschte vom Sessel herunter und ließ mich zu Boden gleiten. Dann zog ich mich am Tisch hoch, versuchte die Schritte zu gehen, die ich gelernt hatte. Doch ich fiel, also krabbelte ich weiter, zu dir Mama, zu deinen Schreien, die mich erzittern ließen.

Deine Stimme wurde lauter, ich hatte den Weg zu dir gefunden. In der Küche standst du auf allen Vieren und der Fremde kniete hinter dir. Seine Schenkel knallten gegen deine, und aus der Öffnung, aus der ich herauskam, baumelte ein langes, blaues Bändchen. Er hielt eine Flasche in der Hand und ließ die ölige Flüssigkeit  auf deiner zarten Haut fließen. Dann massierte er dich und stöhnte laut dabei. Dieses Hecheln, das sie alle taten. Nachdem er aus dir kam, drückte er dich mit dem Rücken auf den Boden und lutschte an deinen Zehen. Neben ihm stand ein Becher, den er nun nahm und den Inhalt auf deinen Hügel schmierte, um es auf dir abzulecken. Er sagte, der Joghurt, gepaart mit deinem Muschisaft, schmecke lecker. Ein säuerlicher Geruch erreichte mich und ich erschrak.

Wollte er dir wehtun, Mama?

Was hätte ich für dich machen sollen? Ich hätte alles getan. Alles.

Ich war traurig. Warum geht es dir so, wie es dir jetzt geht? Warum schreist du und kicherst dabei?

Der Hund kam zu mir und leckte mein Gesicht ab.

Mein guter Freund. Ich robbte zu dir, sah deine Augen, die mich so ansahen, als würden sie mich nicht sehen wollen, denn sie schienen Zähne zu haben.

Zähne, die mich fressen wollten. Der Fremde sah mich angewidert an und ließ von dir ab. Mit giftiger Zunge sagtest du, ich hätte es toll gemacht. Du standst auf. Deine Figur war die eines Engels, aber deine Laune war böse und wütend und du legtest deine Arme auf die Hüften. So, wie du es immer getan hast, wenn ich nicht schlafen wollte. Du warst erfüllt von Ekel und Wut, standst nur da und dein Zorn verängstigte mich. Aber ich liebe dich trotzdem, Mama. Auch als du mir sagtest, mein Hirn sei nicht mal erbsengroß. Da wo es sitzen sollte, sei lediglich ein versiffter Staubfussel aus einem verpissten Hurenhaus. Missratener hätte ich nicht sein können, warfst du mir vor. Deine Stimme war dunkel und finster, so wie deine Fratze, die mir ins Gesicht starrte. Mama, was war mit dir passiert? Was hat dich so verbittert gemacht? Warum wirfst du mir diese Worte an den Kopf? Deinem eigen Fleisch und Blut. Deinem Sohn, der dich so sehr vergöttert, dass er sein Leben für dich riskieren würde. Als der Fremde uns alleine gelassen hatte, kralltest du mich und brachtest mich in dein Schlafzimmer. Dort stelltest du mich vor dem großen Spiegel, der neben deinem Bett stand. Es war, als brauchtest du Bestätigung. Da hatte ich mich gesehen. Ich sah nicht aus wie ein Mensch, auch nicht wie ein Schimpanse. Es war irgendetwas zwischendrin.

 

***

 

Mama. Das war mein erstes Wort, aber du hast es nicht gehört. Ich konnte bereits gut laufen und versuchte auch meinen Brei alleine zu essen. Ich saß in diesem Hochstuhl, der gefüllte Teller vor mir, nahm den Plastiklöffel und tauchte ihn in den Brei, der nach Apfel roch. Dann führte ich ihn in meinen Mund. Es schmeckte gut, lief aber an meinem Mund herunter und bekleckerte mein Shirt.

Mach dir keine Sorgen. Ich mach das schon, hörte ich das Tier und nahm mir das, was du mir hättest nehmen sollen. Die Angst. Wenn ich daneben sabberte, warst du unzufrieden mit mir, also hatte ich nicht wirklich viel essen wollen. Dann aber kamen die Worte wieder, das was mir der Hund sagte. Und er hielt Wort. Das Tier hielt sich immer daran. Er setzte sich auf, winselte kurz. Ich streckte den Arm aus und fühlte sein reines Fell. Was für ein gesegnetes Tier. Ich nahm mir den nächsten Löffel, und er hat alles, was ich versaute, aufgeleckt. Das war ein tolles Miteinander. Es ging mir gut, auch wenn du nicht an meiner Seite warst, so konnte ich doch diesen einen Moment genießen. Diese kurze Weile des Glücks, das mich mein erbärmliches Sein vergessen ließ. Die Sonne schien durch die matten Fenster und das Licht sendete Wärme aus.

Güte, die erlosch, als du zu mir kamst. Denn dein Griff wurde immer fester, wenn du mich genommen hattest. Du hast mich aus meinem Stuhl gehoben und in mein Bett gelegt, in meinem kahlen Zimmer, das du dunkel gemacht hast.

Dann wurde es ruhig. Ich hätte weinen sollen, vielleicht hättest du mich dann geholt? Auch wenn ich noch so traurig war, ich weinte nicht. Die Schwere in mir trübte meinen Verstand. Alles was in meinem Kopf vorging war in einem schwarzen Nebel versteckt, in dem ein Monster über meine Gedanken wachte. Ich stieg aus meinem Bettchen, mit nackten Beinen und dem Shirt, das noch voll vom Brei war. Das Schlüsselloch leuchtete in einem Gelb dem ich folgte. Auf  Zehenspitzen erreichte ich die Klinke und drückte sie nach unten. Die Tür, sie öffnete sich. Der Hund kam mir sofort entgegen und schnüffelte an mir herum. Wie sehr ich seine feuchte Schnauze liebte, und den Geruch nach Meer. War es der Regen, der ihn draußen begrüßte? Durfte er Zeit im Park verbringen, mit dir, Mama? Gerne würde ich dich das fragen, doch mir fehlte die Zusammensetzung von Worten in logischer Reihenfolge.

Gekicher.

Ich kam dir näher, dann musste ich meine Hand auf den Rücken des Hundes setzen.

So standen wir schließlich da.

Mama, was tust du hier? Du hattest die Krawatte um sein fleischiges Teil gebunden und liefst mit dem Mann durchs Wohnzimmer. Der Blonde krabbelte auf seinen Knien und sein Urin spritze den Teppich voll. Dann fing er an zu bellen. Der Hund spitze seine Ohren und blieb liegen.

Es wird gleich vorbei sein, Leo. Bleib hier bei mir, bis es vorüber ist. Ich bin bei dir

Er tat mir gut. Der Hund schien zu nicken, ja fast schon zu lächeln. Was für ein liebes Tier er doch war. Du seist das allerbeste Wichsmädel, das er kannte. Das sagte er ständig. Wichsmädel, Wichsmädel, Wichsmädel und dann, ja, war da wieder dieses Hecheln. Und als der Blonde das tat, lief ihm eine braune Brühe an den Beinen herunter. So, als wenn meine Windel voll war und du dich vor mir geekelt hattest. Aber das war dir nun nicht zuwider. Du drehtest dich zu dem Mann, hast ihm auf den Po geschlagen und den stinkenden Schmutz mit deinen zarten Händen über seinen Körper verteilt. Fuhrst ihm durch das Gesicht und stecktest deine braunen Finger in seinen Mund.

Du hast seltsam ausgesehen. Auffallend dünn war dein Gesicht, die Knochen deiner Rippen stachen hervor und brachten mir die Traurigkeit zurück.

Traurigkeit, die ich bereits kannte, als ich auf die Welt kam.

 

***

 

Der Hund sagte, ich sei etwas Besonderes. Auch wenn ich nicht wusste, warum, fühlte es sich gut an.

Es ist dein Tag, Leo. Du bist heute ein Jahr alt geworden.

Ein Jahr? Solange war ich nun schon aus dir. Man wurde älter, das war scheinbar so. Etwas Besonderes zu sein an einem besonderen Tag, das ehrte mich sehr.

Man feiert ihn.

Feiern?

Ja, man macht es mit Menschen, die man um sich haben möchte.

Der Hund sah mich ohne Ausdruck an, knurrte leise und legte sich vor mir hin. Aber … du kannst diesen Tag auch mit mir teilen.

Konntest du das hören, Mama? Ich möchte dich um mich haben, heute und auch sonst an jedem einzelnen Tag. Warum sagst du nicht, ich sei besonders? Nicht einmal an dem Tag, an dem ich dein behagliches  Nest verlassen musste. War ich dir denn gar nichts wert? Dann kamst du. Du lächeltest nicht, warst aber auch nicht böse.

Du hast mir deinen Zeigefinger auf die Lippen gelegt, deine Haut war zart und du rochst nach Harz.

Pst, sagtest du und legtest ein Päckchen vor mir hin. Das Tier kam und setzte sich vor mich.

Pack es doch aus.

Es schien zu lächeln und konnte es kaum erwarten, bis ich es öffnete.

Dein erstes Geschenk. Freue dich.

Mit meinen Kinderhänden riss ich das bunte Papier herunter. Die Augen funkelten, die Hände waren schneller, als sie sein sollten und mein Köpfchen erzählte mir Dinge, die ich hören wollte. Unterlegt mit deiner Stimme. Du sagtest, ich sei ein braver Junge, einen anderen Sohn könntest du dir nicht vorstellen. Mein Verstand, ja, das tat immer was ich wollte. Dabei hast du mir nur  zugesehen, wie ich dein Geschenk auspackte, mit meinen hervorstehenden Augen und dem dürrem, verkrümmten Körper, den ich hatte. Deine Arme waren mager, und deine Stimme hörte ich nur kurz. In den fünf Sätzen, die du an dem Tag mit mir gesprochen hattest. Zerbrechlich klangst du, so wie es dein Körper und deine Seele waren. Du hast ein leichtes Grinsen aufgesetzt, das mehr Desinteresse zeigte als ich wahrhaben wollte. Doch ich wusste nicht was die Neugier aus mir machen konnte und blendete deine Gestik aus. Dein Geschenk lag vor mir, gierig starrte ich es an.

Es funkelte und die Melodie, die ich daraus hörte, war die deine.

 

Weisst du, wie viel Kindlein frühe

Stehn aus ihrem Bettlein auf

Dass sie ohne Sorg und Mühe

Fröhlich sind im Tageslauf

Gott  im Himmel hat an allen

Seine Lust sein Wohlgefallen

Kennt auch dich und hat dich lieb

 

Dann fingst du an zu weinen und ranntest fluchtartig aus dem Zimmer. Als du zurückkamst, glänzten deine Augen. Dein Lächeln war zauberhaft und das Schönste, was ich gesehen hatte. Deine Hand glitt über meine Wange, und dann hörte ich dich meinen Namen sagen. Leo. Du hattest dich bei mir entschuldigt, aber es war etwas, wofür es keine Entschuldigung brauchte. Dann zogst du mich zu dir und wir lagen auf dem Teppichboden, aus dem du die braunen Flecken nicht herausbrachtest. Der Fernseher war ausgeschaltet, aber ich hatte sie dennoch gesehen. Die Schimpansen. Wie sie sich in den Armen lagen, so wie wir es taten, Mama. Stundenlang. Tage vergingen ohne dass ich mich aus deinem Nest bewegte. Meine Bedürfnisse zum Leben verschwanden. Es gab keinen Hunger, oder Durst. Das Delirium hatte mich. Ich blickte in dein erstarrtes Gesicht. Kalt warst du geworden. Du sahst  aus wie ein Engel, warst dennoch ein unvollkommenes Gotteswesen. Du musst gewartet haben. Gewartet auf mich, Mama. Jede Bewegung viel mir schwer, ich zitterte und  krümmte mich. Selbst als der Hund mich anstupste, resignierte mein Körper. Meine Hand lag auf deiner Brust. Still warst du, hart und ohne Regung. Alles an und in dir war verkümmert.

 

***

 

Als ich wieder aufwachte, fühlte sich alles  ganz warm an, seinerzeit als ich wie ein kleiner Fisch in dir geschwommen bin. Das Wasser im unendlichen Meer schmeckte leicht süßlich. Eine Geborgenheit umgab mich als du vor mir auftauchtest und ich deine Hände spürte, wie sie mich unter den Armen berührten. Zärtlich und voller Gefühl. Du sahst glücklich aus, Mama. Glücklich, wie ich es jetzt war. Und wenn wir noch ein wenig warten, wird der Hund dazukommen.

Das gute Tier, nicht?

 

 

[Gesamt:10    Durchschnitt: 4.6/5]

 

 

 

Eine Antwort

  1. Cin sagt:

    Tolle Geschichte, hat mir sehr gut gefallen

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