DAMALS ALS … – DREA SUMMER

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

Das Aufheulen des kleinen Hundes hinter mir zog sofort meine Aufmerksamkeit auf sich. Noch Sekunden zuvor war ich an diesem sechs Monate alten Welpen mit seinem blonden Fell, zumindest kam es mir vor als wäre er nicht älter gewesen, vorbeigegangen. Ich war noch in Gedanken versunken gewesen und habe ihm nur einen Wimpernschlag meiner Aufmerksamkeit geschenkt. Lange genug, um diese treuherzigen, traurigen Augen zu sehen.

Ich drehte mich um und sah diesen bulligen Typen, der an der Eisenhalskette zerrte. Der Welpe hing bereits mit seinen Vorderpfoten in der Luft und rang um sein Leben. Immer enger schnürte es sich um seinen Hals und schnitt ihm die Luft ab. Und da sah ich es. Diese Szene, die alles Vergangene, das tief in einer Schublade meines Gehirnes vergraben gewesen war, sofort hervorholte, als wäre es erst gestern passiert.

Der Typ holte mit seinem Stiefel des rechten Fußes aus und versetzte dem Kleinen einen Hieb in dessen Bauch, sodass alle vier Pfoten oberhalb vom Boden schwebten. Wieder war ein Aufheulen zu hören, diesmal lauter und schmerzverzerrter als zuvor. Es drang mir durch Mark und Bein. Schlagartig wurde ich Jahre zurückversetzt, und sah die Szenen vor meinem geistigen Auge ablaufen.

Es war das gleiche Heulen, das ich schon Jahrzehnte vorher gehört hatte. Die Hilferufe meines kleinen Welpen, den ich nach Hause brachte. Ich fand den kleinen Kerl am Nachhauseweg von der Schule, in einen Karton am Straßenrand. Nur leises Gewimmer kam aus der Schachtel und als ich diese öffnete, strahlte mir ein brauner Hundewelpe entgegen. Schwanzwedelnd wurde ich begrüßt. Ich hatte ihn sofort ins Herz geschlossen und beschloss, ihn mit nach Hause zu nehmen. Im Keller richtete ich ihm sein Bett her, besorgte ihm jeden Tag sein Futter, wenn Vater auf Arbeit war. Brownie taufte ich ihn. Es war am sechsten Tag, als ich mich wieder in den Keller hinunterschlich, um dem Kleinen etwas Futter zu bringen, als ich die Kellertür hörte, die sich schwungvoll öffnete und die Holzstiege unter der schweren Last meines Vaters gefährlich knarzte.

Scheiße, huschte durch mein Teenagerhirn und ich versuchte, mir eine Ausrede einfallen zu lassen. Noch während ich dachte, spürte ich bereits die erste Ohrfeige auf meiner Wange, die mich zu Boden zwang. Der Becher, den ich gefüllt hatte mit Schinken und Salami für meinen kleinen Freund, hielt ich fest in der Hand. Allerdings war der Inhalt rund um mich herum verteilt. Rücklings am Boden liegend, hörte ich schon die tiefe Stimme meines Vaters, der auf mich einschrie.

»Du kleine missratene Ausgeburt deiner Mutter. Du bringst mir einen räudigen Straßenköter in mein Haus und fütterst ihn noch mit meinem Essen?«

Die Zornesfalte, die auf der Stirn meines Vaters bereits einen tiefen Krater zog, war nichts gegen die pulsierende Halsschlagader, die hysterisch an seinem Hals pochte.

Ich wendete meinen Blick ab und sah Brownie, der sich bereits in eine Ecke verzogen hatte. Ängstliche Blicke warf er mir zu. Ich verspürte die gleiche Angst wie er. Wenn nicht sogar noch mehr, denn ich wusste, was mein Vater nun mit mir tun würde. Der Tritt, der vermutlich meine Weichteile treffen sollte, verfehlte nur knapp sein Ziel und traf mich an meinem Schambein. Der Schmerz fuhr durch meinen Körper und ich krümmte mich in Embryohaltung zusammen.

»Dir werde ich es schon noch zeigen, wer hier der Herr im Haus ist«, schrie mein Vater, als er sich wenige Schritte von mir wegbewegte. Und da hörte ich es. Dieser Schrei nach Hilfe, der von Brownie kam. Ich konnte nicht hinsehen. Ich wollte mir nicht mit ansehen müssen, was mein Vater mit meinem kleinen, braunen Welpen mit den großen braunen Augen machte. Ein Schrei aus Brownies Kehle folgte dem nächsten. Und dann kehrte diese Stille ein. Totenstille. Der Tritt gegen meinen Kopf ließ mich endgültig ins Reich des Schwarzen abtauchen, und zumindest war ich für gefühlte Stunden dem Alptraum entgangen.

Zuerst fühlte ich den Schmerz, der sich auf meinem Rücken ausbreitete und die alten Narben, den der Gürtel meines Vaters hinterlassen hatte, wieder aufplatzen ließ. Langsam öffnete ich meine Augen. Als ich sah, was mir gegenüber hing, füllten sich meine Augen mit Tränen. Die Glühbirne, die noch hin und her schwankte, beleuchtete die schaurigen Einzelheiten.

Brownie hatte ein Seil um seinen Hals gebunden und baumelte von der Decke herab. Eine Blutlache unter ihm. Sein Fell hing in Streifen herab. Manche Teile davon lagen auf dem Boden. Der Blick auf Muskeln und Sehnen war freigegeben. Brownie war so schlank gewesen, dass sein Fell teilweise nur seine Knochen abdeckte. Einzelne weiße Flecken unter dem ganzen Blut, das von ihm heruntertropfte, offenbarten die schreckliche Wahrheit. Die toten Augen waren starr auf mich gerichtet. Ich schloss meine Augen und spürte, wie tief in mir wieder ein Teil meiner Selbst gestorben war. Es war nur eine einzige Frage, die mich beschäftigte: Wie lange hatte er bloß leiden müssen? Ich hoffte für ihn, dass er ganz schnell nichts mehr gespürt hatte.

Hinter mir schrie mein Vater, beschimpfte mich wüst, und ich roch den Schinken, den ich für meinen kleinen Freund aus dem Kühlschrank gestohlen hatte. Meine Essensration, die meine Mutter mir gab, teilte ich mit Brownie, auch wenn mein halbleerer Magen noch so dagegen protestierte.

Das Zischen durch die Luft zerschlug meine Gedanken, und der Schmerz, der sich körperlich in mir ausbreitete, war nichts zu dem, den ich innerlich fühlte. Wieder war ich am Friedhof festgemacht. Ich war wie Jesus ans Kreuz genagelt, nur dass es kein Kreuz war, sondern die Stützen, die das Haus hielten. Daher ließ ich mir diesen Namen einfallen, denn irgendwann werde ich hier unten sterben. Dessen war ich mir sicher.

Und wieder prügelte mein Vater auf mich ein. Ich hörte genau, wie er den Stock in die Höhe schnellen ließ, nur um ihn Sekunden später wieder auf meinen Körper prallen zu lassen. So wie er es schon oft getan hatte. Ich hörte nicht all seine Worte, die auf mich schallten. Das meiste wurde von dem Geräusch verschluckt, das der Rohrstock auf meiner Haut verursachte. Meine Hände schmerzten bereits von der Eisenkette, die um meine Handgelenke lagen und durch die Wucht des Schlages immer wieder an dem Metall rieben. Erst jetzt roch ich Vaters Ausdünstungen. Schweiß und Alkohol. Und wieder fragte ich mich, wie auch schon alle Male zuvor, wie lange muss ich das noch ertragen? Wann wird meine Mutter sich endlich von diesem Schwein trennen?

Ein Autohupen brachte mich wieder in die Realität zurück. Der Mann, der mit Sicherheit einen Kopf größer war und fünfzig Kilo schwerer als ich, zerrte einige Schritte entfernt von mir den kleinen Welpen hinter sich her. Dieser hatte bereits seinen Schwanz ganz knapp an seinen Körper anliegen, und vielleicht bildete ich mir das nur ein, aber mir kam es so vor, als wenn er zitterte.

Ich dachte an damals. An Brownie, dem ich nicht helfen konnte. Die toten Augen, die mich anklagend anstarrten. Und seine Schreie, die ich niemals wieder aus meinem Gedächtnis streichen konnte. Vielleicht wäre es besser gewesen, ihn nicht mitzunehmen. Ihn dort in der Schachtel am Straßenrand elendig zugrunde gehen zu lassen. Vielleicht wäre er auch in eine andere Familie gekommen, die ihn geliebt hätte. Noch während mir meine Vergangenheit Bilder in mein Hirn schickte, bewegten sich schon meine Füße. Ich hielt genügend Abstand von dem Kerl, allerdings nicht zu großen, dass ich ihn nicht verlieren konnte. Ich musste diesem Welpen helfen. Für Brownie kam alle Hilfe zu spät.

Eine kleine Hand zerrte an meinem orangefarbenen Kostüm, das mit grünen Streifen durchzogen war. »Krieg ich von dir etwas Süßes?« Strahlende Kinderaugen blickten mich erwartungsvoll an. Erst jetzt kam ich richtig in der Realität an und umfasste meine orangefarbene Glocke in meiner Hand fester.

»Süßes oder saures«, rief ich. »Natürlich, kleines Mäuschen.« Ich griff in meine Bauchtasche, die ich in meinem Kürbiskostüm hatte und förderte einige Süßigkeiten heraus. Und der Mutter, die direkt daneben stand, drückte ich einen Flyer mit dem Aufdruck des Restaurants, für das ich gerade arbeitete, in die Hand. »Fröhliches Halloween«, rief ich noch, während sich meine Füße schneller bewegten. Der bullige Mann mit dem Welpen bog gerade um die Ecke. Meine Glocke bimmelte in einem tiefen Laut, als ich mehr rannte, als ging. Diese hatte ich mir extra für diesen Job besorgt und in orange lackiert. In eineinhalb Monaten brauchte ich sie sowieso wieder. Allerdings würde ich sie dafür in Gold lackieren.

»Verdammt«, murmelte ich und griff mir den Klöppel, damit die Glocke aufhörte Lärm zu verbreiten. Ich war froh, dass ich heute nicht der runde Kürbis war, sondern der längliche. Das gab mir deutlich mehr Bewegungsfreiheit. Endlich hatte ich die Ecke erreicht und spähte, leicht außer Atem, um diese. Gerade noch erhaschte ich ihn im letzten Augenblick, als er die Gartentür öffnete und diese hinter ihm mit einem Knall zurück ins Schloss fiel.

»Du Scheißkerl. Jetzt bist du fällig.« Die Sonne war Minuten zuvor bereits untergegangen, und in einigen Vorgärten brannte die Beleuchtung. Ausgehöhlte Kürbisse standen vor der Tür, und Lichterketten mit Geistern und Hexen zierten die Eingänge zu den Häusern. Kein Wunder, heute war doch bereits der 31. Oktober. In dieser Gegend, in der ich mich gerade befand, war es unüblich, Lichterketten anzubringen. Diese Gegend stank nach Unrat und Armut. Die Häuser glichen sich dem Geldbeutel der Besitzer an. Und doch gab es hier Vorgärten, die bunt blinkten. In der Zeit der LED-Beleuchtung, hatte diese wohl auch zu der weniger betuchten Gesellschaft Einzug gehalten. Wehmütig blickte ich in den Nachbarvorgarten und schaute dem besinnlichen Blinken zu. Stundenlang hätte ich dem zuschauen können. Der Vorgarten von dem bulligen Typen war nicht beleuchtet. Dafür brannte das Licht im Wohnzimmer umso heller. Ich schlich in den Vorgarten und hielt die Gartentür fest, damit diese keinen Lärm machte. Langsam schob ich diese wieder zu. Auf Zehenspitzen näherte ich mich der Eingangstür, dann vernahm ich von innen ein dumpfes Geräusch. Gleich gefolgt von einem Klirren. Ich legte mein Ohr auf das Holz und lauschte. Leises Wimmern trat hervor. Aber nicht von dem Welpen. Anscheinend war noch eine Frau im Haus.

Mein Herz pochte bis zu meiner Halskrause und ich spürte diese Wut, die sich bereits schon einmal vor Jahren in mir aufbaute, wieder hochkommen. Das Blut pulsierte durch meine Adern. Meine linke Hand ballte sich zu einer Faust, fast automatisch. Die rechte umklammerte den Griff meiner Glocke noch stärker. Nur für einen Augenblick übermannte mich ein Gefühl, dass ich den Rückzug antreten sollte. Es war nur ein kleiner Moment, in dem die Stimmen in meinem Kopf mich baten zu überdenken, was ich vorhatte. Denn schon damals als … Doch es war zu spät. Zuviel war passiert, und so einen Scheißkerl würde ich auf keinen Fall davonkommen lassen. Er gehört bestraft. Ich drückte die Türklinke nach unten und öffnete die Tür vorsichtig. Sofort drang mir ein Gestank nach Alkohol und Schweiß entgegen, der mich zwang, die Luft anzuhalten, um mich nicht gleich übergeben zu müssen. Auf leisen Sohlen schlich ich mich ins Innere. Plötzlich hörte ich das Geschrei, das aus einem der vorderen Zimmer zu kommen schien.

»Du verdammte Drecksschlampe. Ich werde dir zeigen, was du zu tun hast.«

Ich hielt mitten im Schritt inne. Die Schreie der Frau, die um ihr Leben wimmerte, ließen mein Blut in den Adern gefrieren. Ob Brownie damals auch so schrie, als ihm mein Vater das Fell über die Ohren gezogen hatte? Auf diese Frage werde ich wohl nie wieder eine Antwort bekommen. Beide sind tot. TOT!

Ich hörte das Glas zersplittern und einen Augenaufschlag später drängte sich ein gellender Schrei in meinen Gehörgang. Die Alarmglocken in meinem Hirn schrillten, und ich sprintete los. Das Adrenalin pumpte sich durch meine Adern als ich am Türrahmen ankam, woher die Schreie, die mittlerweile verstummten, kamen. Ich lugte um die Ecke und das Bild, das sich vor mir aufbaute, erinnerte mich an meinen Vater. Auch er hatte meiner Mutter die Hände um den Hals gelegt und zugedrückt. Mutter röchelte und ihre Augen waren so groß wie Wagenräder. Ich hatte den Eindruck, dass die Augen aus ihren Höhlen traten und jeden Moment im Raum herumkugeln würden. Doch das passierte nicht. Niemals.

Die aufkommenden Bilder der Vergangenheit, die mich wohl immer wieder einholen würden, verbannte ich für den Moment aus meinem Kopf und konzentrierte mich auf das Hier und Jetzt. Der Brustkorb der Frau bewegte sich nicht mehr. Eile war nun geboten. Wie ein Besessener saß der Mann auf ihr drauf und raubte ihr den Atem, den sie mittlerweile dringend benötigte. Für eine Sekunde schloss ich meine Augen und sah die Fratze meines Vaters vor mir, der mich mit seinem bohrenden Blick, der tief in meine Seele glitt, erniedrigte. Stunde für Stunde. Tag für Tag. Immer. Sogar seine Ausdünstungen nach dem billigen Fusel kroch in meine Nase.

Ich ließ einen Schrei los, der wohl jeden Indianer, der zum Angriff aufrief, vor Neid erblassen lassen würde. Der Mann lockerte seinen Griff um den Hals der Frau, doch sie blieb regungslos liegen. Meine Hand schnellte in der gleichen Geschwindigkeit auf ihn herab, wie damals, als das mit Vater geschah. Nur war es diesmal eine Glocke, die den Mann mit einem dumpfen Klingeln auf den Hinterkopf traf, und nicht der Hammer, so wie bei meinem Vater. Auch das Spritzen vom Blut blieb aus, genauso wie die klaffende Kopfwunde, die Einblicke in die Hirnregion gaben. Trotzdem fiel der Mann von der Frau herunter und blieb auf ihrer rechten Seite liegen. Ich war ein wenig enttäuscht. Wenigstens ein paar Blutspritzer hätte es geben können. Aber nichts. Rein gar nichts. Alles um den Mann herum war sauber. Nicht so wie bei meinem Vater, der fast in seinem Blut ertrank, das aus der Kopfwunde strömte. Haar, Haut und vielleicht war auch ein wenig Gehirnmasse dabei damals. So genau konnte ich das nach dieser Zeit nicht mehr sagen. Schließlich war es doch schon fast zwanzig Jahre her, und die Erinnerung an den erlösenden Tag hatten sich wie ein Nebel vor meine Augen gelegt.

Die Frau regte sich und ihr Körper spannte sich von einer Sekunde auf die andere an. Sie japste nach Luft, und ihre Augen starrten sekundenlang ins Leere. Dann trafen sich unsere Blicke. Ihre Augen weiteten sich und ihr Körper fing an zu zittern. Ich gab ihr mit einem Nicken zu verstehen, dass ich mich nun um alles Weitere kümmern werde, und nun alles gut werden würde. Genauso wie damals mit Mama.

Meine Augen suchten in Windeseile die Küche ab und entdeckten eine Art Garn, den die Frau vermutlich zum Binden von Fleisch gebraucht hatte. Ich sprang auf, rannte zur Küchenzeile, die nur wenige Schritte von mir entfernt war und schnappte ihn mir. Momente später war der Mann, der noch bewusstlos am Boden lag, an Füßen und Händen gefesselt.

»Bitte mach ihn wieder los«, stammelte die Frau, die mit dem Rücken zur Wand saß, und ich hätte schwören können, dass auf ihrer Stirn in Leuchtschrift Angst stand, einen Augenaufschlag lang. Angst vor dem, was passieren würde, wenn er wieder aufwacht.

Ich nahm ihre Hand in meine und tätschelte ihren Handrücken. »Sei unbesorgt. Er wird dir nie wieder wehtun.« Erst jetzt erkannte ich das tiefrote Auge, das mich anstarrte, als hätte es einen Geist gesehen. Um ihr linkes Auge herum zog sich ein großer, lilafarbiger Kreis. Der Schlag mitten in ihr Gesicht war noch nicht lange her, vermutete ich. Hatte ich doch Erfahrung auf diesem Gebiet, auch wenn diese Jahre zurücklagen. Auch Mama hat meistens so ausgesehen und vor lauter Scham auf der Straße eine Sonnenbrille getragen. Schließlich war es doch auch ihre Schuld gewesen, dass er sie geschlagen hatte. Sie hatte einfach nicht gehorcht. Zumindest erklärte sie mir das so.

»Wie heißt du?«, fragte ich. Ihr Gesicht legte sich noch mehr in Falten, als es bereits sowieso schon war. Ich könnte schwören, die Frau war nicht älter als vierzig. Doch die tiefen Furchen in ihrem Gesicht ließen sie um Jahre älter aussehen.

»Amelie.« Ihren Namen presste sie mühevoll hervor. Anscheinend war sie es bereits gewohnt, sehr leise zu sprechen. Der Mann hatte nicht nur ihren Körper in seinem Eigentum, sondern hielt auch ihren Geist gefangen und zerbrach vermutlich schon vor Jahren ihre zarte Seele.

»Wir müssen ihn loswerden«, sagte ich und deutete auf den reglosen Körper. »Oder wir rufen die Polizei. Es war Notwehr, verstehst du Amelie?«

Sofort wehrte sie mit ihren Armen in der Luft ab. »Keine Polizei. Keiner wird mir glauben. Er ist doch selber Polizist.«

Klar, dachte ich, das war mein Vater auch. Und auch seine Kollegen, die manchmal nachts über meine Mutter herfielen wie wilde Tiere. Ich brauchte einige Momente, um meine Gedanken zu sammeln, bevor ich ihr antworten konnte.

»Es gibt auch gute Polizisten. Glaub mir. Ich weiß das. Ich kann ihn hier nicht so liegenlassen. Verstehst du das? Wir müssen etwas unternehmen.«

Plötzlich sprang sie auf und zog blitzartig das Messer aus dem Messerblock, der auf dem Tisch stand. Sie fuchtelte wie wild vor mir herum und während sie sprach, flogen Tropfen ihres Speichels durch die Luft. »Nein, nicht WIR müssen etwas unternehmen. DU bist in unser Haus eingedrungen und hast meinen Mann niedergeschlagen und gefesselt. Nicht ICH. Nicht WIR. Sondern DU!«

Ich seufzte. Auch diese Situation kannte ich von damals als … Das durfte heute auf keinen Fall passieren.

»Nimm mal das Messer weg, ja? Es bringt nichts, wenn du mich aus dem Haus jagst oder mich umbringst. Das macht die Sache nur schlimmer, anstatt besser.« Ich hob beschwichtigend meine Hand. Die Tränen hatten bei Amelie wieder überhandgenommen und sie ließ das Messer langsam sinken, bis es schlussendlich klirrend auf dem Boden landete. »Ich weiß, du hast Angst. Und ich werde tun, was ich tun muss um dich und …« Ich stockte mitten im Satz. Tatsächlich fiel mir erst jetzt wieder ein, was mich in dieses Haus getrieben hatte. »Wo ist der Hund?«

Es hatte für mich den Anschein, dass sie im ersten Moment nicht fassen konnte, was ich gerade zu ihr gesagt hatte, somit wiederholte ich meine Frage nochmals. Diesmal lauter und bestimmter als zuvor, was mir sofort wieder leidtat, da ich ihr Zucken sah, das ihren Körper wie ein elektrischer Schlag durchfuhr. Dann wisperte sie: »Im Nebenzimmer ist sein Zwinger.« Sie deutete auf die halbgeöffnete Tür am Ende der Küchenzeile.

Ich setzte gerade dazu an, mich in diesen Raum zu begeben, da hielt ich inne. Kann ich Amelie hier alleine lassen? Wird sie ihren Mann befreien? Oder wieder mit dem Messer auf mich losgehen? Verdammte Scheiße, ich wusste nicht, ob ich ihr trauen konnte oder nicht. »Komm mit mir und zeig ihn mir. Okay?«, sagte ich und zwang mich zu einem Lächeln. Sie nickte wie selbstverständlich und ging voraus.

In dem Nebenzimmer war es dunkel und ich konnte meine Hand nicht vor den Augen sehen. Dafür schlug mir ein beißender Geruch nach Urin und Kot, gemischt mit modrigem Gestank, entgegen. Ich schluckte kurz und öffnete meinen Mund ein wenig um durch diesen zu atmen, damit die Tränen, die sich in meine Augen trieben, wieder verschwinden.

Und da hörte ich den Kleinen schon, der ein leises Winseln in die Dunkelheit ausstieß. Amelie schaltete die Deckenbeleuchtung ein und ich schaute in die traurigen Augen des Welpen, der in seinem Verlies saß. Zwinger konnte man das auf keinen Fall nennen, was ich da zu sehen bekam. Es ähnelte von der Form her eher einem Kleintierkäfigs, genauso wie die Größe dessen. Ein Hamster hätte darin Platz gefunden, aber kein Hundewelpe, der Mühe hatte, sich darin umzudrehen, um den einen Schritt zu gehen, damit er auf die andere Seite kam. Ich sah die kleine Öffnung und fragte mich im ersten Augenblick, wie ich diesen kleinen Kerl da wieder herausbekommen sollte, ohne dass ich ihm Schmerzen zufügte. Da sah ich es. Die Brandwunden auf seiner Haut. Manche schon älter, manche noch frisch. Ich musste tief durchatmen, um nicht einen gewaltigen Schrei loszulassen. Da zog sich ein Schmunzeln über mein Gesicht, als ich sah, dass sich nicht nur Blondies Schwanz vor Freude bewegte, sondern ihr ganzer Körper.

Ich musste mich anstrengen, dieses kleine Wesen herauszubekommen. Wut stieg in mir auf, bei dem Gedanken, wie dieser grässliche Typ die Kleine hier hineingepresst hatte. Ich drückte sie an meinen Körper und sofort begrüßte mich eine Zunge, die über meine Wange schleckte.

Ein Poltern, das aus der Küche kam, ließ mich hochschrecken. Gleich darauf folgte ein Geschrei: »Du miese Dreckschlampe. Binde mich sofort los. Ich bringe dich um.«

Ehrlich gesagt, war ich erstaunt über diese Aussage, da sie doch einen Widerspruch in sich enthält. Jeder halbwegs vernünftig denkende Mensch würde ihn unter gar keinen Umständen losmachen. Über soviel Dummheit, die er an den Tag legte, konnte ich wirklich nur mehr den Kopf schütteln. Amelie stand wie in einen Felsen gemeißelt vor mir. Ihr Blick durchbohrte mich.

»Was willst du? Du musst dich entscheiden.« Ich bemühte mich, leise zu sprechen, um nicht den Typen da draußen noch wütender zu machen, als er eh schon war. Ich brauchte eine Entscheidung. Und zwar jetzt. Natürlich, ich hatte bereits, was ich ursprünglich wollte. Die Kleine, die ich in meiner Bauchtasche verstaut hatte, hatte aufgehört zu strampeln. Vermutlich schloss dieses kleine Wesen gerade seine Augenlider, denn sie spürte, nun war sie in Sicherheit und ich würde gut für sie sorgen. Aber meine Pläne hatten sich in diesem Moment geändert, als ich Amelie traf. Als ich dem Kerl eine über seine Rübe gezogen hatte. Ich hielt meinen Atem an, in der Hoffnung, sie würde sich richtig entscheiden. Nicht so, wie damals meine Mutter.

Damals als …

Meine Hand fing an zu zittern und da sah ich das Gesicht von Mama direkt vor meinen Augen. Auch sie starrte mich damals so an. Unschlüssig, nervös und zugleich wütend. Wütend auf mich, da ich es war, der sie ungefragt aus ihrem bisherigen Leben riss. Der vor dreizehn Jahren auch ungefragt in ihr Leben trat.

»Du Stück Scheiße. Beweg deinen fetten Arsch hier her.« Wieder erschallte dieses Brüllen aus der Küche, das Amelie zusammenfahren ließ.

Ich ließ meinen Blick über ihren Körper schweifen und verstand in diesem Moment nicht, wo der Typ einen fetten Arsch gesehen hatte. Außer im Spiegelbild. Sie hatte kein Gramm zu viel am Körper. Eigentlich, zumindest meiner Meinung nach, sogar zu wenig, wenn ich mir ihre knochigen Finger so anschaute.

»Ich kann nicht. Es tut mir leid. Verschwinde du. Er wird mich umbringen, wenn ich ihn nicht gleich losmache.«

»Solange du ihn nicht losmachst, kann er dir gar nichts tun. Verstehst du das? Er kann dir nichts mehr tun.« Es wollte einfach nicht in mein Gehirn rein, warum sie nicht ihre Situation ausnutzte.

Sie schüttelte fast unmerklich den Kopf und richtet ihren Blick zu Boden.

Verdammte Scheiße. In welche Situation war ich hier bloß reingeraten. Und die wichtigere Frage war: Wie komm ich da bloß wieder raus?

Sie schien meine Gedanken zu lesen, machte einen Schritt nach vorne und öffnete das Fenster. »Bitte geh. Ich schaffe das schon«, wisperte sie.

Ich schaute hinaus. Klar, das waren nicht mal zwei Meter, die mir die Freiheit wiederbrachten. Aber ich wollte nicht gehen. Nicht ohne sie.

»Du kannst doch nicht ernsthaft hierbleiben wollen? Komm mit mir und wir hauen hier ab. Weit weg. Nie wieder wird er dich angreifen.«

»Ich kann nicht. Er ist mein Ehemann. Und er ist Cop. Verstehst du? Ich werde niemals vor ihm sicher sein. Er wird mich finden.« Sie machte eine kurze Atempause und sagte: »Verschwinde jetzt. Ich sag niemanden auch nur ein Sterbenswort.«

Ich war unschlüssig und haderte mit richtig und falsch. Es war diesmal anders. Anders als damals, als …

Sie war eine erwachsene Frau. Sie musste wissen, was sie wollte. Wenn sie diese Gelegenheit, die ich ihr bot, nicht beim Schopf packen wollte, dann war es ihre Sache.

Heute war das Gefühl in mir ein anderes als damals. Die gleiche Situation, ein anderer Ausgang. Wie sehr hätte ich mir das auch für meine Mutter gewünscht. Einen anderen Ausgang. Doch sie wollte nicht. Ich habe es seitdem hundert Mal in meinem Gedanken durchgespielt. Hundert Mal in denen ich mir vorstellte, dass sie damals mit mir gegangen wäre. Doch auch sie hatte sich entschieden. Damals als …

Ich kletterte auf den Sims und sprang auf den Boden. Ein leises Quietschen hörte ich aus meiner Bauchtasche. Der ruckartige Aufprall am Boden hatte wohl meine kleine Freundin geweckt, die sich die letzten Minuten lautlos verhalten hatte. Ich griff hinein und strich ihr über das seidige Fell. Sie reckte und streckte sich ein wenig, schlief aber sofort wieder weiter.

In geduckter Haltung umrundete ich das Haus und war wieder auf dem Weg angekommen, der mich vor wenigen Minuten in das Haus reingebracht hatte. Da hörte ich das Gebrüll des Mannes. Ich blieb stehen und lauschte, doch ich verstand kein Wort. Gewissensbisse plagten mich. Mein Engelchen, das auf meiner linken Schulter saß, flüsterte mir ins Ohr: »Du kannst nicht gehen. Du darfst sie nicht ihrem Schicksal überlassen.« Aber das Teufelchen, das es sich auf meiner rechten Schulter gemütlich gemacht hatte, lachte bloß darüber und sagte: »SIE hat dich doch fortgeschickt. Sei froh, dass du dir diese Trulla nicht ans Bein gebunden hast.«

Ich schüttelte den Kopf und versuchte beide Stimmen aus meinem Gehirn zu verbannen. Ich bin doch nicht übergeschnappt. Oder doch?

Ich beschloss für mich, dass es mich nichts angeht, was sich in dem Haus abspielte. Ich hatte bei weitem genug eigenen Probleme. Da musste ich mir nicht auch noch eine fremde Last in meinen Rucksack des Lebens packen. Ich entfernte mich vom Haus und zog die Gartentür auf.

Dabei ignorierte ich die Schmerzschreie von Amelie. Ignorierte die Beschimpfungen ihres Mannes. Das Poltern und Krachen, das aus dem Inneren kam. Ich versuchte, nichts mehr zu hören. Und vor allem nichts mehr zu sehen. Ich wollte hier nur mehr weg.

Weg mit Blondie, meiner neuen Freundin. Brownie hätte sich sicher über einen Spielkameraden gefreut.

Ich war bereits wieder auf der Straße und entfernte mich von dem grausamen Schauspiel, das vermutlich gerade im Inneren vollzogen wurde, als ich hinter mir einen lauten Schrei hörte. Es war zwar Amelie die schrie, allerdings hörte es sich nicht nach einem Schmerzschrei an. Im ersten Moment wollte ich mich nicht umdrehen, doch die Neugier war einfach zu groß. Somit machte ich es doch. Die Haustür öffnete sich und Sekunden später kam sie völlig außer sich bei mir an. »Was ist passiert? Was hast du gemacht?«, fragte ich sie. Doch ich bekam nur ein Schluchzen zur Antwort, bevor sie sich fest um meinen Körper schlang. Ich zog im letzten Moment noch meine Bauchtasche zur Seite. Nicht, dass Blondie etwas passierte.

Ihr Körper zitterte wie Espenlaub. Ihr Atem ging so schnell, als wäre sie soeben einen Marathon gelaufen. »Bist du verletzt«, fragte ich sie und strich ihr sanft über ihren Rücken. Sie schüttelte ihren Kopf.

Scheiße, sie hat ihren Mann umgebracht, schoss es mir durch den Kopf. Und nun? Shitfuck. Was mache ich jetzt bloß? Die Situation glich so damals und war doch so anders. In meinem Kopf schwirrten die Gedanken wie Geier, die um ihre Beute kreisten und nur mehr warteten, dass sie sich am Fleisch laben konnten.

Damals als meine Mutter sich … Weiter kam ich nicht mit meiner Erinnerung, die sich vor mir aufbaute wie eine Mauer.

»Du musst mir helfen«, drang es zwischen einem Schluchzen von Amelie hervor.

Mir war das bewusst. Ich musste zurück ins Haus gehen und mir ansehen, was sie angerichtet hatte. Ich packte sie bei den Schultern. Meine Berührung war anscheinend zu abrupt, weil sie einen kurzen Schrei ausstieß. Nicht nur sie habe ich erschreckt, sondern auch mich selbst.

»Du bleibst genau hier stehen. Du rührst dich nicht vom Fleck, ja?«

Sie nickte wortlos. Ich holte Blondie aus meiner Jackentasche und drückte ihr das Fellknäuel in die Hand. »Du passt auf sie auf. Klar? Ich gehe ins Haus und schaue, was du gemacht hast, okay?« Bei meinen letzten Worten entfernte ich mich bereits von ihr, und nur Sekunden später stand ich im Haus und sah das Blutbad, das Amelie angerichtet hatte. Das Messer steckte tief in seiner Brust. Eine Blutlache hatte sich um ihn gebildet, und seine Augen starrten an die Decke. Eine Fliege hatte bereits auf seinem Augapfel Platz genommen. Ich kratze mir nachdenklich am Kopf.

Unmöglich konnte ich das nach einem Unfall aussehen lassen. Es war so anders, als ich es von damals noch in meiner Erinnerung hatte.

Damals als meine Mutter mit dem Messer auf mich losging, weil ich ihren geliebten Mann umgebracht hatte. Damals als ich sie die Kellertreppe hinuntergestoßen hatte. Damals als ich ihre Knochen splittern hörte und sah, wie sich ihr Kopf um die eigene Achse gedreht hatte, bevor sie leblos am Ende der Treppe zu liegen kam. Damals als die Polizei in unserem Haus war und mich befragte, wie es möglich war, dass beide Elternteile von mir gestorben waren. Damals als die Jugendamttante mich mitnahm und mich in ein Jugendheim steckte. Damals als alles anders war als jetzt.

Ich konnte hier nichts mehr tun. Ich musste hier abhauen und das ganz schleunigst. Ich rannte aus dem Haus hinaus, und da sah ich es. Nichts war anders als damals. Amelie hatte ihr Gesicht in ihre Hände vergraben. Aber in diesen sollte Blondie sein. Im ersten Moment schaute ich mich verwirrt um, doch dann sah ich meine Mutter wieder vor mir. Mit ihren schiefen Zähnen und dem ausgemergelten Körper. Mit dem Messer in der Hand. In meinem Hirn drehte sich der Schalter um und versetzte mich schlagartig in die Vergangenheit zurück. Ich packte sie an ihren Schultern und schleuderte sie, so weit es mir meine Kraft erlaubte, von mir fort. Sie kam auf dem Bürgersteig auf. Sofort wurde die Blutlache um ihren Kopf größer und mit einem Schlag war ich wieder hier. Zurück in der Gegenwart. Das Bild meiner Mutter verschwand und Amelie kam zurück, die ihre letzten Atemzüge dort machte, wo sie bisher gelebt hatte. Im Dreck. Wie gebannt starrte ich auf den leblosen Körper. Blondie, wo ist Blondie? Ich ging in die Hocke, um mein kleines Fellknäuel vielleicht unter einem der unzähligen Container und Sträucher zu entdecken. Ich lauschte, hörte aber nichts. War sie etwa davongelaufen? Zu verdenken wäre es ihr nicht. Doch plötzlich raschelte es wenige Schritte neben mir und da war sie wieder. Ihr kleines Hundeschwänzchen wedelte und rannte auf mich zu. Mein Herz machte einen Luftsprung vor Freude. Sofort packte ich sie wieder in meine Bauchtasche. Zum Glück wohnte ich nicht weit entfernt von hier, und bereits nach zehn Minuten waren wir an meiner Wohnung angekommen. Abhauen und zwar schnell.

 

Drei Monate später saß ich in meinem Kleingarten, den ich einen Tag nach der Befreiungsaktion angemietet hatte, und sonnte mich im Liegestuhl. Ich war eingenickt und durch eine sanfte Berührung an meinen Füßen aufgewacht. Ich trank einen Schluck meiner Cola und schaute zu Blondie, die sich auf meine Zehen legte und einen zufriedenen Seufzer ausstieß.

»Freunde für immer«, sagte ich zu Blondie und strich ihr über das Fell.

 

[Gesamt:10    Durchschnitt: 4.9/5]

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