DAS FAMILIENESSEN – SOPHIE MEADOW

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

Nach dem Gespräch mit ihrer Mutter Marie knallte Lucy das Telefon so heftig auf die Ladestation dass das Display brach. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten und ein Beben durchfuhr sie. Dass sie in dieses Haus gezogen war hatte nichts an der bisherigen Situation verbessert. Dabei hatte sie ihre Heimat nur verlassen um näher bei ihrem Sohn Finn zu sein, der dank ihrer Eltern, vom Jugendamt in einer Wohngemeinschaft, untergebracht worden war. Seit sie ihn ihr quasi von der Brust gerissen hatten, sah sie den Kleinen jetzt nur noch an den Wochenenden. Selbst an diesen störten die Eltern immer wieder das Familienglück.

 

Halloween fiel dieses Jahr auf ein langes Wochenende und eigentlich hatte Lucy schon Pläne für sich und ihren Sohn. Die junge Mutter wollte gemeinsam mit Finn den Kürbis schnitzen und sich danach den Halloween-Umzug in der nahegelegenen Stadt ansehen. Außerdem hatte sie seine erste „Süßes oder Saures-Tour“ bereits geplant. Nach dem Telefonat mit ihrer Mutter waren ihre Vorsätze plötzlich in weite Ferne gerückt. Beide Eltern waren katholisch erzogen worden und zu Allerheiligen war es Brauch die Gräber der Vorfahren zu besuchen. Darauf hatte sie nun wirklich keine Lust.

“Du wirst das Familienessen vorbereiten und danach werdet ihr das Wochenende bei uns verbringen. Wir zahlen seine Unterkunft und Verpflegung also richtest du dich nach uns. Damit ist die Diskussion beendet”. Mit diesen Worten hatte Marie fluchend aufgelegt. Bis jetzt befolgte Lucy meist was man von ihr verlangte. So hoffte sie auf den Weg des geringsten Widerstandes, doch dieses Mal wollte Lucy den Eltern die emotionale Erpressung nicht durchgehen lassen.

 

***

 

Zur selben Zeit war ihre Mutter in der elterlichen Wohnung ebenfalls am Toben. Etwa ein Jahr nach der Hochzeit mit ihrem Mann Max kam Lucy als Kind ihrer Schwester Lisa, auf die Welt. Eine Abtreibung konnte sie sich damals nicht leisten, für die religiöse Familie wäre das auch nicht denkbar gewesen. Vater gab es ebenfalls keinen, auch darüber sprach man nicht. Schon zu Kindertagen der Geschwister wurde alles unter den Teppich gekehrt was nicht “den Sitten” entsprach oder den Schein der heilen Familie trügen könnte. Max und Marie hatten es wenigstens noch geschafft die Hochzeit durchzuziehen, bevor man merkte dass ihr Bauch sich langsam wölbte.

 

Schon in den ersten Wochen nach Lucys Geburt war ersichtlich, dass Maries Schwester kaum in der Lage war, sich um das Kind zu kümmern. Lisa ließ die Kleine stundenlang schreien, wechselte die Windeln nur sporadisch und auch sonst blieb alles stehen und liegen. Als die Eltern der beiden Schwestern gestorben waren und die zwei das Haus geerbt hatten, teilten sie die Stockwerke untereinander auf. Nun verpestete Lisa mit ihrem Unrat das ganze Haus. Nach einer Weile beschlossen Max und Marie mit ihrem Sohn Mike auszuziehen und ließen sie mit dem Kind zurück. Beide waren der Meinung dass sie alt genug war um ihren Nachwuchs alleine zu betreuen. Welche Geschichte hinter Lisas Unglück steckte ahnte Marie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

 

***

Lucy wandte sich vom Telefon ab und ging in die Küche, warf die Kaffeemaschine an, stellte eine Tasse unter den Ausguss und dachte an die Dramen ihrer Kindheit zurück. Sie war nichts neben ihrem Bruder Mike, dem erstgeborenen Vorzeigesohn. Der glänzte als überdurchschnittlicher Schüler, im Studium machte er sich hervorragend und nun war er ein gefragter Anwalt. Sie war als junges Mädchen das genaue Gegenteil, eine verträumte Romantikerin mit eher mittelmäßigen Schulleistungen. Als sie dann letztendlich, in ihrer Naivität, von ihrem damaligen Freund – einem drogensüchtigen Trunkenbold – schwanger wurde, war das für ihre Eltern eine Katastrophe. Auf die Unterstützung ihres Freundes konnte sie ebenfalls nicht hoffen, er war nach dem positiven Schwangerschaftstest direkt untergetaucht. Die Reaktion ihres Vaters kam prompt und mit Nachhall.

“Entweder du treibst ab oder du kannst ausziehen, und dann schaust du selbst wo du bleibst”, flog ihr sein Ultimatum um die Ohren.

Gegen die Zwangsabtreibung die er im Sinn gehabt hatte, wehrte sie sich erfolgreich, war daraufhin aber binnen kürzester Zeit ausquartiert.

 

Max organisierte dem Mädchen eine schäbige Ein-Zimmer-Wohnung im schlimmsten Viertel der Stadt, welche sie sich vom Karenzgeld grade noch so leisten konnte. Die Toiletten waren am Gang und ein Bad gab es nicht. Natürlich waren sich ihre Eltern darüber im Klaren, dass es dort alles andere als babyfreundlich war, aber Mitleid mit ihrem oder dem ungeborenen Kind hatten sie damals nicht. Immer wieder fragte sie sich wieso sich ihre Eltern dazu entschlossen hatten überhaupt Nachwuchs in die Welt zu setzen.

Warum hassen sie mich so? Was habe ich getan?

 

Die Kaffeemaschine summte, gurgelte kurz und piepte dann als die letzten Tropfen in die Tasse fielen. Lucy kratzte sich an der Stirn, griff nach dem Kaffee und setzte sich aufs Sofa zum Fenster. Ihr Blick schweifte in die Ferne und wurde trüb. Seit ihrem vierten Geburtstag stellte sie keine Fragen mehr, da hatte ihr Erzeuger eindrucksvoll gezeigt, wie er Konflikte jeglicher Art löste. Sie hatte ihr Stück vom Geburtstagskuchen mit den Händen gegessen und die Schokolade überall verschmiert. Als Max das entdeckt hatte versohlte er ihr so heftig den Arsch, dass sie die Torte auf den Boden kotzte. Das Muster des Teppichbodens, auf den sie damals starrte, konnte sie bis heute nicht vergessen. Auch der Anblick seiner Hände war ihr nur zu gut in Erinnerung geblieben. Wenn ihr Vater in Rage geriet wurde seine Haut immer blass – beinahe weiß – und auf den Handinnenflächen kamen dunkelrote Punkte zum Vorschein. Sie waren immer das Letzte was sie sah bevor er ihr mit voller Wucht ins Gesicht schlug.

 

Die besten Erfahrungen mit Erziehungsberechtigten hatte sie nicht, trotzdem war ihre Schwangerschaft für sie etwas Wundervolles. Endlich gäbe es jemanden, der sie ebenso lieben, wie brauchen würde. Doch dann kam alles anders. Als die Wehen viel zu früh einsetzten war sie auf sich allein gestellt und schaffte es mit Müh und Not Hilfe zu holen. Im Krankenwagen kam es zu Komplikationen. Nach der Geburt lagen eine beklemmende Stille und ein drückendes Gefühl von Panik in der Luft. Der Arzt hatte das Kind auf einen Klapptisch gezogen und die Hilfskräfte standen direkt hinter ihm und gestikulierten aufgeregt. Endlich erhaschte sie einen Blick – vorbei an den schwer beschäftigten Leuten – auf ihr Kind. Geschockt folgte sie dem Geschehen. Der Junge lag seltsam verdreht auf einer Isolationsdecke, seine Haut war dunkel, bläulich verfärbt, irgendwie tot. Er atmete nicht, er schrie nicht. Überall war Blut und sie war noch immer über die Nabelschnur mit dem Kind verbunden. Ein Piepen aus einem der Geräte unterbrach – nach gefühlten Minuten – die Stille. Nicht regelmäßig aber stetig fiepte die Maschine. „Ich hab ihn“, rief der Arzt „gebt der Mutter etwas, schnell“. Einer der Sanitäter drehte sich zu ihr und eine Nadel bohrte sich tief in ihren Arm. Dann wurde es schwarz vor ihren Augen.

 

Nach diesem Vorfall und der Einlieferung auf der Neonatologie waren die Eltern erst recht der Meinung, dass Lucy als Mutter nichts taugte.

„Du hast nicht aufgepasst, was hast du getan?”.

„Ich habe nichts getan, Mama” versuchte sie sich zu wehren, aber ihr Protest wurde nicht toleriert.

„Warst du mal wieder aus oder tanzen, immerhin fällt einem das Kind nicht umsonst zwei Monate zu früh in den Schoß. Hast du etwa die Termine bei der Ärztin nicht eingehalten?”

„Nein Mama, ich war nicht aus. Ich habe auch keinen Termin beim Arzt versäumt, da war immer alles in Ordnung” motzte sie zurück und strich sich aufsteigende Tränenflüssigkeit aus den Augenwinkeln.

„Wir haben dir von Anfang an gesagt du sollst das Kind nicht bekommen”, schrie Marie ihre Tochter an. „Das wäre für das Baby und dich besser gewesen“. Der ehemalige Kollege ihrer Mutter – der noch immer beim Jugendamt tätig war – hatte schnell dafür gesorgt, dass Marie die Bestätigung für das vorläufige Sorgerecht in Händen hielt. Kurz danach hatte man Lucy erklärt, dass Finn nach dem Abstillen vorerst an einem anderen Ort aufwachsen würde.

„Du machst deine Ausbildung und dann sehen wir weiter, außerdem kannst du ihn bis dahin ja besuchen”, hatte man sie vor vollendete Tatsachen gestellt. Solche Grausamkeiten traute sie ihren Eltern eigentlich nicht zu aber sie hätte wissen müssen dass beide nicht zu leeren Drohungen neigten.

 

Lucy schüttelte kurz die Wut und die Verachtung ab und versuchte zu lächeln als sie daran dachte wie sie Finn das erste Mal im Arm gehalten hatte. Alles an ihm war so klein und filigran, dass sie Angst hatte ihn zu zerbrechen. Durch die frühe Geburt wirkte er unfertig, aber daran störte sie sich nicht. Für sie war er das Schönste auf der Welt. Einmal hatte sie versucht mit ihm wegzulaufen. Das hatte sie bitter bereut. Nachdem sie von der Polizei aufgegriffen und das Kind wieder in die Wohngemeinschaft gebracht worden war, durfte sie ihn zwölf Monate nicht sehen.

 

Mittlerweile hatte sie alles getan was ihr möglich war, um den Eltern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Erst vor kurzem hatte es eine Neuverhandlung der Sorgerechtslage in ihrem Fall gegeben. Eine in der Zwischenzeit absolvierte Ausbildung, eine Therapie, sowie der Umzug halfen ihr vor Gericht aber nichts. Man hatte den Fall nach dem Ortswechsel noch nicht an die Bearbeiter des neuen Wohnbezirks übergeben, so war noch immer der Bekannte ihrer Mutter zuständig.

 

Dabei hatte mit dem Bungalow alles so gut angefangen, es war wie ein Lottogewinn. Als sie es damals sah war sie sofort verzaubert. Ein kleines Märchenhaus in blau lag vor ihr, umgeben von einem wunderschönen Garten. Das Dach war mit Moos bewachsen und hatte im Dachgeschoss ein halbrundes Fenster welches – wie alle anderen auch – in weiße Rahmen eingefasst war. Im Inneren offenbarte sich die wahre Größe des Hauses. In der oberen Etage befanden sich zwei Schlafzimmer und einem Bad. Im Erdgeschoß gab es eine kleine Küche und ein reizendes Wohnzimmer. Am Zaun schlängelte sich eine dichte, hohe Hecke die das Kleinod vor fremden Blicken schützte. Hinter dem Haus lag eine Anhöhe, bewachsen von dichtem Nadelwald. Darin befand sich – auf einer Lichtung in der Nähe – ein wunderschöner Bachlauf der von blauen Blüten gesäumt war. Manchmal ließ sie dort ihre Füße ins kühle Nass hängen. Das Beste an dem Objekt war aber der Preis. Die Miete konnte sie mit ihrem neuen dreißig Stunden Home-Office-Job locker bezahlen. Theoretisch hätte sie die besten Voraussetzungen für das Sorgerecht gehabt. Nur ihrer Mutter hatte sie es zu verdanken dass sie hier immer noch alleine saß und dieses Glück nicht genießen konnte.

 

Es war halb ein Uhr nachts als sie sich endlich ins Bett fallen ließ und die Augen schloss. So kann es nicht weitergehen, das muss ein Ende haben! Sie wickelte sich in ihre Decke ein und versuchte zu schlafen. Ein paar Augenblicke später hörte sie ein Knacken.

„Mama… Mama”.

Lucy öffnete langsam die Augen und sah sich verwirrt um. Hatte sie nicht eben Finn rufen hören?

Das kann nicht sein ich hole ihn doch erst vor dem Essen“, dachte sie.

„Mama. Mama, Schau”, rief er ihr zu und deutete mit dem Zeigefinger aus dem Zimmer.

Ein Zittern schlich sich durch ihre Glieder und die kleinen Härchen am Nacken stellten sich auf als sie sich zur Türe drehte. Finn stand mit seinem spitzbübischen Grinsen im Rahmen und winkte ihr zu. Ihr ganzer Körper verkrampfte sich. Sie konnte sich nicht rühren. Der Junge verzog sein Grinsen zu einer gespielt genervten Grimasse und deutete mit Nachdruck in den Raum vor dem Schlafzimmer.

“Ach Mama, komm jetzt”, raunzte er und grinste dann wieder breit.

Sie legte den Kopf schief und fixierte immer noch den Türrahmen, das war eindeutig Finn. Mit den Fingern rieb sie sich mehrmals über die Augen, aber das Kind stand noch immer da.

„Komm”, rief er jetzt schon beinahe wütend, mit gerötetem Kopf, und ging ein paar Schritte in den Flur. Als er schemenhaft in der Dunkelheit des Hauses verschwand nahm sie ihren Mut zusammen, griff sich ihren Satinmantel und folgte ihm.

 

Was macht er hier? Ist er aus der Wohngemeinschaft weggelaufen? Als die junge Mutter durch den Hauseingang in den Garten trat sah sie Finn gerade noch aus dem hinteren Tor zum Wald hoch laufen. Sie zog den weichen Stoff über ihre Schultern und band den Schlafrock an der Taille zusammen. Sie spürte das feuchte Gras an ihren Fußsohlen. Dafür dass es tagsüber noch ganz schön warm war, kühlte es nachts doch merklich ab. Der rundliche Mond erhellte die Umgebung ein wenig und als sie den Jungen am Waldrand verschwinden sah, lief sie hinterher.

Wenig später hatte sie seine Spur in der Nähe des Bachlaufs wiedergefunden. Seine kleinen Füße hatten im weichen Boden Abdrücke hinterlassen. Sie folgte ihnen und als sie am Bach angekommen war, entdeckte sie ihn zwischen den großen Steinen am Ufer.

 

Ein panischer Schrei entfuhr ihr als sie sah, dass der Kleine sich mit dutzenden von den blauen Knollen vollgestopft hatte.

„Nein, Finn” schrie sie aufgeregt und ihre Augen weiteten sich. „Spuck das aus” brüllte sie zu ihm hinüber. Sie wusste was er da gerade aß, das war blauer Eisenhut! Sie wusste noch wie eindringlich der Vermieter sie beim Einzug vor der hochgiftigen Pflanze gewarnt hatte. Je mehr Finn davon hinunter schluckte umso hysterischer wurde sie. Als sie zum Sprint ansetze um ihm das Zeug aus dem Mund zu holen, brach das Kind bereits zusammen. Er krümmte sich, hielt sich die Lippen und den Bauch. Als sie endlich bei ihm ankam, strömte Erbrochenes aus seinem Mund. Wie ein aufkommender Sturm rauschte der Wind plötzlich durch die Bäume und wurde immer lauter. Die Welt ums sie begann sich wie im Zeitraffer zu drehen. Wolken rasten über den Himmel. Die Sonne ging auf, dann wieder unter und wechselte sich dabei mit dem Mond – umgeben von einem Meer von Sternen – ab. Vögel rasten über den Himmel, Bäume, Blumen und Gräser zitterten.

 

Lucy starrte auf ihn hinunter. Der Junge in ihren Armen wurde blasser – beinahe grau – verfärbte sich dann in ekelhaften Farben, von bläulichen Lilatönen zu einem matschigen braun, bis der Körper völlig schwarz wurde. Die Augen wurden trüb und sackten nach hinten in den Schädel. Maden krochen aus den Körperöffnungen, wurden mehr und fraßen sich durch den ganzen Leib. Lucy hörte erst auf zu schreien als das Kind in ihren Armen zu Staub zerfiel. Plötzlich stand die Welt wieder still und es war ebenso dunkel wie vorher. Schweißgebadet und immer noch schreiend schoss sie in ihrem Bett hoch.

 

***

 

Als Mikes Handy läutet und einen Anruf ankündigte, saß er gerade beim Mittagessen. Auf dem Display prangte die Nummer seiner Schwester Lucy. Die beiden hatten im Allgemeinen nicht sehr viel miteinander zu tun und angerufen hatte sie ihn bisher nur selten. Etwas zögerlich hob er ab.

„Hallo?”

„Hi Mike, Mama und Papa haben mir das Familienessen aufgedrückt. Haben sie dir schon Bescheid gegeben?”

„Ja, 18 Uhr sollte ich bei dir sein.”

„Könntest du vielleicht ein wenig früher kommen, die neue Essecke wurde heute geliefert und die müsste bis heute Abend stehen.“

„Und das bekommst du nicht alleine hin“ fragte er genervt.

„Irgendwie schaffe ich es nicht die Einzelteile zusammenzubauen, würdest du mir helfen?”

 

Mike ließ sich in den Stuhl sinken und rollte mit den Augen. Als er erfuhr, dass Lucy in ein Haus am Land ziehen würde, wusste er bereits, dass dieser Tag kommen würde. Sie zog weit weg von der Familie und ihren Freunden. Auch wenn es bis dahin nicht viele von denen gab, hatte ihr in der Stadt immer jemand unter die Arme gegriffen. Jetzt war die Sachlage wohl anders. Ein wenig Mitleid hatte er schon mit ihr. Die Eltern, die er immer achtete weil sie sich sehr um ihn bemüht hatten, verhielten sich bei seiner Schwester ganz anders. Als Kind wurde er gefordert und gefördert wo es möglich war. Sie finanzierten das Studium, zum Abschluss die Wohnung und das Auto. Lucy hatte sehr viel weniger Aufmerksamkeit erhalten und nicht mal einen Lehrabschluss. Wahrscheinlich lag das an ihrer widerspenstigen Art. Jetzt begann sie scheinbar ihr Leben in den Griff zu bekommen. Er gab sich einen Ruck.

 

„Meinetwegen, wann soll ich bei dir sein?” gab er versucht freundlich zurück.

„Toll, danke. So etwa gegen 15 Uhr, dann könnten wir Finn noch gemeinsam abholen. Ach, und sag den Eltern nichts es soll eine Überraschung sein. Bis dann”, flötete sie und legte auf.

Mike schüttelte den Kopf, legte das Handy beiseite und widmete sich wieder seinem Essen.

Als er kurz vor fünf Uhr ankam, stellte er seinen Wagen vor dem Haus ab und schmiss die Türe zu. Kurz schweifte sein Blick über das Grundstück, seine Schwester hatte einen guten Griff gemacht. Hoffentlich hatte sie sich auch Gedanken darüber gemacht, mit welchem Werkzeug er heute arbeiten sollte. Handwerklich war er nicht besonders begabt deshalb besaß er gerade mal einen Schraubenzieher und einen Hammer. Als er an die Türe klopfte, schwenkte sie ein Stück nach innen auf. Als er eintrat rief er nach Lucy, bekam aber keine Antwort. Er warf einen Blick ins Wohnzimmer, stellte fest dass es leer war und ging zurück in den Flur. Als er die Küche betrat, streifte ihn ein leichter Luftzug der vom Hinterausgang kam, und in den hinteren Garten führte. Im Glauben, sie sei noch draußen ging er weiter in den Raum in Richtung des Außenbereichs.

 

***

 

Lucy hatte ihn bereits gehört und sich hinter die Küchentür gestellt. Sie ging nach innen auf und bot somit das perfekte Versteck. Sie hatte ihren Bruder schon beobachtet seit er das Haus betreten hatte. Als er vor ihr stand hob sie die Hand in der sie das neue Küchenmesser hielt. Als Mike im richtigen Winkel stand stieß sie es ihm in den Rücken und zog es mit einem Ruck nach unten. Die Haut klaffte an beiden Seiten des Schnittes auf und ihr Bruder gab einen markerschütternden Schrei von sich. Blut schoss ihr in einem Schwall entgegen. Mike fuchtelte wie wild in der Gegend herum um mit den Händen nach der schmerzenden Stelle zu greifen. Die dreißig Zentimeter lange Klinge war tief eingedrungen und hatte sicher beachtlichen Schaden angerichtet. Das allein reichte Lucy aber noch nicht. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er sie an, als er immer noch brüllend, vor ihr am Boden zusammensackte.

 

Sie trat ein bisschen näher an ihn heran und beobachtete wie er sich wand. Ein wütender Ausdruck schlich sich in ihre Augen. Blut verteilte sich nun, wie ein kleiner See, auf dem Küchenboden. Sie schlich um seine Füße herum und ging auf Höhe seiner Oberschenkel in die Knie. Als sie das Messer noch einmal hob achtete sie darauf, dass sie sich außerhalb der Reichweite seiner Hände befand. Nicht auszudenken was passiert wäre, hätte er sie zu fassen bekommen. Mike war wesentlich stärker als sie, vielleicht wäre es ihm noch möglich gewesen sie zu packen.

 

Lucy wusste nicht wo genau sich das Herz befand, deshalb stach sie ihm links, ungefähr mittig, in die Brust. Sein Schreien erstarb augenblicklich und wich einem trägen Jammern, dann kurzen und schnellen Atemzügen. Ein Lächeln huschte ihr über die Lippen als sie zusah wie Stück für Stück das Leben aus ihm wich. Offensichtlich habe ich getroffen. Die junge Frau sah auf die Uhr. Um ihren Plan umzusetzen hatte sie noch zweieinhalb Stunden Zeit. Sie schnitt ihm mit dem Messer Hemd und Hose vom Leib und trennte ungeübt – nach Gefühl – ein paar Brocken Muskelfleisch aus seinem sterbenden Körper. Sie hatte noch nie ein ganzes Tier zerlegt, geschweige denn einen Menschen – höchstens einmal eine Schweinehälfte – aber für ihre Zwecke würde genügen, was sie hatte.

 

Mike rührte sich nicht mehr. Bis auf ein leichtes Zucken der Muskel die Lucy nicht zerfetzt hatte, lag er leblos da. „Ganz schön viel Blut”, gab sie genervt von sich und machte sich an die Arbeit. Sie schnappte sich das Fleisch und ging in die Küche. Den Bräter hatte sie schon vorbereitet, auch die Zutaten waren schon geschnitten. Sie marinierte die Fleischstücke mit Senf und warf es in das bereits erhitzte Fett. Der Geruch der sich in dem Haus verbreitete war seltsam, ähnlich wie Schweinefleisch, aber um das konnte sie sich nicht kümmern. Sie wendete es, warf Zwiebel, Kümmel, Knoblauch, dazu setzte dann den Deckel auf und Schob den Topf in den Backofen. Die Vorspeise hatte sie schon nach dem Aufstehen vorbereitet, sie würde mit Sicherheit das Highlight des Essens werden. Ihre Eltern liebten Sushi mit Lachs. Das würde ihr heute Abend sehr hilfreich sein.

 

Lucy lag gut in der Zeit, doch sie hatte noch einiges zu tun bevor ihre Eltern vor der Tür stehen würden. Sie ging zurück zu den Resten die sie von ihrem Bruder übrig gelassen hatte, packte den Körper und hievte ihn auf eine Plastikfolie die sie bereits aus Mülltüten zusammengeklebt hatte. Sie hob ihn hoch und zog ihn aus dem Haus zu seinem Auto. Alle paar Schritte musste sie pausieren, sie hatte sein Gewicht merklich unterschätzt. Als sie ihn endlich im Kofferraum verfrachtet hatte, lief sie noch einmal in die Küche, raffte alle verdächtigen Dinge zusammen, wusch den Boden auf, und schmiss das Zeug auf die Leiche. Schlussendlich fuhr sie den Wagen dann in den nahen Wald, dort würde man ihn so schnell nicht entdecken.

 

***

 

Marie warf einen kurzen Blick auf Max, während sie sich anzog. Ihr Mann saß mit einer Flasche Bier auf der Couch vor dem Fernseher. Sie erinnerte sich schmerzhaft daran wie es kurz vor Lucys vierten Geburtstag zum großen Knall in der Familie kam. Lisas Nachbarn hatten angerufen, da offensichtlich etwas im Haus ihrer Eltern nicht stimmte. Sie hatte Mike direkt in den Kindergarten gebracht und fuhr dann zum Haus um nachzusehen was im elterlichen Anwesen vor sich ging. Als sie die Villa betrat hörte sie nur Lucy schreien von Lisa war weit und breit keine Spur. Marie wollte erst nach dem Kind sehen. Es schrie so erbärmlich, dass man meinen könnte, jemand würde es in diesem Moment totschlagen. Als sie an Lucys Zimmertür ankam hing an der Tür ein Brief mit ihrem Namen. Der Schlüssel steckte im versperrten Schloss. Sie nahm das Papier ab, drehte den Schlüssel und betrat das Kinderzimmer.

 

Es sah fürchterlich aus. Alles war wild durcheinander geschmissen, wie im ganzen Haus türmten sich auch hier die Müllsäcke. Es stank wie in einer Kläranlage und das Kind war von oben bis unten mit Exkrementen verschmiert. Alles war nass von ihrem Urin und sie war sichtlich abgemagert. Marie holte ein großes Tuch aus dem Bad. Sie wickelte die Kleine darin ein um sich nicht zu beschmutzen, und steckte sie danach – mit allem was Lucy trug – in die Badewanne. Sie brauchte gefühlt zwei Stunden bis das Kind wieder halbwegs sauber war und nicht mehr nach totem Tier stank. „Wo zum Teufel ist meine Schwester?“ fragte sie sich.

 

Marie versuchte sich mit dem Kind durch das Haus – somit durch Berge mit Unrat – zu kämpfen, ihr wurde aber schnell bewusst, dass man ein Kind hier wohl nicht versorgen konnte. Sie packte die Tochter ihrer Schwester ins Auto und nahm sie mit. In der Wohnung angekommen, stürmte sie mit Lucy erstmal in die Küche. Marie machte ihr etwas zu Essen und stellte ihr genügend Wasser auf den Tisch. Sie hatte ein Kind noch nie so gierig Brot in sich hineinstopfen sehen. Als die Kleine sich satt gegessen hatte war sie nur wenige Minuten später auf der Sitzgarnitur eingeschlafen. Vorerst ließ sie Lucy dort liegen und widmete sich dem Brief ihrer Schwester.

 

Liebe Marie,

Ich komme mit diesem Leben nicht mehr zurecht. Dein Mann hat mich bereits schon vor eurer Hochzeit bedrängt. Während deiner Schwangerschaft kam das Schwein zu mir und hat mich vergewaltigt, mehrmals! Ich wollte ihn anzeigen aber Max ist gut darin andere einzuschüchtern. Bei einem Versuch, mich zu wehren, hat er mir die Nase gebrochen. Er kam, bis ich mit Lucy schwanger war. Ich hasse dieses Kind, ich kann sie nicht ansehen und nicht anfassen. Bring sie zu ihrem Vater! Ich bin der alten Weide im Garten. Schneid mich runter bevor mich jemand fremder findet.

Lisa

 

Marie war während des Lesens immer mehr in sich zusammengesackt. Tränen waren ihr in die Augen geschossen. Fassungslos ging sie die Zeilen ihrer Schwester immer wieder durch. Ihr Mann war ein Vergewaltiger, er hatte sie betrogen und das Kind… Ihr Blick fiel auf Lucy und ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. Noch am selben Abend, nachdem sie ihre tote Schwester vom Baum geschnitten hatte, konfrontierte sie ihren Mann mit ihrem Wissen. Der fackelte nicht lange, verpasste Marie einen Faustschlag ins Gesicht und warf sie mit dem Bauch voran über die Lehne des Sofas. Er hatte ihr den Rock samt der Unterwäsche herunter gezogen. „Ich werde dein Wissen um die Erfahrungen deiner Schwester erweitern, mein geliebtes Weib“, grunzte er als er ihr seinen Schwanz in alle ihrer Löcher rammte.

 

Nach diesem Abend sprach Marie kaum noch ein Wort mit ihrem Mann. Der vergnügte sich zunehmend lieber in Bordellen und war immer seltener zu Hause. Auch das Geschehene kam nie wieder zur Sprache, dafür hatte Max mehrmals gesorgt. Aber eine Sache hatte sie täglich vor Augen, das Kind. Es hatte ihre Familie und ihr Eheglück zerstört.

 

„Marie, beweg deinen Hintern, wir müssen fahren, los”, schrie Max nachdem er auf die Uhr gesehen hatte. Seine Frau eilte zur Tür und kam ihm, unnötig herausgeputzt, entgegen. „Du brauchst nicht so zu brüllen”, warf sie ihm mit abfälligem Blick entgegen. „Ich höre sehr gut”. Sie sah aus als wollte sie zum Kirchgang am Sonntag dabei war es nur ein Essen. Eines dass ihm sauer aufstieß, immerhin hatte er absolut keine Lust darauf, noch weniger als auf die Fahrt selbst. Er war nicht erpicht darauf Lucy und das Kind wieder zu sehen. Warum Marie den Kleinen, nach dem Umzug ihrer Tochter, noch immer in die Stadt holen wollte verstand er nicht. Er war froh gewesen dass beide endlich aus seinem Dunstkreis verschwunden waren und er sich nicht weiter darum kümmern musste. Wenigstens würde Mike da sein, somit hätte er zumindest einen Gesprächspartner. Ein stolzes Lächeln zog über sein zerfurchtes Gesicht bevor er zum Autoschlüssel griff und seiner Frau voran die Wohnung verließ. Er öffnete den Wagen vor dem Haus und startete den Motor.

 

Mit ein wenig Verspätung kamen sie vor dem Haus ihrer Tochter an. Sie wunderten sich, dass Mikes Wagen noch nicht zu sehen war. Lucy öffnete ihnen, seltsam gekleidet, die Türe. Die Begrüßung fiel distanziert aus, wie immer. Max war aber schnell durch den Duft des Essens besänftigt, nur Marie warf ihr einen grimmigen Blick zu, als sie ihr Outfit sah.

 

***

 

Lucy stand in ihrem Hexenkostüm im Türrahmen und bat ihre Eltern herein. “Hallo. Wie war die Fahrt?”

Ihr Vater murrte, drückte ihr seine Jacke in die Hand und ging voran in die Küche.

“Wo ist Mike? Er ist zu spät, das ist ungewöhnlich.” fauchte ihre Mutter ihr zu, als auch sie ihren Mantel abgab.

“Er hat mich vorhin angerufen und steht im Stau, er wird sich heute verspäten.” Ihre Mutter sah sie ungläubig an. Lucy lächelte und bemühte sich um eine ernste Mimik.

“Die Wohngemeinschaft hat ebenfalls angerufen. Wir können Fin heute auch erst nach dem Essen holen. Offensichtlich hat sich eine Therapieeinheit verschoben.”

Sie biss sich auf die Lippen und sah Marie in die Augen. Genau genommen hatte sie selbst die Wohngemeinschaft angerufen und darum gebeten den Kleinen erst später abholen zu dürfen. Sie hoffte nur dass ihre Eltern ihr die Lüge nicht ansehen würden, dann gäbe es bestimmt Ärger. Unerwartet gleichgültig zuckten die Eltern mit den Schultern und setzten sich an den Tisch, an dem Sushi, Soßen und Wasabi schon vorbereitet waren. Wortlos folgte sie ihnen.

 

Die junge Frau hatte die Vorliebe für rohen Lachs nie verstanden, daher hatte sie nur für zwei Personen gedeckt. Sie selbst begnügte sich mit einem Glas Wasser. Marie und Max schoben sich die kleinen Happen in den Mund als hätten sie seit Jahren nichts gegessen. Lucy stand auf, wandte sich ab und ging in die Küche um den nächsten Gang vorzubereiten. Sie schnitt das Fleisch in schmale Scheiben, verzierte den Teller mit Preiselbeermarmelade und schichtete die Kartoffelscheiben in einem Halbkreis auf. Als sie wieder zu ihnen kam und die Teller auf den dekorierten Tisch stellte, wirkten beide sichtlich beeindruckt. Auch Schweinsbraten stand hoch im Trend.

Lucy hoffte, dass niemandem auffiel dass hier etwas nicht in Ordnung war. Sie dachte an den Blick und die Reaktion ihrer Eltern, wenn sie erfahren würden was sie da gerade auf dem Teller hatten. Noch gespannter allerdings war sie auf die Wirkung der besonderen Zutat, die sie ins Sushi getan hatte.

 

Als Maries Teller leer war griff sie nach ihrem Bauch. So wie sie dabei das Gesicht verzog, nahm Lucy an, dass ihre Mutter Schmerzen hatte. „Bist du dir sicher, dass der Fisch in Ordnung war”, musterte sie Max´s Tochter fragend.

Die grinste auffällig bösartig. Auch ihrem Vater schien es nicht gut zu gehen, er war blass und auch er presste beide Hände auf seinen Magen.

“Ach Mutter, mach dir keine Gedanken”, hauchte die junge Frau während Schadenfreude in ihr brodelte. “Das war nicht der Fisch. Oben im Wald wächst ein wenig Eisenhut, der schien mir passend für das Familienessen. Etwas Außergewöhnliches! Die Menge die ihr vorher in euch hinein geschaufelt habt, lässt euch nicht mehr viel Zeit zum Leben. Aber um kein Risiko einzugehen sag ich euch jetzt gleich wo Mike abgeblieben ist. Sonst sterbt ihr noch ohne zu wissen was für einen wundervollen Braten er abgegeben hat. Das wäre bedauerlich für mich.”

Ihr Blick wanderte zu den beiden Tellern ihrer Eltern und wurde dabei von einem höhnischen Grinsen begleitet.

 

Die zwei brauchten offensichtlich eine Weile bis sie begriffen, dass Lucy ihnen Mikes Fleisch serviert hatte. Marie schüttelte erst verwirrt den Kopf. Dann verdrehte sie die Augen unnatürlich weit nach oben und kippte mit dem Stuhl, auf dem sie saß, nach hinten um. Weißer Schaum quoll ihr aus dem Mund und es schien als könnte sie sich nicht bewegen. Max glotzte ungläubig zuerst zu Lucy, dann auf seinen Teller. Danach kotzte er den Inhalt seines Magens – die Reste seines Sohnes – auf die Tischdecke und krümmte sich zusammen. Kurze Zeit später wurden beide durch heftige Krampfanfälle geplagt. Lange würde es nicht mehr dauern.

 

Lächelnd warf sie noch einmal einen Blick auf die Zeiger der Uhr. Eine halbe Stunde war vergangen, das Gift des Hahnenfußgewächses hatte seine Pflicht getan. Nachdem sich ihre Eltern nicht mehr bewegten, atmete die junge Mutter erleichtert aus und lehnte sich an die Küchenwand. Schon nach vierzig Minuten hatten der Schließmuskel und die Blase ihrer Eltern die Funktion eingestellt, was für eine Sauerei.

„Erledigt“, sagte sie selbstzufrieden. Jetzt musste sie nur noch die Leichen wegschaffen und putzen, bevor sie sich auf den Weg machen würde, um Finn abzuholen. “Er will bestimmt noch immer zum Halloween-Umzug”, murmelte Lucy vor sich hin als sie nochmal in die Küche ging um den Medikamentencocktail aus Schlaftabletten und Tizanidin mit dem restlichen Eisenhut zu vermischen. Nur noch einmal musste sie Finn ins Bett bringen, dann wären sie beide endlich frei.

 

[Gesamt:5    Durchschnitt: 4.4/5]

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: