DER ALTAR – KEVIN BORCHMANN

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

Es ist jetzt sechs verfluchte Tage her, seit unser Flugzeug abgestürzt ist. Sechs verfluchte Tage. Wir konnten uns mit einem Schlauchboot auf eine kleine Insel retten. Soweit ich sagen kann ist sie unbewohnt. Doch wir haben etwas anderes gefunden. Etwas. Ich fange von vorne an.

Unser Flugzeug hat etwa vier Stunden nach dem Start über dem Pazifischen Ozean den Geist aufgegeben. Eine Turbine ist in Brand geraten und wir sind taumelnd wie ein Kreisel ins Meer gestürzt. Fast alle sind dabei drauf gegangen. Ich, Paul, Marlene und Sam haben überlebt. Wir fanden ein Schlauchboot in den Trümmern, bevor sie versunken sind. Zwei Tage lang trieben wir auf dem Wasser, bis wir eine Insel am Horizont gesehen haben. Sam hätte sich vor Freude fast in die Hose gemacht. Also ruderten wir zu dieser Insel und gingen an Land. Den ersten Tag hatten wir damit verbracht nach anderen Menschen zu suchen. Vergeblich.

Also mussten wir uns etwas anderes überlegen um vorerst klarzukommen. Paul war recht stark, er versuchte Holz für uns zu sammeln und sich um Feuer zu kümmern. Marlene machte sich auf die Suche nach Beeren, Pflanzen und allem anderen nützlichen. Ich war ein passabler Fischer. Mein Vater hat mich früher oft mit zum Angeln genommen, als ich noch klein war. Sam konnte nichts zu unserem Überleben beitragen. Zumindest nichts Sinnvolles. Also saß er die meiste Zeit nur rum und sah uns bei der Arbeit zu. Ich hatte ihm kurz vor der ersten Nacht den Auftrag gegeben große Bananenblätter zu sammeln und uns Betten vorzubereiten. Bereits nach einer Stunde gab er auf, weil ihm die Arbeit zu mühsam war. Die erste Nacht schliefen wir deshalb im Sand.

Als ich aufwachte, spürte ich, dass ich einen leichten Sonnenbrand hatte. Meine Haut begann sich zu pellen und meine Lippen platzten langsam auf. Unsere Wasservorräte aus dem Flugzeug waren fast aufgebraucht. Wir mussten eine Quelle, einen kleinen Teich oder einen Bach finden. Sam wollte helfen danach zu suchen. Ich nahm ihn mit.

Wir brachen auf während Marlene und Paul am Camp zurückblieben. Ich glaube sie hatten etwas miteinander. Spielt jetzt aber keine Rolle mehr. Jedenfalls bin ich mit Sam durch das dichte Gewirr aus Bäumen und Büschen gekrochen, um nach etwas trinkbarem zu suchen. Sam hat mich eine halbe Ewigkeit mit irgendwelchen blöden Witzen genervt. Hätte ihm am liebsten das Maul gestopft. Wir bahnten uns unseren Weg durch das Pflanzendickicht der Insel und fanden schließlich einen kleinen Süßwasserteich. Ich begann einige Flaschen zu füllen, die ich in meinem Rucksack mitgenommen hatte und wies Sam an auch seine zu füllen. Er meinte er hätte seine Tasche mit den Flaschen im Camp vergessen. Ich schlug ihm ins Gesicht.

Ich war noch nie ein gewalttätiger Kerl gewesen, aber die Hitze, der Durst und Sams verdammte Schusseligkeit waren mir in dem Augenblick einfach zu viel. Natürlich entschuldigte ich mich, er ignorierte meine Entschuldigung jedoch und war sauer. Er ging sich die Beine vertreten während ich die restlichen Flaschen füllte. Gerade als ich mir die nächste Flasche greifen wollte, rief Sam mich aufgeregt zu sich. Nachdem ich die Flasche mit dem klaren Wasser gefüllt hatte, ging ich zu ihm herüber.

Sam stand in einem kleinen Steinkreis. Acht etwa gleichgroße, rechteckige Felsen waren in einem etwa vier Meter breiten Kreis aufgestellt. In ihrer Mitte befand sich ein schwarzer Felsen mit einer flachen Oberfläche. An seinen Seiten wies er primitive Meißelungen auf. Die Herkunft der Symbole war mir schleierhaft. Ich kannte Hieroglyphen oder Schriftzeichen der Maya aus dem Fernsehen. Diese sahen jedoch völlig anders aus. Auf dem großen Felsen in der Mitte stand eine kleine Figur aus Ton. Der Oberkörper sah menschlich aus, hatte jedoch zwei große, geschwungene Flügel und einen dreieckigen Kopf. Außerdem hatte sie lauter kleine Tentakel an der Stelle, wo die Beine hätten sein sollen. Sam griff nach der Figur und sagte mir, sie fühle sich ganz warm an.

Er wollte sie mitnehmen. Ich war dagegen. Falls hier jemand lebte und uns helfen könne, sollte er uns nicht als Diebe kennenlernen. Sam war der Meinung die Insel sei verlassen und wollte mit der Figur davongehen. Noch bevor er den Steinkreis verlassen hatte, stolperte er und zerschlug die Figur auf dem Boden in drei Teile. Ein seltsamer Rauch stieg aus ihren Scherben auf und Sam atmete ihn ein. Diesen Moment werde ich niemals vergessen. Seine Augen wirkten so leer, als der Rauch ihm in den Kopf stieg. Sie wirkten fast schon tot.

Auf dem Rückweg sprachen wir kaum. Sam wusste, dass ich ihn nicht leiden konnte und ich wusste genauso das er mich ebenso wenig mochte. Was ich allerdings auch wusste, war die Tatsache, dass ich an diesem Tag noch Essen besorgen musste. Als wir zurück im Camp waren, wirkten Paul und Marlene ungewöhnlich gut gelaunt. Sam erzählte ihnen von dem Altar und der Figur die wir gefunden hatten. Als ich einen Witz darüber machte, wurde er wütend. Um den Trubel hinter mir zu lassen, setzte ich mich ans Ufer und fischte uns ein paar leckerer Meeresbewohner. Ich warf gerade meine Route aus, als ich hinter mir einen Schrei hörte.

Ich drehte mich um und sah, wie Sam heftig auf Paul eingeschlagen hatte. Dieser schaffte es dennoch Sam niederzuringen und festzuhalten. Als ich fragte was los sei, erzählte mir Marlene wie Sam Paul grundlos angegriffen hatte. Sam entschuldigte sich bei Paul und versprach es nie wieder zu tun. Wir hakten die Sache als Hitzschlag ab und beschäftigten uns nicht weiter damit. Das war unser erster Fehler.

Die Nacht war kühl und windig. Das Feuer glühte leise knisternd vor sich hin, während wir auf Bananenblättern daneben schliefen. Der Himmel war klar und sternlos. Ich schlief durch bis zum Morgen.

Geweckt wurde ich von einem entsetzten Schrei. Marlene kniete über Paul und weinte. Ich rieb mir die Augen und sah was los war. Paul steckte das große Messer in der Brust, mit der er das Feuerholz kleingemacht hatte. Sein markantes Gesicht war getränkt von seinem eigenen Blut. Marlene sagte mir, dass sie ihn so gefunden hätte und ich glaubte ihr. Sam war nämlich verschwunden.

Nach einer halben Stunde voller Verzweiflung und Angst beruhigte sich Marlene etwas. Sie half mir, ein Grab für Paul zu schaufeln in dem wir ihn in der prallen Mittagssonne vergruben. Wir hielten Ausschau nach Sam, der sich jedoch den ganzen Tag nicht blicken ließ. Ich hatte erst die Idee ihn suchen zu gehen, doch Marlene bat mich zu bleiben. Ich riet ihr sich schlafen zu legen und sich auszuruhen, wir würden die Nacht lang Wache halten müssen, falls Sam zurückkommt. Sie legte sich schlafen und ich spitzte mir aus einem ein Meter langem Ast einen Pfahl, falls es zu einem weiteren Kampf kommen würde.

Als die Sonne tief am Horizont stand, weckte ich Marlene um mich selbst ein wenig auszuruhen. Sie versprach mir wach zu bleiben und mich zu wecken falls Sam sich blicken lässt. Sie tat es nicht. Ich fand ihre Leiche am nächsten Morgen. Der Pfahl, den ich am Vortag so mühsam angespitzt hatte, steckte ihr zur Hälfte in der Kehle. Ihr Kopf war gen Himmel gerichtet, ihre Augen weit aufgerissen. Verdammter Sam. Noch bevor ich mir den letzten übrigen Fisch einverleibte, spitzte ich mir einen neuen Speer. Den aus Marlenes Rachen wollte ich nicht mehr benutzen.

Ich versuchte den Fisch so gut ich konnte zu genießen denn ich wusste, dass er sehr wahrscheinlich meine Henkersmahlzeit sein könnte. Nachdem ich gegessen hatte, zwei der gefüllten Wasserflaschen in einem Rucksack verstaut hatte und mich noch einmal im Gebüsch entleert hatte, machte ich mich auf den Weg um Sam zu suchen. Eine andere Wahl hatte ich nicht. Wenn ich ihn nicht zuerst finden würde, wäre ich in der darauffolgenden Nacht das nächste Opfer geworden. Ich riss mir eine Ecke meines Shirts ab und band es mir um den Kopf, um mich ein wenig vor der Sonne zu schützen. Danach setzte ich mich in Bewegung.

Ich hatte mich dazu entschieden, erst einmal dort nachzusehen, wo wir die Figur und den Altar gefunden hatten. Mein Verstand war der Meinung, das wäre eine gute Idee. Warum genau, wusste ich selbst nicht. Als ich den kleinen Teich erreichte, an dem wir das Wasser geholt hatten, begann ich zu schleichen und wurde aufmerksam. Ich hörte Fresslaute.

Langsam und vorsichtig näherte ich mich einem Felsen, nicht weit von dem Altar und lugte hinter einer seiner Ecken hervor. Da war Sam. Hockte auf dem Altar und verspeiste einen kleinen Affen, dessen Blut den schwarzen Stein befleckte. Angewidert und verstört, versuchte ich mein Frühstück bei mir zu behalten und es nicht hochzuwürgen. Plötzlich hörte ich wie Sam merkwürdige Laute von sich gab. Laute gemischt mit Worten, von denen manche für mich keinen Sinn ergaben. KUD. JA! LECKER. KUD! GIB ES MIR. NEIN! KUD. DOCH. KAR TEP. KUD. AUS! ER IST HIER!

Nach dieser Folge von Sätzen schnellte Sams Kopf herum und seine Augen trafen die meinen. Seine Pupillen waren zu merkwürdigen, unförmigen Schlitzen geworden und die Farbe hatte ein stechendes Gelb angenommen. Hastig sprang er vom Altar herunter und schlich geduckt auf mich zu. Seinen Kopf streckte er dabei zuckend in die Höhe, als würde er fühlen und schnüffeln. Ich packte meinen Speer fester. Kurz vor dem Felsen blieb er stehen und setzte zu einem Hechtsprung an. Sein Sprung war so schnell, dass ich ihn aus den Augen verlor. Ein Zischen ertönte über mir. Sam war auf den Felsen gesprungen und blickte nun spielerisch neugierig auf mich herab. KUD. HOL IHN. JA!

Er stürzte sich auf mich und wir kämpften miteinander. Seine Faust traf mich hart an der linken Schläfe und riss mir das Tuch vom Kopf. Ich taumelte zurück, fand jedoch schnell wieder Halt. Er gab mir nicht viel Zeit mich zu orientieren und setzte zu einem weiteren Sprung an. Ich konnte ausweichen und warf mich auf ihn, griff mir seinen Kopf und schlug ihn so stark ich konnte auf den sandigen Boden. Blut spritzte ihm aus Nase und Mund. Plötzlich traf mich sein Ellenbogen direkt ins rechte Auge und warf mich von ihm herunter. Meine Sicht wurde dunkel. Ich fiel in Ohnmacht.

Als ich später wieder aufwachte, war ich überrascht noch am Leben zu sein. Merkte jedoch gleichzeitig, dass ich mich nicht mehr neben dem Altar befand, sondern in einer kleinen, schmalen Höhle. Die Wände waren beschmiert mit den gleichen Symbolen wie der Altar. In der Mitte eines kleinen Raumes stand ein Holztisch auf dem ein Kelch stand. Sam kniete vor dem Kelch und stammelte seine unwirklichen Laute.

KUD. JA. SEINE KRAFT. IN EWIGKEIT. KUD. LEBEN. JA. TOD. KUD. TRINK. TRINK. TRIIIINK!

Sam griff sich den Becher mit beiden Händen und kam damit auf mich zu. Ich wollte fliehen, merkte jedoch erst in diesem Augenblick, dass meine Hände gefesselt waren und ich an einem Pfahl stand. Als Sam nah genug war, sah ich das der Kelch mit einer roten Flüssigkeit gefüllt war. Ich musste niemanden fragen um zu wissen, dass es sich um Blut handelte. Doch von wem? War es Sams Blut? Oder war es älter? Spielt ebenfalls keine Rolle mehr. Sam flößte mir die warme, rote Flüssigkeit gewaltsam ein. Ich spürte wie sie meine Kehle hinablief und meinen Magen mit Hitze füllte. Plötzlich, löste Sam die Fesseln und ließ mich herunter. Kraftlos sank ich auf die Knie und hustete stark. Der metallische Geschmack des Blutes in meinem Mund verflüchtigte sich langsam. Ich sah, dass mein Speer neben dem Tisch lag, auf dem der Kelch gestanden hatte.

Ich fragte Sam was los sei. Er antwortete mir nicht. Er stammelte weiter sein Kauderwelsch und beachtete mich nicht weiter. Plötzlich durchfloss Kälte meine Venen. Mein Körper wurde kalt und ich spürte wie ein eisiges Gefühl von meinem Herzen hinauf in mein Gehirn strömte. Ich dachte ich würde sterben. Bevor ich zusammenbrach, sah ich wie Sam meinen Speer aufhob. Er kniete sich hin, schrie ein paar seiner unbekannten Worte und rammte ihn sich ins Herz. Kurz darauf wurde ich ohnmächtig.

Und jetzt sitze ich hier. Denke über meine Zeit auf dieser Insel nach. Denke an Paul, Marlene und Sam. All die anderen toten Passagiere von Flug 914. Die hübsche Stewardess, die mich so schön angelächelt hat, als sie mir meinen Drink brachte. Und ich denke an KUD. Der mein Leben gerettet hat. Nachdem ich in der Höhle zu mir gekommen war, ging ich wieder zum Strand und habe mich hier hingesetzt. Es dauerte keine ganze Stunde bis ein Schiff am Horizont auftauchte und Kurs auf mich nahm. Ich werde gleich gerettet. Diese Zeilen habe ich in einem alten Notizbuch verewigt, welches ich nun auf Pauls Grab liegen lassen werde. Nur für den Fall, dass jemand diese Zeilen lesen sollte: Bleib dem Inselinneren fern. Es gibt nichts mehr zu holen. Du wirst die Höhle finden. Du wirst den Altar finden. Du wirst Sam, den Tisch, den Kelch finden. Aber du wirst nicht KUD finden. Er kommt mit mir.

 

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