DER ANRUFER – ALEXANDER WOLF

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

„Ich legte mich nieder und schlief ein. Ich fürchte nicht die vielen tausend Krieger, die mich von allen Seiten umstellen. Rette mich, mein Gott! Denn du zerschlägst meinen Feinden den Kiefer, zerschmetterst der Gottlosen Zähne. Dein Segen sei auf deinem Volk!“

 

Psalm 3, 5-9

Die Bibel – Altes Testament

Evangelische Einheitsübersetzung  1980

 

 

 

 

EINS

Meine trägen und versoffenen Gedanken krochen aus meinem Hirn, bis sie einen Platz in meinem pochenden Schädel fanden.

Nach Schlaf suchend, wälzte ich mich in meinem Bett herum und entdeckte neben mir, durch meine halb geöffneten Augenlider, einen nackten Frauenkörper.

 

Er lag auf der Seite. Der Mondschein hinterließ durch die halb heruntergelassenen Jalousien ein zartes Streifenmuster auf ihrem entblößten Rücken.

Abwärts der Hüfte war ihr Körper mit meiner dünnen Sommerdecke bedeckt. Die sich abzeichnende Silhouette ließ schöne, weibliche Rundungen vermuten.

Ihr blondes Haar schien in goldenem Glanz und fiel über ihrer zarten Schulter auf das Bett.

Wer war sie?!

Ich fing an, zu schwitzen. Jede Pore meines Körpers stank nach Restalkohol. Meine Zunge klebte am Gaumen. Alles in meinem staubtrockenen Mund zog sich zusammen. Meine Lippen rissen auseinander als ich versuchte, genügend Spuke zu sammeln, um damit den Mund zu öffnen.

Wer war diese Frau?!

Gedankenfetzen in meinem versoffenen Hirn krochen zusammen und ergaben ein Bild: Eine Feier mit meiner alten Abschlussklasse aus den 90er Jahren – die unbekannte Frau mit der ich flirtete – eine alte Schulkameradin? Doch, wie war ihr Name?

 

Wir gingen zu mir nach Hause. Hatten Sex. Alkohol-getränkten Sex. Willenlos und schmutzig. Blutig.

     Ich erinnerte mich, dass ich mich danach in der Toilette übergeben habe. War anscheinend die körperliche Anstrengung nicht mehr gewöhnt.

 

Ein Blick auf dem Handy zeigte mir, wie viel Uhr es war: 3:22.

Viel zu früh, um Klamotten anzuziehen und aus der Wohnung zu fliehen. Mein Schädel brummte.

Die Frau neben mir schlief. Beim Versuch aufzustehen, um ins Bad zu gehen, torkelte ich.

Die Welt um mich herum fing an, sich zudrehen. Mein Schädel schien zu explodieren. Durch meine Augen fuhren tausend kleine Nadelstiche. Schwindel.

Das Mondlicht ließ einen Schatten an der Wand über dem Bett tanzen. Ich schloss meine Augenlider. Blitze erzeugten bunte Lichte vor meinem inneren Auge.

Als ich sie wieder öffnete, sah ich, wie sich der Schatten an der Wand zu einer Hand formte. Ich schloss erneut meine Augen, um sie gleich wieder zu öffnen.

Die Hand hielt ein Messer. Blitzartig schoss sie nach unten und verschwand über dem Kopfende der unbekannten Schönheit.

Als ich wieder zur Wand schaute, war der Schatten verschwunden.

 

Scheiß Alkohol! Scheiß optische Täuschungen!

     Immer noch benommen von meiner Halluzination, saß ich auf der Bettkante.

Mein Magen schmerzte und meine Kopfschmerzen wurden unerträglich. Ich wollte gerade aufstehen, um mir im Badezimmer eine Kopfschmerztablette zu holen, als eine kalte Hand mich an meiner linken Schulter packte und mich zusammenfahren ließ.

Die Finger krallten sich in mein Fleisch. Panisch schlug ich danach. Meine Hand klatschte auf meine nackte Schulter. Als ich mich umsah, war niemand da. Nur die unbekannte Schönheit schlief in meinem Bett.

 

     Scheiß Alkohol! Ich fühlte mich aufgefressen und ausgekotzt.

 

Im Bad angekommen, ließ ich kaltes Wasser in meine Hände laufen und bespritzte damit mein Gesicht. Das kalte Nass weckte meine Lebensgeister und der Kopfschmerz schoss in meine Schläfen.

Die Erkenntnis, dass dies vorübergehen würde, beruhigte mich ein wenig. Trotzdem schien der Schmerz unerträglich.

Nachdem ich mein Gesicht abgetrocknet hatte,  öffnete ich die Spiegeltür des Badezimmerschranks. Zwischen den verschiedenen Tabletten, die ich besaß, fand ich eine Packung Ibuprofen 800.

Eine Dosierung, die ich zur Bekämpfung meiner Rückenschmerzen verschrieben bekommen habe.

Bei jedem Kontrolltermin stellte mir der Arzt ein erneutes Rezept aus. Das alleinige Erwähnen meiner Schmerzen und die Linderung durch die Tabletten reichte aus, um eine weitere Großpackung verschrieben zu bekommen.

Somit hatte ich immer genug Schmerztabletten im Haus. Tabletten, die ich jedoch immer häufiger gegen meine Alkoholkopfschmerzen nahm.

Alkohol wurde zu meiner Erlösung und half mir, die Vergangenheit und meine bösen Geister zu verdrängen. Die beste Therapie!

Mein damaliger Psychotherapeut war unfähig, eine Beziehung zu mir aufzubauen. Er wollte, dass ich meine Erlebnisse immer wieder erzählte. Immer wieder aufs Neue.

Was sollte das? Ich wollte vergessen! Ich wollte verdrängen! Ich wollte die schrecklichen Bilder aus meinem Kopf verbannen, aber er zwang mich immer wieder aufs neue das Erlebte, aus meinem Geist hervor zu holen:

 

Ein Unfall mit meiner damaligen Freundin. Wir stritten – wiedereinmal. Es ging um belangloses Zeug. Eigentlich wollte ich schon lange Schluss machen, aber für diesen Schritt fehlte mir immer der Mut. Außerdem hatte ich aktuell keine neue Freundin in Aussicht, also ertrug ich ihre Stimmungsschwankungen.

     Wir fuhren zu meinen Eltern. Auf der Autobahn fing sie plötzlich an, meinen Fahrstil zu kritisieren.

     Unentwegt nörgelte sie herum und brachte mich in Rage. Ich kochte vor Wut und verlor die Kontrolle.

     Im nächsten Augenblick schoss Blut aus ihrer Nase, wie ein nie versiegender Strom. Meine Hand schmerzte und war blutverschmiert. Aber, ich genoss diesen Schlag in ihre Fresse! Endlich! Sie brüllte vor Schmerzen. Und obwohl sie sich mit beiden Händen die Nase zuhielt, schaffte sie es trotzdem, mich in meinen Unterarm zu beißen. Ich verriss das Lenkrad und im nächsten Augenblick sah ich das Heckteil eines Lkws an der Stelle, wo vorher meine Freundin saß.

     Mein Gesicht schlug in den aufgehenden Airbag ein.

     Es roch nach Scheiße und Urin. Der Körper meiner Freundin wurde auf die Rückbank geschleudert – er war ab der Hüfte abgerissen. Sie starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an.

     Ich sah eine Chance endlich mit ihr Schluss zu machen. Denn sie war Tod.

 

     Und dann passierte etwas, das ich niemanden erzählen konnte, denn es würde mir niemand glauben:

     In Schockstarre und panischer Angst vor dem Tod, erblickte ich auf dem Beifahrersitz im Auto eine konturlose, schattenhafte Gestalt. Es sprach zu mir. „Brauchst du meine Hilfe?“

     Ich konnte nicht antworten! Zu tief war der Schock, zu groß die Angst, hier und jetzt zu sterben. Ein Röcheln kam aus meiner Kehle.

     „Ich interpretiere das als Ja. Dann wirst du aus dem Autowrack gerettet. Und merke dir: Ich werde deine Hand führen, gegen all diejenigen, die dich verletzen wollen. Frevler, die dich beleidigen und gegen die sündhaften Frauen! Denn sie brachten Schande über die Menschheit. Wenn sie dich verletzen, verletzen sie auch mich! Denn du bist ein Auserwählter. Ein Auserwählter, von dem allmächtigen Gott, Deinem Herr!“

 

Ich blieb alleine im Autowrack zurück und wurde gerettet.

 

Seit dem tragischen Unfalltod meiner Freundin wachte ich Nacht für Nacht auf und die Bilder schossen in meinen Kopf.

Unfähig, mit der Situation und meinen Schuldgefühlen klar zu kommen. Machtlosigkeit. Hilflosigkeit.

Eine Konfrontationstherapie brachte keinen Erfolg. Im Gegenteil: Meine Gedanken krallten sich immer tiefer in mein Unterbewusstsein fest und suchten mich im Schlaf heim.

Mein damaliger Therapeut, Aelmich Rihme[1], angeblich eine Koryphäe in seinem Fach, verschwendete nur seine Zeit mit mir.

 

Seit dem Unfall konnte ich kein Auto mehr fahren. Ich hatte panische Angst, dass mir das gleiche Schicksal widerfuhr und ich noch einmal diese Offenbarung erlebte.

Mein Therapeut behauptete, dass meine seelischen Schmerzen irgendwann körperlich zum Ausdruck kommen werden.

     Meine Rückenschmerzen zeigten mir, dass er Recht behielt.

Mein gebrochener Arm war wieder komplett einsatzbereit, nicht zuletzt mithilfe einer Schraube, die sie mir im Krankenhaus eingesetzt haben.

Ansonsten behielt ich keine körperlichen Schäden zurück – zumindest konnte nichts gefunden werden.

 

Über die Zeit akzeptierte ich diese angeblichen Phantomschmerzen im Rücken. Wenn ich diese mit  genügend Alkohol betäuben wollte, befielen mich jedoch regelmäßig Kopfschmerzen. Wahrscheinlich fanden dann meine seelischen Schmerzen ebenso in meinem Kopf ein Ventil.

 

Der fehlende Schlaf durch das regelmäßige Aufwachen in der Nacht schlug sich ebenfalls auf meine körperliche und psychische Verfassung nieder. Nach drei Monaten konnte ich meine Arbeit als Zimmermann nicht mehr ausführen und wurde krankgeschrieben bis zur Berufsunfähigkeit.

Meine Nutzlosigkeit, die durch die drohende Arbeitslosigkeit verstärkt wurde, ließ mich verzweifeln.

Hass und Wut setzte sich in mir fest! Hass, weil dieses verdammte Weibsbild mein Leben zerstörte! Und Wut, weil ich keine Gelegenheit mehr bekam, mich an ihr zu rächen!

 

Schlaftabletten, die mir endlich erholsamen  Schlaf bringen sollten, verstärkten nur noch meine intensiven Träume.

Ich erkannte nicht mehr, was der Realität entsprang und was nur ein Traum war.

Ich schlief zwar durch, aber gepeinigt durch nicht enden wollende Albträume, griff ich immer öfter zum Alkohol. Doch Alkohol in Kombination mit  Schlaftabletten verursachte heftigste Kopfschmerzen, die mir erneut den Schlaf raubten. Ein Teufelskreis!

 

Noch immer im Badezimmer nahm ich eine Ibuprofen 800 aus der Verpackung und schluckte sie mit kalten Wasser herunter.

Ich schloss die Spiegeltür und fuhr zusammen: Hinter mir stand die unbekannte Schönheit und schaute mich im Spiegel an. Ein erschreckender Schrei entfuhr meiner Kehle.

„Du hast mich aber erschreckt.“, sagte ich zu ihr im Spiegel.“

Sie schaute mich aus ihren schönen Augen an und lächelte.

„Habe ich dich geweckt?“, fragte ich, noch immer in den Spiegel schauend.

Wortlos drehte sie sich um und ging aus dem Badezimmer.

Im kleinen Spiegelschrank sah ich ihre Rückansicht nur bis zur Hüfte.

Also drehte ich mich herum, um einen Blick auf ihren nackten Hintern zu erhaschen. Aber sie war schon verschwunden.

 

Ich schaltete das Licht im Badezimmer aus und ging zurück ins Schlafzimmer.

Sie lag schon wieder im Bett. In der gleichen Position, wie eben. Als hätte sie sich nie bewegt.

Meine Schläfen pochten immer noch. Der starke Schmerz zog sich jedoch langsam zurück und wurde dumpfer.

Im Bett angekommen überlegte ich, ob ich sie nochmal ansprechen sollte. Gedanken schossen in mein Kopf: Sie auf mir. Sie vor mir auf allen Vieren. Ihr Kopf zwischen meine Lenden.

Aber der Schwindel und mein verschwitzter und stinkender Körper, ließen keine sexuelle Lust aufkommen.

Ich bettete meinen pochenden Schädel auf das Kissen und schloss die Augen.

 

Eine penetrante und schrille Melodie meines Handys ließ mich aus meinem Dämmerschlaf hochschrecken. Eine unbekannte Melodie, die ich nicht kannte und auch nicht eingestellt hatte, drang in mein Ohr und kratzten an mein Trommelfell.

Das Handy klingelte in einer unerträglichen Lautstärke. Immer lauter. Schriller. Nervtötender.

Meine Hand tastete auf dem Nachttisch nach dem Gerät. Die Melodie verstärkte meine immer noch vorhandenen Kopfschmerzen.

Ich nahm mein Handy und schaut zuerst auf das Display: 3:56 Uhr.

     „Verfluchte Scheiße! Welcher Spinner ruft mich mitten in der Nacht an?“

Ich erfuhr es nicht, denn die Melodie verstummte. Das Handy erstarb.

Ich blickte auf die andere Bettseite. Die unbekannte Schönheit lag immer noch reglos und friedlich in meinem Bett. Sie schien von all dem nichts mitbekommen zu haben.

Langsam döste ich wieder ein.

 

Mein unruhige Schlaf wurde erneut durch die schreckliche Melodie zerrissen.

Schlaftrunken nahm ich mein Handy vom Nachttisch und erkannte eine Festnetznummer auf dem Display.

Ich wischte zum Annehmen des Gesprächs über den grünen Hörer.

„Wer ist da?“, raunte ich. Leise, um die Frau in meinem Bett nicht aufzuwecken, aber immer noch laut genug, um meinen Ärger über den nächtlichen Anruf Luft zu machen.

„Ich habe keine Lust mehr. Und ich habe richtig Scheiße gebaut.“, sagte eine kratzige Stimme durch das Telefon.

Nervös und hektisch. Was sollte ich darauf antworten? Ich hatte genug eigene Probleme und keine Lust auf diese Scheiße.

„Beruhige dich erst Mal.“ Erwiderte ich.

     „Ich kann mich nicht beruhigen. Ich habe Angst.“

     „Vor was hast du Angst?“, fragte ich ihn.

     „Ich will nicht bestraft werden. Ich will nicht ins Gefängnis.“

     „Warum solltest du denn ins Gefängnis kommen?“, das Gespräch verwirrte mich.

     „Wer bist du? Es ist mitten in der Nacht und ich habe Kopfschmerzen und zu wenig geschlafen.“

Leise und immer noch benommen stand ich auf und ging mit dem Handy ins Bad. Ich wollte sie in Ruhe schlafen lassen und so schnell es geht, diesen Spinner abwimmeln.

„Ich sag dir meinen Namen nicht. Das ist nur ein Trick. Wenn ich dir meinen Namen sage, hetzt du die Bullen auf mich.“, schrie er verängstigt ins Telefon, so laut, dass ich das Handy vom Ohr nahm.

„Beruhige dich. Du hast mich auf dem Handy angerufen. Erstens kenne ich dich nicht und zweitens weiß ich gar nicht, wo du bist!“.

Stille am anderen Ende.

     „Aber, wenn du mir nicht sagst, was du von mir willst, lege ich sofort auf.“

„Ok, Ok. Du hast ja recht. Ich bin kopflos, weil hier überall Blut ist.“

„Warum ist bei dir alles voller Blut? Bist du verletzt? Dann ruf einen Krankenwagen.“

„Es ist nicht mein Blut.“, sagte er kühl und ruhig. Eine Überheblichkeit setzte sich in seine Stimme, die vorher verängstigt klang. Blut rauschte durch meinen Kopf. Die Kopfschmerzen verschwanden und Adrenalin wurde in meinen Körper gepumpt.

„Was soll das heißen? Bist du an einem Unfall beteiligt oder was ist los?“ Angst bemächtigte sich meiner Seele.

     „Ich glaube, ich lege jetzt auf. Du kannst mir sowieso nicht helfen.“

„Nein, lege bloß nicht auf. Ich will dir ja helfen, aber du musst mir sagen, wie ich es soll. Wo bist du?“

     „Ich habe dir gesagt, dass ich dir das nicht sage. Hörst du mir nicht zu? Ich will nicht in den Knast.“, zischte er.

„Ich will dir nur helfen! Meinetwegen musst du nicht in den Knast und die Bullen rufe ich auch nicht an. Außerdem hast du MICH angerufen, also sag, was du jetzt willst. Von wem ist das Blut?!“

Ich erinnerte mich, dass ich auf dem Display vorhin eine Festnetznummer erkannte. Der Anrufer befand sich also in einer Wohnung oder in einem Haus!

„Es ist das Blut von einer Frau. Sie liegt im Bett und das Blut fließt immer noch unaufhörlich. Ich weiß nicht was ich tun soll.“

     „Warum rufst du keinen Krankenwagen?! Lebt sie noch?! Und warum hast du MEINE Nummer gewählt?! Woher hast du sie?“, ich wurde hysterisch.

„Bist du unfähig die deutsche Sprache zu verstehen? Ich will nicht in den Knast! Ich will nicht bestraft werden! Verstehst du nichts? Ich habe sie umgebracht und jetzt blutet sie mir das komplette Bett voll. Diese scheiß Schlampe, versaut mir alles mit ihrem Hurenblut.“

Mit dem Handy am Ohr blickte ich in den Spiegel. Mein Gesicht war blass. Die Augen weit aufgerissen. Ich verstand nicht, was hier passierte. Was sollte ich tun? Die Polizei anrufen?

Dazu musste ich zu meinem Festnetztelefon gelangen und den Irren am Telefon festhalten, damit ich heimlich die Polizei verständigen konnte.

Mein Magen füllte sich voller Angst und Übelkeit überkam mich.

„Hör mir zu. Vielleicht ist es noch nicht zu spät! Wenn du der Frau hilfst, kann ein Anwalt dir helfen, aus der Misere raus zu kommen. Aber wenn du sie jetzt verbluten lässt, ist es MORD!“, versuchte ich ihn zu überzeugen.

     „Vergiss es, sie hat es verdient, diese scheiß Schlampe.“

 

Im Spiegel hinter mir erschien plötzlich die unbekannte Schöne. Sie stierte mich durch den Spiegel mit starren Augen an. Ihr Blick schien mich töten zu wollen.

Ihr Mund öffnete sich und sie brüllten mich an. Ihre blauen Augen verwandelten sich in schwarze Löcher.

Sie stürmte voller Hass auf mich zu. Ihre Hände packten mich von hinten am Hals und drückten erbarmungslos zu.

Ich hatte keine Zeit mich herumzudrehen und sie mit den Armen abzuwehren. Mein Kopf schlug so hart gegen den Spiegel, dass dieser in kleine Stücke zersplitterte.

Mein Handy fiel auf den Boden. Ich versuchte, mit meinen Händen den Griff um meinen Hals zu lösen.

Keine Chance! Hände wie ein Schraubstock zerquetschten meinen Hals. Ich rang nach Luft! Das Letzte, was ich in den Spiegelfetzen sah, war ihre hässliche Fratze, die sich langsam in das Gesicht meiner Freundin verwandelte. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie mich an.

Dann löste sie sich im Nichts auf.

 

Die hässliche Melodie erklang.

Ich riss den Kopf hoch. Die Bilder aus dem Badezimmer verblassten vor meinen Augen. Hatte ich geträumt?

Mein Griff ging zum Telefon. Der Unbekannten am anderen Ende der Leitung zischte mich an:

„Ich dachte, du wolltest mir helfen?“ Verstört blickte ich mich im Bett um und sah die unbekannte Schönheit neben mir schlafen. Unbeweglich und friedlich.

Erneut stand ich auf und ging ins Bad. Der Spiegel war zersprungen und Blutflecken haftetet daran. An meiner Stirn erkannte ich eine Wunde.

In welchem schrecklichen Traum befand ich mich?! Ein Traum im Traum?!

„Was willst du?“ , fragte ich ungeduldig. Ich hatte auf seine Spielchen keine Lust mehr!

„Ich glaube, du benötigst JETZT meine Hilfe?“, spottete er.

Meinen Plan, ihn am Telefon festzuhalten und mit dem Festnetztelefon gleichzeitig die Polizei anzurufen, musste ich in die Tat umsetzen.

Ich ging aus dem Bad, durch den Flur bis ins Wohnzimmer. Wollte das schnurlos Telefon greifen, aber es befand sich nicht an seinem Platz!

Verflucht!

„Wieso sollte ich DEINE Hilfe brauchen?!“

Wo war das verfluchte Telefon? Ich ging in die Küche und nahm die Nebenstation in die Hand.

„Ich brauche keine Hilfe. Mir genügt Schlaf und wenn ich jetzt meine Ruhe bekommen könnte, wäre ich zufrieden. Also sage mir: WAS WILLST DU?“

     „Ich glaube, ich brauche keine Hilfe mehr. Die Frau hat aufgehört zu bluten. Und weil du mir nicht helfen konntest, lege ich jetzt auf.“

„Nein!“, brüllte ich ihn an. „Ich brauche DOCH deine Hilfe.“, versuchte ich ihn, am Telefon zu halten.

Der Schlüssel für meine Befreiung wurde die angezeigte Festnetznummer. Vielleicht konnte die Polizei dadurch den Mörder dingfest machen und die  blutende Frau doch noch retten?

Der Anrufer schien meine Gedanken zu erraten.

„Hast du schon nach der Festnetznummer auf deinem Handy geschaut?“

„Was meinst du?“ Ich stellte mich dumm. Fand in der Küche einen Zettel und notierte mir schnell die Festnetznummer, die angezeigt wurde. Bingo!

     „Na du wirst doch schon nach der Nummer geschaut haben, um zu sehen, wer dich anruft?“

„Nein habe ich nicht.“ Log ich.

Ich tippte schnell die 110 in mein Telefon und drückte die Wahltaste. Es ging jedoch kein Ruf raus.

Die Leitung war tot. Verdammt, was sollte das? Warum funktionierte das Telefon nicht?!

Die Stimme am Telefon lachte mich aus. Ein hämisches und bösartiges Lachen, das aus allen Richtungen kam. Ein Echo, das im ganzen Haus zu hören war.

Panisch beendete ich die Verbindung am Handy. Das Festnetztelefon zeigte ein Freizeichen und ich wählte mit zittrigen Fingern erneut die 110.

Eine weibliche Stimme meldet sich. Ich schilderte ihr, was geschehen war. Sie verstand und protokollierte alles.

Anschließend fragte sie nach der Telefonnummer, die mich anrief. Ich gab die Nummer durch.

Stille am anderen Ende.

Die Polizistin sprach wieder. „Ich benötige die Telefonnummer, die SIE angerufen hat.“

„Ok, soll ich sie ihnen noch mal durchgeben? Zum Datenabgleich.“

     „Nein, das ist nicht nötig. Die Nummer, die sie mir durch gegeben haben, ist die, mit der sie mich gerade anrufen. Ich benötige die Nummer von dem Anrufer, der sie belästigt hat.“

Eiswasser flutete meinen Körper. Mir wurde schlecht. Meine Beine fingen an, zu zittern.

Das Telefon entglitt meinen Finger und fiel mit einem lauten Knall auf den Küchenfußboden.

 

Es klingelte erneut. Die Vibrationen ließen mein Handy auf dem Fußboden hin und her wandern.  Ich erkannte meine eigene Festnetznummer auf dem Display. Hob das Telefon vom Boden auf und ging ran.

„Ich habe dir doch gesagt, dass du jetzt meine Hilfe benötigst.“ zischte die Stimme diabolisch. „Und ich habe dir gesagt, dass die Frau aufgehört hat, zu bluten.“

Wie ferngesteuert ging ich mit dem Handy in der Hand zurück in mein Schlafzimmer.

Ich wollte nach der schlafenden Schönheit schauen. Sie war nicht mehr da!

Da, wo sie lag, erstreckte sich eine riesige Blutlache. An der Wand befanden sich große dunkle Blutflecken, die vom Mondlicht hell beschienen wurden.

Vor dem Bett erstreckte sich eine blutige Spur Richtung Badezimmer.

Immer noch mit dem Handy am Ohr folgte ich der Spur ins Bad.

Während dessen pfiff der Anrufer eine fröhliche Melodie in mein Handy.

Jeder Schritt wurde schwerer. Schweiß stand mir auf der Stirn. Mein Kopf pochte.

Langsam schaute ich durch die geöffnete Badezimmertür: In der Badewanne lagen die abgetrennten Gliedmaßen und der zerstückelte Torso der Frau. Ihr Kopf lag im Waschbecken. Ihre blutverschmierten Haare klebten im Gesicht. Sie glotzte mich aus toten Augen an!

Ein Schlachtfeld!

 

„Schau in den Spiegel.“, drängte mich der unbekannte Anrufer.

Mein Blick wanderte von der Geköpften zum zersprungenen Badezimmerspiegel.

Ich sah mich, wie meine Lippen sich zu den Worten bewegten, die aus meinem Handy drangen:

Ich hörte meine Stimme sagen:

„Ich möchte nicht bestraft werden. Ich will nicht in den Knast! Aber die Schlampe hat es verdient. Eine Hure!“

 

Ein lautes Klopfen an der Tür ließ mich zusammenfahren.

 

Ich erwachte schweißgebadet in meinem Bett.

Was war das nur für ein Traum? Oder war es Realität? Ich schaute auf das Handy, auf meinem Nachttisch: 4:10.

Die unbekannte Schönheit lag immer noch mit dem Rücken zu mir.

Durch das Einschalten der Nachttischlampe, erstrahlte das Schlafzimmer in einem verworrenen Licht.

Ich griff zu der Frau herüber, nahm ihre Schulter und rüttelte daran. Sie sollte endlich aufwachen! Ich benötigte jetzt und hier ihre Hilfe! Alleine aus der Situation zu entkommen, schien mir unmöglich.

Meine Finger, die nach ihrer Schulter griffen, blieben an einer zähen Flüssigkeit kleben. Ich drehte sie mit einem Ruck herum und sah ihre weit aufgerissen Augen und einen offenen, verzerrten Mund, in dem sich abgebrochene Zahnreste befanden.

Quer durch ihren Hals zog sich eine klaffende Wunde, aus der noch Blutreste tropften. Das komplette Bett und das Kopfkissen trieften in einem dunklen Rot. Es stank nach Blut.

Ein markerschütternder Schrei löste sich tief aus meinem Inneren und mein Körper machte einen Satz nach hinten. Ich fiel aus dem Bett. Wollt aufstehen und wegrennen, doch meine Beine versagten.

Ich rutschte auf dem Boden, immer die Leiche im Blick, bis ich an die Wand stieß.

Ich brüllte und schrie, weil ich endlich aus diesem Albtraum erwachen wollte.

Keine Chance. Mein Körper knüllte sich zusammen. Ich zog meine Knie fest an meinen Brustkorb, presste meine Hände auf die Ohren und drückte mein Gesicht auf die Knie.

„Bitte helft mir! Ich brauche Hilfe!“

Schritte. Schleppende Schritte. Ein Bein wurde nachgezogen. Es kam näher. Blut tropfte auf meinen Körper.

     „Ist es das, was du wolltest? Du Scheißkerl!“, röchelnde Laute drangen aus einer Kehle.

     „Du hast mich aufgeschlitzt, nach dem du mich gefickt hast.“

Starr vor Angst öffnete ich die Augen.  Blutverschmierte Füße und Beine. Mein Blick wanderte nach oben. Vor mir stand die unbekannte Schönheit.

Ich blickte über ihren nackten Körper und blieb an der klaffenden Wunde an ihrem Hals hängen.

Sie röchelte und ihr toter, bösartiger Blick haftete auf mir. Sie schlug mit ihren Händen auf mich ein und brüllte. Aus ihrer Halswunde tropfte Blut. Panisch trat ich mit meinen Beinen ihre Füße weg. Sie stürzte rückwärts auf das Bett.

 

Auf meinem Nachtisch begann das Handy zu klingeln. Mit ihrer blutigen Hand griff sie nach dem Gerät und warf es nach mir. Es knallte an meinen Kopf. Ich sah für einen kurzen Moment Sterne.

Nahm das Gespräch an und schrie: „WAS SOLL DAS? Bitte erlöse mich. Höre mit dem Spielchen auf. Ich gebe auf!“ Meine Stimme überschlug sich.

Ein Lachen am anderen Ende.

„Brauchst du JETZT meine Hilfe?“, fragte mich der unbekannte Anrufer, voller Hohn.

     „Ja, ich brauche deine Hilfe! BITTE HILF MIR!“

„Dann flieh aus deiner Wohnung, hier kann ich dir nicht helfen!“.

     „Aber ich habe nur eine Unterhose an.“ Flehte ich ihn an, er möge mir eine andere Lösung anbieten.

     „Ich helfe dir nach meinen Bedingungen und jetzt hau aus der Wohnung ab!“

Ich rappelte mich auf, stürmte aus der Wohnung und schlug die Tür hinter mir zu.

     „Ich bin draußen, was jetzt?“

Ein lautes, kehliges und bösartiges Lachen drang aus dem Flur und dann wurde die Verbindung beendet.

 

Im dunklen Flur suchte ich nach dem Lichtschalter. Nachdem ich ihn gefunden hatte und der Flur hell erleuchtet wurde, befand ich mich in der nächsten Stufe meines Albtraumes: Zwei Mädchen in gelb, geblümten Kleidern standen vor mir. Zwillinge. Dunkle Haare zu Zöpfen geflochten.

Jedes hatte einen roten Luftballon in der Hand. Sie blickten mich böse an. Ihre riesengroßen Münder zu einem diabolischen Grinsen verzerrt.

„Du hast unsere Schwester ermordet. Du hast unsere Schwester ermordet. DU HAST UNSERE SCHWESTER ERMORDET!“ Brüllten sie im Chor auf mich ein.

 

Ich wirbelte herum und rannte immer weiter den Flur entlang. Doch er nahm kein Ende. Ich rannte immer weiter und flehte um Erlösung, endlich aufwachen zu dürfen. Aber meine Bitte wurde nicht erhört.

Plötzlich wurde vor mir eine Tür aufgerissen und ein Bein ragte in den Flur. Ich stolperte.

Mein Körper schlug hart auf dem Boden auf. Eine Stimme brüllte: „Hier ist Johnny. Ich komme und hole dich!“

Eine riesige, dunkle Gestalt kam aus der Tür und schaute mit einem wahnsinnigen Blick auf mich herab.

Er hielt eine Axt in der Hand, die er hinter sich herzog. Seine Augen, unnatürlich verdreht, blickten nach oben. Sein Kopf war nach unten geneigt, sein Kinn berührte den Brustkorb. Lautes Atmen. Schlurfende Schritte, die näher kamen.

 

Mein Körper sprang auf! Panisch floh ich in das Treppenhaus. Stolperte die Stufen hinunter.

Aus dem Augenwinkel erkannt ich, dass die Gestalt ebenfalls rannte. Die Axt in seiner Hand polterte auf jede einzelne Stufe, seine schweren, Schritte drangen in mein Ohr. Er krächzte: Nur Arbeit und kein Spielen macht Johnny zu einem gelangweilten Jungen!“

Ich rannte immer weiter hinunter. Geräusche drangen durch das Treppenhaus.

Endlich unten angekommen, sah ich eine Tür, die angelehnt war. Auf der Tür stand die Zahl 2519[2].

Ich stürmte hinein und verriegelte die Tür hinter mir.

Ein Licht ging automatisch an.

Ich stand vor einem riesengroßen Spiegel und sah mich: Auf meiner Brust stand in großen, roten Buchstaben: REDRUM.

In meiner rechten Hand hielt ich plötzlich ein Fleischermesser. Das Handy war verschwunden.

 

Plötzlich verschwand mein Spiegelbild und die unbekannte Schönheit stand mit ihrem perfekten und makellosen Körper vor mir.

Sie lächelte mich verführerisch an. Hob ihre Hand und wollte sie mir reichen. Sie forderte mich auf, ihr zu folgen.

Unsere Hände berührten sich im Spiegel. Ein Kribbeln zog sich durch meine Lenden. Eine Wärme, die aus meinem Inneren kam und mich glücklich machte. Ich freute mich auf ihren Körper, wollte ihre Zärtlichkeit spüren, mich ihr hingeben. Ihr Gesicht zeigte Freude und Verlangen.

Aus dem Nichts erschien im Spiegel eine große Männerhand mit einem Messer. Sie schnitt eine tiefe Wunde von links nach rechts durch den Hals der Frau.

Das Blut strömte aus dem Spiegel auf mich zu. Es spritze und flutete in den Raum. Ich drohte, zu ertrinken.

Eine Axt schlug gegen die Tür.

Einmal.

Zweimal.

Dreimal.

Die Tür splitterte.

Erneut wurde gegen die Tür gehauen.

TOCK. TOCK. TOCK. „Polizei! Aufmachen!“

 

Ich wurde aus dem Schlaf gerissen. Mein Bett war voller Blut.

Eine tote Frau lag neben mir. Mit dem Messer in der Hand, ging ich auf die Haustür zu, um dieses Problem ebenfalls zu lösen.

Denn ich bin ein Auserwählter, des Allmächtigen. Ich erhebe meine Hand gegen alle Frevler und Ungläubigen, denn ich bin der Herr, dein Gott.

 

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