DER AUSFLUG – ROB BLACKLAND

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

Marcus lenkt sein Motorrad über die kurvige Piste, durch das wunderschöne Tal des Naturparks Steinwald.

Dieser Tag gehört ihm allein. Am frühen Morgen ist er aufgebrochen, um so viel Zeit wie möglich auf dem Motorrad zu verbringen.

Die Wetterprognose für den heutigen Tag ist mehr als positiv. Sie meldeten bis zu fünfundzwanzig Grad und uneingeschränkten Sonnenschein. Ein schöner Augusttag und ideal für eine Motorradtour.

Während er die Straße entlang fährt und die Natur an sich vorüberfliegen lässt, denkt er an Zuhause. Dort wo seine Frau und sein Kind ist. In einem kleinen Neubau inmitten vieler andere Neubauten. Familie an Familie, gepresst in ein Baugebiet, das vor drei Jahren neu erschlossen wurde.

Nach all dem Stress der letzten Zeit, freut er sich endlich mal allein zu sein. Keine nörgelnde Frau, der die Mutterhormone den Geist, wie auch ihren Körper missgebildet haben und kein schreiendes Kind, das einem zu keiner Zeit in Ruhe lässt.

Warum hat er sich darauf nur eingelassen? Nun, seine Frau war einmal ein ganz anderer Mensch. Ausgelassen, locker und aufgeschlossen. Seit sie dem Kinderwahn zum Opfer gefallen ist, hat sie sich verändert. Die einst so ausgeflippte junge Frau wurde zum Muttermonster. Haushalt und Kind steht nun für sie an oberster Stelle.

Für ihn ist klar, dass dies natürlich einen großen Teil ihres Lebens ausmacht, aber es ist doch noch lange nicht alles. Als er seine Tochter das erste Mal in den Armen gehalten hat, dann hatte er auch unglaubliche Glücksgefühle. Er liebt sie über alles, nur was seine Frau angeht, stimmt vieles nicht mehr. Die Frau, in die er sich einmal so verliebt hatte, war schlicht und ergreifend verschwunden. Schon als sie schwanger wurde, verhielt sie sich plötzlich so abartig. Es fing schon an, als sie das Kinderzimmer einrichteten. Alles pink und lila und dermaßen von Kitsch und Unsinnigkeiten vollgestopft, dass womöglich das Kind irgendwann einmal einen Schaden davonträgt. Womöglich sieht er das alles etwas zu extrem, aber was Mathilda einst für Ansichten hatte und diese sich nun so veränderten, machte ihm Sorgen. Dann schnitt sie sich eines Tages ihre wunderschönen blonden langen Haare ab. Was herauskam war für Marcus mehr als erschreckend. Vor sich sah er eine nach außen hin alte Frau, die sich nicht mehr viel von all den anderen Hausfrauen unterschied, die ihre hässlichen Kinderwägen täglich an ihrem Haus vorbeischieben.

Auch begann sie viel zu reden und zwar unnötige Sachen, die sie beide einmal als belanglos abtaten. Was interessierte ihn der Streit eines Nachbarn, die sie noch nicht einmal kannten? Ein weiteres Beispiel ist neuerdings das Abschätzen anderer Frauen, aufgrund ihres Aussehens. So etwas hat sie doch noch nie interessiert, denn sie war früher alles andere als oberflächlich. Wenn sie ihm ihren Vortrag über all ihre Vorurteile aufzählt, sieht er sie manchmal einfach nur an und kann nicht glauben, dass dies seine Ehefrau ist, mit der er sein ganzes Leben verbringen soll. So, wie er es ihr einmal tief und fest geschworen hat.

Wenn sie so redete, dann bemerkt sie oft gar nicht, dass er nicht zuhört. Sie quasselt ohne Luft zu holen.

Musik hört sie nur noch aus dem Radio. Auch etwas, das er nicht nachzuvollziehen kann. Was ist mit der Musik, die sie das Leben lang geliebt und mit ihr gefeiert hat?

Sie braucht sie plötzlich nicht mehr. Sie ist raus aus dem Alter.

Als sie das gesagt hatte, wurde ihm direkt übel.

Raus aus dem Alter und das mit 28 Jahren.

Die Natur um ihn herum beruhigt ihn etwas, auch wenn die Gedanken ihm ständig in die Quere kommen.

Ihm kommt die Flasche Bier in den Sinn, die sich in seinem Koffer befindet. Auch befindet sich dort Wurst, Käse, Gurken, Paprika und Brot. Für das Bier will er sich einen schönen ruhigen Ort aussuchen, um es so gut es geht zu genießen. Jedoch könnte er eine kleine Pause einlegen, um sich eine Zigarette zu gönnen.

An der nächsten Parkbucht hält er an. Er sichert sein Motorrad auf dem Ständer und zieht den Helm vom Kopf. Seine halblangen braunen Haare wischt er sich mit den Händen aus dem Gesicht. Zuerst einmal geht er ein paar Schritte und begutachtet die großen Bäume neben ihm, die einen kühlen Schatten auf ihn werfen. Bevor er sich die Zigarette anzündet, atmet er einige Male tief ein und aus. Damit will er sich selbst etwas beruhigen, denn durch die vielen Gedanken, die ihn im Moment beherrschen, fühlt er des Öfteren ein großes Unwohlsein, das seinen Herzschlag in die Höhe treibt.

Endlich ist es soweit und er zieht den Rauch seiner Lucky Strike tief in die Lungen hinein. Nach oben blickend, bestaunt er den blauen Himmel, an dem kein Wölkchen zu finden ist. Es herrscht absolute Stille.

Nachdem er zum wiederholten Male den Rauch aus den Lungen bläst, hört er plötzlich eine Stimme.

„Hast Du eine für mich übrig?“

Erschrocken dreht sich Marcus um und blickt in den dicht bewachsenen Wald hinein. Doch da ist niemand. In der Mitte des Rastplatzes befindet sich noch ein Tisch mit zwei Bänken. Beidseitig steht eine grüne dichte Hecke.

Langsam geht er darauf zu. Als er sich nähert, sieht er hinter der Hecke zuerst zwei nackte Füße, dann die Beine und schlussendlich den ganzen Kerl.

Ein dürrer, verdreckter bärtiger Mann mit verfilzten Haaren liegt zwischen der Bank und der Hecke am Boden. Er ist nur mit einer kurzen Stoffhose bekleidet, die ihm bis knapp über die Knie geht. Der ältere Herr ist abgemagert und sein Gesicht ist von Falten übersät.

Marcus schluckt trocken.

„Bekomme ich eine?“, fragt die kratzende Männerstimme.

Nach einem kurzen Zögern, greift Marcus in seine Jackeninnentasche und kramt die Schachtel mit den Zigaretten hervor. Er zieht einen Glimmstängel heraus und reicht sie dem am Boden liegenden Mann.

Dieser grinst zufrieden und greift mit seinen langen Fingern nach der Zigarette. Marcus gibt ihm noch das Feuer, bleibt aber in einem sicheren Abstand.

„Was …, was machst du hier?“, fragt Marcus erschrocken.

„Ich genieße die Ruhe.“

Marcus nickt und runzelt die Stirn.

„Du siehst aus, als hättest du dich erschreckt?“, stellt der Alte fest.

„Nun, ich finde es etwas ungewöhnlich, das …“

Marcus fehlen die Worte.

„Denk nicht darüber nach, was du vor dir siehst. Das ist nicht so wichtig.“

Marcus zieht noch ein letztes Mal an seiner Zigarette, zerdrückt diese und wirft sie schließlich in den Abfalleimer, der an der Stirnseite des Tisches steht.

„Du siehst unzufrieden aus.“, stellt der Alte fest.

Etwas überrascht über diese Aussage verharrt Marcus schweigend vor dem Alten und blickt zu Boden.

„Das Leben ist schon eigenartig. Alles kommt anders, wie man es sich wünscht.“

„Was ist denn geschehen?“, will Marcus von dem Fremden wissen.

Der Alte grinst und raucht. „Du hast eine Frau geheiratet, eine Tochter bekommen und ein Haus gebaut. Das ist geschehen.“

Marcus schaut den Alten irritiert an. Das war gut geraten. Womöglich hat er den Ring an seiner Hand entdeckt?

„Nun bist du auf der Flucht aus dieser Welt. Am liebsten würdest du alles hinter dir lassen und neu beginnen.“

Der Alte erhebt sich mühsam. Dabei steckt er die Zigarette in den Mund und lässt Marcus nicht aus den Augen.

Marcus geht ein paar Schritte zurück, als er merkt, wie wackelig der Alte auf seinen dünnen Beinen umher wankt.

„Ich verstehe, wenn du da raus willst. Tu es am besten bald, sonst wirst du bis ans Ende deiner Tage nicht mehr glücklich …“

Der Alte lacht, dabei läuft ihm Speichel über die Unterlippe.

Abrupt unterbricht er sein Lachen und seine Gesichtszüge verziehen sich zu einer ernsten, furchteinflößenden Mine. Die Zigarette, die in seinem Mund steckt, stopft er nun mit seinen Fingern in den Rachen.

Marcus will etwas sagen, doch er ist geschockt über das, was der Fremde vor ihm macht. Kein Ton kommt über seine Lippen. Er beobachtet, wie der Alte den Rest der Zigarette schluckt. Noch immer starrt er Marcus eindringlich an. Dann hebt er den rechten Arm und deutet auf die Straße.

„Fahr weiter, Marcus. Hol dir noch ein paar Eindrücke, bevor dein Albtraum dich wieder einholt.“

Nur einige Sekunden beobachtet Marcus den hageren Mann vor sich, dabei fühlt es sich an wie eine Ewigkeit. Schließlich entschließt er sich, diesen Ort zu verlassen. Die traurigen Augen, die ihn anstarren, flössen ihm Furcht ein. Das mulmige Gefühl in ihm wächst.

Marcus geht zu seinem Motorrad, setzt seinen Helm auf und steigt auf die Maschine. Als er startet und dabei noch einmal einen Blick auf den Alten werfen will, ist dieser verschwunden.

Einige Meter fährt er vor, um zu sehen, ob er sich wieder hinter die Hecke gelegt hat. Doch dort ist er auch nicht.

Marcus gibt Gas und verschwindet. Einige Male wirft er noch einen Blick in den Rückspiegel und meint tatsächlich den Alten noch einmal zu sehen. Aber er kann sich auch täuschen. Er lässt den Rastplatz hinter sich und fährt weiter die Straße entlang.

 

Während der weiteren Fahrt denkt er noch sehr viel über seine Begegnung nach. Besonders die Worte, die der Alte über ihn gesagt hat, gehen ihm nicht mehr aus dem Kopf.

Die Straße wird kurviger. Marcus macht es Spaß, sich mit der Maschine in besonders langgezogenen Kurven hinein zu manövrieren. Er riecht die herrliche Luft, die ihm entgegenschlägt. Sein Visier hat er halb geöffnet, da er im Moment seine Geschwindigkeit aufgrund der Strecke drosseln muss. Hin und wieder spürt er ein Insekt, das auf sein Gesicht prallt, doch es ist auszuhalten.

Die Sonne wirft wunderbare Schattenstrukturen auf die Straße. Er durchquert soeben ein Paradies, das aus unterschiedlichen Baumarten, mächtigen Felsen und allerhand Gewächsen besteht.

Es ging eine Zeitlang bergauf, nun jedoch geht es wieder hinunter. Die Straße wird etwas enger und Marcus trifft nun auf eine Engstelle, die in einer Linkskurve liegt.

Fast wäre er auf das Auto gefahren, das halb in die Straße ragt. Gerade noch kann Marcus mit seiner Maschine ausweichen. Haarscharf fährt er daran vorbei. Nach wenigen Metern bremst er und kommt auf dem schmalen Seitenstreifen zum Stehen.

Sein Herz rast. Schnell zieht er seinen Helm von seinem Kopf und blickt sich um.

Das Auto steht bis zur Hälfte über einen Abgrund. Der hintere Teil schwebt leicht über der Fahrbahn. Einige Zentimeter Luft befindet sich zwischen den Hinterreifen und der darunterliegenden Straße.

Marcus geht einige Schritte darauf zu. Eine lange Bremsspur ist auf der Fahrbahn zu erkennen. An dem Felsen, der sich in der Kurve seitlich befindet, sieht man Spuren vom Wagen. Womöglich wurde er dagegen geschleudert. Der Seitenspiegel, wie auch hunderte von Glassplitter, liegen auf dem Teer.

Der vordere Teil des Autos ist ziemlich ramponiert. Ein dünner Baum scheint sich in die Motorhaube reingefressen zu haben. So wie Marcus das sieht, hält dieser den Wagen in der Balance. Die Wurzeln sind unterhalb des Abhangs halb herausgerissen.

Somit hatte der Fahrer Glück, denn alle anderen Gewächse, die sich hier befinden, hätten nachgegeben.

Marcus kann nicht sehen, wie weit es da runter geht. Die Büsche versperren die Sicht.

Langsam geht er auf den Wagen zu. Die Türen sind alle verschlossen. Er hofft sehr, dass sich niemand mehr in dem Wagen aufhält. Noch kann er nichts sehen, da die Sonnenstrahlen sich in den Seitenfenstern spiegeln.

Als er schließlich an der Fahrertür steht und ins Innere blickt, kann er es kaum fassen. Tatsächlich befindet sich darin jemand.

Ganz vorsichtig umfasst er den Griff der Autotür. Den Versuch sie zu öffnen scheitert. Marcus vermutet, dass diese durch die automatische Verriegelung verschlossen ist.

„Hallo!“, ruft er laut.

Doch der Mann, der sich bewusstlos auf dem Fahrersitz befindet, rührt sich nicht.

Marcus klopft an die Scheibe der Fahrertür. Diese zerspringt in tausend kleine Teilchen. Schnell zieht er sich einige Schritte zurück. Womöglich hat sich die Tür verschoben und somit das Fenster unter Spannung gesetzt.

Marcus beobachtet den Wagen, wie er sich in dieser Lage verhält. Der Baum wird nicht ewig halten. Im Moment ist noch alles ruhig. Langsam geht er wieder zur Fahrertür und schaut ins Innere. Der Mann auf dem Fahrersitz ist bewusstlos oder vielleicht tot. Sein Kopf hängt nach vorne. Blut läuft ihm von der Stirn. Eine große Platzwunde ist darauf zu erkennen.

„Hören Sie mich?“, fragt Marcus.

Dann erblickt er eine weitere Person auf der Beifahrerseite, die sich langsam nach vorne beugt. Erschrocken blickt er in das zerschnittene Gesicht einer Frau. Im rechten Auge steckt ein Glassplitter. Die Lippen sind geschwollen und ebenfalls durch kleine Schnitte verletzt.

Marcus schluckt. Sein Herz rast. Gerade noch hat er sich auf den Mann konzentriert, als dieses Gesicht daneben auftaucht.

„Moment, ich hol Sie hier raus …“

„Nein!“, schreit sie.

Bevor Marcus sich in Bewegung setzt, um auf die andere Seite zu gelangen, hält er inne. Fragend blickt er sie an.

„Bleib wo du bist. Du wirst hier gar nichts tun.“

Verständnislos blickt er in das schlimm zugerichtete Gesicht, die eine große Ähnlichkeit mit seiner Frau hat.

„Es ist besser, wenn wir hier verrecken!“

Vollkommen perplex starrt er sie an und kann nicht glauben, was er da hört. Erst jetzt bemerkt er noch eine dritte Person, die sich auf dem Rücksitz befindet. Diese richtet sich gerade auf und wendet den Kopf einmal nach links und dann nach rechts. Es handelt sich um ein kleines Mädchen. Auf den ersten Blick kann Marcus keine Verletzungen erkennen.

Nun versucht er die hintere Tür zu öffnen. Doch sie klemmt oder ist ebenfalls verschlossen. Schnell wendet er sich wieder der Frau zu, die ihren Kopf etwas gesenkt hat. Blut läuft über ihre Unterlippe und tropft auf den Ganghebel.

„Öffne die Tür, dann hole ich euch hier raus. Aber vorsichtig bewegen.“

Marcus hat Angst, dass sich der Wagen falsch verlagern könnte und schließlich abstürzt.

Die Frau hebt den Kopf, unternimmt jedoch weiter nichts.

„Mama …“, sagt das Mädchen auf dem Rücksitz und blickt sich desorientiert um.

„Hau ab! Fahr nach Hause zu deiner Fotze und mach ihr noch ein Kind, du Vollidiot!“

Entsetzt blickt Marcus einmal in das intakte Auge, dann wieder in das, in der die Glasscherbe steckt. Was hat diese Frau gerade gesagt? Er schüttelt kurz den Kopf, denn seine Verwirrung ist groß.

Langsam hebt die Frau ihren rechten Arm, dessen Unterarm eindeutig gebrochen ist. Ein Knochensplitter ragt oberhalb des Handgelenks aus dem Fleisch heraus. Mit ihrem Zeigefinger und dem Daumen greift sie nach der Scherbe in ihrem Auge.

„Lass das!“, warnt Marcus sie.

Doch sie zieht die Scherbe langsam aus dem zerstörten Auge und öffnet dabei ihren geschwollenen Mund.

„Mama …“, weint ihre kleine Tochter.

‚Sie steht unter Schock‘, geht es Marcus durch den Kopf.

Langsam beugt er sich vor und greift mit der linken Hand nach innen. Er sucht nach dem Türöffner, um die Kleine aus dem Auto zu befreien.

Währenddessen zieht die Frau die etwa fünf Zentimeter lange Scherbe aus ihrem Augapfel. Sie hat natürlich bemerkt, was der Mann vorhat. Mit einer schnellen Bewegung, versucht sie die Scherbe in ihrer Hand, dem Fremden in den Arm zu rammen.

Marcus zuckt zurück. Das Stück Glas hinterlässt einen langen Schnitt in dem Ärmel seiner Lederjacke. Gerade noch zieht er den Arm aus dem Wagen. Verletzt ist er nicht, doch es war Haarscharf.

Der Wagen beginnt sich zu bewegen und Marcus hört ein Knacken. So, wie er bereits befürchtete, knackt der Baum unter der hohen Last des schwankenden Autos.

Vollkommen entsetzt über den Angriff und dem Kippen des Wagens, blickt er hilflos in das Wageninnere. Jedoch mit einem Meter Abstand von der Fahrertür entfernt. Die Frau blickt ihn an und grinst. Dabei verzieht sich ihr Gesicht durch die Schnittverletzungen zu einer grausigen Grimasse.

„Dein Leben ist bereits verwirkt, Marcus. Du weißt es nur noch nicht …“

Die Frau beginnt zu lachen, während das Kind auf dem Rücksitz zu schreien beginnt. Plötzlich dreht sich der Oberkörper der Frau zu ihrer Tochter und packt sie an den Schultern. Dabei rutscht der Wagen weiter nach vorn. Bevor Marcus überhaupt noch einen Versuch unternehmen kann, um zu helfen, zieht die Frau das Mädchen mit Gewalt nach vorne. Somit verlagert sich das Gewicht auf den vorderen Teil, der Baum bricht und der Wagen rutscht über die Kante des Abgrunds.

Ein Schrei kommt über Marcus‘ Lippen.

Es geht alles unglaublich schnell. Durch die Büsche hindurch beobachtet Marcus wie der Wagen sich einige Male überschlägt und schließlich auf dem Dach landet. Schätzungsweise sind es etwa fünfzig Meter, die der Wagen nach unten stürzte.

Marcus läuft zu seinem Motorrad, steigt auf und fährt los ohne seinen Helm aufzusetzen. Er folgt der Straße, der nach einigen Metern eine ausgedehnte Rechtskurve folgt. Nach dieser sind es nur noch wenige Meter, bis er meint, an der Stelle anzukommen, an der das Auto liegt. Es gibt keine freie Sicht auf die Stelle, denn die Fläche ist mit hohen Wildgewächsen zugewuchert.

Er stellt das Motorrad an der Seite der Straße ab und läuft hinein ins Dickicht. Immer wieder geht sein Blick nach oben, dorthin, von wo aus der Wagen in die Tiefe stürzte. Allerdings findet er die Stelle nicht, zumindest erkennt er den Punkt nicht von hier unten. Er schätzt es in etwa ab, wo das Auto gelandet sein muss.

Ohne Lederjacke- und hose hätte er sich bereits seinen gesamten Körper zerkratzt. Hier gibt es viele Dornbüsche und allerlei andere hautunfreundliche Gewächse. Mit den Armen vor dem Gesicht arbeitet er sich vor. Sein Kopf hebt und senkt sich, doch er findet die Stelle nicht, an der der Wagen liegt. Schließlich gelangt er an die hinterste Stelle, in der sich Erde und Felsen nach oben hin abwechseln. Marcus klettert auf einen Felsvorsprung hinauf und hält sich dabei an einen Ast fest, der aus der Wand gewachsen ist. Von oben blickt er nun über das stark bewachsene Stück, das er gerade durchquerte.

Kein Auto zu sehen. So oft er sich mit einem Blick nach oben überzeugt, es ist fast so, als hätte sich die Umgebung verändert. Da ist nichts dergleichen, das an einen Autounfall erinnert. Das einzige was er vernimmt, ist das Zirpen der Grillen und das Durcheinander von Vogelgesängen.

Langsam beginnt er durchzudrehen. Zuerst der mysteriöse Alte, dann der Wagen, mit der ebenso unheimlichen Frau mit dem zerschnittenen Gesicht. Dazu noch diese Aussagen, die man ihn an den Kopf schmetterte, lassen an seinem Verstand zweifeln. Und sie kannten seinen Namen.

Noch einige Male blickt er über das etwa tausend Quadratmeter große Feld. Doch da ist nichts. Er beschließt zum Motorrad zurückzugehen und weiterzufahren. Was soll er auch anderes machen? Nach Hause fahren? Das wird er sicherlich nicht tun. Er hat noch einige Stunden vor sich, die er auskosten will. Jedoch ohne weitere Begegnungen dieser unheimlichen Art.

Auf dem Weg zurück zum Motorrad, hält er noch einmal Ausschau nach dem Wagen. Doch durch das Dickicht ist nichts zu erkennen und außerdem hätte er ihn vom hinteren Teil aus sehen müssen. Aber da war und ist nichts.

Am Motorrad stehend blickt er ein letztes Mal hinauf, an die Stelle, an der er vermeintlich das Auto abstürzen sah. Alles ist friedlich und ruhig. Er setzt seinen Helm auf, startet den Motor und fährt los. In seinem Kopf vermischen sich die Gedanken an den Alten und der Frau, sowie an seine Familie zuhause, die er überhaupt nicht vermisst.

Die Fahrt führt weiter durch die blühende Natur. Was ihm einerseits sehr erfreut, aber dennoch etwas irritiert ist der fehlende Verkehr. Kein einziges Fahrzeug ist ihm bisher begegnet. Als wäre er völlig allein auf weiter Flur unterwegs. Mag sein, dass dies Zufall ist, aber etwas seltsam kommt es ihm schon vor. Irgendwie fühlt er sich gerade vollkommen allein und ausgeliefert …

 

Die Zeit vergeht und Marcus fährt weiter gemütlich die Landstraße entlang, während in seinem Kopf die vergangenen Erlebnisse umherschwirren. Bald kommt er an einen großen See vorbei, der malerisch in einem Waldstück liegt. Für ihn nun die Gelegenheit, eine Rast einzulegen und sich ein paar Schlucke von dem Bier zu genehmigen.

Er lenkt das Motorrad auf eine Schotterpiste. An der Straße hat er ein Schild entdeckt, dass auf einen Rastplatz am See hinweist. Langsam fährt er einige hundert Meter die Piste entlang und gelangt schließlich an einen wunderschönen Platz. Dort befindet sich ein breiter längerer Holzsteg mit einer Bank und einem Tisch darauf, der einige Meter in den See ragt.

Mit einem leicht zufriedenen Lächeln auf den Lippen setzt er sich auf die Bank, öffnet die Alubox mit dem Essen und zieht den Bügelverschluss der Bierflasche auf. Beim Öffnen der Flasche ertönt ein ihm bekanntes Geräusch. Er nimmt einen kräftigen Schluck, stellt die Flasche auf den Tisch und isst danach ein paar Happen.

Als er einigermaßen gesättigt ist, lehnt er sich zurück und schließt die Augen. Seine Frau kommt ihm in den Sinn. Allerdings sieht er vor sich das Bild aus früheren Tagen. Welch freudige Zeit sie verbracht haben, mit vielen guten Freunden. Dann sieht er wieder den Gegensatz, eine Frau die sich älter gemacht hat, als sie wirklich ist. Mit einem Mal wird sie eine von denen werden. Eine tratschende alte Frau, die unzufrieden zuhause sitzt und allen um sich herum, das Leben zur Hölle macht.

Marcus sieht vor sich einen grauen lockigen Kopf mit schwarz umrandeten Augen, der das Maul aufreißt und ihn mit einem riesigen Nudelholz auf den Kopf schlägt.

Marcus schreckt hoch. Für einen kurzen Moment war er eingeschlafen und seine Gedanken formten sich zu einem Traum. Dann jedoch erschrickt er ein weiteres Mal, als er den Mann neben sich bemerkt, der neben ihm sitzt.

„Ich hoffe, ich habe Sie nicht geweckt?“, sagt der ältere Herr mit der Schirmmütze auf dem Kopf.

„Bin wohl kurz eingeschlafen …“, sagt Marcus noch etwas benebelt.

Lange kann er nicht geschlafen haben. Mit einem kurzen Blick auf seine Armbanduhr versichert er sich, dass es höchstens fünf Minuten waren.

„Die Zeit läuft und läuft.“, sagt der Alte.

„Das ist leider so, ja.“

Für einen Moment herrscht Stille. Marcus wirft dem älteren Herr einen kurzen Blick zu, der auf den See hinaus blickt.

„Ich habe Sie gar nicht gehört.“

Der Mann sagt darauf nichts. Er blickt einfach nur auf den See, der sich in seinen Augen widerspiegelt.

Marcus ist mulmig zumute. Diesen Ausflug würde er wohl nie wieder vergessen. Was wohl als nächstes folgt?

„Ich spüre Ihre Angst.“, sagt der Mann.

Marcus weiß, dass die Scheiße weitergeht.

„Und ich weiß, wie man sich fühlt, wenn man sein Leben mit jemandem verbringen muss, der ganz anders ist, als man selbst. Man überlegt, ob man nicht einfach alles hinschmeißt und sich trennt. Doch da sind noch Gefühle vorhanden, die einen zwingen, zu bleiben. Vielleicht ist es Gewissen, Liebe oder Pflicht, wer weiß das schon? Im Prinzip sind es Prozesse in unserem Gehirn, die uns beim handeln beeinflussen.“

„Was wollen Sie und wer sind Sie?“, will Marcus wissen.

Diese Menschen, wenn er sie so bezeichnen kann, scheinen ihn zu kennen. Oder sind das seine Hirngespinste, die sich nun in echte Formen verwandeln. Ist er denn so verzweifelt, dass sein Gehirn ihm schon solche Zeichen sendet?

„Ich will nur Ihr bestes. Das Leben besteht nicht nur aus den Dingen, die wir gedenken tun zu müssen, um etwas gerecht zu werden. Jeder ist sein eigener Herr und deshalb steht es jedem frei, seine Entscheidungen zu treffen …“

„Was wollt ihr von mir, verdammte Scheiße?“, schreit Marcus den Mann neben sich an.

„Die Emotionen brechen aus Ihnen hervor. Das ist ein Zeichen Eurer inneren Unruhe. Es wird Zeit zu handeln, finden Sie nicht?“

Marcus zündet sich eine Zigarette an und steht auf. Er wandert auf dem Steg umher, schließt fest seine Augen und dreht sich dann schnell wieder zu der Bank um, von der er gerade aufgestanden ist. Noch immer sitzt der Mann da und starrt ihn ausdruckslos an.

‚Ich bilde mir das doch nur ein, oder?‘

Der Mann auf der Bank greift in die Innentasche seiner Jacke. Marcus verschluckt den Rauch seiner Zigarette und fängt an zu husten, als er die Waffe sieht, die der Mann hervorholt. Wie angewurzelt bleibt Marcus stehen. Was wird nun geschehen? Noch immer ist er sich nicht sicher, ob dies eine weitere Illusion oder wirklich real geschieht.

„Lassen Sie sich nicht in die falsche Richtung treiben, Marcus.“

Der Mann öffnet weit den Mund und schiebt den Lauf der Pistole hinein. Ohne zu zögern drückt er ab. Die Kugel reißt ein großes Loch in den Hinterkopf. Blut und Gehirn spritzt auf den Holzsteg. Der Mann sackt nach vorn und landet mit der Stirn auf den Tisch.

Durch den lauten Knall der Pistole wurden alle Vögel in der Umgebung aufgeschreckt. Marcus beobachtet diese, wie sie in sämtliche Himmelsrichtungen verschwinden. Seine Zigarette fällt ihm aus der Hand. Diese zertritt er instinktiv. Wieder schließt er seine Augen und hofft, wenn er sie öffnet, dass dies nicht geschehen ist. Aber es scheint, wirklich geschehen zu sein.

Marcus läuft zu seinem Motorrad und greift in die Tasche, die am hinteren Teil befestigt ist. Dort befindet sich sein Handy. Allerdings bemerkt er, dass es hier kein Funknetz gibt. Das ist typisch, denkt er sich.

Als er sich dem Steg wieder zuwendet, wird er erneut überrascht. Der Mann ist verschwunden. Nur das Blut, mit einem Teil der Gehirnmasse vermischt, spiegelt sich auf dem Holzboden des Stegs. Auf der Bank entdeckt er außerdem noch die Pistole.

Ohne lange darüber nachzudenken, packt er seine Sachen zusammen. Bevor er den Motor startet, dreht er sich nochmals zu dem Ort des Geschehens um. Seine Augen haften an der Pistole, die noch immer vorhanden ist. Sein Kopf ist leer, als er sich dazu entscheidet, die Waffe an sich zu nehmen. Er steckt sie in seine Lederjacke, verschließt diese und startet. Mit durchdrehenden Reifen jagt er davon, die Schotterpiste entlang, bis zur Hauptstraße, von der er gekommen ist. Dort biegt er links ab, Richtung Heimat.

Mit allem, was seine Maschine hergibt, rast er durch die wunderschöne Landschaft, die er nicht mehr wahrnimmt. Er kommt an der Unfallstelle vorbei, doch diese lässt er einfach hinter sich liegen. Genauso wie den Rastplatz, auf dem er seine erste unheimliche Begegnung erfahren hat.

Die Sonne scheint weiterhin an diesem schönen Tag durch die Bäume hindurch. Doch er bemerkt seine Außenwelt nicht mehr im Geringsten. Sie ist einfach nur da, wie eine Illusion, die er bald hinter sich gelassen hat.

Die Zeit vergisst er ebenso, wie alles andere. Es herrscht nur noch eine große Leere in ihm.

Bald lenkt er sein Motorrad in die Einfahrt seines Grundstücks. Langsam rollt er in die Doppelgarage hinein, die noch im Rohbau steht. Eine Menge Baumaterialien sind darin aufbewahrt. Links steht der Wagen, den sie sich vor einem Jahr zugelegt haben, die typische Familienkutsche, die er einst so vehement vermied, den Wunsch seiner Frau aber nachgab und schließlich kaufte. Obwohl sie solche Fahrzeuge einst ebenfalls belächelte, als ihr Gehirn noch in Ordnung war.

Er zieht den Helm von seinem Kopf, hängt diesen über den Rückspiegel seines Motorrads und steigt ab. Als er sich dem Haus zuwendet, spazieren gerade zwei Frauen mit Kinderwagen am Gehweg ihres Grundstücks vorbei. Mit Argwohn sieht er ihr übertriebenes Auftreten, dass in ihm etwas auslöst. Die Eine hat kurze blonde Haare und trägt ein geblümtes Kleid. Dazu passend der Kinderwagen, der ebenfalls mit einem Blumenmuster überzogen ist. Deren Begleitung hat schwarze Haare, geglättet zu einem Seitenscheitel, der das junge Gesicht älter widergibt, als es wirklich ist. Sie trägt ein lila Top mit einer gelben Stoffhose. Vor sich schiebt sie einen weißen Kinderwagen.

An ihren Gesten sieht Marcus diese gekünstelten Fratzen. Dort ist nichts mehr von menschlicher Normalität zu sehen, sondern nur deren, vom inneren Prozess des Körpers, verwirrtes Verhalten.

Marcus bemerkt, dass alle beiden Frauen gleichzeitig reden. Keine von Beiden hört zu, sondern jede ergießt sich in ihrem eigenen Wörterschwall. Dann kommt immer wieder dieses unechte Lachen zum Tragen, das den Wortwirrwarr untermalt.

Dann fällt Marcus die Frau auf, die sich einige Meter hinter ihnen befindet. Sie hat schwarze hochgesteckte Haare und ist auffallend leicht bekleidet. Ihr wunderschönes Gesicht ist auf Marcus gerichtet und ein sinnliches Grinsen malt sich auf ihren dicken roten Lippen ab. Sie ist mit einem sehr engen Minirock bekleidet, der nur ganz knapp unterhalb ihres Sexualorgans endet. Durch das enge ausgeschnittene Oberteil aus Leder, kommen ihre üppigen Brüste zur Geltung.

Sie bleibt stehen, während die beiden anderen Frauen ihre Kinderwägen weiterschieben und bald aus Marcus‘ Sichtfeld verschwinden. Mit langsamen Schritten kommt sie auf ihn zu.

Marcus stiert sie an. Seine sexuellen Phantasien sprengen alle Grenzen. Vor ihm steht seine Begierde, deren Reize ihn zum Glühen bringen.

Etwa einen Meter vor ihm bleibt sie stehen. Mit ihren Händen schiebt sie sich langsam den Rock hoch, um den Blick auf ihre Möse zu lenken. Mit den Fingern ihrer rechten Hand, massiert sie sich zwischen den Beinen, dabei verzieht sie aufgeregt das Gesicht. Dann geht sie auf Marcus zu und steckt die Finger, mit der sie sich soeben unten massierte, in seinen Mund.

Widerstandslos saugt Marcus daran.

„Geh rein und tu, was du tun musst.“

Auf ihre Worte reagiert er, als hätte er diesen unmissverständlich zu folgen. Marcus geht zur Haustür. Diese sperrt er mit seinem Schlüssel auf, geht hinein und horcht.

Geräusche kommen aus der Küche. Ein Duft von Gekochten wandert im Haus herum.

Marcus geht durch den Gang in die Küche und sieht dort Mathilda mit dem Kind auf dem Arm stehen. Zuerst meint er seine Oma wiederzuerkennen, aber nein, es ist seine Frau.

Er greift in seine Jackentasche, holt den Revolver hervor und zieht den Abzug.

„Du bist schon da? Das ist aber eine Überraschung.“

Marcus öffnet den Mund, steckt den Lauf der Pistole hinein und drückt ab.

Eine laute Explosion ertönt. Das Kind schreit auf und weint. Die Mutter versucht nun alles, das Kind zu beruhigen.

Marcus fällt auf den Boden. Ein Loch ragt aus seinem blutenden Hinterkopf.

„Ganz ruhig meine Kleine. Ist ja vorbei …“

Die Mutter grinst und streichelt ihrer Tochter über den Kopf, um sie zu beruhigen.

„Ich hab dich ganz toll lieb!“

 

[Gesamt:9    Durchschnitt: 4.6/5]

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