DER EINBRUCH – ROB BLACKLAND

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

Der Wagen mit den vier Männern fährt von der Landstraße ab und auf einen Schotterweg entlang. Dieser Weg mündet in einen Pfad, der durch einen Wald führt. Von hier aus, wollen die Vier nach Bittfeld marschieren, um dort einzubrechen.

Sie haben eine etwa zweistündige Fahrt hinter sich. Da sie gegen 20 Uhr losfuhren, hatten sie mit dem Verkehr auf den Straßen Glück. Am Grenzübergang zu Deutschland war ebenfalls nichts los und sie hoffen, dass die Rückfahrt ebenso reibungslos verläuft.

Der Wagen hält, Licht und Motor wird abgestellt. Es handelt sich um ein sehr altes osteuropäisches Modell. Dennoch läuft es zuverlässig und ist für ihr Vorhaben vollkommen ausreichend.

Die Männer mühen sich aus dem Wagen nach draußen, besonders die Beiden, die auf der Rückbank gesessen haben. Da es sich um einen Zweitürer handelt, ist das Aussteigen aus dem hinteren Bereich für größere Menschen etwas problematisch.

Der Fahrer geht zum Kofferraum, öffnet ihn und holt drei Rucksäcke hervor. Diese verteilt er an seine Kollegen. Der Vierte im Bunde, sein Name war Matt, holt eine Brechstange hervor.

Ein paar hundert Meter vor ihnen, sehen sie die Straßenlaternen, sowie vereinzelt beleuchtete Fenster von Bittfeld. Leichter Nebel zieht auf. Heute wird hier Halloween gefeiert und Matt, Reik, Mirbu und Jesia wissen, dass das Ziel heute Nacht das Haus der Architektenfamilie Gerlach sein wird, da niemand zuhause ist. So zumindest ist die Info, die sie von Larissa, der Frau von Reik, bekommen haben. Sie hat recherchiert. Das kann sie gut. Über ein Facebook-Profil hat sie erfahren, dass die Familie diese Nacht nicht anwesend ist, sondern bei guten Freunden feiern und dort übernachten.

Bittfeld ist für sie noch ein unbekanntes Pflaster. Bisher haben sie schon einige Orte im Umland abgegrast. Mal mit mehr, mal mit minderen Erfolg. Erwischt hat man sie noch nicht. Sie arbeiten so vorsichtig wie möglich. Außerdem kennt sich Jesia hervorragend mit Alarmanlagen aus, da er selbst in einer Sicherheitsfirma arbeitet und diese sogar in Deutschland tätig ist.

Die Vier versuchen so gut es geht im Dunkeln zu bleiben. Als die ersten Häuser auftauchen, schleichen sie um die Grundstücke herum. In einigen Häusern sehen sie das Farbenspiel riesiger Fernseher, die die Wohnzimmer erleuchten. Vereinzelt stehen ausgehöhlte Kürbisse herum, in denen das Licht der Kerzen flackert und die unheimlichen Fratzen zur Geltung bringen.

Als sie an einer Terrasse vorbeikommen, sehen sie eine nackte Frau, die gerade das Licht in der Küche einschaltet und zum Kühlschrank geht. Alle Vier bleiben kurz stehen, begutachten die Frau, die sich einen Snack aus dem Kühlschrank holt und die Küche wieder verlässt. Das Licht wird wieder ausgeschaltet und die Show ist vorbei.

Nachdem sie am nächsten Haus vorbeigekommen sind, befinden sie sich nun vor dem mächtigen Grundstück der Familie Gerlach. Das liegt ruhig im Dunkel der Nacht. Leichte Nebelschwaden tanzen auf dem kurzgeschnittenen, feuchten Rasen umher. Das Grundstück selbst ist mit großen Quadersteinen eingefasst.

Es herrscht eine unheimliche Ruhe. Jeder einzelne ihrer Schritte scheint daher so laut, wie ein Hammerschlag auf einer Blechwanne zu sein.

Jesia geht ein paar Schritte am Grundstück entlang, Richtung Dorfstraße hinab. Soweit, dass er sich weiterhin in absoluter Dunkelheit befindet. Die Anderen folgen ihm. Schließlich steigt er über die Quadersteine hinweg und schleicht langsam zum Haus. Er vermutet, dass automatisch ein Licht angeschaltet wird, sobald jemand in den Umkreis eines Bewegungssensors tritt. Aber dem ist nicht so.

An der Hauswand angekommen, geht er an dieser linkerhand entlang, bis er die Terrasse erreicht. Er winkt seinen Kollegen zu. Diese setzen sich in Bewegung und folgen dem gleichen Weg, den auch er gegangen ist.

Jesia blickt sich um. Alles ist noch ruhig. Für einen Moment denkt er, jemand am Fenster des Nachbarhauses zu sehen, da sich dort ein Vorhang bewegt. Doch dies kann auch eine Täuschung sein, da sich die Straßenlaterne in dem Glas spiegelt. Jedes Mal wenn er den Kopf bewegt, verändert sich somit auch das Licht im Fenster.

Mit seiner rechten Hand gibt er ihnen ein Zeichen, erst einmal hier zu warten. Dann setzt er sich langsam wieder in Bewegung und geht auf die Terrasse. Eine Lampe geht an. Dies hat Jesia befürchtet. Sein Glück ist, dass sich die Lampe auf Manneshöhe befindet. Mit einem schwarzen Tuch umhüllt er sie, so dass so gut wie kein Licht mehr die Umgebung erhellt. Es besteht aus einer Art Samt und ist hitzebeständig. Somit können sie zumindest nicht so leicht entdeckt werden.

Dann steht er vor der teilweise verglasten Rückseite des Wohnhauses. Er greift in seinen Rucksack und holt ein Werkzeug hervor. Nachdem er sich noch einmal kurz umgesehen hat, setzt er eine Stirnlampe auf und macht sich daran, die Schiebetür zu entriegeln. Nach einigen Versuchen, das Schloss zu knacken, gibt er auf. Er winkt Matt zu, der mit den Anderen an der Hausecke wartet und Jesia beobachtet.

Matt gibt Reik und Mirbu das Zeichen, dass sie noch hierbleiben sollen, dann läuft er schnell zu Jesia. Matt ahnt bereits, was er zu tun hat. Sie sind ein eingespieltes Team und jeder weiß, was von einem erwartet wird. In diesem Fall ist sich Matt sicher, dass Jesia keine Chance hatte, die Terrassentür zu knacken. Somit muss er die Tür nun aushebeln. Auch hier gibt ihm Jesia ebenfalls ein Zeichen, wie er anzusetzen hat. Matt folgt und setzt an der hinteren unteren Ecke an. Mit dezenter Kraft drückt er den schmalen Kunststoffrahmen leicht nach innen. Jesia kommt mit einem weiteren Hebel und schiebt ihn zwischen den Spalt der Tür und den äußeren Rahmen. Dann folgt die gegenüberliegende Ecke und diese wird ebenfalls mit einem Zwischenstück präpariert. Mit einigen wenigen Handgriffen sprengen sie die Terrassentür aus dem Rahmen.

Jesia wartet darauf, dass sich jeden Moment die Alarmanlage einschaltet. Doch es bleibt ruhig.

‚Seltsam‘, denkt er sich.

Solch ein Haus und keine Alarmanlage? Wahrscheinlich haben sie vergessen, sie einzuschalten. Oder sie haben einfach keine. Das kommt auch vor, aber in den seltensten Fällen.

Fast wäre die Tür nach innen gefallen. Kurz, bevor sie dies tat, greift Matt nach ihr. Mit seiner rechten Hand bekommt er sie seitlich zu fassen. Jesia und er tragen sie nach draußen und lehnen sie an die Glasfront, die den größten Teil der Hausrückseite ausmacht.

Dann kommen auch schon Reik und Mirbu zu ihnen. Im Haus werden die Taschenlampen aktiviert. Reik und Mirbu suchen den Weg nach oben, während die anderen beiden erst einmal das Erdgeschoß durchsuchen. Sie durchwühlen Schränke und Kommoden. Auch die Küche wird von ihnen genauestens inspiziert. Da sie sich sicher sind, nicht gestört zu werden, arbeiten sie sich in Ruhe von Zimmer zu Zimmer. Jesia ist gerade im Bad. Zumeist finden sie hier nichts. Doch einmal haben sie hinter einer provisorisch befestigten Fliese, die sich seitlich von der Badewanne befand, einen kleinen Tresor entdeckt. Dieser war noch nicht einmal darin befestigt, sondern nur unverschlossen hineingestellt. Der Schlüssel steckte im Schloss. Eigentlich ein gutes Versteck, wenn der Einbrecher mit so etwas nicht rechnet. Doch die Vier sind mittlerweile geübt und haben ein Gespür dafür entwickelt, wie die Leute ihre kostbaren Habseligkeiten verstauen.

Während Jesia unterhalb des Waschbeckens die darunterliegenden Schränke durchsucht, hört er etwas. Er hält inne. Zuerst meint er, jemand spricht zu ihm. Jedoch ist niemand von den Anderen in der Nähe. Angestrengt lauscht er. Stille! Ab und an hört er die Geräusche seines Kollegen, der sich gerade im Wohnzimmer umsieht. Als er nichts Ungewöhnliches mehr wahrnimmt, kramt er in dem Schränkchen weiter. Doch bald merkt er, dass es hier nichts zu finden gibt.

Als er das Bad verlässt, bleibt er kurz stehen, strahlt Matt mit der Taschenlampe an, um ihm schließlich zu signalisieren, dass er sich nach unten in den Keller begibt. Dort gibt es meist sehr oft etwas interessantes zu entdecken. Matt nickt und wendet sich wieder dem Kachelofen zu. Dieser ist noch nicht in Betrieb und Matt umrundet ihn langsam und klopft akribisch mit einem kleinen Stück Holz auf jede einzelne der Kacheln.

Jesia wendet sich zur Treppe, die ins Dunkle nach unten führt. Vorsichtig geht er Stufe für Stufe die massive Holztreppe nach unten. Sie verläuft rechts herum und endet schließlich unten vor einer geschlossenen Tür. Daneben findet Jesia noch den Sicherungskasten, der in die Wand eingelassen ist. Er öffnet diesen und begutachtet dessen Innenleben. Außer den vielen Sicherungen, sowie dem Stromzähler findet er noch weitere Schalter, sowie eine Displayanzeige. Hier handelt es sich um eine weiter entwickelte Elektronik, mit der Jesia nichts anzufangen weiß.

Dann hört er es wieder. Nun war es deutlicher zu hören. So wie er es vernahm, handelte es sich um ein langgezogenes Stöhnen. Sein Herz schlägt plötzlich schneller. Mit der Lampe leuchtet er den Treppenverlauf nach oben. Doch da ist nichts. Hier unten befindet sich nur der Schaltschrank, den er nun schließt und die Tür, die wahrscheinlich in den großen Keller führt. Das Haus selbst hat eine beachtliche Größe. Wenn es komplett unterkellert ist, dann haben sie hier unten einiges zu tun. Bisher hatte er noch kein Glück etwas Wertvolles zu finden. Vielleicht hatten die Kollegen bereits mehr Glück, wie er. Aber er ist sich vollkommen sicher, noch auf etwas sehr kostbares zu stoßen. In so einem Haus haben die Bewohner sehr gern wertvolle Utensilien versteckt. Der Bank ist heutzutage nicht mehr zu trauen, somit verstauen viele ihr Geld und ihre Wertsachen zu Hause. Und das in jeder gesellschaftlichen Schicht, ob reich oder nicht so reich. Auf jeden Fall haben die Menschen hier mehr, als sie es je haben werden. Sie sind nicht umsonst hier. In ihrer Heimat müssen sie kämpfen, um anständig zu leben. Wieso also nicht etwas nachhelfen?

Ein weiteres Geräusch lässt ihn aufhorchen. Dieses kam eindeutig aus dem Keller. Seine Lampe leuchtet die Tür an, der er sich nun nähert. Vorsichtig dreht er den Knauf nach rechts und öffnet die Tür. Nur schwer lässt sie sich öffnen, da sie mit einem automatischen Türschließer ausgestattet ist. Er leuchtet in den langen Gang hinein, der sich vor ihm erstreckt. Etwas merkwürdig sind die Türen angeordnet, die sich links und rechts des Korridors befinden. Diese sind versetzt auf beiden Seiten angeordnet. Drei auf der linken, drei auf der rechten Seite. Am Ende des Ganges kann Jesia erkennen, dass es dort rechterhand weitergeht.

Wieder ein Stöhnen. Dieses Mal hört er es noch deutlicher.

‚Wir sind nicht allein‘, geht es durch seinen Kopf.

Eindeutig war dies ein menschlicher Laut. Sein Gehör funktioniert wunderbar, somit täuscht er sich keinesfalls. Er geht zur ersten Tür auf der linken Seite. Gerade fragt er sich, ob er hier unten nicht das Licht einschalten könnte. Doch wer weiß, wo es dann dennoch von außen sichtbar sein wird, auch wenn es im Moment nicht den Anschein hat, dass sich hier unten Fenster oder dergleichen befinden. Selbst ein kleiner Kellerschacht würde ausreichen, um auf sie aufmerksam zu machen.

Die Tür hinter ihm, durch die er gerade gekommen ist, fällt ins Schloss. Kurz leuchtet er diese noch einmal an, bevor er sich der anderen zuwendet. Auch hier befindet sich wieder ein Drehknauf. Er umgreift diesen und dreht so leise wie möglich nach rechts. Sie öffnet sich. Ein etwas merkwürdiger Geruch steigt ihm in die Nase. Eine Mischung aus Desinfektionsmitteln und Abfluss. Sofort fällt Jesia der Geruch von Krankenhaus ein. Auch wenn der abartige Geruch von einem Abfluss nicht dazu passt.

Der Lichtstrahl seiner Taschenlampe fährt durchs Zimmer. Es sieht nach einer Art Kinderzimmer aus. Links befinden sich Bilder, die höchstwahrscheinlich von Kinderhand gemalt worden sind. Darunter ein Schreibtisch, auf dessen Oberfläche Buntstifte und Blätter verteilt liegen. Ein, in der Höhe, versetztes Dreifachregal hängt an der gegenüberliegenden Wand. Dicke Bücher stehen auf den unterschiedlichen Regalen. Er tritt näher heran und beleuchtet die Buchrücken. So, wie er das erkennt, handelt es sich größtenteils um medizinische Bücher. Leider kann er nicht alles entziffern, da sein Deutsch nicht besonders gut ist. Bei einem bleibt er jedoch hängen. Es ist ein schmales Buch, das einige Zentimeter aus der Reihe herausragt. Jesia greift es und zieht es heraus. Als er das Bild sieht, wird es trocken in seinem Mund. Darauf ist ein missgebildeter Kopf eines Kindes abgebildet. Es handelt sich hier nicht etwa um einen Roman, sondern um ein Sachbuch in der es um eine bestimmte Krankheit geht.

Jesia blättert darin herum und sieht noch mehr Fotografien und anatomische Zeichnungen. Als er sich die nächste Seite greift, entgleitet ihm das Buch und fällt. Es landet weich auf einer Zudecke. Zuerst denkt sich Jesia nichts dabei und nimmt das Buch wieder an sich. Doch dann bemerkt er, wie sich die Decke bewegt.

Sein Herz klopft nun schneller. Vorsichtig geht er rückwärts Richtung Tür. Den Lichtstrahl seiner Lampe führt er langsam nach rechts, immer weiter der Decke entlang, die sich bewegt. Dann erfasst das Licht etwas, dass er anfangs nicht richtig erkennt. Doch dann weiß Jesia, dass es sich hier um einen Kopf handelt. Zuerst meint er den Hinterkopf zu erkennen, da er lange schwarze Haare sieht. Doch diese kommen aus dem Gesicht, wenn man dieses als solches so bezeichnen konnte. Vollkommen erstarrt blickt er in ein missgebildetes Gesicht, dass ihm zugerichtet ist.

Jesia hebt seine rechte Hand zur Seite, da er das Licht einschalten  will. Hier in diesem Zimmer gibt es kein Fenster oder dergleichen. Hier hat man jemanden untergebracht, den man vor der Öffentlichkeit verstecken will.

Während er nur noch wenige Zentimeter von dem Lichtschalter entfernt ist, starrt er weiterhin auf das verbeulte Gesicht. Irgendetwas, das von innen nach außen wächst, hat das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Aus dem aufgerissenen Mund hört er nun dieses Stöhnen, dass er schon die ganze Zeit immer wieder vernommen hatte. Nur wird es jetzt lauter und ausgedehnter. Dieser Ton raubt Jesia fast den Verstand.

Schließlich ist er an der Tür und tastet nach dem Lichtschalter. Doch er fühlt nicht den Lichtschalter, sondern etwas anderes. Bevor er überhaupt reagieren kann, erhellt das Licht das Zimmer. Schnell dreht er sich um und blickt auf ein weiteres Monster mit einem riesigen Kopf, der jeden Moment zu platzen scheint.

Eine Hand greift nach seinem Hals und drückt ihm die Kehle zu. Jesia kann nicht reagieren. Das Monster vor ihm hebt ihn vom Boden ab. Mit seinen Händen versucht er den ungewöhnlich dicken Arm, der ihn wie ein Streichholz vom Boden hochdrückt, abzuwehren.

Jesia sieht ein Grinsen in der verzerrten Fratze.

‚Was ist das für eine Maske?‘, geht es ihm durch den Kopf.

Das Ding vor ihm ist ebenso angsteinflößend, wie das im Bett. Hinter sich hört er das laute Stöhnen, das langsam aber sicher immer leiser wird.

Es wird schwarz vor seinen Augen. Kein Sauerstoff gelangt mehr in seine Lungen. Dann hört er ein furchtbares Krachen in seinem Hals. Jesia verliert das Bewusstsein.

Noch immer drückt die Hand seinen Hals mit ungeheurer Kraft zusammen. Die Farbe in Jesias Gesicht hat sich verändert. Wieder kracht es im Hals.

Dann fällt der leblose Körper Jesias zu Boden und bleibt dort liegen. Sein Kopf hängt an dem zerdrückten Hals, so wie ein Ball an einem Faden. Wie ein Kaugummi hat sich der Hals verformt. Die leeren Augen Jesias, in denen geplatzte Äderchen zu erkennen sind, blicken ins Leere.

Der tote Körper wird nun nach draußen geschleift, das Licht erlischt und die Tür wird zugeschlagen.

 

Matt steht oben an der Treppe und blickt hinab in den Keller. Er hat soeben ein Stöhnen vernommen.

„Jesia?“, ruft er so leise wie möglich ins Dunkle.

Er leuchtet mit der Taschenlampe hinunter, jedoch ist da nichts. Gerade überlegt er, ob er nicht nach oben zu den Anderen gehen soll, um ihnen Bescheid zu sagen. Doch er entscheidet sich dagegen. Mit vorsichtigen Schritten nimmt er eine Stufe nach der anderen. Unten angekommen blickt er auf eine verschlossene Tür. Er beugt sich nach vorn und lauscht. Nichts ist zu hören. Von oben hört er die anderen beiden, wie sie die Möbel durchsuchen.

Mit seiner Rechten öffnet er die Tür und zieht sie zu sich. Mit etwas Mühe schafft er es endlich sie komplett aufzuziehen. Ohne lange darüber nachzudenken schaltet er das Licht ein. Vor sich sieht er einen Gang, dessen Boden mit schwarzen Fliesen verkleidet ist. Auf beiden Seiten befinden sich Türen.

Matt hebt sein Brecheisen in die Höhe. Bereit es einzusetzen, sobald ihm Gefahr droht. Lauschend schleicht er voran. Am Ende des Flurs liegt etwas am Boden. Als er dort ankommt, erkennt er Jesias Stirnlampe. Diese nimmt er an sich. Ihm gefällt das ganz und gar nicht.

Ein Geräusch lässt ihn aufhorchen. Er vernahm es rechterhand. Dort, wo der Gang endet. Eine Tür befindet sich am Ende. Langsam nähert er sich dieser. Vor der Tür stehend, wartet er noch ein paar Sekunden ab. Schließlich greift er zur Tür, um sie zu öffnen. In der anderen Hand umklammert er mit aller Kraft das Brecheisen.

Als er die Tür nach innen hin öffnet, fällt ihm sofort die nackte Person auf, die am Boden auf einer Decke liegt. Zuerst erkennt er nicht, wer da besinnungslos vor ihm liegt, da der Kopf vollkommen verdreht mit dem Gesicht nach unten liegt. Die Person liegt jedoch auf dem Rücken. Zuerst denkt er an eine Puppe. Doch als er näher kommt und sich nach unten bückt, erkennt er Jesias Haare. Die lockigen schwarzgrauen Haare, auf dem Oberkopf bereits licht.

Bevor Matt verdauen kann, was er da vor sich sieht, kommt jemand ins Zimmer. Rechts von Matt befindet sich ein Durchgang. An diesem sind am oberen Ende dicke Plastikmatten angebracht, durch die eine großgewachsene breite Gestalt eintritt.

Matt erhebt sich schnell und hält sein Brecheisen bereit. Was da vor ihm steht, ist alles andere als menschlich. Der Kopf ist doppelt so groß, wie ein normaler. Auch ist seine Form eine andere. Es scheint ein Schädel zu sein, aus denen weitere kleine Köpfe ragen. Eine einzige offene Wucherung sitzt auf dem dicken Hals. Zwei Augen starren Matt an, die gelblich leuchten. Diese befinden sich diagonal unter und über den Wucherungen angeordnet. Der Mund ist ein Loch kurz überhalb des Kinns, das ebenfalls nach einem Tumor oder ähnlichen aussieht. Spitze große Zähne ragen hervor, die teilweise löchrig sind. Außerdem haben sie eine bräunliche Farbe, so als würden sie rosten. Nur sehr wenige Haare befinden sich auf dem Kopf. Diese unterscheiden sich farblich. Blond, Grau, bis hin zu gelb.

Darunter befindet sich ein Oberkörper, der im ersten Moment dem eines normalen Menschen gleicht. Doch er ist sehr stark behaart und mehr als kräftig. Matt weiß nicht, ob es sich hier um Muskulatur handelt oder vielleicht auch um übergroße Geschwüre.

Eine graue weite Stoffhose kleidet ihn. Auch hier sieht man die kräftigen Oberschenkel, die sich durch den Stoff abzeichnen.

Das Ding hebt beide Arme in die Höhe. Ebenfalls stark behaart und extrem überdimensioniert.

„Bleib wo du bist!“, fordert Matt den Unbekannten mit zittriger Stimme auf.

Dieser tritt an den leblosen Körper seines Kollegen heran und zeigt mit seinem Zeigefinger, der mit dem Mittelfinger verwachsen ist, auf Jesia.

Vollkommen durcheinander blickt Matt auf diesen Kerl und weiß nicht, wie er handeln soll.

‚Ich muss raus hier!‘

Langsam geht er zur Tür, den Blick nicht von dieser monströsen Gestalt lassend. Die gelben angsteinflößenden Augen beobachten Matt skeptisch. Je näher Matt sich der Tür nähert, desto nervöser wird er.

Plötzlich hebt sein Gegenüber den Fuß und donnert ihn mit aller Kraft nach unten. Matt sieht wie der große Fuß dieses Giganten, den linken Knöchel seines vermeintlich toten Freundes zermalmt. Der Fuß, des nun vollkommen zerstörten Gelenks, fällt zur Seite.

Matt bleibt stehen. Sein Herz schlägt ihm bis zum Hals. Mit der Hand könnte er locker zur Tür greifen und sie öffnen. Doch dann wird er sicherlich angegriffen. Ob er sich gegen dieses Monstrum verteidigen kann, ist fraglich. Aber er wird alles versuchen, sich so gut wie möglich zu wehren. Am liebsten hätte er jetzt nach den anderen beiden gerufen. Sie müssten doch schon lange fertig sein da oben? Wahrscheinlich warten sie oben im Wohnzimmer.

Matt greift zum Türgriff, betätigt ihn und öffnet. Und schon setzt sich der Andere in Bewegung. Mit großen Schritten stapft er auf Matt zu. Er breitet seine Arme zur Seite aus, so, als wolle er ihn umarmen. Aber Matt weiß, dass er ihm bestimmt nicht freundlich gesinnt ist.

Bevor er flüchten kann, hat ihn das Ungetüm schon eingeholt. Matt überlegt nicht lange, holt aus und zieht seinem Gegenüber das Brecheisen über den Kopf. Torkelnd kracht es an die linke Wand. Matt achtet nicht mehr darauf und läuft los. Die Tür zieht er hinter sich zu. Dann läuft er nach vorne. Ein Stöhnen ertönt. Dieses kommt jedoch nicht aus dem Zimmer, von dem er gerade kommt, sondern von einer der vorderen Türen. Jeden Moment vermutet er, dass eine dieser Türen aufgerissen wird und ein weiteres Monstrum daraus entspringt, um ihn zu fassen.

Die Tür zum Keller wird geöffnet. Matt hebt sein Brecheisen, um sofort zuzuschlagen, wenn er angegriffen wird. Vor ihm steht jedoch Mirbu, der ihn erschreckt anblickt.

„Verdammt, was ist denn los? Wo bleibt ihr denn?“, will Mirbu wissen.

„Reik und ich warten schon eine Zeitlang oben im Wohnzimmer. Es wird Zeit …“

Matt dreht sich um. Jeden Moment wird dieser Unhold aus seinem Zimmer kommen und versuchen auch sie zu töten.

„Wir sollten so schnell, wie möglich, weg …“, beginnt Matt zu sprechen.

Ein langgezogenes Stöhnen lässt beide aufhorchen.

„Wer ist denn das?“, will Mirbu wissen.

Beide blicken zu der Tür, aus dem sie das Stöhnen vernommen haben. Mirbu nähert sich der Tür.

„Ist da wohl Jesia drin?“

„Lass uns verschwinden, schnell!“

Bevor Matt ihn davon abhalten kann, öffnet Mirbu die besagte Tür und schaltet das Licht an.

Mirbu erstarrt vor dem Anblick. Neben dem Bett auf der gegenüberliegenden Seite liegt eine Person auf dem Boden. Seine Augen mustern den verformten Kopf. Auf der Vorderseite des Gesichts, scheint sich eine riesige Blase gebildet zu haben. Auge und Nase sind darauf zu erkennen. Schwarze lange Haare wachsen vereinzelt daraus hervor. Der Mund ist durch die riesige Beule so verzerrt, dass es der Person nicht möglich ist, sich noch zu verständigen.

„Mirbu!“, schreit Matt.

Der kann sich nur schwer von dem Anblick lösen und dreht sich zu seinem Kollegen um. Dieser zerrt ihn nun an den Schultern nach draußen. Bevor Mirbu weiß, was überhaupt los ist, sieht er das monströse Wesen, das sich ihnen nähert.

„Raus hier!“, hört Mirbu Matt schreien.

Bevor sich Mirbu umdrehen kann, um mit Matt nach oben zu flüchten, spürt er schon die klobige Hand, die nach ihm greift. Diese bekommt ihn an der Jacke zu fassen und zieht ihn zurück. Verzweifelt versucht er sich loszureißen. Er sieht noch, wie Matt zur Treppe läuft, dann jedoch wird er zu Boden gerissen. Über sich sieht er diesen verunstalteten Kopf, der sich ihm nun nähert, indem sich der Unhold nach unten beugt. Die Hand mit den dicken, teils zusammengewachsenen Fingern, greift ihn um den Hals.

Das Ding hat ein Loch im Gesicht, das womöglich der Mund sein soll. Spitze Zähne nähern sich Mirbu. Speichel tropft auf Mirbus Gesicht. Er kann bereits den warmen stinkenden Atem riechen, der seine Nase füllt. Mit aller Kraft versucht sich Mirbu loszureißen, doch mit einem Ruck zieht der Missgebildete ihn zu sich hoch und beißt ihn mit aller Kraft ins Gesicht. Es scheint, als würde das Maul ums doppelte auseinandergerissen. Die spitzen Zähne bohren sich in Mirbus Stirn und unterhalb seiner Nase ins Fleisch. Sie durchbrechen Knochen und Zahnfleisch. Ein unsäglicher Schmerz durchflutet Mirbu. Sein halbes Gesicht wird weggerissen.

Bevor er in Ohnmacht fällt, bemerkt er, dass er seinen Mund nicht mehr schließen kann. Oberhalb der unteren Lippe bis zur Stirnmitte ist die Haut, das rechte Auge, sowie Schädelfragmente weggerissen.

Mirbu schreit unmenschlich. Er schmeckt sein eigenes Blut im Mund, wie es seine Kehle hinunterläuft und dabei in die Luftröhre gelangt. Bevor er zu husten beginnt, spürt er noch einen ungeheuren Schlag gegen seinen Kopf, der ihn schließlich in die Besinnungslosigkeit katapultiert.

 

Matt stolpert die Treppe hinauf. Fast hat er dabei sein Brecheisen verloren. Dieses jedoch wird er noch brauchen, wenn ihm dieses Monster zu nahe kommt.

Oben angekommen, dreht er sich zur Kellertreppe um und wartet darauf, dass Mirbu nachkommt. Doch das Schreien, das er gerade gehört hat, lässt ihn schlimmes vermuten.

Es wird Zeit, dieses Haus so schnell wie möglich zu verlassen. Als er sich umdreht, um nach Reik zu sehen, steht dieser bereits vor ihm. Der Schreck lässt ihn kurz aufschreien.

„Raus, schnell!“, schreit Matt Reik an.

Dieser weiß gar nicht, wie ihm geschieht. Sein Kollege schiebt ihn Richtung Ausgang, dorthin, wo sie eingebrochen sind. Reik stolpert ein paar Schritte nach vorn, will sich jedoch noch einmal zu Matt umdrehen.

„Wo sind die …“

Dann ertönt ein lauter Knall. Matt wirft sich zu Boden, während Reik einige Meter weit zurückgeschleudert wird.

Matt hat sich hinter die Couch geflüchtet. Als es diese laute Explosion gab, hat er noch gesehen, wie auf der Terrasse Funken sprühten. Nicht weit von ihm entfernt, liegt nun Reik, der mit beiden Händen auf seinen Bauch drückt. Die Taschenlampe, der er zuvor noch in den Händen hatte, liegt nicht weit von ihm entfernt und im Lichtstrahl kann Matt erkennen, dass er stark verwundet ist. Blut verteilt sich auf dem Boden.

„Reik?“, ruft Matt seinem Freund weinend zu.

Dieser versucht zu atmen, doch es fällt ihm sichtlich schwer. Sein Kopf ist Matt zugewandt. Am Mund ist zu erkennen, dass er versucht sich zu verständigen, doch ein Schwall Blut ergießt sich daraus.

Matt bleiben die Worte im Mund stecken. Vorsichtig hebt er seinen Kopf in die Höhe. Als er über den Rand der Couch blickt, sieht er eine Gestalt am Eingang der ausgehebelten Tür stehen.

„Bleib schön da, wo du bist.“

Matt versteht nur sehr schlecht die deutsche Sprache. Jedoch kann er sich denken, dass er es tunlichst vermeiden sollte, sein Versteck zu verlassen. Doch soll er warten, bis ihn dieser furchteinflößende Kerl aus dem Keller holt?

Verzweifelt blickt er nochmals zu Reik hinüber, der seine Augen immer noch auf ihn gerichtet hat. Doch aus diesen ist jegliches Leben gewichen.

Matt spürt, wie sich sein Handgelenk verkrampft. Noch immer hält er das Brecheisen fest umschlossen, so, als wolle er es zerdrücken.

Ängstlich blickt er zur Kellertreppe. Jeden Moment wartet er darauf, dass dieses Ungetüm erscheint, um ihn, wie Jesia, zu zermalmen. Bestimmt ist Mirbu ebenfalls tot.

Nur wer ist das da an der Tür und schießt auf sie? Hier ist etwas ganz gewaltig für sie schiefgelaufen. Nun heißt es einen Ausweg aus diesem Horrorhaus zu finden. Das Einfachste wäre ein Fenster einzuschlagen und zu flüchten. Egal, welchen Lärm dies auch verursacht. Er will einfach nur weg von hier.

Langsam schleicht er am Boden kriechend zur Küche. Dort versteckt er sich erst einmal hinter dem Tresen. Über der großen breiten Spüle, die sich gegenüber des Tresens befindet, ist ein großes Fenster. Mit dem Brecheisen könnte er es einschlagen. Die Sicht zur Terrasse ist durch einen Mauervorsprung teilweise versperrt.

Matt erhebt sich langsam, holt aus und schlägt gegen das Fenster. Es splittert! Mit aller Kraft schlägt er noch einige Male auf das Glas, bis es schlussendlich zerbricht. Schnell springt er auf die Spüle hinauf und springt. Er rutscht bei dem Versuch, aus dem Fenster zu springen etwas ab und verletzt sich. Dabei spürt er, wie sich abstehende Glasscherben von dem größtenteils zerbrochenen Fenster, sich in die Haut seines Rückens bohren. Das allerdings missachtet er. Jetzt ist es ihm wichtig von diesem Ort zu fliehen.

Nach etwa zwei Meter kommt er auf dem, von Nebelschwaden verdeckten, Untergrund auf. Sofort will er sich in Bewegung setzen, als er neben sich etwas wahrnimmt. Ein kurzer Blick nach rechts, dann sieht er etwas auf seinen Kopf zurasen und er verliert die Besinnung.

 

Als Matt zu sich kommt, spürt er die Schmerzen in seinem Kopf.

Seine Augen öffnen sich langsam, dabei schafft er es kaum das linke zu öffnen. Es ist durch das Blut verklebt, das von der Verletzung des Schlags herrührt, der ihn für kurze Zeit ausschaltete.

Dann bemerkt er ein Ziehen in seinem Körper. Erst einige Sekunden später registriert er, dass man ihn, mit den Armen nach oben, an ein Seil gebunden hat. An diesem hängt er nun von einer Decke. Erschreckt stellt er fest, dass man ihn komplett entkleidet hat.

Sofort erkennt er das Zimmer wieder, in das man ihn gebracht hat. Links von ihm ist der Durchgang, wo dieser Mutant, oder was auch immer es war, vorhin rausgekommen war. Jesias Körper ist allerdings verschwunden.

Dann beobachtet er, wie sich die Tür des Zimmers öffnet und ein Mann und eine Frau eintreten. Der Mann hat ein großkalibriges Gewehr in den Händen, die Frau einen Baseballschläger.

Matt spürt sein Herz klopfen. Es scheint, als springe es jeden Moment aus seiner Brust. Die Angst überschwemmt sein Gehirn, das nicht mehr klar denken kann.

Die beiden Personen stehen da und starren ihn an. Sie sehen normal aus. Matt sieht keine verunstalteten Missgeburten, sondern ganz normale Menschen, wie er selbst.

„Was wollt ihr von mir?“, fragt Matt in seiner Sprache.

Er bemerkt, wie seine Stimme zittert. Ein paar Mal verschluckt er sich vor Aufregung.

Die Beiden stehen da, aber sagen kein Wort.

Dann hört Matt etwas aus der Kammer linkerhand. Dort sieht er einen Schatten hinter den Plastikmatten des Durchgangs. Diese werden beiseite geschoben und es tritt der mit Geschwüren überwucherte Kerl heraus.

„Helft mir bitte …“, fleht Matt den Mann und die Frau an.

Der Mann legt seinen Arm um die Frau und dann gehen sie nach draußen.

Hinter der Tür hören die Beiden Matt schreien. Der Mann grinst und küsst die Frau auf den Mund.

„Der Nachbar wird nicht begeistert sein, wenn er seine Terrassentür morgen so vorfindet.“

„Na, ja, wenigstens ist nicht mehr passiert. Bin ja froh, dass ich die Penner vorhin durch das Fenster gesehen habe, als ich den Film von oben geholt habe.“

„Die Lichtschranke auf der Terrasse hätte uns aber so oder so gewarnt. Und überhaupt, Natal wird auch in Zukunft für Ordnung hier sorgen.“

Als sie an der ersten Tür vorne im Korridor vorbeikommen, schauen sie noch kurz zu Melanie, Natals Schwester, hinein. Diese liegt schön ruhig im Bett und schläft wieder.

Die Nachbarn von nebenan schließen ruhig die Tür, schalten im Gang das Licht aus und verlassen den Keller.

Ab und an hört man Wimmern und Krächzen hinter Natals Tür, doch irgendwann kehrt Stille ein.

 

[Gesamt:11    Durchschnitt: 4.2/5]

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