DER MANN – ZOMBIELOVERIN

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

Jeder liebt doch Geschichten. Vor allem an Halloween. Doch manche von den schaurig schönen Erzählungen, sind nicht immer nur Fiktion. Es gibt Geschichten, die können nur deshalb erzählt werden, weil sie von jemandem wirklich erlebt wurden.
So wie auch meine Geschichte:

Meine Partnerin und ich zogen vor ca. 1 ½ Jahren in ein kleines Dorf in der Nähe von Sigmaringen.
Die Wohnung war uns mit ihren 120qm eigentlich viel zu groß.
Jedoch die ruhige Lage und der unschlagbare günstige Preis ließ uns nicht lange darüber nachdenken.
Das Haus selbst war in 3 Stockwerke eingeteilt.
Im Erdgeschoss war ein kleiner Supermarkt. Er war 4 Tage die Woche geöffnet.
Ich glaube immer von Montag bis Donnerstag. Auf jeden Fall hatte er an den Wochenenden immer geschlossen.
Im 2. Stock befand sich eine Hausarztpraxis. Was ich sehr praktisch fand, da ich ziemlich oft krank wurde. Vor allem in der Grippe Hochsaison während der Übergänge der kalten und warmen Jahreszeiten.
Und zu guter Letzt kam darüber unsere Wohnung. Ganz oben, jedoch nicht direkt unter dem Dach. Zu den Räumlichkeiten gehörte nämlich noch ein Dachboden, dieser sich über die gesamte Fläche der bewohnbaren Quadratmeter erstreckte.
Es hätte quasi noch eine Zimmererweiterung sein können, jedoch war dieser große Raum nicht isoliert, es waren keine Heizkörper installiert und er war nur über eine Deckenklappe begehbar.
Also beschlossen wir ihn dafür zu nutzen unsere Wäsche zu trocknen. Hierbei kamen uns die zwei kleinen Fenster an den Stirnseiten zu Gute.
Nachdem wir uns eingerichtet hatten und langsam das *zuhause* Gefühl eingesetzt war, fühlten wir uns sehr wohl.
Leider verlor ich nach kurzer Zeit meine Anstellung als Erzieherin, weil die Kindergartengruppe mangels erforderlichem Eta geschlossen werden musste.
Eine neue Stelle zu finden, gestaltete sich äußerst schwierig, da es immer noch genügend Menschen gab die meine sexuelle Neigung verurteilten.
So war ich sehr oft und lange alleine in unserem Zuhause.

Meine Freundin, die Jugend- und Heimerzieherin war, versuchte mit häufigen 24 Stunden Schichten uns über Wasser zu halten bis wieder ein zweites Einkommen in die Haushaltskasse fließen würde.
So auch an diesem Abend.
Ich hatte es mir auf dem Sofa gemütlich gemacht und suchte das Internet nach freien Stellen ab. Ich war mittlerweile so verzweifelt, dass ich sogar Branchenfremde Angebote in Betracht zog. Und wäre es auch nur zur Überbrückung.
Ein punktuelles Poltern über mir riss mich aus meiner Konzentration.
Da es nach wenigen Minuten wieder verstummte, beachtete ich es nicht weiter und setzte meine Suche fort.
Fortan trat es jedoch jeden Abend auf und auch Susi konnte es, an den Abenden, an denen sie zu Hause war, hören.
Im Internet stießen wir auf einige Texte in denen von Mäusen oder Siebenschläfern unter den Dächern die Rede war.
Wir untersuchten den Dachboden auf Tierkot, fanden jedoch nichts.
Sicherheitshalber brachten wir ein paar Fallen an.
Ab diesem Zeitpunkt veränderte sich das Poltern. Es blieb nicht mehr punktuell, sondern setzte sich in Form von Schrittgeräuschen in Bewegung.
Zuerst zogen sie lediglich immer wiederkehrende Kreise über dem gesamten Wohnzimmerbereich, doch es dauerte nicht lange und sie breitete sich über die gesamte Wohnung aus.
Jeden Abend nach ein und demselben Muster.
Jeden Abend zur immer Gleichen Uhrzeit.
„Das kann doch nicht normal sein Schatz. Oben ist nirgendwo eine Spur, dass dieses Geräusch aufgrund eines Tieres erklären könnte. Die Fallen sind leer und welches Tier agiert bitte nach einer Uhrzeit?“
Susi war besorgt. Das konnte ich ganz genau sehen.
Ich versuchte sie zu beruhigen und das ganze rational zu erklären.
„Vielleicht handelt es sich auch gar nicht um ein Tier. Wer weiß. Fängt nicht um 22 Uhr die Nachtabsenkung der Heizanlage an? Vielleicht wurden auf dem Dachboden Rohre verlegt und das Geräusch kommt daher.“
„Und wie erklärst du dir, dass sich dieses Poltern ausgebreitet hat?“
Eine berechtigte Frage. Musste ich zugeben.
Ich dachte nach.
„War unsere Wohnung denn nicht fast 6 Monate leer? Eventuell war Luft in den Rohren, die eine Weile gebraucht hat, um vollständig zu entweichen.“

Zufrieden mit meiner Erklärung war für mich diese Konversation eigentlich zu Ende.
Susi jedoch, war wohl nicht damit zufrieden gewesen.
„Wohin soll diese Diskussion bitte führen? Ich meine, wenn meine Erklärungen für dich nicht einleuchtend sind, muss dir doch eine Eigene im Kopf herumschwirren. Anstatt drum herumzureden, solltest du vielleicht aussprechen, was du denkst“, fügte ich ungeduldig und ein wenig genervt hinzu.
Sie sah zu Boden. Diese Reaktion kannte ich nur zu Gut. Das tat sie immer, wenn sie verunsichert war und Angst hatte mir etwas zu erzählen.
Ich nahm ihre Hände und suchte ihren Blick.
„Schatz, ich möchte, dass wir uns beide hier wohlfühlen. Ich weiß, dass es momentan schwer ist. Aber es kommen wieder bessere Zeiten. Ich werde bald eine Stelle finden. Du wirst dir doch unsere erste gemeinsame Wohnung nicht durch so ein bisschen Poltern verderben lassen.“
Sie sah mich an und zwang sich ein Lächeln auf.
„Was ist, wenn es etwas Schlimmes ist?“, fragte sie dann.
„Etwas Schlimmes wie ein defektes Rohr zum Beispiel?“, fragte ich dagegen.
Sie schüttelte langsame den Kopf.
„Etwas Schlimmes, wie zum Beispiel ein Spuk …“
„Ein Geist?!?“, fragte ich skeptisch und ein wenig belustigt.
Doch Susi war Tod Ernst.
„Ich dachte, du glaubst an Geister?“, hinterfragte sie fast ein wenig herablassend.
Natürlich glaubte ich an das Übernatürliche. Viele meiner engsten Freunde hatten mir schaurige Geschichten erzählt, die sie selbst erlebt hatten.
Allesamt sehr aufrichtige Menschen, wie ich betonen muss.
Jedoch ist mir selbst noch nie etwas Vergleichbares geschehen und bevor ich unerklärliches in dieser Weise in Verbindung brachte, schloss ich erst einmal hundert rational erklärbare Ursachen vollständig aus.
Doch Susi schien es ernst zu meinen.
„Ich glaube auch daran, jedoch glaube ich nicht dass dieses Poltern übernatürlicher Natur entspringt.“
„Was macht dich da so sicher?“
„Was lässt dich glauben, dass es nicht so ist?“
Wir drehten uns im Kreis.
„In Ordnung. Wenn es dir solch eine Angst macht, werde ich heute Abend, sobald das Poltern beginnt, nach oben gehen und nachsehen.“

Gesagt getan.
Sofort nachdem das erste Poltern um 22 Uhr zu hören war, griff ich nach der Taschenlampe, öffnete die Dachklappe und stieg langsam die Stufen hinauf.
„Sei bitte vorsichtig“, hörte ich Susi sagen, während sie den Lichtschalter betätigte.
Die Lampe auf dem Dachboden war nicht besonders hell und für diesen großen Raum in keinem Fall ausreichend. Der Lichtstrahl beleuchtete lediglich den Aufgang und den mittleren Bereich des Bodens. Jedoch konnte man in den Ecken und in den Dachschrägen rein gar nichts erkennen.
Der Konstrukteur war wohl der Meinung dass man am Abend und in der Nacht keinen Grund haben könnte, den Dachboden zu betreten.
Auf der Hälfte der Stufen stoppte ich. Nur mein Kopf ragte nun knapp über den Boden der Dachkammer.
Das Poltern verstummte.
„Kannst du etwas sehen? Das Poltern hat nämlich gerade aufgehört“, drang Susis Stimme dumpf durch die Decke zu mir hinauf.
Das klicken des Taschenlampenknopfes erschien mir durch die umliegende Stille enorm laut.
Zögerlich richtete ich den Strahl der eben erleuchteten Birne in die hintere linke Ecke des Raumes.
Wie bei einem Leuchtturm bewegte ich dann meinen Arm kreisförmig, ganz langsam fort.
„Jetzt sag doch endlich mal was!“, schimpfte Susi als ich ungefähr die Hälfte es Raums durchleuchtet hatte.
Ich erschauderte so sehr, dass ich beinahe die Stufen hinab gefallen wäre.
„Sag mal spinnst du eigentlich, mich zu erschrecken?“, keifte ich flüsternd in ihre Richtung.
Susi lachte.
„Ich dachte du hast keine Angst. Wie kann ich dich dann erschrecken?“
Ich antwortete nicht.
Es war keine Furcht, die mich zusammen fahren ließ, es war einfach eine gewisse Anspannung, der ich ausgeliefert war. Immerhin konnte jeden Moment etwas in Schein der Taschenlampe sichtbar werden. Und dabei war das „WAS“ erst einmal zweitrangig.
Als ich in der rechten hinteren Ecke des Raums ankam, atmete ich erleichtert aus.
„Wie ich schon sagte, dort oben ist nichts.“
*RUMMMMMMS*

Ich hatte die Worte gerade ausgesprochen, da ertönte so ein gewaltiges Rumpeln von der hinteren linken Ecke, dass mir das Blut in den Adern gefror.
„Was zum Teufel war das?! Schatz ist alles in Ordnung?“
Ich konnte ihre Worte kaum verstehen. So dröhnte mir mein Herzklopfen in den Ohren.
Mit zitternder Hand richtete ich die Taschenlampe abermals in die bereits kontrollierte Ecke aus.
In dem Moment als der Lichtschein auf den Boden traf, konnte ich einen Schatten weghuschen sehen.
Erleichtert wischte ich mir die kalten Schweißperlen von der Stirn. Es war wohl doch ein Tier.
„Hier oben ist nichts“, rief ich nach unten.
Von dem Schatten wollte ich lieber nichts erwähnen. Susi hätte es bestimmt nicht für ein Tier gehalten, sondern nur noch mehr Angst gehabt.
Um ihr aber noch deutlicher zu machen, dass sie sich in Sicherheit befunden hatte, richtete ich mich selbstbewusst auf und rief in den Raum so laut ich konnte: „Falls doch irgendjemand oder irgendetwas hier sein sollte, spreche ich hiermit eine Warnung aus. Lass mich und meine Freundin gefälligst in Ruhe! Verlass am besten unsere Wohnung und komm nie wieder! Ansonsten wirst du es bereuen!“
Susi lachte.
„Und du glaubst ernsthaft, dass könnte auf einen Geist Eindruck machen?“
„Klar, wieso denn auch nicht“, antwortete ich grinsend und betrat die letzte Stufe der Leiter.
Mit einem lauten Knall fuhr die Klappe wieder ins Deckenscharnier und verschloss den Aufgang.
Susi schien zufrieden. Sie fiel mir in die Arme und küsste mich innig.
Was wir beide in diesem Moment noch nicht wussten war, dass ich meine tapferen Worte schon bald bereuen würde.

Doch zunächst war es 3 Wochen still. Das Poltern hatte tatsächlich aufgehört und ich war mir sicher, dass ich das Tier an diesem Abend mit der Taschenlampe vertrieben hatte.
Auch meine Bewerbungen zeigten endlich Erfolg und ich wurde zu zwei Vorstellungsgesprächen eingeladen, die sehr gut verliefen.
Endlich ging es wieder bergauf für uns.
An Susis freiem Abend lagen wir faul auf der Couch und schauten Fernsehen.
Sie hatte Popcorn gemacht, lag mit dem Kopf auf meinem Schoß und balancierte die Randvolle Schüssel auf ihrem Bauch.
Urplötzlich schreckte sie nach oben.
Die Schüssel in dieser ich gerade noch meine Hand hatte, fiel zu Boden und zersprang in hundert kleine Scherben.
Zusammen mit dem Popcorn zierten sie fast die Hälfte der Bodenfläche.
„Sag mal spinnst du?!“, fuhr ich sie an und fing sofort an die Sauerei zu beseitigen.
„Da … Da … Da ist eben jemand an der Wohnzimmertüre vorbeigelaufen“, stotterte Susi und war kreidebleich.
„Was?!“, fragte ich abwesend, bis mein Blick auf ihr Gesicht fiel.
„Da ist gerade eine weiße Gestalt an unserer Türe vorbeigelaufen“, wiederholte sie weiter auf die Türe starrend.
Ich muss hier kurz erwähnen, dass unserer Wohnzimmertüre mittig aus einem gut durchsehbaren Milchglas bestand. Praktisch falls man mal das Flurlicht brennen gelassen hatte, konnte man es direkt sehen.
„Schatz, das war bestimmt nur eine Lichtspiegelung von der Straße“, versuchte ich sie zu beruhigen.
Hinter unserem Sofa befand sich ein Erker mit 3 großen Fenstern. Abends konnte man von allen vorbei fahrenden Autos die Scheinwerfer an der Wand vorbeigleiten sehen, wenn der Rollladen nicht geschlossen war.
„Meinst du?“, fragte sie immer noch mit einem zittern in der Stimme.
„Es sah wirklich so aus als wäre jemand vorbeigelaufen.“
„Ich glaube das ist momentan alles zu viel für dich. Die vielen Zusatzschichten machen dich anfällig für Geräusche und Bewegungen. Kein Wunder bei dem ganzen Stress den du hast. Weißt du was? Ich lasse dir jetzt ein schönes, warmes Bad ein und du entspannst dich, während ich hier sauber mache. Einverstanden?“
Dass ihr Angst ins Gesicht geschrieben stand, konnte ich deutlich erkennen. Es tat mir so leid, dass sie momentan so viel für uns durchmachen musste.
Als sie in der Badewanne lag und ich zusammengefegt hatte, setzte ich mich wiedermal ans Internet.

Ein paar darauffolgende Tage später, stieg ich gut gelaunt aus der Dusche. Ich bereitete mich auf ein Vorstellungsgespräch vor. Das zuvor abgehaltene Telefonat mit der Chefin lief

hervorragend und ich fasste neuen Mut.

Ich zog mir meine schicke Bluse und den Faltenrock an, steckte meine Haare hoch und legte ein wenig Lippenstift auf.
Für eine Bürostelle genau die richtige Aufmachung.
Da noch ein wenig Zeit übrig war, bevor ich los musste, wollte ich noch ein paar Informationen über die Firma sammeln und nebenbei einen Kaffee trinken.
In der Küche angekommen traute ich meinen Augen nicht.
Alle Schranktüren und Schubladen standen offen.
Susi war Arbeiten. Sie konnte es also nicht gewesen sein.
Mit einem Brotmesser bewaffnet lief ich mit langsamen Schritten die gesamte Wohnung ab, um mich zu vergewissern, dass niemand hier war.
Vielleicht hatte es ja ein kleines Erdbeben gegeben, das kaum spürbar war, aber ausgereicht hatte, um die Türen in Bewegung zu setzen.
Aber die schweren Schubladen hätte es nicht schaffen können.
Fakt war, dass Susi mich mit ihrer Angst ein wenig angesteckt hatte und ich zugeben musste, dass das Ganze doch nicht mehr so wirklich rational erklärbar war.

Ich bekam den Job. Endlich ging es wieder aufwärts. Arbeitsbeginn war zwar erst 2 Monate später, aber diese 8 Wochen würden wir auch noch rumbekommen.
Ich war in Feierlaune. Susi hatte Mittelschicht und um 18 Uhr Feierabend.
Ich ging einkaufen, um uns etwas Leckeres zu kochen.
Die gute Nachricht wollte ich ihr mit einem aufwendigen Abendessen präsentieren.
Als ich die Wohnung aufgeschlossen hatte und unseren Flur betrat, spürte ich sofort etwas sehr Kaltes an meinen Füßen.
Verwundert hob ich mein Bein und inspizierte meine Socke.
Sie war nass.
Mein Blick fiel auf den Fliesenboden und durch den Lichteinfall des Flurfensters konnte ich glitzernde Fußabdrücke auf den Fliesen sehen, die ins Badezimmer führten.
„Schatz, warum bist du schon zu Hause? Hast du gesehen, dass du den ganzen Flur nass gemacht hast? Hättest du denn kein Handtuch benutzen können?“, rief ich in Richtung Badezimmer während ich den Einkauf in die Küche räumte.
„Eigentlich wollte ich dich überraschen, aber wenn du schon hier bist darfst du entscheiden. Lieber selbst gemachte Burger oder Hähnchenbrust mit Senfkruste?“
„Schatz?“
Als erneut keine Antwort kam, streckte ich meinen Kopf in den Flur hinaus und lauschte nach Geräuschen. Hätte ja sein können, dass sie dabei war ihre Haare zu föhnen und mich aufgrund dessen nicht hörte.
Stille…
Schnellen Schrittes stürmte ich in das Badezimmer.
„Spielst du verstecken mit mir?“, fragte ich lachend während ich die Türe öffnete.
Doch hier war niemand. Ja selbst die Duschkabine war verweist. Dort war kein einziger Wassertropfen zu finden.
Wie konnte das sein?
Zur Sicherheit öffnete ich die Türen aller anderen Zimmer und warf einen Blick hinein.
Susi war wirklich nicht hier.
Ich begab mich erneut in den Flur. Nur um sicher zu gehen, dass ich nicht ganz verrückt war.
Die Fußspuren waren immer noch da.
Bei näherer Betrachtung und im Vergleich mit meinem eigenen Fuß, konnte ich zumindest ausschließen dass sie von mir waren.
Mit meinem Handy schoss ich ein paar Beweisfotos davon. Am Abend wollte ich Susi damit konfrontieren.
Vielleicht war sie zwischendurch ja doch zu Hause gewesen. Wer weiß.
Ich beseitigte die nassen Stellen und fing anschließend endlich zu kochen an.

Als ich das letzte Burger Patty aus der Pfanne holte, hörte ich wie der Schlüssel ins Haustürschloss glitt.
„Schatz, ich bin zu Hause. Ich durfte ein kleines bisschen früher Feierabend machen …“
„…Mhhh… Hier riecht es aber lecker“, sagte Susi gut gelaunt und kam zu mir in die Küche.
„Du kommst genau richtig. Im Moment fertig geworden. Setz dich.“
Sichtlich hungrig, zog sie sich einen Stuhl heran und setzte sich an den Tisch.
„Es gab schon lange keine Burger mehr. Gibt es einen besonderen Anlass?“, fragte sie, während sie sich schon das erste Patty angelte.
Ich nahm ebenfalls Platz.
„In der Tat. Den gibt es.“

„Na dann nichts wie raus damit. Gute Nachrichten sind momentan Balsam für meine Seele.“
Sie lächelte und streichelte mir mit ihrem kleinen Finger über meinen Unterarm, während sie schon das Zweite Patty zwischen Daumen und Zeigefinger hielt.
Ich strahlte über beide Ohren.
„In 8 Wochen darf ich bei der Verwaltung anfangen. Ich habe heute den Vertrag zugesandt bekommen.“
Susi wollte sofort etwas sagen, hatte allerdings den Mund voll. Hustend klopfte sie sich auf die Brust, weil wohl ein kleines Stück den falschen Weg in ihre Luftröhre fand.
Ich schlug ihr zweimal mit der Faust auf den Rücken und das Husten stoppte.
Warum auch immer, aber dieser Moment gab uns Anlass aus voller Kehle zu lachen.
„Das war wohl ein wenig zu viel Balsam. Ist mir geradewegs im Hals stecken geblieben,“ keuchte Susi mit hochrotem Gesicht und ein wenig heißer.
Wieder brachen wir in schallendes Gelächter aus.
Dann wurde sie Ernst und nahm meine Hand in ihre.
„Ich freue mich für dich. Für uns. Jetzt wird alles wieder ein wenig leichter und wir können unserer Wohnung endlich genießen. Ich werde wieder mehr bei dir zu Hause sein können. Ich liebe dich.“
Mir schossen sofort Tränen in die Augen. Wieder einmal wurde mir klar dass mein Weg mit ihr, die richtige Entscheidung gewesen war.
Von den Fußspuren am Mittag erzählte ich ihre nichts. Ich wollte die gute Stimmung nicht damit verderben.
Heimlich unter dem Tisch löschte ich das Bild.

Die weiteren Tage verliefen sehr harmonisch. Trotzdem war Susi mehr als überarbeitet. Das schien auch ihr Chef zu bemerken und räumte ihr einen freien Tag ein.
„Sie sollten mal wieder Kraft tanken und Zeit mit ihrer Lebensgefährtin verbringen. Ich teile ihre Schicht jemandem anders ein. Ihr Kollege hatte sowieso nach einer extra Schicht angefragt. Also alles Organisiert.“
Also verbrachten wir einen herrlich sonnigen Tag im Park. Auf dem Weg nach Hause fuhren wir in der Videothek vorbei, um uns einen Film für den Abend auszuleihen.
Nicht üblich im heutigen Zeitalter von Pay-TV, aber ich liebte die altmodische Art und Weise und Susi unterstützte das.
Der Film war super spannend.
Ich lag mit meinem Kopf in Susis Schoß und sie streichelte mir die Stirn.
„Wie lange geht denn der Film noch? Ich muss gestehen dass ich ziemlich erledigt bin“, fragte sie während sie ausgiebig gähnte.
„Ich schaue kurz nach“, antwortete ich und griff nach der Fernsteuerung.
In diesem Moment bekam ich einen ziemlich schmerzhaften Faustschlag auf meine Schulter.
„Aua! Sag mal spinnst du?!“, fauchte ich Susi entgegen und sah sie zornerfüllt an.
Doch sofort wich meine Wut als mir auffiel wie Blass sie auf einmal war.
„Das Ding ist wieder da. Aber es ist nicht vorbeigelaufen. Es steht direkt vor der Scheibe.“
Ungläubig folgte ich ihrem starren Blick in Richtung der Türe.
Und da stand es. Eine weiße Gestalt. Die Form war auffallend männlich. Als würde es jeden Moment durch die Türe kommen wollen, stand es da. Jedoch war sein Gesicht von uns abgewandt. Anhand des Profils sah es so aus als würde es von uns aus gesehen nach links schauen.
„Glaubst du mir jetzt?“, flüsterte Susi ohne sich auch nur einen Millimeter zu bewegen.
Ich konnte nicht Antworten. Ich war angsterfüllt und fasziniert zugleich.
„Was sollen wir jetzt tun?“, fragte sie und starrte weiter auf die Türe.
Als hätte es uns gehört, schnellte sein Kopf plötzlich in unserer Richtung. Es schien uns jetzt direkt anzusehen.
Susi schrie auf.
Aus irgendeinem Reflex in mir, rannte ich zur Türe, riss sie auf und machte im Flur das Licht an.
Mein Herz schlug mir bis zum Hals.
Es war verschwunden.
„Das ist alles deine Schuld!“, hörte ich Susis Stimme hinter mir.
„Meine Schuld?! Wieso denn meine Schuld?!“, fragte ich empört.
„Weil du es provoziert hast!“
„Provoziert? Ich habe doch überhaupt nichts getan.“
Sie zeigte mit dem Finger nach oben.
„Du hast ihm gedroht als du auf dem Dachboden warst.“
„Das hatte ich doch nur getan, um dich zu beruhigen. Ich konnte doch nicht wissen, dass dort wirklich etwas ist.“

„Ach so ist das. Nett auf diese Art und Weise zu erfahren dass du mich gar nicht ernst genommen hast!“
Susi rannte Wutentbrannt in die Küche und schlug die Türe hinter sich zu.
Ich folgte ihr.
„Das ist doch nicht wahr. Jetzt sei doch bitte nicht sauer auf mich. Ich dachte nur, dass du durch die vielen Zusatzschichten so übermüdet und gestresst bist, dass du hinter jedem Schatten etwas Bedrohliches siehst.“
Ich versuchte die Situation mit Ehrlichkeit zu entschärfen.
„Pfff … Du hast mir schlichtweg einfach nicht geglaubt. Und kannst es jetzt nicht einmal zu geben!“
Das schmutzige Geschirr wanderte polternd und schätternd in die Spülmaschine.
Das letzte Glas rutschte ihr aus der Hand, landete auf dem Boden und zersprang.
Ich holte einen Besen aus dem Schrank und fing an die Scherben auf zu kehren.
Susi drehte sich von mir weg, stützte sich auf der Arbeitsplatte ab und fing an zu weinen.
„Ich kann nicht mehr“, schluchzte sie
„Du wirst doch wegen einem Streit nicht unsere Beziehung beenden“, erwiderte ich und entsorgte die Glasreste im Mülleimer.
Sie drehte sich wieder zu mir. Mit Tränen auf der Wange zwang sie sich ein kleines Lächeln auf.
„Bist du verrückt? Ich rede doch nicht von uns. Ich rede von den Vorfällen hier.“
Dann fiel sie mir in die Arme.
„Es tut mir leid Susi. Ich möchte nur, das du glücklich bist.“
„Dann lass uns bitte von hier weg ziehen.“
Ich wollte ihr widersprechen. Immerhin waren wir erst knappe 9 Monate in dieser Wohnung. Für einen erneuten Umzug fehlte nicht nur das Geld, sondern auch Kraft und Motivation, aber ich sah wie viel Angst es ihr machte und wie besorgt sie war.
„In Ordnung. Gleich morgen schauen wir uns nach was neuem um.“

In der heutigen Zeit eine Wohnung zu finden, gestaltet sich schier gar unmöglich. Man braucht viel Zeit und Geduld. Und wenn man dann auch noch etwas „bezahlbares“ möchte, kann man nur auf Glück hoffen.
So erging es uns leider auch. Trotz Kompromissen und Hilfe von Freunden und Verwandten gingen weitere 3 Monate ins Land ohne Erfolg. Besichtigungen gab es einige, jedoch waren ca. 30 andere Menschen mit uns dort, die jedes Mal den Vorzug erhielten.
Zu Hause waren wir permanent angespannt. Susi und ich versuchten so wenig Zeit in der Wohnung zu verbringen wie möglich. Und wenn wir dort waren, dann nur mit voller Beleuchtung in allen Zimmern.
Ihre 24 Stunden Dienste waren für mich die Schlimmsten. Meist übernachtete ich dann bei Freunden.
Einmal war dies jedoch nicht möglich, da sich meine Freunde im Urlaub befanden.
Es war 22.30 Uhr.
Ich hatte mich in meinem Schlafzimmer eingeschlossen und mich unter meiner Bettdecke verkrochen. Nebenher lief irgendeine Sendung im Fernseher.
Mich interessierte das dort gezeigte eigentlich nicht, es sollte lediglich dazu dienen sich nicht so alleine zu fühlen.
Dann musste ich eingeschlafen sein, denn ich erwachte ein wenig später durch Schlüsselgeräusche. Der Fernseher war anhand der Abschaltautomatik irgendwann wohl ausgegangen.
Verwirrt versuchte ich die Uhrzeit auf meinem Wecker zu entziffern. 01.20 Uhr.
Susi kam aber früh nachhause. Immerhin endete ihre Schicht erst um 6 Uhr.
Als mir einfiel dass ich die Schlafzimmer Türe abgeschlossen hatte, schlüpfte ich in meine Hausschuhe und stand auf.
„Schatz, was machst du denn schon da? Ist was passiert?“, fragte ich und drehte den Schlüssel im Schloss herum.
Dann betätigte ich die Türklinke und stand zu meinem Erstaunen in einem dunklen Flur.
Panisch schaltete ich das Licht an.
„Schatz?“
Totenstille.
Langsam und leise inspizierte ich jeden Raum, bis die gesamte Wohnung unter Festbeleuchtung stand.
Ich musste das Schlüsselgeräusch wohl geträumt haben, denn von Susi fehlte weit und breit jede Spur.
Ich beschloss die Lichter brennen zu lassen und machte mich auf das Türschluss der Wohnungstüre zu checken. Vielleicht hatte sie ja nur kurz etwas geholt und war gleich wieder gegangen.
Beherzt rüttelte ich am Türgriff und konnte hören wie der Schieber gegen das Riegel Gehäuse polterte.
Die Türe war immer noch verschlossen.

Gähnend machte ich mich auf den Weg zurück ins Bett.
Auf halbem Weg des Flures hörte ich auf einmal Schritte hinter mir.
Ich sah mich nicht um, sondern beschleunigte meinen Gang.
Mein Verfolger tat das ebenfalls. Als ich das bemerkte rannte ich los. Die Schritte hinter mir taten es mir gleich.
Ich hatte die Schlafzimmertüre fast erreicht, da packte mich etwas an der Kehle und drückte kraftvoll zu.
Meine Hände schnellten nach oben, um meinen Hals zu befreien, jedoch griffen sie ins Leere. Panisch nach Luft schnappend und mit den Beinen wild um mich tretend, versuchte ich die Türklinke zu erreichen.
Meine Augen drohten durch den Druck in meinem Kopf zu platzen und mir ging so langsam der Sauerstoff aus.
Heiße Tränen liefen mir die Wangen hinunter und ich akzeptierte, dass ich nun sterben würde.
Die Türe vor mir verblasste immer mehr und ein beißendes Brennen, breitete sich in meiner Kehle aus.
Kurz bevor ich das Bewusstsein verlor, löste sich der Griff und meine Lungen füllten sich unter stechenden Schmerzen wieder mit Sauerstoff.
Sofort betätigte ich die Klinke, verschloss die Türe hinter mir wieder und verbarrikadierte sie von Innen.
Ich wusste nicht, ob ich es damit schaffen konnte draußen zu halten was auch immer dort draußen war. Ich konnte es nur hoffen.
Panisch durchwühlte ich mein Schmuckkästchen nach der Kette mit dem Kreuzanhänger, die meine Tante mir schenkte nachdem sie erfahren hatte, dass ich mit einer Frau zusammen bin.
Hastig legte ich sie mir um den Hals und verkroch mich unter meine Bettdecke. Mit der linken Hand umschloss ich den Anhänger und flehte um Hilfe.
Zuerst war es still, doch dann ertönte ein starkes vehementes klopfen an der Türe das immer lauter und aggressiver wurde.
Angsterfüllt presste ich mir meine Hände auf beide Ohren.
Als ich es nicht mehr ertragen konnte schrie ich aus voller Kehle: „Verschwinde! Verschwinde endlich! Lass mich in Ruhe!“
Das Hämmern verstummte.
Doch meine Angst blieb. Ich traute mich nicht mehr unter der Bettdecke hervor, obwohl mein Handy nur wenige cm entfernt auf dem Nachttisch gelegen hätte.
Zitternd presste ich jedes meiner Körperteile so eng wie möglich aneinander und weinte.
Irgendwann fing das Klopfen erneut an.
Ich war Kraftlos und völlig übermüdet. Ja ich zog sogar schon in Erwägung aus dem Fenster zu klettern, in der Hoffnung irgendwie einen Weg vom 2. Stockwerk hinunter auf die Straße zu finden.
„Ich sagte du sollst verschwinden!“, schrie ich noch einmal in der Hoffnung es würde wie zuvor wieder weggehen.
„Schatz ich bin es. Was ist los? Warum ist die Türe abgeschlossen?“, drang eine mir bekannte Stimme durch die Türe hindurch.
„Susi!“
Sofort schlug ich die Decke zur Seite und rannte zur Türe. Hastig entriegelte ich das Schloss, riss sie auf und fiel Susi herzhaft weinend in die Arme.
Nachdem sie mich stundenlang völlig aufgelöst im Arm hielt und ich mich dann doch ein wenig beruhigen konnte, erzählte ich ihr den gesamten Vorfall.
Sie fackelte nicht lange. Wir packten das Nötigste und verließen auf direktem Weg die Wohnung.
Wir konnten bei Freunden unterkommen bis wir eine neue Wohnung hatten. Unsere Sachen ließen wir von einem Umzugsunternehmen packen und abholen.
Der Vermieter war völlig überrumpelt von unserem übereilten Auszug, fragte aber nicht nach dem Grund. Einen Nachmieter hatte er schnell gefunden.
Klar, bei dem Preis und der Lage.
Uns glaubte natürlich niemand, auch wenn meine geplatzten Äderchen in den Augen und einige Würge Male für sich selber sprachen.
Wir gingen weiterhin in dem kleinen Einkaufsladen im EG einkaufen. Er lag einfach sehr geschickt auf meinem Heimweg nach der Arbeit.
Einmal sprach mich die Verkäuferin dort an der Kasse an.
„Wohnen Sie nicht oben im 2. Stockwerk?“
Ich versuchte zu lächeln.
„Nein. Nicht mehr. Wir sind vor ein paar Wochen ausgezogen.“
Sie zog die letzten Artikel über das Band.
„Besser ist das. Ich habe mich sowieso gefragt, wie man überhaupt in dieser schrecklichen Wohnung leben kann. Nach all dem, was dort passiert ist, findet der Vermieter immer noch Mieter dafür“, sagte sie dann und schüttelte mit dem Kopf.
„Das macht dann 20 Euro und 54 Cent Liebes.“
Ich zückte meinen Geldbeutel und suchte den passenden Betrag heraus.
„Was ist denn dort passiert?“
Die Kassiererin sah mich mitleidig an.
„Na jetzt ist mir das klar, dass er ständig neue Mieter findet. Indem er die Geschichte der Wohnung verschweigt.“
Sie nahm das Geld entgegen und zählte mir das Wechselgeld heraus. Als sie es mir in die Hand legte, zögerte sie einen Moment.
„Der Vermieter hat mit dem ganzen Haus hier ein Schnäppchen gemacht, müssen Sie wissen. Vor ca. 10 Jahren lebte in der Wohnung im 2. Stock ein junges Pärchen. Der junge Mann soll seinen Verstand verloren haben, nachdem er seinen Job verloren hatte. Die beiden stritten sich fast jeden Tag. Und eines Nachts hat er seine Frau erwürgt und sich anschließend auf dem Dachboden erhängt. Man fand sie zuerst. Lag direkt vor der Schlafzimmertüre. Hatte wohl schon angefangen zu riechen, beim Nachbar unten drunter. Dieser hatte nämlich aufgrund eines beißenden Geruchs und einer seltsamen dunklen Stelle an seiner Flurdecke die Polizei gerufen.
Als dieser schlimme Vorfall Publik wurde, sind alle Mieter auf einen Schlag ausgezogen und der neue Vermieter hat das Haus für einen Spottpreis erhalten.“
Ich schluckte, während ich das Geld in meinen Geldbeutel sortierte.
„Das ist ja schrecklich“, erwiderte ich dann und mir fehlten jegliche weiteren Worte.
„Ja, ist ja schon lange her und Sie wohnen ja nicht mehr hier. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende“; sagte sie lächelnd und verschwand hinter den Regalen.

Ich verschwieg Susi diesen Teil der Geschichte bewusst. Sie hatte gerade erst wieder Angefangen sich zu beruhigen. Warum sollte ich sie erneut damit aufwühlen? Die Wohnung war Vergangenheit und somit auch die Geschehnisse.
Trotzdem sah ich jedes Mal wenn ich an diesem Haus vorbeifuhr, zum Erker des Wohnzimmers hinauf und könnte schwören öfter mal eine weiße Gestalt dort am Fenster gesehen zu haben.
Nach mehr als einem Monat wurde die Wohnung auch wieder bezogen …

 

[Gesamt:11    Durchschnitt: 4.8/5]

4 Antworten

  1. Creepy König sagt:

    Alter, wie gruselig. Eine brillante Geschichte mit höchst lebendigen Charakteren und einer äußerst spannenden Geschichte!

  2. Michi sagt:

    Sehr spannend. Ich glaube ich lasse heute nacht die Lichter an

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