DER WIEDERKEHRENDE HELD – CHARLES C. NOX

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

Der Mond strahlte durch das Fenster, während sich der 14-jährige Kai bettfertig machte.

Das Fenster war gekippt und ein sanfter Wind bewegte die Vorhänge. Kai zog sein Nachthemd über und blickte in die rechte Ecke des Zimmers. Dort war es dunkel.

Umso länger er starrte, desto stärker drängte sich ihm ein Gedanke auf, der ihm nicht gefiel:

Ein maliziöses Wesen, in der Ecke, kauernd. Mit grünen Augen, langen, spitzen Fingern, die über den Boden strichen, um ihn zu erreichen.

Die Tür ging auf. Das Licht ging an – es quietschte und eine Stimme sagte: »Kai … es ist Zeit.«

Kai fuhr herum. Seine Mutter stand hinter ihm, die eine Hand in die Hüfte gedrückt und eine verdrießliche Miene aufgesetzt. Sie seufzte und trat auf ihn zu. »Ich weiß, der heutige Tag war nicht leicht. Du hast viel erlebt, aber jetzt ist es Zeit zu schlafen.«

Kai wusste, dass sie recht hatte und er war müde.

»Ja«, sagte er. Er folgte seiner Mutter zu seinem Bett. Sie schwang die Decke zurück und Kai legte sich hin.

Kais Mutter – Petra – deckte ihn zu und setzte sich an die Bettkante.

»Ich bin froh, dass es dich gibt«, sagte sie.

Kai lächelte. Eine dezente Röte verzierte seine Wangen. Petra nahm Kais Hand und hielt sie fest. »Wenn ich dich verloren hätte«, bemerkte sie und wandte den Blick ab. Sie fasste sich an die Nase und unterdrückte ein Schluchzen.

»Mama«, rief Kai. »Nicht weinen.«

»Ich weiß. Ich weiß. Es ist nur … ich hatte solche Angst.« Jetzt lächelte sie. »Gute Nacht, Schatz. Wir sehen uns morgen.«

Sie stand auf, ging zur Tür und machte das Licht aus.

Die Tür fiel zu und das Zimmer versank in Dunkelheit. Kai schloss die Augen und träumte.

Er dachte an den heutigen Tag und an das, was geschehen war. Es war fürchterlich gewesen und er wollte eigentlich nicht daran denken, aber die Gedanken kamen von allein.

Nach der Schule, um die Mittagszeit, hatte sich Kai mit seinen Freunden getroffen. Sie waren vier gewesen und hatten sich während der Mathestunde zum Reden auf dem alten Bahnhofsgleis verabredet. Kai war allein losgezogen. Er hatte die Bäume passiert und war zu der Brücke geschritten, die oberhalb einer Bahnlinie verlief und die seit Ewigkeiten nicht benutzt worden war.

Dort hatten die anderen gewartet.

»Hi«, hatte Pauli gerufen und…

 

reckte die Hand. Sie war 13, hatte blondes Haar und schöne grüne Augen, die ihr etwas Animalisches verliehen. Sie lachte viel und lächelte oft. Neben ihr standen Maia und Andreas.

Maia war das Gegenteil von Pauli. Sie war erwachsen für ihr Alter und bevorzugte dunkle Kleidung. Ihre raue Art war gewöhnungsbedürftig. Andreas war der Älteste. Er war 15, hatte schwarzes Haar und lispelte. In Mathematik war er eine Katastrophe, in Sozialkunde ein Überflieger. Er trug kurze Hosen, auch zu kalten Jahreszeiten und behauptete, dass er schon einmal eine Zigarette geraucht hatte, was ihm aber niemand glaubte.

Kai war der letzte, der eintraf. Er schlug mit Andreas ein und gab den anderen eine herzliche Umarmung. »Du bist spät«, murrte Maia, als Kai sie drückte.

»Ich weiß«, sagte Kai. »Tut mir leid, meine Mutter hat mich aufgehalten.«

»Deine Mooooomai!«, lallte Andreas, warf den Kopf in den Nacken und lachte.

Sie lehnten sich an das Steingeländer der Brücke und redeten über den Schultag.

Maia ließ sich über einen Lehrer aus, der ihr eine schlechte Note für ein Referat gegeben hatte.

Sie war so wütend, dass sie mit dem Fuß auftrat und demonstrativ die Arme verschränkte. Falten legten sich auf ihre Stirn, als sie die Augen verzog.

»So eine Kuh«, rief sie erbost. »Das Referat war gut!«

»Vielleicht hast du tatsächlich etwas falsch gemacht?«, meinte Pauli und zupfte an ihren Haaren.

»Er wird wohl einen Grund gehabt haben, oder nicht?«

Maia musterte sie böse. »Er ist eine Arschkuh«, erklärte sie. »Das ist der Grund!«

Und damit war das Thema beendet.

Kai berichtete von dem Ausflug seines Vaters, der aufgrund beruflicher Gründe in die USA reisen musste und Andreas erklärte was der Unterschied zwischen den Schwimmtechniken Hund und Ente war. Am Ende seines Berichtes kam er mit folgender Idee: »Wer hat Lust auf eine Mutprobe?«

Alle hatten Lust. Andreas deutete über die Brücke auf die Schienen, die zu beiden Seiten mit langen Stahlmasten flankiert waren, an denen Stromleitungen entlangführten. An den Masten waren Sprossen angebracht.

»Wer sich da hoch traut.« Er zeigte auf den nächsten Mast. »Und sich für eine Minute an das Kabel hängt, gewinnt.«

Die anderen schwiegen. Kai starrte über die Brüstung und musterte das Kabel, den Mast, kalkulierte die Nähe, die möglichen Risiken.

»Ist da kein Strom drauf?«, fragte Pauli.

Andreas schüttelte den Kopf. »Hier ist seit Ewigkeiten kein Zug durchgefahren. Die Leitungen laufen nicht. Maia und Kai, ihr fangt an.«

Gemeinsam verließen sie die Brücke und gingen den Abhang hinunter zu der Stelle, an der die Kieselsteine, mit dem Gras wechselten. In der Mitte der Steine lagerten die Schienen. Am Rand standen die Masten und stierten aufrecht in den Himmel.

Maia ging als erste. Sie packte die Sprossen und kletterte hinauf.

Kai folgte.

Unten warteten Andreas und Pauli. Andreas hatte sein Handy herausgeholt und die Stoppuhr eingestellt. Oben angekommen zögerte Maia.

Es war hoch. Mindestens acht Meter. Von unten rief Andreas: »Es heißt Mutprobe, nicht Zögerprobe.«

»Halt den Mund«, erwiderte Maia. Sie packte das stramme Kabel mit einer Hand und dann mit der anderen. Sie holte tief Luft und schwang sich mit einem Bein auf das Kabel.

»Ah!«, stöhnte sie. Der Stahl bohrte sich in ihren Brustkorb.

»Hängen!«, rief Andreas.

»Jaja«, fauchte Maia. »Ich warte auf Kai.«

Kai erreichte die letzte Sprosse und griff an das Kabel. Es fühlte sich rau an. Die Beine beließ er auf den Sprossen. Sein Blick traf den von Maia. Keiner sagte etwas.

»Auf drei«, sagte Kai. »Eins …«

Dann passierte es. Ein schwaches Beben glitt über die Schienen und ließ Kiesel springen. Ein Rauschen, das schneller wurde. In der Ferne fuhr ein Zug und er kam näher.

Kai bemerkte den Zug und ihm klappte der Mund auf. Gleichzeitig bemerkte er die gelben Blinkleuchten an den Masten, die nacheinander angingen. Kurz bevor der Zug die Masten erreichte, aktivierten sich die Leuchten und flackerten.

Strom, dachte Kai und sah panisch zu Maia.

Andreas und Pauli schrien. Maia robbte vor und schlug Kai mit der Faust auf die Hand.

Kai ließ los, verlor den Halt und stürzte. Er bekam eine Sprosse zu fassen und bremste seinen Fall.

Er wurde herumgeschleudert und landete mit dem Rücken an der Rückseite des Mastes.

»Flieh!«, brüllte Maia. Kai sah ihr ins Gesicht. Maia deutete auf die Sprossen

Der Zug schoss in ihre Richtung. 5 … 4 … Es piepte, als die Lichter an den nahen Stahlmasten angingen. Kai ruderte auf der Leiter herum, packte die Sprossen und fegte hinunter. Maia schrie.

Piep.

Die letzten Masten. Der Zug donnerte heran.

Maia ließ sich fallen.

»Du schaffst es, Maia!«, rief Andreas. Kai landete auf dem Boden. Er rappelte sich hoch, sah zu Maia, die am Kabel hing. Irgendetwas stimmte nicht. Maia schien festzuhängen.

Nein, rief Kai in Gedanken.

Dann kam der Zug.
PIEP.

Das Licht sprang an und es endete.

Kai hatten den fleischigen Geruch in der Nase. Von verbrannter Haut, klaffenden Wunden. Roten Striemen, die sich über Augen und Lippen spannten. Maias Körper, der wie ein nasser Sack vom Kabel rauschte und auf den Boden schlug. Den einen Arm gestreckt. Die Finger verkohlt.

Keine Haare auf dem Kopf. Die Augen aufgerissen und weiß, mit gelber Flüssigkeit, die aus den Höhlen tropfte.

 

Kai fuhr hoch und warf die Decke beiseite.

Er keuchte und hielt sich die Brust. Seine Stirn war nass und er spürte, wie seine Füße bebten.

Hilfe, dachte er. Es war nur ein Traum gewesen. Hier war sein Zimmer. Kai lehnte sich zurück und sah zur Decke, während er versuchte seinen Atem zu beruhigen.

Ein Albtraum, dachte er. Nur ein böser Traum.

Betroffen sah er zum Nachttisch. Dort stand ein gerahmtes Bild. Es zeigte Maias Antlitz, wie sie lächelte und sich freute. Sie stand an einem See, mit den Bäumen im Hintergrund und dem Wasser, das an das Ufer schwappte. Die Sonne schien, der Tag war schön und Maia streckte die Zunge raus.

Danke, dachte Kai und eine Träne lief ihm über die Wange. Danke, dass du mich gerettet hast.

Sie war seine Heldin und Kai würde nie vergessen, dass Maia ihn gerettet hatte. Ohne sie wäre er gestorben.

Ein raschelndes Geräusch ließ ihn innehalten.

Er fuhr hoch und blickte zur Zimmertür, die geschlossen war.

Das Geräusch wurde lauter.

Kai fragte sich, woher es kam. Er hatte es noch nie gehört.

»Mama?«, rief er, nicht so laut, aber auch nicht leise, in der Hoffnung sie würde kommen und nach ihm sehen. Aber sie kam nicht. Nur das klirrende Geräusch.

Plötzlich schwang die Tür auf und Wind fegte ins Zimmer. Er wirbelte die Vorhänge auf und riss Kais Decke durch die Luft.

Der Luftzug verebbte. Kai presste sich die Hände vor den Mund und sah entsetzt auf den Gang.

Das Klirren war verschwunden. Eine trübe Dunkelheit lag auf dem Gang.

Dort, in der Ferne, bei den hinteren Türen, regte sich etwas – eine Gestalt. Ein lautes Stöhnen, wie das Jaulen eines Hundes. Kai hielt den Atem an.

Ein Arm bewegte sich nach vorne und das Rascheln von Ketten fegte in Kais Zimmer.

Dann der andere Arm, ein Bein – noch ein Bein, der Kopf und der Rumpf.

Die Gestalt bewegte sich zu ihm. Im Licht des Mondes, das durch das Fenster strahlte, erkannte Kai die Person.

Es war Maia.

Sie war zurückgekommen.

»Hallo Kai«, sagte eine brüchige Stimme. Maia hielt den Mund geschlossen. Die Stimme schien aus ihr zu fließen.

Maias Gesicht war verbrannt und blutrot. Ihre Haut rotes Fleisch. Ihr Augen klafften aus vernarbten Höhlen. Ihre Lider aufgerissen. Auf dem Kopf hatte sie keine Haare, sondern Strähnen, die wie Fäden abstanden. Die Kleider zerfetzt, der Leib malträtiert. Es roch nach verbanntem Fleisch.

Maia hielt die Arme von sich gestreckt, wie Jesus am Kreuz. Kai konnte sehen, dass Metallspangen in ihren Händen und Armen steckten. Aus ihrem Rücken ragten Dutzende Ketten, die in die Richtung führten, aus der sie gekommen war.

Sie waren gespannt, als würde jemand daran ziehen.

»Kai«, flüsterte die Stimme. Maia öffnete den Mund und schloss ihn wieder, wie ein Fisch. »Kaaai.«

»Was willst du?«, rief Kai. Er sprang aus dem Bett und eilte in die linke Ecke. Mit dem Fuß traf er gegen eine Flasche, die umfiel und ins Mondlicht rollt.

Maia sah ihn an, die Arme von sich gestreckt. Kai hatte solche Angst, dass er am liebsten geschrien hätte – aber er konnte nicht. Seine Kehle war zugeschnürt.

Maia setzte einen Schritt auf ihn zu. Sie stöhnte und kämpfte gegen die Ketten an. Sie gaben nur langsam nach und ein hässliches Geräusch ertönte, als sich eine Spange tiefer in Maias Armgelenk grub.

»Aaaargh!« Maia blieb stehen. Ihre verletzten Beine zitterten.

»Ich bin gestorben«, sagte die Stimme. »Aber ich will nicht alleine sein.« Maia hielt den Mund geschlossen.

Noch ein Schritt. Dann noch einer.

Kai löste sich aus der Ecke und presste sich gegen die Wand. Wenige Meter trennten ihn von Maia.

»Verschwinde! Du bist nicht sie!«, rief Kai.

»Doch, bin ich«, sagte die Stimme. Maia versuchte noch einen Schritt. Sie zerrte so fest sie konnte. Mühevoll presste sie die Zähne zusammen. Adern pumpten auf ihrer Stirn. Ihre Lider zuckten.

Dann gab sie auf. Resigniert ließ sie den Kopf sinken. Die Ketten ließen nicht mehr zu.

»Ich bin gekommen, um dich zu sehen, Kai. Und ich werde nicht alleine gehen.«

Kai riss die Augen auf. Maia griff hinter sich, packte eine der Ketten und zog sie sich aus dem Rücken. Der Schmerz schien sie zu durchdringen. Das Gesicht verzerrt, den Kopf in den Nacken gedrückt. Die Stimme, die aus ihr schrie: »Aaargh!« Maia schleuderte die Kette über den Kopf zu Kai. Kai kreischte, als sich die Kette um seinen Hals legte und festzurrte.

Maia zog und Kai wurde von den Füßen gerissen.

»NEEEEIN«, schrie Kai panisch und riss die Hände in die Luft. Maia streckte die Arme aus und Kai prallte gegen sie.

Maia umschloss ihn fest.

»Wir werden zusammen sein«, sagte die Stimme. »Niemand ist alleine.«

Dann schloss sie die Augen und legte den Kopf zurück.

»Nein … NEIN … NEEEEIN!«, schrie Kai, so laut er konnte. Er drückte seine Arme gegen sie, aber sie war zu stark. Der Gestank von vergammeltem Fleisch stieg ihm in die Nase. Kai wurde schlecht.

Maia lehnte sich nach hinten und dann rauschten sie aus dem Zimmer.

Die Ketten zogen sie auf den Gang und in die Dunkelheit.

Kai schrie. Sie wurden immer schneller. Maia hielt die Augen geschlossen, als würde sie schlafen. Kai versuchte sich zu befreien. Er sah gelbes Licht und hob den Kopf. In der gegenüberliegenden Wand bildeten sich Risse. Kerben, die den Stein auseinandersprengten. Ein Loch und von dort kamen die Ketten.

Kai hielt den Atem an.

Zusammen sausten sie in das Loch, das sich hinter ihnen schloss.

Das Licht verschwand. Kais Schreie verstummten. Friedliche Stille legte sich über den Gang und das Haus. Ein sanfter Nebel lagerte an den Wänden und trieb über den unversehrten Grund.

 

[Gesamt:3    Durchschnitt: 4/5]

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