DIE DVD – ANDI MAAS

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

1

Die zweite Disc klebte unter der Originalen, auf der sich der dritte Teil der Matrix-Reihe befand. Sie war unbeschriftet und ohne Labelaufdruck. Ein herkömmlicher Rohling vom Discounter, der dort in dieser Box nichts zu suchen hatte. Ein unvorsichtiger Raubkopierer, der sein gefälschtes Produkt aus Versehen mit in die Box gelegt hatte? Eigentlich unverstellbar, dachte Tobi erstaunt. So dumm konnte doch niemand sein. Oder doch?

Die Beschichtung auf der Rückseite der DVD wies unterschiedliche Farben auf. Ein dunkler Kreis, der sich deutlich von dem Blau der restlichen Oberfläche abhob. Tobi erkannte sofort, dass sich auf der Disc Daten befanden. Bei einem Schluck Bier überlegte er sein weiteres Vorgehen. Wenn er die Leih-DVD zurückbrachte und den Rohling, auf dem sich womöglich eine Kopie des Matrix-Films befand, in der Box ließ, dann konnte er unter Verdacht geraten, ein Raubkopierer zu sein. Am besten brachte er den Film ohne den Rohling zurück, dann wäre alles in Butter. Was immer er auch machen würde, eines stand fest, er war viel zu neugierig, um dem Drang zu widerstehen, sich den Inhalt der gebrannten DVD anzuschauen. Er trank einen weiteren Schluck Bier, dann nahm er die ominöse Scheibe, stand auf und schob sie in seinen DVD-Player.

Schwarzes Bild, sekundenlang. Nachdem er fast eine Minute gewartete hatte, verdrehte Tobi die Augen und wollte den Player abschalten. Doch auf einmal gab es einen Schnitt und ein Bett war zu sehen, ein großes französisches Bett. Es war leer. Nur ein Kissen und eine Bettdecke in gelber Satinbettwäsche lagen auf der weiß bezogenen Matratze. Kein Ton, absolute Stille! Tobi fühlte eine seltsame Beklemmung in sich aufsteigen. Ihm wurde mulmig, warum auch immer, und ihn überkam der Drang die DVD abzuschalten, den Film samt Rohling zu zerstören. Doch er starrte weiter gebannt auf seinen Fernseher. Und dann geschah es! Eine Hand erschien im Bild, die Bettdecke wurde zurückgeworfen. Jemand flüsterte leise Anweisungen, dann wurde ein junges Mädchen ins Bild geschoben. Ein weißer Slip, ein blaues Top, so stand sie am Rande des Bettes. Sie war höchsten sechzehn Jahre alt, vielleicht sogar jünger. Ängstlich schaute sie an der Kamera vorbei, das Gesicht schneeweiß, Tränen liefen ihr über die Wangen. Die Hände des Mädchens waren hinter dem Rücken zusammengebunden. Tobi erkannte Kabelbinder, die viel zu stramm um ihre Handgelenke gezogen waren und tief die Haut drückten.

»Hinlegen!«, befahl eine Stimme aus dem Off. Das Mädchen reagierte nicht, stand wie erstarrt da und weinte. Plötzlich erschienen zwei Hände in dunklen Handschuhen im Bild und schubsten sie auf das Bett. Das Mädchen fiel auf die Matratze, dabei stieß sie mit dem Kopf an einen der Bettpfosten. Sie schrie auf, dann blieb sie auf dem Rücken liegen.

Tobi ahnte Schlimmes! Ausmachen!, ordnete sein Unterbewusstsein an. Doch er konnte nicht, er musste sehen, was passierte.

Ein Mann trat ins Bild, völlig schwarz bekleidet, eine Ledermaske über den Kopf gezogen. Er schaute in die Kamera. Trotz der Maske wusste Tobi genau, dass der Kerl unter dem Leder grinste, dreckig, unbarmherzig. Der Mann hatte ein Messer in der Hand. Er ging zum Bett rüber. Unter der Maske stöhnte er wie ein Asthmatiker. Das Mädchen wimmerte, kroch ans äußerste Ende der Matratze. Ihre Augen waren vor Angst sperrangelweit aufgerissen, und sie schien zu wissen, was sie erwartete.

Tobi schaltete hektisch den Player aus und blieb minutenlang regungslos vor dem schwarzen Bild sitzen. Entsetzen! Sein ungläubiger Blick starr auf die Mattscheibe gerichtet. Kein Film, kein Hollywood! Echtzeit! Wahres Leid, realer Irrsinn!

Verwirrt, blasses Gesicht und weiche Knie, wie eine Kugel Mozzarella, so stand Tobi von seinem Sessel auf. Er ging zum Schrank, holte ein Flasche Wodka heraus, öffnete sie und nahm einen langen Schluck. Als er die Flasche absetzte, spukte bereits wieder das Bild des gequälten Mädchens vor seinem geistigen Auge. In ihm tobte ein Krieg, ein Gefecht der Gegensätze, das Duell der Extreme. Er wollte das Schicksal des Mädchens nicht weiter verfolgen, doch er wusste bereits jetzt, dass er es trotzdem machen würde. Schon sah er seinen Finger auf der Wiedergabetaste, automatisch drückte er drauf, und der Wahnsinn ging weiter.

Der Maskierte schlurfte zum Bett, kniete sich auf die Matratze und schnitt die Kabelbinder an den Handgelenken des Mädchens durch. Die Kamera war starr auf das Bett gerichtet. Es gab keinen Zoom, nur eine Perspektive, grausam und statisch. Das Mädchen schrie und wimmerte, aber es wehrte sich nicht, hielt seine Arme und Beine ruhig, so als wären sie immer noch gefesselt. Sie wirkte erstarrt, wie ein Reh, das nachts im Lichtkegel eines Autos steht und scheinbar unberührt auf das unausweichliche Ende schaut. Als Nächstes glitt die Klinge durch den Slip des Mädchens, dann durch das Top, bis sie schließlich nackt auf dem Bett lag. Sie weinte nicht mehr, auch das Schreien war verstummt. Sie war paralysiert vor Angst. Tobi wusste nun, was es heißt, wenn einem der Schrecken ins Gesicht geschrieben steht. Wieder schloss er die Augen, doch die Bilder verschwanden nicht. Trotzdem war es leichter, als sie auf dem Bildschirm zu sehen. Dann hörte man ein seltsames Geräusch, einen schrillen Schrei, schließlich Totenstille. Tobi öffnete die Augen, nur einen kleinen Spalt, dann sah er rot, nur rot. Jetzt war er es, der schrie, sich nach vorne stürzte und mit der Faust auf das Tastenfeld der Fernbedienung hämmerte. Das Bild wurde schwarz, doch Tobi sah immer noch das Mädchen, wie es in ihrem Blut lag. Er würde es nie mehr vergessen können. Tobi hockte vor der Mattscheibe, nass geschwitzt. Er hatte einen tiefen Blick in die Hölle geworfen. Jetzt gab es nur eines: Die Polizei!

 

 

2

»Hier ist die Kriminalpolizei! Mein Name ist Kriminalhauptkommissar Helmut Thurmann! Sie haben uns angerufen, Herr Mohr!« Tobi war erleichtert, als es klingelte und die Stimme des Polizisten durch die Rufanlage dröhnte.

»Warten Sie, ich lasse Sie rein!«, antwortete Tobi und drückte den Türöffner. Er atmete tief durch. Der Inhalt der DVD hatte ihn mitgenommen, schließlich war er Zeuge eines realen Mordes geworden, daran zweifelte Tobi mittlerweile nicht mehr. Die Schritte des Kommissars hallten durch den Hausflur. Langsam kamen sie näher und je lauter sie wurden, umso mehr fiel die Anspannung von Tobi ab. Er würde dieses Schreckenszeugnis bald loswerden. Die Polizei würde alles weiter in die Hand nehmen, und er könnte das Gesicht des Mädchens vergessen. Vergessen? Tobi machte sich was vor. Das Gesicht des Mädchens war in seinem Kopf eingebrannt, die Angst, der Schrecken, dieser unbeantwortete Schrei nach Hilfe.

»Herr Mohr?« Die Stimme des Beamten holte ihn aus seinen Gedanken. Vor der Tür stand ein Mann in einer schwarzen Nappalederjacke und lächelte Tobi freundlich an. Er hielt einen Ausweis in der Hand, den Tobi nicht beachtete.

»Ich bin froh, dass sie da sind! Kommen sie rein Herr …?«

»Thurmann, Kriminalhauptkommissar Helmut Thurmann!«, half ihm der Polizist, während er den Dienstausweis in der Jacke verschwinden lies und in den Korridor trat.

»Kommen sie rein! Die CD ist im Wohnzimmer. Unglaublich, was da zu sehen ist. Ich kann es wirklich nicht fassen.«

»Bleiben Sie ganz ruhig, Herr Mohr. «

»Ruhig bleiben? Das sagen Sie so leicht, aber ich habe einen Menschen sterben sehen!«

»Abwarten, vielleicht handelt es sich um eine Inszenierung.«

»Inszenierung? Nein, nein, nein! Sehen Sie sich es an, die DVD ist noch im Player. Ich mache den Fernseher an. Seien Sie mir nicht böse, aber ich gehe in die Küche, während sie sich das anschauen.«

»Ich bin nur hier, um die DVD sicherzustellen. Die Kollegen werden sich den Film erst im Präsidium ansehen.«

»Ach so! Na ja, dann werde ich sie mal rausholen. Setzen Sie sich doch.« Tobi deutete auf seine Couchgarnitur.

»Nicht nötig, danke. Ich muss Sie bitten, mit ins Präsidium zu kommen, um für eventuelle Fragen zur Verfügung zu stehen.«, antwortete der hochgewachsene Polizist.

»Mitkommen? Ähm, gut, natürlich, wenn es sein muss.«

Tobi machte Anstalten, die DVD aus dem Player zu holen, doch der Polizist hielt ihn zurück. Der Beamte zog sich Handschuhe an, dann holte er den Rohling aus dem Player und ließ ihn in einem Plastikbeutel verschwinden. Danach steckte er sich den Beutel mit der DVD in die Innentasche seiner Jacke.

»Ich ziehe mir schnell was drüber, dann können wir«, sagte Tobi.

»Ok, lassen sich nur Zeit. Wir haben es nicht eilig.«

»Nachtdienst?«, fragte Tobi, während er in den Korridor ging und seine Jeansjacke von der Garderobe nahm.

»So ist es! Wird eine lange Nacht!«, antwortete der Polizist und folgte Tobi in den Korridor.

»Sie können sich gar nicht vorstellen, was ich gesehen habe. Das war so unvorstellbar schrecklich! Unbeschreiblich.« Tobi zog sich seine Jacke an. Der Polizist wartete auf der Schwelle zum Wohnzimmer.

»Doch, ich kann mir vorstellen, was Sie gesehen haben.«

»Was?«

»Ich kenne diese Dinge, ich sehe sie tagtäglich.«

»Ach so! Natürlich! Von mir aus können wir los. Wartet ihr Kollege unten?«

»Mein Kollege? Nein, ich bin heute allein unterwegs. Mein Partner war noch nicht im Dienst, als Sie angerufen haben. Wir wollten Sie nicht warten lassen.«

»Ach, Sie sind allein«, sagte Tobi. Seltsam, dachte er und schaute den Polizisten an. Der Mann lächelte freundlich. Sein Gesicht war gebräunt und zwischen seinen Lippen offenbarten sich schneeweiße Zähne.

»Können wir?«, fragte der Beamte.

 

 

3

Ein Opel Vectra, weiß, dunkle Kunstledersitze. Im Innenraum herrschte sterile Sauberkeit, es roch, als wäre der Wagen erst vor Kurzem vom Band gelaufen. Der Aschenbecher, den der Beamte auszog, war sauber und unbenutzt.

»Zigarette?«

»Gern!«, antwortete Tobi und zog sich eine aus der Schachtel, die ihm der Polizist entgegenhielt, dann inspizierte er weiter das Armaturenbrett. Ein Funkgerät steckte in der Radioeinbuchtung, aus dem pausenlos Funksprüche gesendet wurden. Tobi zog genüsslich an seiner Zigarette und blies Kreise in die Luft. Auf die Windschutzscheibe plätscherte ein leichter Nieselregen und das monotone Geräusch des Scheibenwischers beruhigte ihn ein wenig. Die Straße war nass. Der Asphalt blitzte feucht im Lichtkegel des Scheinwerfers. Sie fuhren vom Parkplatz vor seinem Haus, dann rechts am Netto-Markt vorbei. An der nächsten Kreuzung hielten sie an, die Ampel zeigte rot.

»Ich kann mich nicht erinnern, diese verdammte Ampel irgendwann einmal bei Grün erwischt zu haben«, sagte der Kommissar.

Tobi drehte sich zur Fahrerseite und grinste gequält. Eigentlich war ihm nicht nach Small-Talk zumute. Der Schrecken des Videos steckte noch immer tief in seinen Knochen.

»Fahren Sie doch durch, Sie sind die Polizei!«, antwortete er trocken. Der Beamte lachte. Dann drückte er seine Zigarette im Ascher aus.

»Na ja, vielleicht sollten wir doch lieber warten, bis die Ampel grün wird.«

»Ist wahrscheinlich besser.«

Ein paar Fußgänger überquerten die Straße, dann wurde die Ampel grün. Sie bogen auf die Hauptstraße ab und fuhren in Richtung Innenstadt. Aus dem Funkgerät quäkte die Stimme weiter und rief irgendeinen Streifenwagen mit der Nummer 1.15.

»Und Sie haben den Film aus der Videothek ausgeliehen?«

»Ja, in der Stadt, gegenüber vom Hauptbahnhof.«

»Welcher Film war es?«

»Was? Wie welcher Film?«

»Na ja, welchen Streifen wollten Sie sich anschauen?«

»Ach so! Matrix, Teil 3!«

»Scheiß Film! Der erste war noch super, aber …«

»Hören Sie«, unterbrach Tobi, »ich kann nur an das denken, was ich auf der anderen DVD gesehen habe.«

»Okay, ist verständlich. Kann mir vorstellen, dass es hart war, so etwas mit anzusehen.«

»Das kann man wohl sagen.«

»Sie sind immer noch ganz schön blass.«

Tobi merkte, wie ihn der Polizist von der Seite musterte.

»Das wundert mich nicht. Bin froh, dass ich nicht kotzen musste!», sagte Tobi, sog noch einmal an der Zigarette und drückte sie dann im Aschenbecher aus.

»Wie ist das bei Ihnen?«, fragte er den Polizisten.

»Was meinen Sie?«

»Ich meine, wie gehen Sie mit den Grausamkeiten um? Sie haben doch bestimmt täglich mit Mord und Totschlag zutun?«

Für einen Moment dachte Tobi, dass der Polizist nicht antworten wollte. Es war still im Wagen, und nur die Stimme aus dem Funkgerät bellte ihren Suchruf nach Wagen 1.15. Dann räusperte sich der Polizist und begann zu sprechen.

»Ich habe schon viele Dinge gesehen, die für die meisten Menschen unvorstellbar sind. Das bringt mein Beruf nun mal mit sich.«

»Das ist klar, aber wie war es am Anfang?«

»Schwer, aber man gewöhnt sich daran.«

Die Art wie der Polizist das sagte, wirkte kurz angebunden, fast abweisend. Gerade als Tobi sich damit abfinden wollte, dass sie den Rest der Fahrt schweigend verbringen würden, da fuhr der Beamte fort.

»Das ist nicht wahr.«

»Was?«, fragte Tobi überrascht. Er hatte das Thema für sich längst abgehakt.

»Es nicht wahr! Man gewöhnt sich niemals daran. Es ist immer wieder neu, jedes Mal faszinierend.«

»Faszinierend?«

»Ja, ich würde es so nennen. Faszinierend!«

Tobi schaute auf die nasse Straße. Der Scheibenwischer rumpelte quietschend über die Windschutzscheibe. Vor seinem geistigen Auge wiederholten sich die Bilder des verzweifelten Mädchens, dieser verzweifelte Blick, dieser Schrei nach Hilfe. Dieser Kerl spricht von Faszination, dachte Tobi entsetzt.

»Halten Sie mich für kalt?«

»Nein, nein!«

»Sie halten mich für kalt! Aber das bin ich nicht, ich bin alles andere kalt. Ich bin sogar das genaue Gegenteil. Emotionen sind der Motor meines Lebens. Gefühle sind meine Natur, unbändig, manchmal unzähmbar, wie ein wilder Schimmel. Der Tod, das Leiden der Menschen. Das bewegt mich bis ins Mark. In gewisser Weise, brauche ich das alles, um zu leben.«

»Sie brauchen den Tod, um zu leben?« Tobi schaute den Polizisten von der Seite an. Irgendetwas schien ihm mittlerweile seltsam an diesem Typen. Redet so ein Polizist?, fragte sich Tobi mit wachsender Nervosität.

 

Wagen 1.15 bitte melden sie sich. Wagen 1.15! Melden sie sich!

 

Sie bogen nach rechts auf die Bismarkstraße ab, was nicht gerade dazu beitrug, Tobi zu beruhigen. Das Polizeipräsidium lag im Norden der Stadt, sie waren jetzt Richtung Westen unterwegs.

»Die Hauptstraße ist gesperrt. Ein Wasserrohrbruch am Nachmittag. Wir werden einen kleinen Umweg fahren müssen.«

»Ach so!«

»Sie sehen alle gleich aus!«, sagte der Polizist plötzlich.

»Was? Wer?«

»Die Sterbenden! Sie sehen alle gleich aus, wenn sie sterben!«

»Sie meinen die Toten sehen alle gleich aus.«

»Die auch. Aber wenn sie sterben, dann sind sie wie Klone. Sie jammern, schreien und betteln. Schließlich ergeben sie sich ihrem Schicksal und gehen mit diesem seltsamen Blick in den Augen.« Tobi schaute hilfesuchend durch den Wagen, dann traf ihn die Gewissheit wie ein Keulenschlag. Der kleine Aufkleber am Funkgerät, den er die ganze Zeit nicht wahrgenommen hatte, schien jetzt groß wie eine Werbetafel. 1.15 stand mit Klebebuchstaben auf dem Gehäuse des Funkgerätes. Tobi riss die Augen auf und krallte sich mit seinen Nägeln im Polster des Sitzes fest. Er schaute auf die Tür an seiner Seite. Langsam ließ er die Hand zum Türöffner gleiten.

»Wie ich schon sagte. Faszinierend! Übrigens, Kindersicherung!« Der Mann blickte mit einem Grinsen auf Tobis Hand. Tobi zog den Türgriff. Nichts. Er begann zu schwitzen. Eine riesige Hitzewelle wälzte sich durch seinen Körper. Seine Muskeln zogen sich zusammen. Gespannt wie ein Flitzebogen, saß er auf seinem Sitz. Er schaute nach links, dann sah er den Ellbogen des Mannes auf sich zukommen. Tobi spürte noch den stechenden Schmerz in seinem Gesicht, dann wurde es schwarz vor seinen Augen.

 

 

4

Draußen war es stockdunkel, als Tobi aufwachte. Er saß immer noch im Wagen, aber nicht mehr auf dem Beifahrersitz, sondern hinter dem Steuer. Seine rechte Hand war mit einer Handschelle am Lenkrad gefesselt. Von dem vermeintlichen Kommissar war nichts zu sehen. Es dauerte eine Weile, bis sich Tobis Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, dann sah er, dass der Wagen am Ufer eines Sees stand. Die Scheinwerfer waren ausgeschaltet, nur der Mond erhellte die Wasseroberfläche schwach. Ein leichter Wind zog über das Wasser und kräuselte ein paar kleine Wellen auf. Tobi ahnte sofort, dass er wahrscheinlich mitsamt dem Wagen in diesem See versenkt werden sollte. Nervös begann er an den Handschellen zu zerren, doch die Aktion brachte ihm nicht mehr als schmerzende Druckstellen an seinen Handgelenken ein. Verzweiflung suchte sich seinen Platz in Tobis Kopf, verbreitete sich schnell wie eine Seuche, um schließlich die Herrschaft über ihn zu übernehmen. Kalte Luft strömte durch das offen stehende Beifahrerfenster. Es herrschte eine bedrückende Stille. Tobi hörte seinen Herzschlag, der wie ein ICE durch seine Ohren raste. Dann roch er den Qualm einer Zigarette. Eine Hand legte sich auf den Rand des Beifahrerfensters, eine andere öffnete die Tür. Dann sah Tobi die glühende Zigarettenspitze durch das Seitenfenster. Schließlich öffnete sich die Tür, und der Pseudopolizist setzte sich auf den Beifahrersitz. Mit einem diabolischen Grinsen schaute er seinen Gefangenen an.

»Eigentlich wollte ich Sie mitsamt der Karre im See versenken.«

»Leck mich!«

»Wie putzig.«

»Das waren Sie auf dem Video!«

»Gut kombiniert, Watson!«

»Macht es Ihnen Spaß zu quälen? Ich habe gesehen, wie Sie das Mädchen gefoltert haben.«

»Klares Ja! Das macht mir sogar großen Spaß. Ist sozusagen mein Hobby! Die Kleine war nur eine von Vielen.«

»Ganz schön leichtsinnig, die Sache mit der DVD.«

»C’est la vie! Wenigstens haben wir uns dadurch kennengelernt!«

»Woher wussten Sie, dass ich die DVD ausgeliehen habe?«, fragte Tobi mit zitternder Stimme. Der Kerl schaute ihn seltsam an, immer mit diesem diabolischen Lächeln auf dem glatt rasierten Gesicht.

»Das war nicht schwer rauszubekommen. Das Mäuschen in der Videothek ist ganz vernarrt in mich. Vielleicht schnappe ich sie mir als Nächstes. Ja, genau! Das werde ich machen. Ich habe ihr irgendetwas erzählt, dann hat sie mir gesagt, wer nach mir alles die DVD ausgeliehen hat. Es waren nur drei Leute. Sie werden es nicht glauben, aber Sie waren der Erste auf meiner Liste.«

»Was ist mit den Bullen passiert? Das ist doch nicht ihr Wagen?«Tobi ahnte, was mit den wirklichen Polizisten geschehen war, denn seit ein paar Minuten hörte er schabende Geräusche aus dem Heck des Autos. Der Mann neben ihm deutete mit dem Kopf auf den Kofferraum, wobei die Glut seiner Zigarette, die lässig im Mundwinkel hing, durch den halb dunklen Inneraum des Wagens zu schweben schien.

»Ich habe vor Ihrem Haus gewartet. Als ich die beiden sah, da wusste ich sofort, dass es Bullen sind. Dann war natürlich klar, dass Sie meine Scheibe haben.« Der Kerl zog an seiner Zigarette und blies Tobi den Qualm ins Gesicht. Eine Woge aus Nikotin und Knoblauch schwappte durch sein Gesicht und kroch in seine Nasenlöcher. Tobi hustete und für einen Augenblick dachte er, dass er sich übergeben müsste.

»Soll ich die beiden da hinten erlösen, bevor ich die Karre in den See schubse? Was meinen Sie? Soll ich ihnen die Kerle durchschneiden?« Tobi überlegte einen Augenblick, dann setzte er auf Angriff.

»Sie sind krank!« Mehr als das eintönige Dauergrinsen war aus dem Kerl nicht rauszuholen. »Moment!«, sagte Tobi. »Sie sind nicht krank! Eigentlich sind Sie nur ein armes Würstchen. Ein Loser, ein kleiner Feigling, der mit dem Messer in der Hand wehrlose Mädchen wie Vieh abschlachtet. Sie haben keinen Mumm! Sie mieses …«

Blitzschnell, wie hervorgezaubert, hatte der Mann plötzlich ein Messer in der Hand, genauso so eines wie in dem grausamen Film.

Fast hätte Tobi aufgeschrien, als er die lange, scharfe Klinge blitzen sah.

Noch immer grinste der Mann so breit wie Joker. Dann legte er das Messer auf das Armaturenbrett und fing an, in die Hände zu klatschen.

»Super! Sie sind echt klasse! Ich bin so froh, Sie kennengelernt zu haben!«

Tobi starrte seinen Peiniger verwirrt an. Ihm war es schleierhaft, was mit dem Kerl los war. Offenbar war der Typ noch gestörter, als er vermutet hatte. Aber vielleicht hatte er noch eine Chance, aus der Sache heil herauszubekommen.

»Hören Sie! Lassen Sie mich und die Männer dahinten frei.«

Der Mädchenmörder hörte auf zu applaudieren.

»Was hast du gesagt?«

»Lassen Sie die Polizisten und mich einfach frei. Noch ist es nicht zu spät.«

»Freilassen?«

Übergangslos versank der Mörder in Nachdenklichkeit, steckte sich eine weitere Zigarette an, blies sinnierend Rauch aus dem Seitenfenster. Dann auf einmal schnippte er die halb ausgerauchte Zigarette nach draußen. Anschließend begann er in seinen Jackentaschen zu kramen. Nach ein paar Sekunden hielt er einen kleinen Schlüssel in der Hand. Er grinste und präsentierte ihn Tobi wie eine Trophäe. Dann beugte er sich zu seinem Gefangenen rüber und öffnete mit dem Schlüssel die Handschellen. Zwiespältig schaute Tobi auf seine befreiten Hände. Was war jetzt los? Würde der Killer ihn wirklich freilassen? Konnte das sein?

»Wie wäre es mit einem kleinen Spielchen?«, fragte der Killer mit funkelnden Augen, die wie Laserstrahlen auf Tobi ruhten.

»Was für ein Spiel?«

»Ein Wasserspiel!«

»Ein Wasserspiel?«

»Genau.Sie werden ein Bad nehmen. Dort drüben im See.«

»Wenn Sie es schaffen, auf die andere Seite zu schwimmen, dann sind Sie und die Bullen frei und Sie werden mich nie wieder sehen. Hier!« Er zog die DVD aus seiner Jacke. »Ich gebe Ihnen sogar die Scheibe mit. Wenn Sie es schaffen, dann können Sie zu den Bullen gehen und mich ans Messer liefern.« Er nahm die DVD und steckte sie Tobi in die Innentasche seiner Jeansjacke. Tobi war sich nicht sicher, was der Kerl damit bezwecken wollte. Wollte er tatsächlich, dass er mitten im März durch diesen See schwimmt? Er schaute hinaus auf die dunkle Wasseroberfläche. Das Wasser war glatt, nur ab und zu brach der Wind ein und wirbelte es auf. Das andere Ufer war nicht zu sehen, so konnte man nicht abschätzen, wie weit es bis zur anderen Seite ist. Er war immer ein guter Schwimmer, aber das bedeutete nicht das Geringste. Ihm war bewusst, dass es einen gehörigen Kraftakt brauchte, um einen kalten See in der Dunkelheit zu durchschwimmen. Und fit war er nun wirklich nicht. Aber ersoff lieber bei dem Versuch sich zu retten, als mit diesem Wagen unterzugehen.

»Was ist? Wollen Sie warten, bis ich es mir anders überlege?«

»Nein, ich werde schwimmen!«

»Sehr gut! Ich liebe Spiele!«, antwortete der Killer knapp.

»Wer garantiert mir, dass Sie nicht gemütlich um den See fahren und mich am anderen Ufer grinsend empfangen und umbringen?«

»Niemand. Sie haben nur mein Wort.«

Tobi starrte den Mörder ein paar Sekunden wortlos an, dann nickte er und griff mit der Hand den Türöffner. Einen Moment dachte er daran, doch noch einen Angriff zu starten. Er tat es nicht, sondern verlies den Wagen und ging zum Ufer des Sees. Der Killer blieb im Wagen, doch sein Blick klebte Tobi im Nacken. Der Boden war weich am Ufer. Er schlüpfte aus seinen Schuhen. Sofort spürte er den feuchten Matsch, der durch seine Sportsocken drang.

»Das reicht, der Rest bleibt an.«, rief ihm der Killer aus dem Wagen zu.

»Warum?«

»Ich mache die Regeln für das Spielchen!«

»Scheiß Regeln!«, murmelte Tobi leise, dann ging er so weit wie möglich an das Wasser heran. Schon jetzt spürte er die eisige Kälte des Sees. Er schaute hinaus auf die dunkle Fläche. Noch immer konnte er die andere Seite nicht sehen. Etwa in der Mitte des Sees erkannte er schemenhafte Umrisse, die aus dem Wasser ragten. Er hatte nicht die geringste Ahnung, was es sein könnte.

»So, dann leg mal los!«, rief der Kerl ihm zu. Tobi drehte sich um und sah ihn grinsend aus dem Fenster starren. Er hatte genug von diesem Gesicht, also drehte er sich um und watete ins eisige Wasser. Der Boden des Sees war glitschig und Tobi wäre fast ausgerutscht. Er konnte sich fangen, rutschte aber ein paar Meter weiter noch einmal aus und stürzte kopfüber ins Wasser. Der erste Schock der Kälte war überwältigend. Tobi strampelte mit den Beinen, wollte sich wieder auf die Beine stellen, doch er spürte den Grund nicht mehr. Der Grund des Sees fiel steil ab, ab sofort musste er schwimmen. Tobi begann mit hektischen Kraulbewegungen, doch nach einigen Metern besann er sich auf langsame Brustzüge, die ihn nicht so schnell erschöpften. Er versuchte zurückzuschauen, doch er konnte nichts erkennen, weder das Ufer, noch den Killer im Wagen. Die Konzentration auf das Schwimmen schien ihm nun wichtiger, also schaute er nach vorn. Da das gegenüberliegende Ufer immer noch nicht zu sehen war, hielt er es für besser einen Punkt zu fixieren, der ihm helfen konnte, geradeaus zu schwimmen. Während er langsame Schwimmzüge machte, fiel sein Blick wieder auf die schemenhaften Umrisse, die er bereits vom Ufer gesehen hatte. Tobi wusste immer noch nicht, was er da sah, aber als Fixpunkt war es ideal, also schwamm er genau darauf zu. Die Kälte begann seinen Körper zu lähmen, wie ein Betäubungsmittel, das in seinem Blutkreislauf zirkulierte. Es fiel ihm immer schwerer, die Schwimmzüge zu machen. Das Wasser schien zu Brei zu werden, zäh und mühsam zu durchdringen. Die Schemen auf dem Wasser wurden nur langsam deutlicher, und es dauerte noch eine ganze Weile, bis Tobi endlich erkannte, was da aus dem Wasser ragte. Als er dann wusste, was es war, da wurde ihm auch klar, wo er sich befand. Was dort vor ihm meterhoch aus dem See ragte, war ein Bagger. Tobi kannte diesen Bagger. Der See, durch den er schwamm, war der Kieselsee, ein Baggerloch, etwas außerhalb der Stadt. Er war ein wenig erleichtert, denn er war diesen See schon zig Mal durchschwommen. Auch wenn es schon einige Jahre her war, diese Entfernung könnte er schaffen. Tobi musste sich beherrschen nicht schneller zu schwimmen. Langsam und ruhig zog er seine gerade Bahn in Richtung Stahlkoloss. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, doch schließlich war er direkt vor dem verrosteten Monstrum. Lediglich der Ausleger schaute einige Meter aus dem Wasser. Die Schaufel hing wie der Kopf eines erstarrten Raubtieres am Ende der Stahlkonstruktion. Tobi klammerte sich am Eisen fest und kletterte ein Stück aus dem Wasser und zog sich auf eine Strebe des Baggerunterbaus. Außerhalb des Wassers war es zwar nicht wesentlich wärmer, aber trotzdem brachte ihm die kurze Pause auf dem Trockenen ein wenig Erholung. Er versuchte, seine Zehen zu bewegen, die wie gefrorene Zapfen an seinen Füßen hingen. Seine Finger knackten, als er sie langsam bewegte, doch er hatte noch Kraft und die wollte er nutzen, um sich zu retten. Nachdem er sich ein wenig besser fühlte, massierte er sich die Arme und Beine, holte tief Luft und ließ sich zurück ins Wasser gleiten. Zielstrebig steuerte Tobi in die Richtung, in der er das nächstgelegene Ufer vermutete. Zügig, aber nicht zu schnell schwamm er durch das kalte Wasser. Es dauerte nur wenige Minuten, bis er vage den sandigen Uferbereich ausmachen konnte. Kurz bevor er wieder Boden unter den Füßen spürte, hielt er inne und sondierte den künstlichen Strand, auf dem sich immer Sommer die Badegäste tummelten. Tobis Blick glitt über das Ufer, immer in der Erwartung den Killer zu entdecken. Er war nicht zu sehen, was nicht bedeutete, dass er nicht da war. Erst als er aus dem Wasser auf den Sandstrand stapfte, da merkte er, wie erschöpft und durchgefroren er war. Müde ließ sich Tobi auf den Boden sinken, streckte alle Glieder von sich und ließ sein Gesicht in den matschigen Sand fallen. Er schmeckte die Sandkörner auf seinen Lippen, der bittere Geschmack des Wassers drang in seine Kehle. Trotz seiner Erschöpfung raffte er sich nach einigen Minuten auf. Auf allen vieren kroch Tobi über den Strand, um so schnell wie möglich in die sichere Deckung der angrenzenden Bäume zu kommen. Jederzeit rechnete er damit, dass der Mörder plötzlich auftauchte und ihm kichernd die Kehle durchschnitt. Doch er kam nicht. An einem Baum lehnte er sich sitzend an und atmetet ein paar Mal die frische Abendluft durch seine Lungen. Jetzt, wo er in Sicherheit war, da kamen sie! Sie kamen wie eine Horde wilder Bienen, erst summend, dann stechend. Ein ganzer Schwarm von Gedanken prasselte auf ihn ein und ließ ihn erschaudern.

Was ist passiert? Wo ist der Kerl? Was soll ich tun? Wo ist das Mädchen? Was ist mit den Polizisten? Hat er sich schon die Kleine aus der Videothek geschnappt? Wie komme ich hier weg?

Er wusste nicht, woran er zuerst denken sollte, seine Fragen und Gedanken vermischten sich zu einer Pampe aus verschwommenen Bildern, die sich in seinem Kopf festsetzten. Tobi schaffte es nicht, sie zu ordnen, einen roten Faden in seinen Kopf zu bekommen. Er war hilflos und durcheinander wie ein kleines Kind. Hätte ihn nicht eine Stimme fast zu Tode erschreckt, dann hätte er wahrscheinlich noch Stunden so gesessen und sich seinen wirren Bildern ergeben.

 

 

5

Tobi hätte den Mann fast erwürgt. Erst als er merkte, dass es nicht der Killer war, der ihn am Ufer angesprochen hatte, ließ er von ihm ab. Doch der Schreck war zu viel für ihn, sein Kreislauf schlug Kapriolen und er verlor das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kam, sah Tobi als Erstes das Grün einer Polizeiuniform. Ein Beamter stand vor ihm und sprach ihn leise an, der andere stand einige Meter abseits. Er unterhielt sich mit dem Mann, der ihn gefunden hatte. Er trug ebenfalls eine Uniform, allerdings eine schwarze, die das Emblem eines bekannten Wachdienstes auf der Brust eingestickt hatte.

»Hören Sie mich?«, sprach ihn der Polizist an. »Was machen Sie hier? Haben Sie getrunken?« Um seine Vermutung zu bestätigen, bückte sich der Polizist zu ihm herunter und schnüffelte mit der Nase vor seinem Gesicht herum.

»Ich muss mit ihnen reden!«, stammelte Tobi leise. Der andere Polizist kam dazu und legte ihm eine Wolldecke über.

»Besoffen?«, fragte der eine Polizist den anderen.

»Schnapsfahne! Vielleicht hat der auch noch irgendwas anderes eingeworfen.«

»Ich muss Ihnen etwas zeigen. Es ist wirklich dringend!«, krächzte Tobi und begann in seiner Jacke zu kramen. Die beiden Polizisten gingen einen Schritt zurück, die Hand an ihren Waffen. Tobi zog die DVD hervor und hielt sie den Beamten entgegen.

»Hier, sehen Sie sich das an.«

 

Die Fahrt zum Präsidium verbrachte Tobi eingemummelt in der Decke auf dem Rücksitz des Streifenwagens. Nachdem sie angekommen waren, führten sie ihn in einen fensterlosen Raum. Außer einem Holztisch und zwei Stühlen war das Zimmer leer. Tobi nahm auf einem der Stühle Platz. Jemand brachte ihm einen Pappbecher mit heißem Automatenkaffee, ein Handtuch und eine grüne Jogginghose mit dem passenden T-Shirt dazu. Nachdem er sich abgetrocknet hatte, zog er Hose und Shirt an und wartete. Ein Polizist in einem dunklen Anzug kam in den Raum und setzte sich ihm gegenüber auf den Stuhl. Der Mann stellte sich als Hauptkommissar Meiners vor, bot ihm eine Zigarette an und ließ Tobi reden. Er erzählte ihm die ganze Geschichte, von der seltsamen DVD bis zu seinem Überlebenskampf im kalten Wasser des Baggersees. Der Beamte machte sich ein paar Notizen, ansonsten hörte er schweigend zu, was Tobi zu erzählen hatte. Fast zwanzig Minuten redete er ununterbrochen. Am Ende lächelte der Kommissar, bot ihm noch eine Zigarette an und ließ ihm noch einen Kaffee bringen. Dann entschuldigte er sich für einen Moment und verließ den Raum. Etwa eine halbe Stunde saß Tobi allein am Tisch, trank den bitteren Kaffee und versuchte seine Gedanken in geordnete Bahnen zu lenken. Ein Phantombild werden sie machen wollen, dachte Tobi und versuchte sich das Gesicht des Killers ins Gedächtnis zurückzurufen. Doch er konnte sich einfach nicht richtig erinnern. Ein verschwommenes Bild geisterte durch seinen Kopf. Keine klaren Konturen, nur eine Ahnung, dass da jemand war.

Die Tür ging auf, der Polizist kam wieder herein, mit ihm ein schlanker, hochgewachsener Kollege, der sein letztes Haar auffällig über die kahlen Stellen seines Kopfes gekämmt hatte. Der Mann kam Tobi irgendwie bekannt vor, aber er konnte sich nicht daran erinnern, wo er ihn schon einmal gesehen hatte. Kommissar Meiners hatte einen weiteren Stuhl in der Hand. Er stellte ihnen neben seinen, dann setzten sich beide Männer hin.

»Wir haben uns die DVD angesehen, Herr Mohr!«, begann Meiners.

»Schrecklich, nicht wahr.«

Die beiden Männer schwiegen und wechselten einen kurzen Blick.

»Es war nichts auf dieser DVD!«, antwortete der zweite Mann nach einer Weile.

»Was? Wie meinen sie das?«

»Sie war leer! Auf der DVD ist nichts zu sehen.«

»Blödsinn!«, herrschte Tobi den Mann an.

Der Polizist stand auf, ging um den Tisch und blieb neben Tobi stehen.

»Herr Mohr. Es gibt keinen Streifenwagen 1.15 in unserer Staffel, es wird auch kein Wagen vermisst, geschweige denn die Besatzung.«

Tobi starrte den Polizisten an, so als wolle er sich vergewissern, dass diese Worte gerade tatsächlich aus seinem Mund gekommen waren. Dann begann er zu lachen, erst leise, dann laut, um eine Sekunde später, schlagartig zu verstummen.

»Wollen Sie mich auf den Arm nehmen, Herr Kommissar?«

»Warum sollte ich das tun? Wir haben übrigens tatsächlich einen Wagen am Ufer des Sees gefunden. Es war aber kein Streifenwagen und es lagen keine Polizisten im Kofferraum.«

In Tobi keimte Wut auf. Er hatte die Hölle durchgemacht und jetzt wollten die Typen ihn hier kräftig verarschen. Er wollte aufstehen, doch der Polizist drückte ihn mit der Hand zurück auf den Stuhl.

»Der Wagen am Seeufer wurde gestohlen und kurzgeschlossen, Herr Mohr. Sie haben den Wagen gestohlen.«

»Ha, ha! Ich lach mich tot. Ich soll ein Auto geklaut haben? Sie sind ja krank!«

»Nein Herr Mohr, Sie sind krank!«, sagte nun der andere Mann völlig ruhig und sachlich.

»Mein Gott! Sagen Sie mir endlich, wer sie sind!«

»Herr Mohr, Sie kennen mich doch, ich bin Doktor de Lura, aus der Ruhrklinik. Ich behandele Sie seit mehr als zwei Jahren stationär. Vorgestern sind Sie aus der Klinik verschwunden. Wir haben Sie überall gesucht.«

»Was soll denn der ganze Zirkus hier? Ich präsentiere ihnen einen Killer auf dem Tablett und sie, was machen sie? Sie schleppen irgendeinen Doktor an und wollen mir einreden, dass ich aus der Klapse geflohen sind?«

»Tobi«, sagte Doktor de Lura, »Ich glaube Ihnen, dass Sie diesen Mann gesehen haben. Aber dieser Mann, er ist nicht der, der er vorgibt zu sein. Er ist ein Phantom, ein ungebetener Gast in ihrer Vorstellung, der Ihnen etwas vorspielt. Ich möchte Ihnen dabei helfen, diesen Menschen aus ihrem Kopf zu verjagen.«

Tobis Blick hatte sich verfinstert. Alles um ihn herum stürzte zusammen. Man war gerade dabei, ihn für schizophren zu erklären. Er war sicher, das Ziel einer dunklen Verschwörung geworden zu sein. Sie wollten diesen Killer schützen.

»Nein, Sie wollen… Was ich ihnen nicht … Nein.« Tobi stotterte, zitterte mit den Händen und schüttelte unaufhörlich mit dem Kopf. Der Doktor trat auf ihn zu, doch Tobi sprang auf und wich zurück.

»Sie kriegen mich nicht. Sie stecken alle unter einer Decke… Was wollen Sie? Nein, fassen sie mich nicht an!« Er streckte die Arme nach vorne, ballte die Fäuste und wollte sich wehren. Der Polizist kam von der Seite, packte ihn überraschend und riss ihm die Arme hinter den Rücken. Tobi schrie auf. In dem Augenblick zog der Doktor eine Spritze aus der Tasche seiner Jacke und stürmte blitzschnell nach vorn. Mit einer gekonnten Bewegung stach er die Nadel in Tobis Oberarm und spritzte die Flüssigkeit in seinen Körper. Sekunden später verschwamm alles um ihn herum. Die Decke begann sich zu drehen und das Mobiliar schien sich zu verflüssigen. Dann sackte Tobi zusammen.

 

Als er wieder zu sich kam, konnte er sich nicht bewegen. Erst nach ein paar Sekunden realisierte er, dass er festgebunden auf einer Liege eines Krankenwagens lag. Von draußen hörte er die Geräusche des Verkehrs, und ab und zu rumpelte der Wagen durch ein Schlagloch. Das Betäubungsmittel hinterließ einen leichten Schleier vor seinen Augen. Sein Mund war nahezu ausgetrocknet. Er sehnte sich nach einem Schluck Wasser, aber niemand war bei ihm. Als der Wagen anhielt, war Tobi wieder in einen leichten Dämmerschlaf gefallen und er hatte keine Ahnung, wie lange sie gefahren waren. Die Türen der Ambulanz wurden aufgerissen, zwei junge Männer schnappten sich die Liege und zogen sie aus dem Wagen.

»Wo sind wir hier?«

»Ruhrklinik!«, antwortete einer knapp. Sie stellten die Bahre samt Tobi auf ein Rollgestell und schoben ihn über einen schmalen Weg zum Eingang der Klinik.

»Hallo Herr Mohr!«, hörte er plötzlich eine Stimme aus dem Hintergrund. Eine Stimme, die er nur zu gut kannte, und deren Klang er niemals vergessen würde.

»Warten Sie kurz!«, schrie Tobi hysterisch die Pfleger an. Tatsächlich stoppten sie und warteten. Ein Mann trat an die Bahre und legte seine Hand auf Tobis Arm.

»Sie werden mich nicht los. Wir gehören zusammen, Sie und ich. Sie? Hmm, vielleicht ist es an der Zeit, dass wir zum Du übergehen. Na, was meinst du? Ich heiße Helmut! Okay, ich bleibe bei dir.« Tobi starrte in das Gesicht des Killers, der direkt neben ihm stand. In der Hand hielt er eine DVD, mit der er sich Luft ins grinsende Gesicht fächerte.

»Sehen Sie! Da ist er! So sehen Sie doch.« Die Pfleger sahen sich an, fingen verzogen das Gesicht und schüttelten die Köpfe. »Hören Sie!«, sagte einer. »Da ist niemand. Sie sehen Gespenster.«

»Ui, ich bin ein Gespenst!«, rief der Killer und fing an laut, zu lachen. »Wie wäre es, Tobi? Sollen wir noch ein Spiel spielen?«

Die Pfleger gingen weiter, schoben die Liege in die Klinik. Tobi starrte verzweifelt in den Himmel. Neben ihm hörte er das Lachen des Killers, der die ganze Zeit an seiner Seite blieb. Tobi schloss die Augen, schwor sich, sie erst wieder zu öffnen, wenn er dieses schreckliche Lachen nicht mehr hörte.

 

[Gesamt:10    Durchschnitt: 4.9/5]

3 Antworten

  1. ZombieLoverin sagt:

    Flüssiger und fesselnder Schreibstil. Fand die Geschichte sehr spannend.

  2. Antje Christofczik sagt:

    Sehr spannend und packend..

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: