DIE FLUCHT DES GRAHAM LEE EDWARDS – JAN NIKLAS MEIER

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

Es war eine dunkle, von Nebelschwaden durchzogene Nacht. Eine Nacht, wie sie sich nicht besser eignen könnte, um die Geschichte von Graham Lee Edwards zu erzählen. Denn es handelte sich um eine Nacht, die mehr als angemessen dafür schien, etwas Böses in die Welt zu lassen. Und tatsächlich war das, was sich tief unten in der Höhle regte, so bösartig, dass sich selbst der Mond hinter den Wolken zu verstecken suchte, als es langsam nach oben kroch. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Hätte Graham Lee gewusst, was er finden würde, als er an jenem verhängnisvollen Tag in die Rocky Mountains aufbrach, er wäre vermutlich einfach sitzen geblieben und hätte den Sheriff einen Sheriff sein lassen. Hätte er allerdings ebenfalls gewusst, was jener Fund mit ihm machen würde … nun, dann hätte er sich definitiv für verrückt erklärt. Nur, um dann möglichst schnell in die Berge aufzubrechen.

Doch immer schön der Reihe nach.

 

1884, Montana, nördliche Rocky Mountains

 

Graham Lee Edwards war nie ein guter Mensch gewesen. Im Sezessionskrieg hatte er mehr als einem Blaurock das Leben genommen. Und ein kleiner Teil von ihm hatte es genossen. Das machte ihn wahrlich nicht stolz, aber so war es nun einmal. Seit er die Farm seiner Eltern verlassen hatte, war er niemals lange an einem Ort geblieben. Schon immer hatte ihn eine gewisse Ruhelosigkeit erfüllt, die verhinderte, dass er sesshaft wurde. Dass er den Ärger wie magisch anzog, hatte allerdings auch einen guten Anteil daran gehabt. Und Ärger war es auch gewesen, der ihn im späten Herbst in die winzige Hütte in den Bergen Montanas gebracht hatte. Und nun stand neuer Ärger bevor. Graham Lee konnte ihn fühlen, er lag in der Luft wie die Schwüle, die ein heftiges Gewitter ankündigt.

Er hatte gespielt, das war nur eines seiner vielen kleinen Laster. So wie Graham Lee das sah, war es  nicht verwerflich oder gar ein Problem, wenn man ab und an sein Glück am Kartentisch versuchte. Und wenn man dabei manchmal verlor, war das nur zu menschlich. Nein, zu einem Problem wurde das mit dem Spielen nur, wenn man verlor und dabei nichts hatte, das man verlieren konnte. Dann wurde das Spielen nämlich schnell zu einem dieser Dinge, die ihm Ärger einbrachten. So auch an jenem trüben, seltsam kühlen Augusttag in Dawson, Tennessee. Aber dieser verdammt geleckt aussehende Drecksack von einem Hutmacher hatte es auch gewusst, ihn in Rage zu bringen! Und so wie Graham Lee das sah, war es nie eine gute Idee, einen Mann in Rage zu bringen, wenn er ohnehin dabei war, sein Geld zu verlieren. Dass Graham Lee kein Geld gehabt hatte, dass er hätte verlieren können, änderte in seinen Augen nichts an dieser schlichten Tatsache. Nun, zumindest, und darauf war Graham Lee wirklich nicht stolz, hatte es jener Hutmacher geschafft, ihn so sehr zu reizen, dass er sein Bowie-Messer in diesem geleckt aussehenden Gesicht mit dem geölten Schnurrbart versenkt hatte.

Dann war Graham Lee geritten wie der Teufel, um dem örtlichen Sheriff und dessen schießwütigen Deputies zu entkommen. Immer nordwärts hatte ihn seine wilde Flucht geführt, denn, so dachte er, was wäre wohl abwegiger, als einen echten Redneck im Norden zu vermuten? Diese nicht zu bestreitende Logik hatte Graham Lee schließlich nach Virginia City, die einstmals florierende Goldgräberstadt in Montana, geführt. Nun war das so eine Sache mit Montana; auf der einen Seite gab es nichts als endlose Prärie, auf der anderen dagegen nichts als riesige Berge. Dass aber ein Gebirge besser geeignet war, einen Flüchtigen zu verstecken, als eine baumlose Ebene, war Graham Lee schnell klar gewesen, sodass er auf dem Weg nach Westen in die Rocky Mountains war, als er in Virginia City Station machte.

Im örtlichen Saloon nun hatte er Henstridge getroffen. Graham Lee war, und so viel sollte mittlerweile klar geworden sein, nicht unbedingt ein Zeitgenosse, mit dem einer gern seine Zeit verbrachte. Doch wenn Graham Lee unangenehm war, dann war Henstridge wirklich übel. Einer von der ganz dunklen Sorte. So eine Art Mann, der Leute hinterrücks im Dunkeln erdolchte, nur weil sie ihn schief ansahen. So ein Mann war Henstridge. Aber er war auch, und das war es, das ihn mit Graham Lee zusammenführte, der verdammt beste Trapper der Gegend. Und so einen brauchte man einfach, wenn man im späten Herbst – Graham Lee war bereits seit geraumer Zeit auf der Flucht – in die Rocky Mountains wollte. Also hatte er sein ungutes Gefühl heruntergeschluckt und war an den wackligen Tisch getreten, an dem Henstridge saß, und der wie alles in Virginia Citys Saloon schon einmal bessere Tage gesehen hatte. In dieser Hinsicht fügte sich der Mann, der Graham Lee finster entgegen starrte, nahtlos ins Bild. Hätte Henstridge nicht ab und zu sein Glas zum Mund geführt, Graham Lee wäre sicher gewesen, einem Toten gegenüber zu sitzen.

Nach einigem Zögern hatte er Henstridge gefragt, ob dieser ihn in die Berge führen könne. Diese zugegebenermaßen etwas unpräzise Frage hatte nur ein verächtliches Schnauben zur Folge gehabt. Unter anderen Umständen, was in diesem Fall einen anderen Gegenüber meinte, wäre Graham Lee nun schnell in eine Situation geraten, die geeignet war, ihm Ärger zu bereiten. Der nicht wirklich tote Trapper jedoch strahlte jene bösartige Präsenz aus, die die Härchen auf Graham Lees Unterarmen dazu brachten, sich aufzustellen. Also hatte er erneut etwas heruntergeschluckt, dieses Mal seine aufkeimende Wut, und schließlich enthüllt, dass er auf der Suche nach einem Versteck zum Überwintern war. Denn der Sheriff und seine Männer würden sicher nicht für einen toten Hutmacher den Winter in den Rocky Mountains verbringen wollen. Falls sie ihn überhaupt bis hierher verfolgt hatten. Nun wollte Graham Lee sich aber nicht auf die vage Hoffnung verlassen, dass die Verfolger bereits wieder daheim in Tennessee waren. Der Hutmacher hatte auf ihn zwar nicht wie einer gewirkt, dessen Mord man unbedingt gesühnt sehen wollte, aber es war wohl besser, auf Nummer sicher zu gehen. So wie Graham Lee das sah, war eine Schlinge um den Hals nämlich keine besonders schöne Art, um abzutreten.

Henstridge hatte gegrinst, als Graham Lee endlich mit der Sprache herausgerückt war. Er hätte genau das Richtige für einen Mann in seiner Situation, hatte er gesagt. Graham Lee müsse ihm nur bei einer kleinen Sache helfen. Und das Beste an dieser Sache wäre, dass sie dafür tief in die Berge reiten müssten. Und natürlich das Gold. Ein wenig Gewinn bei der Sache sei auch zu erwarten, hatte Henstridge gesagt.

Es war nicht so, dass Graham Lee ihm geglaubt hätte. Er war ja kein Idiot. Vielleicht war er manchmal ein wenig unbedacht, handelte eventuell auch etwas ungestüm, aber ein Idiot? Nein, das war er wahrlich nicht. So wie Graham Lee das sah, war es allerdings die einzige Option, Henstridge bei seiner Sache zu helfen, wenn er dem Schicksal am Galgen zweifelsfrei entgehen wollte. Also hatte Graham Lee eingewilligt.

Im Nachhinein war er vielleicht doch ein Idiot – zumindest war ihm dieser Gedanke einige Male gekommen.

Dabei hatte alles halbwegs gut angefangen. Früh am nächsten Tag waren sie aufgebrochen. Er und Henstridge und Jimmy Two-Finger, ein Indianer von einem Stamm, dessen Namen Graham Lee nicht einmal auszusprechen versuchte. Two-Finger schien ihm ein ganz passabler Kerl zu sein, lange nicht so übel wie Henstridge. Vielleicht nicht einmal so übel wie Graham Lee. So gesehen war Two-Finger eventuell sogar ein ganz guter Mann. Warum er allerdings Two-Finger hieß, erschloss sich Graham Lee von Anfang an nicht wirklich – soweit er im Halbdunkel hatte erkennen können, besaß sein neuer Kumpan noch alle fraglichen Körperteile.

Immer weiter hinauf in die Berge waren sie geritten, einer nach dem anderen. Vorn Henstridge, dann Two-Finger, ganz hinten schließlich Graham Lee, immer wieder einen nervösen Blick über die Schulter werfend. Sie waren auf der Suche nach einer Höhle. Einer Höhle, in der ein Schatz lagern sollte, das hatte Henstridge zumindest gesagt. Wahrscheinlich glaubte der bösartige alte Trapper sogar selbst daran. Graham Lee war es herzlich egal. Er wollte in die Berge. Sie ritten in die Berge, also war es für ihn in Ordnung, nach einem Schatz zu suchen, den es wahrscheinlich gar nicht gab. Warum allerdings Two-Finger mit dabei war, hatte Graham Lee zunächst nicht zu sagen gewusst. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, hatte er es auch eben gerade erst erkannt. Allerdings war er sich so oder so nicht sicher, ob es nicht ohnehin von Anfang an der Plan der verdammten Rothaut gewesen war, diesem Ding aus der Höhle zu begegnen und dabei verrückt zu werden.

Ja, Jimmy Two-Finger war verrückt. Und wie.

So wie Graham Lee das sah, war es ein eindeutiges Zeichen dafür, dass ein Mann verrückt war, wenn seine Kameraden sich gezwungen sahen, ihn an einen Stuhl zu fesseln. Und genau das hatten Henstridge und er mit Two-Finger getan. Doch immer schön der Reihe nach: Sie waren also geritten. Immer weiter in die Berge, auf der Suche nach der Höhle, von der Henstridge annahm, dass sie den gesuchten Schatz barg. Nach vier Tagen waren sie zu der ziemlich windschief aussehenden Hütte gekommen, in der sie Quartier genommen hatten. Anfangs schien es ihnen eine gute Idee zu sein, hier zu lagern. Nun, eigentlich schien es nur Henstridge eine wirklich gute Idee zu sein und Graham Lee hatte nicht den Mut gehabt, zu widersprechen. Er wollte verdammt sein, aber ein Kerl wie der Henstridge konnte auch einem Mann wie Graham Lee Angst einjagen! Zumindest waren vier Tage in den Bergen für seinen Geschmack nicht weit genug weg von den langen Armen des Sheriffs. Aber sie taten nun einmal das, was Henstridge sagte. So war das jetzt offenbar.

Die erste Nacht in ihrer Hütte war noch ganz in Ordnung gewesen. Graham Lee war kurz nach Mitternacht aufgewacht. Er hatte ein Geräusch gehört. Glaubte er zumindest. Leise war er aufgestanden, um Henstridge und Two-Finger nicht zu wecken. Dass die beiden ihn auslachten, weil er bei jedem verdammten Klappern aufschreckte wie eine kleine Katze, das konnte er nun wahrlich nicht brauchen. Graham Lee hatte sich also aus seinem Schlafsack gewickelt, seinen Revolver gezogen und gewartet. Nach einiger Zeit hatte er es wieder gehört: ein Klappern. Von draußen. Es klang, als schleiche dort jemand umher und versuche, die Läden des Fensters so leise es ging beiseite zu schieben. Nun, so wie Graham Lee das sah, hatte ein Mann das Recht auf ein bisschen Privatsphäre. Er würde es demjenigen, der dort draußen stand, gründlich austreiben, einfach hier herein zu sehen! So hatte Graham Lee gedacht und war leise in Richtung Tür geschlichen. Das besagte Fenster lag links neben dem Ausgang, er hatte also vorgehabt, die schwere Holztür aufzustoßen, mit seiner Waffe nach draußen zu stürmen und den Störenfried, wer immer er auch war, zu erschießen. So einfach war das für Graham Lee. Dass dort vor der Hütte vielleicht mehr als ein Feind auf ihn lauern mochte, dieser Gedanke war ihm zwar gekommen, er vertraute aber darauf, den Überraschungseffekt auf seiner Seite zu haben: Er würde schon mit allem fertig werden, das dort warten mochte. Und wäre es der Sheriff mit seinen Männern, umso besser. Denn dann könnte er aus diesen Bergen verschwinden und Henstridge und Two-Finger alleine einem Schatz nachjagen lassen, den es ohnehin nicht gäbe. Denn dann wäre der Sheriff tot. So wie Graham Lee das sah, war das ein wirklich schöner Gedanke, sodass er lächelte, während er sich behutsam in Richtung Tür bewegte und darauf achtete, nirgends anzustoßen. Nein, wenn man so seine Gedanken betrachtete, dann war Graham Lee wirklich kein sonderlich freundlicher Zeitgenosse.

Irgendwann hatte Graham Lee den Ausgang erreicht gehabt und seinen Plan in die Tat umgesetzt. Siegessicher hatte er die Tür aufgerissen und war mit der Waffe im Anschlag nach draußen gestürmt. Nur hatte er sich dahingehend verschätzt, dass ihn dort weder der Sheriff noch einer seiner Deputies erwartete. Genaugenommen hatte ihn niemand erwartet. Der Platz vor dem Fenster war leer gewesen.

Am nächsten Morgen war Graham Lee mit Henstridge und Two-Finger zu der Stelle vor dem Fenster gegangen, wo der nächtliche Besucher Graham Lees Meinung nach gestanden haben musste. Einen Feind hatten sie dort zwar nicht entdeckt, dafür aber Spuren. Und mit diesen Spuren begann es wirklich merkwürdig zu werden. Es fing damit an, dass niemand, selbst nicht Two-Finger, der in der Wildnis aufgewachsen war, irgendein Wesen kannte, das solche Fußabdrücke hinterlassen würde. Drei Zehen hatte die Kreatur gehabt, mit Krallen am Ende. Sie musste auf zwei Beinen gelaufen sein und hatte sich tiefer in die Berge bewegt. Henstridge hatte beschlossen, der Spur zu folgen.

Im Nachhinein betrachtet war zumindest Henstridge ganz sicher ein Idiot.

Über zwei Stunden lang waren sie den Fußabdrücken gefolgt. Immer weiter bergauf war es gegangen, und obwohl der Boden zusehends steiniger geworden war, hatte der alte Trapper die Fährte nicht verloren. Irgendwann hatten sie dann die Höhle erreicht. Eigentlich war da nur eine unscheinbare Öffnung in einer ansonsten glatten Felswand. Doch irgendetwas daran hatte Graham Lee ein ziemlich ungutes Gefühl beschert. Es hatte damit begonnen, dass er sich schon seit geraumer Zeit, bevor sie die Höhle erreichten, beobachtet fühlte. Auch Two-Finger hatte immer wieder nervöse Blicke über die Schulter geworfen. Nur Henstridge nicht. Henstridge war ganz gebannt von der Spur gewesen.

Vor der Höhle dann war das ungute Gefühl zu ausgewachsener Angst geworden. Graham Lee gab es nicht gern zu, aber er hatte richtige Angst gehabt. Und er hatte nicht einmal gewusst, wo vor eigentlich. Jetzt wusste er es. Vor der Höhle zumindest hatte Henstridge Two-Finger befohlen, vorauszugehen und sich das Innere einmal anzusehen. Es hätte ja sein können, dass sie soeben auf den ersehnten Schatz gestoßen waren! Der Indianer war wahrlich nicht begeistert gewesen, hatte der Anweisung aber Folge geleistet. Langsam war er in der Dunkelheit der Höhle verschwunden. Vielleicht hatte Graham Lees Wahrnehmung ihm auch nur einen Streich gespielt, aber es schien fast, als wäre Two-Finger regelrecht von der wabernden Dunkelheit aufgesogen worden.

Als Two-Finger wieder aus der Höhle herauskam, war er verrückt. Der Indianer war noch gar nicht lange weg gewesen, da hatte das Schreien angefangen. Irgendjemand, irgendetwas hatte Two-Finger dort drinnen in den Schatten aufgelauert und ihn angegriffen. Graham Lee und Henstridge hatten beide ihre Waffen gezogen, sich angesehen und waren dann gleichzeitig ein paar Schritte nach hinten getreten. Kamerad hin oder her, immerhin war Two-Finger nur eine Rothaut. Und davon gab es nun einmal ohnehin zu viele. Auf eine mehr oder weniger käme es nicht an, so hatte Graham Lee gedacht.

Kurz darauf waren die Schreie verstummt, es war auf einmal merkwürdig still geworden. Dann war Two-Finger aus der Höhle gekommen, hatte sie angesehen und war einfach an ihnen vorbei den Weg zurückgegangen, auf dem sie hergekommen waren. Sogar Henstridge war zuerst verwirrt gewesen, musste sich erst fassen, bevor er der Rothaut hinterher geeilt war. So sehr sie sich auch bemüht hatten, aus Two-Finger – der im Übrigen vollkommen unversehrt aussah – war nicht herauszubekommen gewesen, was sich in der Höhle ereignet hatte. Also waren sie schlafen gegangen, kaum dass sie die Hütte erreichten.

 

Die zweite Nacht war wirklich übel gewesen. Graham Lee war aufgewacht, weil er etwas Nasses in seinem Gesicht gespürt hatte. Als er die Augen geöffnet hatte, hatte er in Two-Fingers Gesicht gesehen. Oder besser in das, was davon übrig gewesen war: Die verrückte Rothaut hatte über ihm gekniet und sich dabei mit ihrem Bowie-Messer tiefe Furchen durchs Gesicht gezogen, aus denen das Blut nur so auf Graham Lee gesprudelt war.

Das war der Moment gewesen, in dem sie beschlossen hatten, Two-Finger zu fesseln. Denn, so hatten sie gedacht, wenn die verrückte Rothaut schon bereit war, sich selbst derart zu verstümmeln, was würde er dann wohl mit ihnen machen wollen? Nachdem sie ihren Kumpan also an einen Stuhl gebunden hatten, waren beide Männer in ein Gespräch darüber verfallen, was genau Two-Finger dazu gebracht haben könnte, sich selbst häuten zu wollen. Schnell war man dahingehend übereingekommen, die Ursache in den Dingen zu suchen, die der Indianer in der Höhle gesehen hatte. Dummerweise war das seltsame Tier – zu jenem Zeitpunkt hatte Graham Lee tatsächlich noch geglaubt, es mit einem Tier zu tun zu haben – in der Nacht zuvor an ihrer Hütte gewesen. Es war beiden Männern klar gewesen, dass die Kreatur wiederkommen würde.

Und so war es geschehen.

 

Nach der unschönen Überraschung mit Two-Finger und dessen Bowie-Messer hatten Henstridge und Graham Lee abwechselnd Wache gehalten. Natürlich waren die richtigen Probleme losgebrochen, als Graham Lee gerade dran war, ihre Unterkunft zu beschützen. Es musste ungefähr drei Uhr in der Früh gewesen sein, als die Geräusche erneut ertönt waren. Wieder ein Klappern. Wieder von vor dem Fenster. Diesmal war Graham Lee allerdings nicht wie ein Revolverheld aus den Geschichten nach draußen gestürmt. Nein, diesmal hatte er es überlegt angehen wollen. Diesmal hatte er zunächst Henstridge geweckt. Der Trapper war ihm vorsichtig zur Tür gefolgt. Graham Lee hatte seinen Revolver gezogen und war ins Freie gestürmt, als Henstridge die Tür aufgerissen hatte. Sein Kumpan war ihm dichtauf gewesen. So gesehen, war ihr Vorgehen auch nicht wirklich überlegter gewesen als das von Graham Lee in der Nacht zuvor.

Als Graham Lee die Stelle vor dem Fenster erreicht hatte, war er wie angewurzelt stehen geblieben. Er hatte sich gewünscht, in der Hütte geblieben zu sein. Denn so wie Graham Lee das sah, blieben manche Dinge besser unentdeckt. So wie der übel zugerichtete Tote, der unter ihrem Fenster gelegen hatte. Viel war von dem armen Kerl nicht übrig gewesen. Ein Mann, soviel hatten sie erkennen können – zumindest nachdem sie sich dazu entschlossen hatten, eine Fackel zu entzünden. Während Graham Lee angestrengt in die umgebende Dunkelheit gestarrt hatte, war Henstridge näher an den Toten herangetreten und hatte festgestellt, dass dieser tatsächlich einen Sheriff-Stern den Überresten seines Mantels getragen hatte.

Nun, zumindest dieses Problem schien Graham Lee also losgewesen zu sein. Zwar hatte er es nicht genau erkennen können – der Tote war wirklich übel zugerichtet gewesen –, dennoch war Graham Lee sich sicher gewesen, seinen Verfolger dort in mehreren Teilen vor ihrem Fenster liegen zu sehen. Ein eventuell diesbezüglich aufkeimendes Hochgefühl war allerdings ziemlich schnell der Frage gewichen, wer oder was zum Teufel diese verdammte Sauerei eigentlich angerichtet hatte.

Es war Henstrigde gewesen, der die frischen Spuren entdeckt hatte. Diesmal stammten sie allerdings nicht nur von ihrem höhlenbewohnenden Etwas, sondern auch von mindestens einem weiteren Mann. Die Spuren dieses Mannes hatten darauf schließen lassen, dass jener zum Zeitpunkt seines Aufbruchs – im Übrigen von der Hütte weg in den Wald hinein – nicht in bester körperlicher Verfassung gewesen war. Das hatte auch Graham Lee sehen können, wenngleich er keinesfalls ein so guter Spurenleser wie Henstridge oder Two-Finger war. Aber jede Menge Blut neben Fußabdrücken sprach nun einmal Bände. So wie Graham Lee das sah, sahen sich Henstridge und er zum damaligen Zeitpunkt einer ziemlich rätselhaften Situation gegenüber. Ein vorsichtiges Rekonstruieren der Ereignisse hatte nämlich das Folgende zu Tage gefördert: Der Sheriff und ein weiterer Mann – vielleicht sein Deputy – hatten Graham Lee ausfindig gemacht und sich an die Hütte herangeschlichen.

So weit, so gut, so … normal.

Dann allerdings musste sich irgendetwas seinerseits an die Heranschleichenden herangeschlichen haben. Und an dieser Stelle wurde es wirklich seltsam, so hatten Graham Lee und Henstridge gedacht. Denn: Was auch immer sich angeschlichen hatte, es hatte den Sheriff getötet und seinen Deputy so stark verwundet, dass dieser sich blutend in den Wald geschleppt hatte – und das alles, ohne mehr als ein Klappern zu verursachen.

Graham Lee hatte sich also wieder einmal mit den dreizehigen Fußabdrücken auseinandergesetzt, die im Übrigen der Blutspur des Deputys hinterher geführt hatten. Er und Henstrigde hatten sich angesehen und waren den Spuren gefolgt. Im Nachhinein betrachtet war das die beste Idee gewesen, die Graham Lee in einem Leben voller nicht besonders guter Ideen gehabt hatte. So komisch das auch klang.

Es hatte zumindest nicht lange gedauert, bis sie den Deputy gefunden hatten. Zumindest einen kleinen Teil von ihm, genauer gesagt sein linkes Bein und zwei weitere, nicht mehr so ganz genau zu identifizierende Körperteile. Henstridge hatte gemeint, bei dem einen handle es sich um die rechte Arschbacke. Graham Lee hatte nichts gemeint, Graham Lee hatte gekotzt.

Nachdem Graham Lee also die vermeintliche ehemalige rechte Arschbacke des Deputies vollgekotzt hatte, waren die beiden weitergezogen. Schon bald waren sie auf den Rest des Vermissten gestoßen. Da der auch nicht besser ausgesehen hatte als die vorher gefundenen Teile – nun, um der Wahrheit die Ehre zu geben, war es dieses Mal sogar schwierig gewesen, überhaupt einzelne Teile in dem Brei aus Blut, Schleim und sonstigem Schmodder zu identifizieren –, hatte Graham Lee erneut auf Leichenteile gekotzt. Aufgrund des Zustands des Toten war das allerdings nicht einmal groß aufgefallen.

Die eigentlich interessanten Spuren hatten weiter geführt.

Und sie waren ihnen gefolgt.

Nun, wo Graham Lee wieder in der trügerischen Sicherheit der Hütte saß – mit dem verrückten Two-Finger wohlgemerkt –, fragte er sich, warum Henstridge und er noch weiter gegangen waren. Es war ja nicht so, dass es keine Warnzeichen gegeben hätte: verrückte Rothaut, toter Sheriff, zerstückelter Deputy mit jeder Menge Kotze darauf – ja, die Zeichen hätten eigentlich eindeutig sein müssen.

Trotzdem waren Henstridge und Graham Lee weitergegangen.

Und natürlich waren sie wieder bei der Höhle herausgekommen.

Nun war es ja nicht so gewesen, dass sie ignoriert hätten, dass erstens ihr Kumpan, der kürzlich in eben diese Höhle gestiefelt war, versucht hatte, sich mit dem eigenen Messer ein Muster ins Gesicht zu schnitzen und dass zweitens das Ding, das aus der Höhle gekommen war, ziemlich eindrucksvoll zwei kräftige Männer ins Wer-Weiß-Wohin befördert hatte. Vielleicht war es eine der berühmte Verzweiflungstaten gewesen, von denen man des Öfteren in Romanen las, die Henstridge und Graham Lee dazu bewogen hatte, in die Dunkelheit hinabzusteigen. Nicht, dass Graham Lee viel gelesen hätte (oder auch nur lesen konnte), aber er hatte zumindest des Öfteren gehört, dass in solchen Büchern derartige Dinge getan wurden.

Henstridge und Graham Lee waren also in eben jene Dunkelheit der Höhle hinabgestiegen, die kurz zuvor schon Two-Finger verschluckt hatte. Und die genau diese Rothaut dazu bewogen hatte, erst einmal ein wenig im Dunkeln herumzuschreien, nur um dann scheinbar normal wieder hervorzukommen und sich anschließend das Gesicht mit einem Bowie-Messer zu verzieren.

In der Höhle war es stockfinster, selbst das Licht der Fackel hatte die umfassende Dunkelheit nur unzureichend zu durchdringen vermocht. Etwas allerdings hatte ihre beunruhigend unstete Lichtquelle zu Tage gefördert. Die seltsamen Zeichnungen.

Jetzt, wo Graham Lee zusammen mit dem verrückten Two-Finger in der Hütte saß, ritzte er die Wandbilder in den wackeligen Tisch ihrer Unterkunft, während er darüber lachte, wie dumm die Menschen doch waren.

Doch immer schön der Reihe nach.

In der Höhle hatten sie also die seltsamen Zeichnungen an den Wänden entdeckt. Henstridge hatte erklärt, dass einige der Rothäute in der Gegend ähnliche Felsmalereien angefertigten. Sie sollten ein böses Wesen besänftigen, das sie Wihtego oder Windigo nannten. So zumindest wollte es Henstridge verstanden haben. Graham Lee hatte nie viel auf die Schauergeschichten der Indianer gegeben. Denn so wie Graham Lee das sah, gab es schon in der Realität genug Dinge, um die man sich zu sorgen hatte. An diesem Tag – im Nachhinein war er sich im Übrigen sicher, dass es sich um den letzten Tag des Oktobers gehandelt hatte – war er sich nicht mehr so sicher gewesen.

Tiefer in der Höhle hatten sie das Wesen schließlich gefunden.

Es hatte auf sie gewartet.

Nachdem sie eine ganze Zeit lang immer weiter hinabgestiegen waren, hatte sich die bisher recht schmale Höhle deutlich ausgedehnt. So groß wie die Scheune auf der Farm seiner Eltern, so hatte Graham Lee geschätzt. Viel Zeit, sich solche Gedanken zu machen, hatte er allerdings nicht gehabt.

Denn genau dort hatte – wie gesagt – die Kreatur auf sie gewartet.

Groß war sie gewesen, groß wie ein Grizzly auf den Hinterbeinen und ekelerregend und irgendwie falsch. Nichts an ihr hatte zusammengepasst. Die klauenbewehrten Füße eines Vogels waren aus haarlosen, von einer schrumpelig-weißen Haut bedeckten Beinen gewachsen, die ihm viel zu dünn für den kräftigen Körper erschienen waren. Dunkles, borstiges Fell – Graham Lee hatte es an ein Wildschwein erinnert – war überall auf dem Oberkörper des Wesens zu sehen gewesen. Die Arme hatten in seiner Wahrnehmung überaus kräftig gewirkt und waren mit den Pranken eines Bären bewehrt gewesen. Das Erschreckendste aber war der Kopf der Kreatur gewesen. Der Schnabel eines Vogels, gepaart mit dem Gesicht von etwas entfernt Menschlichem. Das einzelne, strahlend blaue Auge des Wesens hatte sich auf Henstridge gerichtet.

Das war der Moment gewesen, in dem Henstridge seinen Revolver gezogen und abgedrückt hatte. Er hatte allerdings nicht auf die Kreatur geschossen, was Graham Lees Meinung nach eine durchaus nachvollziehbare Reaktion auf deren Anblick gewesen wäre. Nein, Henstridge hatte sich den Revolver in den Mund gesteckt und abgedrückt. Der Kopf des Trappers war nach hinten gerissen worden und aus dem sich schlagartig auftuenden Loch an seinem Hinterkopf war eine Fontäne aus Blut, Knochensplittern und Hirnmasse gespritzt.

Das alles hatte Graham Lee wie in Zeitlupe gesehen.

Dann hatte sich der Blick des Wesens auf Graham Lee gerichtet.

Und von da an war alles anders gewesen.

 

Als Graham Lee zur Hütte zurückgekehrt war, war die Kreatur, war der Wihtego in ihm gewesen. Und Graham Lee würde lügen, wenn er sagen würde, das sei kein schönes Gefühl. Während er nun also am Tisch saß und die lächerlichen Zeichen, mit denen die Menschen ihn abzuwehren versuchten, in das Holz ritzte, dachte er darüber nach, was er als nächstes tun sollte. Two-Finger und Henstridge waren unwürdig gewesen. Ihr Geist war schwach, zu schwach gewesen. Nicht so Graham Lee. Er war auserwählt worden. Auserwählt, im Namen des Wihtego große Taten zu vollbringen. Zwar wusste er noch nicht, wie genau diese Taten aussehen würden, aber mit derlei Kleinigkeiten hielt sich Graham Lee nicht auf. Er würde die Hütte verlassen müssen, so viel stand fest. Aber vorher hatte er Hunger. Sein Blick wanderte zum gefesselten Two-Finger.

 

[Gesamt:10    Durchschnitt: 4.5/5]

Eine Antwort

  1. Martin Schreiner sagt:

    Klasse! Ich liebe die Atmosphäre, vor allem aber der Lovecraft’sche Vibe der mit der Geschichte rüber kommt.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: