DIE HÜTTE IM WALD – MARTIN SCHREINER

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

John Bower bog mit seinem roten Chevrolet Suburban in die Einfahrt der Tankstelle ein und kam an der Zapfsäule mit Diesel zum Stehen. Außer ihm stand nur noch ein kleiner schwarzer und rostiger Toyota Pick-Up Truck, an der Säule vor ihm. Er stieg aus und tapste sogleich in eine Pfütze mit halb aufgetautem Schneematsch, die überall auf dem unebenen Gelände der alten Tankstelle zu finden waren. Nachdem er seinen Wagen vollgetankt hatte, ging er in das großzügig verglaste Tankstellenhaus, was schon durchaus bessere Tage erlebt hatte.

Als er das Häuschen betrat rief ihm bereits der Tankstellenwart entgegen,

> Säule zwei?! <.

Als John dies hörte eilte er zum Tresen mit der Kasse hin.

> Ja! <, antwortete er kurz und knapp.

> Mit Karte oder Bar? <, fragte der Tankstellenwart, auf dessen Brust ein angelaufenes Namensschild aus Messing, mit dem Namen Vernon zu lesen war.

John kniff die Augen zusammen und versuchte sich zu erinnern, wo er diesen Namen schon mal gehört hatte. Dann fiel es ihm wieder ein.

> Jules? Jules Vernon? <

Der Tankstellenwart blickte verdutzt auf und erkannte nun auch den Mann, der ihm gegenüberstand.

> Ach, Mister Bower! Ich hatte sie erst gar nicht erkannt, verzeihen sie mir! Und? Wie geht es ihnen und ihrer Familie? Haben sie sich gut eingelebt in Woodhill? <

John lachte und zog aus seiner Geldbörse einen fünfzig Dollarschein heraus.

> Ja. Eigentlich, ja. Die erste Woche war etwas stressig, da noch nicht unser ganzer Hausstand eingetroffen war. Die Umzugsfirma meinte, dass dieser Blizzard daran schuld wäre und ihren Fahrern auf der Straße Probleme bereitete. Aber mittlerweile ist alles eingetroffen. <

Jules nahm den Fünfziger entgegen, tippte auf seiner Kasse herum, sodass anschließend die Geldkassette aufsprang.

> Ja, dieser verfluchte Blizzard! Der Winter hält dieses Jahr früh Einzug. <

Dann gab er gab John das Wechselgeld, schloss die Geldkassette und fuhr fort.

> Wie geht es denn ihrer Frau und vor allem dem kleinen Paul? <

> Oh, Judith schwärmt von ihrer Arbeit im Krankenhaus. Sie meint, dass hier alles so viel entspannter ist, im Gegensatz zur Notaufnahme in Seattle. Und unser kleiner Paul, hat auch schon Freundschaften mit den Nachbarskindern und mit einigen seiner Schulkameraden geschlossen. <

John nahm das Wechselgeld entgegen und steckte es in die Hosentasche.

Jules Vernon schmunzelte.

> Und selbst, Mister Bower? Ist die Arbeit im Bahnbetriebswerk, so wie sie es sich vorgestellt

haben? <

Lachend winkte John ab.

> Erst einmal, hören sie auf mich Mister Bower zu nennen. Das hört sich an, als könnte ich nächste Woche schon in Pension gehen. Sie können ruhig John zu mir sagen. Nun ja, es ist schon ein ganz schön großer Unterschied zur Zentrale in Seattle. Dort hatte ich ja zum Schluss hauptsächlich eine planerische Tätigkeit, für die Instandhaltung. Hier bin ich wieder richtig in der Werkstatt und auch mal draußen auf der Strecke unterwegs. Es ist schon anstrengender, aber es ist genau wie damals, als ich bei der Bahn angefangen habe. Nur das jetzt das Geld stimmt und ich erfahrener bin. <

John tastete nach seinen Autoschlüsseln, da er sich wieder auf den Weg machen wollte. Doch da bemerkte er im Augenwinkel eine Bewegung, hinter dem Spirituosenregal. Anscheinend war es der Fahrer des schwarzen Toyotas.

Jules Vernon lachte.

> Na das freut mich zu hören! Es ist selten geworden, dass Familien in unsere kleine Stadt kommen und sich hier niederlassen. Meistens ist eher das Gegenteil der Fall. Durch diese beschissene Wirtschaftskrise ist das wirtschaftliche Standbein von Woodhill weggefallen. Die Holzindustrie war der größte Arbeitsgeber hier. Doch jetzt ziehen immer mehr weg, der Arbeit wegen… <

Seine Heiterkeit wich Enttäuschung.

> Vor allem die jungen Leute. Die Familien. Aber wer kann es ihnen verdenken! <

John zuckte mit den Schultern und verzog das Gesicht.

> Ja, sowas ist bitter! Vor allem wenn man weiß, dass unsere Eisenbahn das ganze billige Holz aus Kanada hier her zu uns rüber holt. Ich sehe es ja nun tagtäglich! Na ja, ich muss dann mal wieder

los! <

John Bower wollte gerade gehen, als ihm noch etwas einfiel.

> Ach, Mister Vernon! Ich hätte es fast vergessen, aber ich wollte sie noch etwas fragen. <

Jules blickte John erstaunt an und stützte die Hände auf seinen knorrigen Hüften ab.

> Oh!? Na was wollen sie den fragen? Schießen sie los! <

> Ich habe von einem Kollegen, der in den Ruhestand getreten ist, eine Blockhütte oben am Crystal Lake übernommen. Ich war mit meiner Familie vor einem Monat schon mal da oben, als wir uns die Hütte angesehen haben. Ich war erstaunt, wie wunderbar ruhig und friedlich es dort an dem See ist. Und ich wollte sie eigentlich nur fragen, ob man da oben gut fischen kann?! <

Jules lehnte sich auf den Tresen der Kasse.

> Na aber natürlich! Was denken sie denn? Ich weiß gar nicht, wie oft ich schon da oben war. Der See macht seinem Namen alle Ehre. Das Wasser ist kristallklar und Fische gibt es dort reichlich. Wenn sie mal vorhaben dort oben jagen zu gehen, sagen sie mir Bescheid! In der Saison kann man dort wunderbar Wild jagen. Der Wald rund um den See war früher, bis Ende der vierziger Jahre glaube ich, noch ein Indianerreservat. Dann wurde das Gebiet zur Aufforstung freigeben. Doch dazu kam es nie. Obwohl viele den See dort oben kennen, ist es dort nicht überlaufen und man trifft auf erstaunlich wenige Leute. Das liegt vor allem an der langen und beschwerlichen

Anfahrt – wie sie sicherlich bemerkt haben. Ohne Allrad kommt man dort nicht weit. <

So wie Jules seinen Satz beendet hatte, kam ein Mann hinter dem Regal mit den Spirituosen hervor geschlurft. Er wirkte ungepflegt und hatte Übergewicht. Trotz seines erbarmungswürdigen Äußeren, zeugten die Konturen seines wettergegerbten Gesichtes von einem gewissen Stolz und von Würde. Jules nickte dem Mann, der ein Nachfahre der amerikanischen Ureinwohner war, mit einem aufgesetzten Lächeln zu.

> Na Frank? Wieder mal nachtanken, was!? <

Der Mann sagte kein Wort und stellte zwei Flaschen eines billigen Wodkas und eine kleine Flasche irgendeines Kräuterliköres auf den Tresen der Kasse.

> Das war alles? <

Fragte Jules nach und schaute dabei über seine Brille.

Der alte Indianer kramte in den Taschen seines Anoraks herum.

> Ja. Und das Benzin natürlich. <

Grummelte der Alte, dessen Alkoholfahne selbst John riechen konnte, auch wenn dieser einen beträchtlichen Abstand zu dem alten Indianer wahrte.

> Natürlich! <, grinste Jules den Alten an, schaute dann zu John hinüber und zwinkerte ihm zu. John dagegen verzog keine Miene. Er schaute mitleidvoll zu, wie der alte Indianer in jede einzelne seiner Taschen griff und hier und da ein paar Dollarscheine und einige Münzen zusammenkramte. Schließlich legte er einen kleinen Haufen aus Münzen und zerknüllten Scheinen vor Jules auf den Münzteller, der neben der Kasse stand. Dieser japste und rückte seine Brille zurecht.

> Ach Frank, du machst es einem auch nicht leicht! <

Während Jules das Geld zusammenzählte, schaute der alte Indianer immer wieder zu John hinüber. Dieser bereute es, dass er nicht schon längst verschwunden war, vor allem in jenem Moment, als der der Alte einige Schritte auf ihn zu ging und ihn scharf ansah.

> Entschuldigen sie Mister, aber ich habe zufällig mitbekommen, dass sie über eine Hütte gesprochen haben. Sprachen sie über die alte Hütte oben am See? <

John hob die Augenbrauen.

> Nun… ja!? Es ist ja die einzige dort oben. <

Auf einmal bemerkte John, wie etwas in den Augen des alten Indianers zu funkeln begann.

> Ja! Die alte Blockhütte! Hat so eine kleine Veranda vorn dran, hinten einen Kamin und jeweils links und rechts ein Fenster neben der Eingangstür. <

John wurde mulmig zu Mute.

> Ja, das stimmt schon alles. Aber auf was wollen sie hinaus? <

Der Alte schluckte schwer und schüttelte mit dem Kopf.

> Fahren sie nicht dort hoch! Vor allem nicht, wenn es dunkel wird! Denn sie kommen nur wenn es dunkel ist. Ja, wenn es Nacht ist! <

John fühlte sich unwohl. Er wusste nicht, ob es die Anwesenheit des alten Indianers war die ihm dieses merkwürdige Gefühl einflößte, oder, ob es seine Erwähnung der alten Blockhütte in all ihren Merkmalen war.

Jules schaute zu den beiden hinüber,

> Frank, da fehlen noch zwei Dollar! <

Der Alte drehte sich beschämt um und kramte erneut in seinen Taschen herum. Er bekam zwei ein Dollarmünzen zu fassen und legte sie vor Jules auf den Tresen. Dann wandte sich der alte Indianer erneut zu John um.

> Diese Gegend dort ist verflucht! Verflucht von meinen Ahnen! Ich selbst habe sie gesehen. Die Verfluchten. Die Hautwandler! <

Dann nahm der Alte die zwei Wodkaflaschen, die Jules ihm in zwei separate Papiertüten verpackt hatte und klemmte sie unter seinen Arm. Die kleine Flasche mit dem Kräuterschnaps, steckte er in eine seiner Brusttaschen. Dann schlurfte der alte Indianer wortlos zu Tür des kleinen Tankstellenladens.

> Fahr vorsichtig Frank, es ist noch verdammt rutschig draußen! <, rief Jules dem Alten hinterher und beugte sich zu John hinüber, der noch immer seitlich an den Kassentresen gelehnt da stand und etwas verwirrt wirkte.

> Auf dieses Gerede dürfen sie nicht allzu viel geben, John! Die Hälfte von dem, was diese alte Rothaut erzählt, glaubt er doch selber nicht! <. Jules hob zum Satzende die Stimme, so dass es der

Alte hören konnte. Dieser hatte schon die Klinke der Tür in der Hand, drehte sich aber noch einmal aufgeregt um,

> Es ist die Wahrheit! Ich habe sie mit eigenen Augen gesehen, damals im Winter, wie mein Großvater sie vertrieben hat! <

John stutzte.

> Wen vertrieben? Wilderer? <

Jules schüttelte den Kopf und gestikulierte wild mit den Händen.

> Ach, das wäre ja noch harmlos! Nein, unser Frank meinte am Fenster irgendeine unheimliche Gestalt, mit roten Augen gesehen zu haben und Wölfe die auf zwei, statt vier Beinen davon gelaufen sind. <

John und Jules schauten den alten Indianer ungläubig an, der gerade im Begriff war zu gehen. Dieser wiederum, starrte zurück.

> Ihr glaubt mir nicht? Ach, dann glaubt doch was ihr wollt! <

Er winkte ab und schritt nach draußen in die frostige Luft.

John drehte sich zu Jules um.

> Wer war das eigentlich? Ihr scheint euch zu kennen?! <

Jules nahm seine Brille ab und rieb sich mit der Hand über sein Gesicht.

> Ja. Den kennt eigentlich jeder hier. Das war Frank Hunter. Eigentlich ist er ganz in Ordnung, bis auf die Tatsache, dass er säuft wie ein Loch. Der Doktor meinte, dass es ein medizinisches Wunder sei, dass er noch nicht tot umgefallen ist. <

John kaute auf seiner Unterlippe herum.

> Und diese Geschichte? Was hat es damit auf sich? <

Jules zuckte mit den Schultern.

> Du hast es doch gerade selbst gehört. Er ist davon überzeugt, dass es wahr ist. Ich persönlich, halte es für Unsinn. Pure Einbildung. Ich weiß gar nicht, wie oft ich schon in dem Wald am See übernachtet habe und da sind noch nie irgendwelche unheimlichen Dinge passiert. <

> Na ja, gut. Ich muss dann auch langsam mal wieder los. Man sieht sich! <, sagte John und klopfte

zur Verabschiedung auf den Kassentresen, als er den Laden verließ.

Als John zu seinem Wagen ging, sah er wie der alte Indianer, an der Ladefläche seines Toyota Pick-Ups lehnte und den Kräuterschnaps in der Hand hielt. John wollte gerade einsteigen, als er sich es anders überlegte und zu dem alten Indianer hinüber ging.

> Mister Hunter!? Kann ich sie kurz sprechen? <

Der alte Frank drehte sich träge zu John um und nahm einen großen Schluck aus der Flasche.

> Nah, Mister? Wollen sie mich jetzt auch noch verspotten? Tun sie sie sich keinen Zwang an, ich bin das schon lange gewöhnt. <

John steckte die Hände in seine schwere Arbeitsjacke, da der Wind auffrischte.

> Hören sie, Mister Hunter. Das was sie da vorhin erzählt haben. Wie… ich meine, wo soll das passiert sein? Oben, an der Blockhütte? <

Der alte Indianer schaute nun John direkt in die Augen und John meinte sehen zu können, wie dieses merkwürdige Flackern, ähnlich einer lodernden Flamme, wieder in seinen Augen zu sehen war.

> Ja, Mister. Es geschah oben bei der Hütte im Wald. Ich kann mich daran noch erinnern als wäre es gestern gewesen. Es war im Winter von einunddreißig zu zweiunddreißig. Ich war mit meiner Mutter, meinen zwei Schwestern und meinem Großvater, oben in der Hütte. Die Hütte steht schon ewig da oben und war so etwas wie eine Art von Schutzhütte, damals als das Land noch ein Reservat war.  Jedenfalls, meine Mutter bereitete über dem Feuer gerade das Essen zu und meine Schwestern halfen ihr dabei. Mein Großvater war unruhig an jenem Abend, da das Wetter umgeschlagen hatte und es kräftig schneite. Ich weiß nicht mehr, was ich gerade machte, doch ich schaute zum Fenster hinüber und dann sah ich es. <

Der alte Frank machte eine Pause und nahm einen weiteren Schluck aus seiner Flasche.

> Ja, dann sah ich diese Augen. Keine roten Augen, wie Jules erzählt hat. Nein, es waren große gelbe Augen! Ähnlich denen eines Wolfes. Diese verfluchten Augen. Ich sehe sie noch heute vor mir! Dieser Blick, dieser elende Blick! Wie es mich anstarrte und anglotzte. Das werde ich nicht vergessen! Ich kann es nicht vergessen! <

Der alte Indianer wurde unruhig.

> Es klopfte und kratzte an der Türe. Mein Großvater sagte uns, dass wir beim Feuer bleiben sollen, egal was passiert. Er nahm seine alte Flinte, riss die Tür auf und schoss in die Dunkelheit! Danach stürmte er hinaus und schoss ein weiteres mal. Ich rannte hinter her und sah wir er im Schneegestöber, im fahlen Schein der Laterne seine Waffe nachlud. Rechts von ihm, am Waldrand, sah ich zwei große Gestalten, erkannte sie aber nicht genau. Als mein Großvater ein drittes Mal schoss, sah ich durch das helle Feuer der Flinte die Gestalten deutlicher. Dieser kurze Augenblick hat gereicht um mir zu zeigen, dass die Welt meiner Ahnen, die Mythen und Legenden meiner Vorfahren, meines Stammes, über Geister und magische Wesen, alle wahr sind! <

John fröstelte es, aber nicht des eisigen Windes wegen, der unter der Überdachung der Zapfsäulen hindurchwehte.

> Was… was haben sie dort damals gesehen? <

Der alte Frank setzte die kleine Flasche an und leerte sie schließlich. Dann schmiss er sie zu den anderen leeren Flaschen und dem anderem Gerümpel, was auf der Ladefläche seines Pick-Ups lag. Er beugte sich zu John und ergriff seinen Arm.

> Was ich gesehen habe? Ich habe die Dämonen gesehen! Wesen, die es nicht geben sollte! Mischwesen, aus Mensch und Wolf, aber weder das eine noch das andere! Hautwandler, verflucht bis in alle Zeiten! Verflucht, ewig zwischen Leben und Tod zu existieren. Es sind die, die vom Pfad des Lichtes, vom Pfade des Manitou abgekommen sind. Ich bitte sie Mister! Fahren sie nicht dort hoch, dieser Ort ist verflucht! Dort lauert nur der Tod! <

John befreite sich aus dem Griff des alten Indianers und wich vor ihm zurück. Dieser kippte daraufhin vorn über und hielt sich an der Ladefläche seines Toyotas fest.

Der alte Indianer musste seinen Verstand versoffen haben, dachte sich John voller entsetzten. Er sah, wie der alte Frank Hunter sich mit einem Arm an der Ladefläche festhielt. Sein Gesicht war unter seinem langen schwarzen und ungekämmten Haaren verborgen, die sich aus seinem Zopf gelöst hatten und nach vorn gefallen waren. Ohne sich noch einmal umzudrehen, stieg John in seinen Wagen und fuhr nach Hause.

Was Alkohol doch für furchtbare Auswirkung auf Menschen haben kann. Mischwesen, halb Mensch, halb Wolf. Absurd! Oder etwa nicht?! Es gibt einige Indianerlegenden, die auf wahren Tatsachen beruhen sollen und die Wälder, hier oben im Norden sind sehr alt. Man ist weit weg, von der modernen „Zivilisation“. Und warum sollte es nicht sonderbare Dinge geben, die bis heute überdauert haben? John ertappte sich, wie er über die fantastischen Ergüsse eines Alkoholikers nachdachte und sich selbst einreden wollte, dass womöglich ein Funke Wahrheit darin stecken könnte. Er wischte diese Gedanken schnell bei Seite und machte sich neue, klare Gedanken über die bevorstehende Fahrt zum See am Wochenende. Hoch, zu der Hütte im Wald.

 

Die Abenddämmerung setzte bereits ein, als John mir seinem Sohn Paul, die alte Blockhütte erreichte. Im Gepäck hatten sie ihre Angelausrüstung und zwei große Forellen, die sie am Crystal Lake gefangen hatten.

Paul rannte vorn weg und machte einen Satz auf die kleine Veranda.

> Erster, erster! <, rief dieser mit hochgerissenen Armen in der Luft. Sein Vater John lachte.

> Hey, das ist aber unfair! Ich muss auch alles tragen! <

Als dieser an der Tür angekommen war, schloss er auf und die Tür schwenkte quietschend, nach innen.

> Die Türscharniere müssen wir dringend mal etwas ölen, das klingt ja furchtbar! <, sagte John als er eintrat und sein Wandergepäck, mit den Angeln ablegte.

Paul verzog das Gesicht, als er um zum Kamin um den alten Tisch herumlief.

> Puh und muffig riecht es hier auch immer noch! <

> Ja, leider! Anscheinend müsste man die Hütte mal eine ganze Woche lang gut durchlüften und vor allem mal richtig sauber machen. <

Gestand John, als er im halbdunkeln nach einer Kerze tastete und dabei versehentlich in ein Spinnennetz griff.

 

John und Paul starteten gegen sieben Uhr morgens in Woodhill und kamen rund drei Stunden später an der Hütte an. Die Hälfte der Zeit fuhren sie auf einer gut asphaltierten Straße, bis sie den alten zerklüfteten Weg zur Hütte eingebogen waren, auf dem sie selbst mit ihrem Allradwagen, knappe eineinhalb Stunden bis hier her benötigt hatten. Als sie dann schließlich angekommen waren, aßen sie eine Kleinigkeit und packten ihr Gepäck in die Hütte. Dort bemerkten sie schnell den unangenehmen Geruch nach Moder, denn die Hütte schien schon über längere Zeit, nicht mehr benutzt wurden zu sein. Sie klappten alle Fenster an und John sah nach, ob der Kaminabzug frei war. Zu ihrem Glück war dieser nicht verstopft, was bei Abzügen in Waldgebieten und bei nicht regelmäßiger Benutzung, selten der Fall war. Danach packten sie ihre Angelausrüstung zusammen und gingen zum See, der ungefähr eine Viertelstunde Fußmarsch entfernt lag. Dort verbrachten sie schließlich die meiste Zeit des Tages und John wurde wieder bewusst, wie wunderbar ruhig und still es hier doch war. Keine Menschenseele, weit und breit. Und das Panorama, mit den Bergen am Horizont, war einfach nur malerisch schön. Zudem hatten sie Glück mit dem Wetter. Der Wintereinbruch der letzten Wochen war fast vergessen. Man konnte zwar überall und immer noch einige Schneenester entdecken, aber die Temperaturen waren angenehm mild für den Spätherbst und die Sonne schien den ganzen Tag über. Jetzt zum Abend hin, frischte der Wind jedoch auf und es wurde merklich kälter.

 

John hatte das Kaminfeuer entzündet und grillte den gefangen Fisch über der Flamme. Dies war nur möglich, da der große Kamin gleichzeitig als Kochstelle diente. Das Feuer prasselte und erfüllte die alte Hütte mit einer wohligen Wärme und einem flackernden Lichtschein. John saß einfach nur da und genoss die friedliche Ruhe des Abends. Sein Sohn Paul saß ihm schräg gegenüber in einem alten Sessel und las in einem Comicheft. Hinter ihm lag eines der Fenster, die hinaus auf die Veranda blickten. Als John so dasaß und die beiden kleinen Fenster mit den roten Vorhängen abwechselnd betrachtete, beschlich ihn ein merkwürdiges Gefühl. Er konnte nicht sagen was für ein Gefühl es war, doch es war so, als ob er bei dem Anblick der kleinen schwarzen Fenster an etwas Unheimliches erinnert werde. Dann blinzelte er zweimal, da er meinte an einem der Fenster, eine Bewegung ausgemacht zu haben. Plötzlich knallte es laut. John zuckte zusammen. Auch sein Sohn Paul erschrak sich und ließ das Comicheft fallen. Beide schauten sich mit aufgerissenen Augen an und mussten kurze Zeit später lachen. Es war lediglich ein Holzscheit im Feuer, der unter der enormen Hitze geborsten war. Ein paar Funken wirbelten durch die Luft.

> Dauert der Fisch noch lange? <, fragte Paul, dem bereits der Zahn tropfte.

John beugte sich vom Sessel aus zum Feuer hinüber und ergriff eine der Grillzangen, in denen der Fisch vor sich hin schmorte. Er schüttelte den Kopf.

> Tut mir Leid Kumpel, der muss noch ein bisschen. <, gestand dieser enttäuscht und legte die Grillzange wieder über das Feuer. Als John sich umdrehte sah er, dass das Comicheft seines Sohnes immer noch auf dem Boden lag. Er erhob sich aus seinem Sessel und hob das Heftchen auf.

> Was liest du denn so angestrengt? <

John drehte das Heft so herum, dass er das Cover lesen konnte.

> „Die Rückkehr des Wolfsmenschen.“ <

Als er den Titel laut vorlas, dämmerte es ihm. Nun wurde ihm wieder bewusst, was für ein Gefühl in ihm aufstieg, als er die kleinen schwarzen Fenster anblickte. Es war Angst. Zwar eine rational unbegründete Art von Angst, aber es war Angst. Jetzt kam ihm auch wieder die Geschichte des alten Indianers Frank Hunter in den Sinn und die absurden Geschehnisse, die hier in der Hütte, wo sie sich gerade befanden, passiert sein sollen. John ließ seine zitternde Hand mit dem Heft sinken und schaute zu den kleinen Fenstern. Er schrie auf.

Sein Sohn Paul fuhr im Sessel zusammen.

> Dad!? Was… was ist denn… los? <, stotterte dieser angsterfüllt und war den Tränen nahe.

John Bowers Schrei verhallte. Sein Atem stockte und er wurde kreidebleich. Diese Augen! Diese verfluchten Augen! John starrte direkt in ein Paar, großer gelber Augen. Weit aufgerissen, glotzen diese ihn an. In diesen Augen war etwas. Etwas wildes und animalisches. Doch konnte er auch erkennen, dass es nicht die Augen eines wilden Tieres waren. Er konnte nicht sagen, welches Wesen solche stechenden Augen besaß. John war wie versteinert. Die Geschichte des Indianers! Sollte sie wirklich wahr sein? Durch pure Angst zur Handlungsunfähigkeit verdammt, schloss er seine Augen und atmete tief durch. Dann öffnete er sie wieder. Eine sofortige und spürbare Erleichterung durchfuhr seinen Körper. Das Augenpaar am Fenster war verschwunden. Doch, war es denn überhaupt je dort zu sehen gewesen? Oder hatten sich der Stress der letzten Wochen, bedingt durch den Umzug, die neue Arbeitsstelle und die neue Umgebung, in einer fantastischen und zugleich unheimlichen Sinnestäuschung manifestiert? John seufzte erleichtert und ließ sich in den Sessel fallen. Sein Sohn Paul flitzte zu ihm hinüber und sprang auf seinen Schoß. Tränen kullerten über sein kleines Gesicht.

> Daddy!? Was ist los?! Du machst mir Angst! <

John nahm seinen Sohn in den Arm und tröste ihn.

> Ach Paul! Ist schon gut! Tut mir Leid, wenn ich dir Angst gemacht habe. Deinem Dad haben die letzten Wochen ein wenig zu schaffen gemacht! Das musste… kurz raus. Bitte verzeih mir! Es ist alles gut! <

Paul beruhigte sich wieder und wischte sich die Tränen von seinen Wangen.

> Ja, in Ordnung. Du hast bestimmt Hunger, Dad! Da könnte ich auch manchmal schreien. <

John und sein Sohn lachten.

> Da hast du Recht! Komm, der Fisch ist jetzt bestimmt gar. Jetzt essen wir endlich! Hol doch schon mal zwei Teller und Gläser. <, sagte John zu seinem Sohn, der sogleich vom Schoß seines Vaters sprang und zu einem kleinen Schrank hinüber lief, in dem ein wenig Geschirr aufbewahrt wurde. Während sich John um die Grillzangen mit dem Fisch kümmerte, deckte Paul den Tisch. Auf einmal klopfte es an der Tür. Ein Teller fiel zu Boden und zersprang in kleine Scherben. John legte den Fisch bei Seite und richtete sich auf. Er schaute rüber zu seinem Sohn Paul, der ein banges Gesicht machte und vor Schreck einen Teller fallen lassen hatte. John blickte zu den kleinen Fenstern. Es waren keine Augen zu sehen. Nichts. Es war Stockdunkel. Dann klopfte es erneut.

> Dad!? Wer ist das? <, flüsterte sein Sohn ihm zu.

John Bower zuckte mit den Schultern. Wer war an der Tür? Es war kurz nach acht Uhr abends. Zudem waren sie weit von einer Stadt, beziehungsweise von Woodhill entfernt. Ein verirrter Wanderer vielleicht? Aber sie hatten schon den ganzen Tag über niemand anderen hier oben gesehen. Und außer einer Handvoll Leute, unter anderem seine Frau, ein Arbeitskollege, Jules Vernon und dem alten Frank Hunter, wusste keiner, dass sie hier sind. Sollte wirklich der alte Indianer hier zu ihnen herauf gekommen sein, um nach dem Rechten zu sehen? Das war mehr als unwahrscheinlich. Vermutlich würde er es nicht einmal über die Stadtgrenze schaffen, so voll wie er immer war. Vielleicht ein Ranger? Das wäre noch am wahrscheinlichsten. Vielleicht war es wirklich ein Ranger, der bei seiner abendlichen Runde, Licht in der alten Hütte brennen sah und sich erkundigen wollte, wer nach so langer Zeit mal wieder hier zu Besuch ist. Ja, das klang plausibel. Es klopfte abermals an der Tür.

> Dad?! Wer ist das? <, flüsterte Paul erneut.

> Das wird ein Ranger sein, der bemerkt hat das endlich mal wieder Licht in der alten Hütte brennt. Er will bestimmt nur sicher gehen, dass wir keine Landstreicher sind. <

Grinste John seinen Sohn an. Er hob den Kopf und rief.

> Ja, wer ist da? <

Man hörte Schritte, doch dann wurde es still. John und Paul schauten sich an. Es klopfte wieder an der Tür. Aber deutlich energischer, als die vorherigen Male. John bedeutete seinem Sohn ruhig zu sein und winkte in die Richtung des Kamins, mit dem prasselnden Feuer.

> Geh rüber zum Kamin und bleib beim Feuer! <, flüsterte er seinem Sohn zu. Paul kam der Aufforderung wortlos nach und stellte sich neben den Kamin, hinter den Tisch. John drehte sich halb zu dem Kaminbesteck um und ergriff den Schürhacken. Dann ging er langsam, Schritt für Schritt auf die Tür zu. Das Pochen wurde immer aufdringlicher.

> Wer ist denn an der Tür?! Sind sie es, Mister Hunter? <

John war in griffnähe der Türklinke, als er sah, wie diese sich bewegte. Ihm standen Perlen von Schweiß auf der Stirn.

> Nun antworten sie endlich! Wer ist da draußen!? <, rief er laut und mit einem drohenden Unterton. Das Zerren und Poltern wurde so heftig, dass die ganze Türe bebte. Paul hatte sich in einer Ecke, neben dem Kamin zusammengekauert und hielt sich die Ohren zu. Er zitterte vor Angst. John, in der linken Hand fest den Schürhaken erhoben und mit der Rechten, den Schlüssel vorsichtig im Schloss herumdrehend, riss die Tür auf und spähte in die Dunkelheit. Auch er zitterte wie Espenlaub. Doch er sah nichts. Nur der Wind fauchte und ein paar Blätter wurden umhergeweht. Er ließ langsam den Schürhaken sinken. Soll dies etwa alles nur ein makabrerer Scherz, des alten Frank Hunters sein, weil niemand seinen Geschichten Glauben schenkt? John wollte die Tür wieder schließen, als er meinte eine Bewegung neben seinem Geländewagen ausgemacht zu haben. Aber dies schob er auf seine überspannte Fantasie, die ihm an diesem Abend, bereits einmal an der Nase herumgeführt hatte. Er führte die Tür langsam zum Schloss, während er sich zu seinem Sohn umdrehte.

> Paul, du kannst rauskommen, es ist alles in Ordnung. Da hat sich wohl nur jemand einen bösen… <

In diesem Moment wurde John, mit einer gewaltigen Kraft von der Tür weggestoßen und flog quer durch die kleine Hütte. Er wusste nicht wie um ihn geschah. Es fühlte sich so unreal an. Er landete hart auf dem Tisch, der unter dessen Gewicht, infolge des Aufpralls, splitternd mit dem Geschirr zusammenkrachte. Er konnte sich nicht mehr rühren. Seine Glieder waren zerschmettert und sein ganzer Leib schmerzte unerträglich. Das Atmen fiel ihm schwer. Seine Lunge rasselte. Er röchelte und hustete Blut. Sein Blick trübte sich ein. Er stand kurz vor einer Ohnmacht. Dann sah er es. Doch, was sah er da eigentlich? John sah eine lebendige Kreatur, die weder ein richtiger Wolf, noch ein richtiger Mensch war, sondern beides zu sein schien. Der Körper war gebeugt und humanoid, so dass es auf zwei Beinen stand. Dennoch, sahen die kräftigen und sehnigen Beine, denen eines Wolfs ähnlich. Genau wie dessen Haupt, das eine lange Schnauze mit scharfen Zähnen besaß und spitzen, nach hinten geneigten Ohren. Es besaß auch einen Schwanzfortsatz und trug an seinem ganzen Körper, ein dichtes struppiges Fell. So fremdartig und verstörend diese Kreatur auch aussah und wirkte, das unheimlichste an ihr, waren jedoch ihre großen gelben Augen. Diese stechenden Augen, mit diesem alles durchdringenden Blick. Einem Blick, der weiter als der eines Menschen reichte. Ein Blick, der in das innerste der Seele schauen konnte! Die Bestie reckte die Nase in die Luft, als würde sie eine Witterung aufnehmen. Dann leckte sie ihre Lefzen und ging, das Mobiliar bei Seite schiebend, auf John Bowers Sohn Paul zu. Dieser schrie und strampelte, als das Wesen ihn mit seiner krallenbewehrten und pfotenartigen Hand, an einem Bein packte und unter knurren und einem jaulenden Bellen, nach draußen in die Dunkelheit zerrte. John Bower musste hilflos mit ansehen wie sein Sohn, nach seiner Mutter und seinem Vater schreiend, in der Finsternis des nächtlichen Waldes verschwand. Verschleppt von einem Lebewesen, was es eigentlich nicht geben dürfte. Während ihm das Atmen nun immer schwerer fiel und sein Blickfeld sich weiter verdunkelte, musste er an die Worte des alten Frank Hunters denken, den er als einen Trunkenbold und Spinner abgetan hatte.

> Fahren sie nicht dort hoch. Dieser Ort ist verflucht! Dort lauert nur der Tod! <

 

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