DIE KIRCHE – CHARLES C. NOX

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

»Vorsicht mit den Taschen«, sagte Frau Kant und deutete auf das Bündel Tüten, die vor dem Eingang zum Studentenwohnheim aufgereiht waren. »Wenn Sie mir gegen die Wände schlagen, gibt das Ärger. Ich habe sie persönlich vor einer Woche gestrichen.«
Markus zog die Mundwinkel hoch und versuchte ein Lächeln. »Ist gut, Frau Kant.«
Er seufzte und trat zurück. Dabei stieß er mit der Ferse gegen ein gefülltes Gurkenglas, das umfiel und ein springendes Geräusch erzeugte. Frau Kant fuhr erschrocken zusammen. Sie hatte gerade einen der Briefkästen geprüft. »He«, sagte sie und ihre Augen wurden groß.
»T-tut mir leid, Frau Kant«, sagte Markus kleinlaut. Er behielt das Lächeln und beugte sich hinunter, um das Glas aufzuheben. Anschließend packte er zwei Tüten und warf sie sich um die Schulter. Er schritt an Frau Kant vorbei, die weiterhin den Briefkasten inspizierte, trat durch eine Tür und betrat den nächsten Gang.
Markus kannte den Weg bereits. Frau Kant hatte ihn ihm vor wenigen Minuten erklärt. Im großen Labyrinth des Studentenwohnheims, mit den vielen Türen und Abzweigungen, war er froh, dass er eine Wohnung im Erdgeschoss hatte und nicht in der vierten Etage. Insbesondere da es den Transport des Gepäcks vereinfachte.
Er bog zweimal ab und blieb dann vor seiner Zimmertür stehen. 1109, das war seine Nummer.
Er kramte den Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Tür. Sie war rötlich gestrichen.
Drinnen roch es nach Waschmitteln. Die Wohnung war frisch gereinigt worden. Markus passierte die schmale Passage, die an der Herdstelle und dem Bad vorbeiführt und betrat den eigentlichen Wohnbereich – den größten Raum. Er verfügte über Regalbretter, einen Tisch, noch einen Tisch und ein Bett. Der Boden bestand aus Laminat. An der hinteren Wand prangte ein Fenster, das eine Sicht auf die äußere Landschaft bot. Draußen war es ein wenig bewölkt. Es sah aus, als würde es regnen, jedoch hatte der Wetterbericht angekündigt, dass dies nicht passieren würde.
Er trat ans Fenster und blickte hinaus. Am Rand eines breit angelegten Grasareals schlängelte sich ein Pfad aus Erde entlang. Mehrere Büsche standen herum. Dahinter war noch mehr Gras und dahinter stand eine imposante Kirche, mit Turm und kantigem Vorbau.
Die Uhrzeit auf der Turmuhr war selbst auf die Distanz zu lesen: 11:28 Uhr.
Markus ließ die Tüten sinken und legte den Kopf schräg. Das wird meine neue Heimat, dachte er. Das erste Mal in einer anderen Gegend – allein und unabhängig von den eigenen Eltern.
»Und dass Sie mir die Tüten reinräumen.« Frau Kants Stimme ließ Markus aufhorchen. Er kniff die Augen zusammen und hob die Schultern. Langsam drehte er sich um.
Frau Kant stand mitten in der Tür, die Fäuste in die Taille gedrückt. Ihr Rock schlingerte leicht und der Ausdruck auf ihrer Miene war streng. »Beeilen Sie sich bitte, die Sachen können nicht den ganzen Tag da rumstehen.« Der Schlüsselbund, den sie umklammert hielt, klimperte, als sie sich umdrehte und davonstapfte.
Markus seufzte. Er schüttelte den Kopf und sah sich in der Wohnung um. Sie war leer und karg, aber das würde nicht so bleiben. Auf ihn wartete Arbeit.
Er verließ das Zimmer und kümmerte sich um die restlichen Tüten. Es waren noch fünf, prall gefüllt mit Klamotten, Küchenutensilien und anderem Zeug. Dazu noch drei Koffer, vier Kisten und ein Computer mitsamt Bildschirm.
Als er die Sachen in sein Zimmer getragen hatte, begann er sie einzuräumen. Die Klamotten in den Schrank. Das Geschirr in die Regale. Der Computer unter den Tisch, die Bücher neben das Bett.
Nach zwei Stunden war er fertig. Erschöpft setzte er sich auf das Bett. Es war warm im Zimmer und Schweißperlen bedeckten seine Stirn. Mit einer schlaffen Handbewegung wischte er sie weg. Selbst wenn er saß, konnte er den Kirchturm sehen.
Das Gras war verschwunden, lediglich das graue Gemäuer ragte über der Dämmerung des Tages auf.
Die scharfen Winkel, das schwarze Dach mit dem goldenen Kreuz auf der Spitze. Markus lehnte sich an die seitliche Wand und starrte den Kirchturm an.
Erst die steigende Hitze weckte ihn wieder aus seinen Gedanken. Er blinzelte und musterte die leeren Kisten, die verteilt im Zimmer standen. Er würde sie entfernen müssen, dachte er. Aber nicht jetzt.
Markus hob den rechten Arm und roch an seiner Achsel. Angewidert verzog er das Gesicht.
Es roch bitter. Vielleicht sollte ich hinausgehen und etwas frische Luft schnappen?
Ein plötzlicher Gedanke. Markus nahm seine Jacke und verließ die Wohnung – aber nicht ohne das Fenster zu kippen.
Er folgte den Gängen zurück zum Haupteingang und steuerte auf die Tür zu. Auf dem Weg kam ihm ein junger Mann entgegen, vermutlich in seinem Alter. Er trug eine Kappe auf dem Kopf und hatte ein T-Shirt an, auch wenn es draußen kalt war.
Markus lächelte freundlich und machte die Tür auf. »Moin«, sagte er.
»Jo.« Der andere zog an ihm vorbei und marschierte zum Aufzug. Markus sah ihm nach und ging dann nach draußen.
Der frische Wind und die kühle Luft waren wohltuend. Es war das erste Mal, dass er in Bamberg war. Abgesehen von den Abwicklungen mit der Universität und dem Prozedere bei der Ankunft, hatte er nicht viel mit dieser Stadt zu tun gehabt. Seine ursprüngliche Heimat Berlin lag weit entfernt. Übermorgen würde der Studiengang Psychologie beginnen. Markus freute sich darauf, auch wenn er nervös war.
Er bog an den Fahrradständern nach rechts und folgte den Pflastersteinen zu den Büschen. Dahinter erstreckte sich das zweite Grasareal an das, in kurzer Entfernung, eine größere Wiese anschloss. Darauf standen kleine Bäume. In der Ferne war eine Grillhütte errichtet, deren Holzpfeiler so breit wie Stämme waren. Das Gras war frisch gemäht. Weit und breit war niemand zu sehen.
Hinter ihm befand sich die Kirche. Markus drehte den Kopf, musterte das hohe Gemäuer und vergrub die Hände in den Hosentaschen. Hm, dachte er, ein schönes Gebäude.
Der dröhnende GONG, der unerwartet ertönte und mit der Wucht einer Bombe erklang, ließ Markus abermals zusammenfahren und bescherte ihm eine Gänsehaut.

Nachts lag Markus im Bett, die Decke bis zum Kinn gezogen. Durch den wenig verhüllenden Vorhang strahlte das Licht des Mondes und warf Schatten gegen die Wände.
Es war kühl. Markus hatte die Heizung ausgeschaltet. Das Brummen des Kühlschranks trällerte als hintergründige Melodie in Markus Unterbewusstsein.
Hin und wieder waren Schritte zu hören, wenn jemand durch den Gang ging.
Markus starrte an die Decke und dachte an den heutigen Tag. Er war bis zur Universität gelaufen und hatte sich die Gegend angesehen, darunter die Mensa und das eindrucksvolle Technikgebäude. Hier würde er studieren, hatte er gedacht und eine leichte Aufregung empfunden. Nach einer knappen Stunde war er zurückgekehrt und hatte beschlossen sich eine Pizza zu bestellen. Die Telefonnummer hatte er von einem Flyer, den ihm jemand in den Briefkasten gelegt hatte.
Er hatte einen Film geguckt, noch ein paar Sachen in Ordnung gebracht und sich dann ins Bett gelegt. Aus irgendeinem Grund war er nicht müde. Markus fühlte sich, als hätte er einen Kaffee getrunken. Dutzende Gedanken schwirrten durch seinen Kopf. Er musste an den nächsten Tag denken und an die Dinge, die ihm begegnen würden: die neuen Gesichter, Vorlesungssäle, verschrobene Dozenten – würde er jemanden kennenlernen?
Er drehte sich auf die Seite. Die Decke war etwas zu kurz.
Markus sah nach vorne und musterte das Fenster. Im Hintergrund war die Silhouette der Kirche zu sehen. Der imposante Turm ragte wie ein schwarzer Baum aus den Schatten. Er schloss die Augen und versuchte an etwas Schönes zu denken. Zwei Stunden danach war er eingeschlafen.

Markus erwachte gegen vier Uhr am Morgen, als das Dröhnen der Kirchenglocke in seinen Ohren heulte. Er öffnete die Augen und richtete sich auf. Ein leichtes Keuchen entfuhr seiner Kehle. Schleunigst warf er die Decke zurück und hechtete ans Fenster. Draußen war es trüb. Die Sonne war im Aufbruch und hatte die Landschaft in ein fahles Blau getaucht.
Hinten stand die Kirche. Markus presste seine Stirn ans Glas. Das Dröhnen war unnatürlich laut. Es war, als würden sich die Glocken in seinem Zimmer befinden.
Aus Neugierde öffnete er das Fenster und spähte hinaus. Ein frischer Wind schoss hinein, jedoch wurde das Geräusch nicht lauter. Es verblieb in der gleichen, krachenden Tonalität.
Das kann nicht sein, dachte Markus. Der Ton müsste sich doch ändern. Immerhin war es Aufgabe des Fensters zu dichten. Er machte das Fenster wieder zu.
Der Ton hielt an. Die Glocken donnerten. Seltsam, dachte Markus und zog die Stirn kraus. Am liebsten hätte er sich die Ohren zugehalten. Er öffnete das Fenster erneut und spähte hinaus, diesmal etwas weiter. Markus suchte nach Gestalten, die draußen herumliefen, etwas, das ihm vermittelte, dass die anderen Bewohner ebenfalls durch die Geräusche geweckt worden waren. Aber da war niemand. Nicht einmal Licht in einem der Zimmer, deren Fenster durch Vorhänge verdeckt waren. Nichts als Schwärze.
Plötzlich verstummte das Läuten. Langsam schloss Markus das Fenster und wankte ins Bett. Die Uni begann erst um acht Uhr. Bis dahin hatte er noch etwas Zeit. Er legte sich hin und zog die Decke hoch.

»Hey!« Der fremde Typ, der auf Markus zukam, war wohl etwas angetrunken. Er torkelte leicht und hielt einen Plastikbecher in der Hand, gefüllt mit Bier. Seine Finger waren feucht von den verschütteten Tropfen. Im lauten Krachen der Diskomusik schraubte er sich an den anderen vorbei und stellte sich vor Markus auf.
»Was ist?«, fragte Markus. Er hatte nur zwei Bier getrunken und fühlte sich nüchtern. Etwas müde, überanstrengt, aber nüchtern. »Kennen wir uns?«, fragte Markus. Der Fremde deutete auf den Zugang, aus dem mehrere Personen ein und aus gingen. Der Fremde ging voraus.
Markus verließ seine Gruppe um Melani, Astrid, Klaus und Rouven, die er während des ersten Uni Tages kennengelernt hatte. Die Musik ließ etwas nach und es wurde ruhiger. In der Garderobe war das Licht grell.
Markus fühlte ein Pochen in den Ohren. Er bewegte den Kiefer und ließ es ploppen.
»Ja?«
Der Fremde tippte ihm auf die Schulter. »Wir haben uns heute gesehen!«, rief er, etwas laut. »Bei der Präsentation.« Markus hob den Kopf und kniff die Augen zusammen. Er dachte nach.
»Haben wir geredet?«
Der Fremde nickte. »Ja.« Er streckte ihm eine zittrige Hand entgegen. »Mein Name ist Andy.«
Jetzt fiel es Markus wieder ein. Er kannte Andy, denn er hatte neben ihm im Audimax – einem großen Raum in der Uni – gesessen.
Ein Lächeln erschien auf seinen Lippen. »Ich erinnere mich«, rief er. »Alles klar? Was geht bei dir ab?«
»Wollt nur Hallo sagen«, meinte Andy. Er hielt den Becher gefährlich schief, sodass sich ein leichter Schwall über seine Finger ergoss und zu Boden kippte. Unvermittelt korrigierte er seine Haltung. »Wollt wissen, wie’s dir geht?« Er wippte ein wenig. Erst jetzt bemerkte Markus, dass Andys Augen rötlich angelaufen waren.
»Ist das dein zweites?«, fragte Markus.
Andy gluckste. »Mein siebtes.«
»Aha. Du kannst dich gerne zu uns stellen, wenn du möchtest?«
Andy grinste. Er packte Markus an der Schulter und sah ihm direkt in die Augen. »Das ist super korrekt von dir.« Sie gingen zurück und folgten den anderen Partygängern, die sich vor dem Zugang drängten.

Plötzlich fiel Markus noch etwas ein und er blieb stehen. »Andy«, bremste er. »Du wohnst doch auch im Studentenwohnheim, oder?«

»Welchem?«

»Gegenüber der Kirche, ich habe den Namen vergessen.«

»Ja, da wohn ich.« Er nahm einen Schluck Bier. »Boah, muss ich pissen.«

»Bist du auch letzte Nacht von den Glocken geweckt worden?«

»Welchen Glocken?«

»Die Kirchenglocken. So gegen vier?«

Andy überlegte kurz. »Gegen vier klingeln die nich. Erst ab acht geht’s los.«

Markus verzog das Gesicht. »Aber ich habe sie gestern gehört. Mitten in der Nacht.«

»Das hast du dir eingebildet – komm!« Er deutete auf den Zugang. »Zeit für Paaaarty!« Er exte das restliche Bier und warf den Plastikbecher hinter sich. Dann rülpste er ungehemmt und mischte sich unter die Leute. Markus folgte ihm. Er war noch in Gedanken und fühlte sich merklich beschwerlich.

 

Gegen drei Uhr kehrte Markus in sein Zimmer zurück. Er schlug die Tür zu und wankte ins Bad. Das erste, was er tat, war sich zu erleichtern. Sein Kopf drehte sich und er hatte das Gefühl, als würden zwei Bohrer in seinem Kopf rotieren. Er hockte sich auf die Toilette und ließ es laufen. Dabei dachte er an den Tag und wie gut er ihn überstanden hatte. Es hatte nicht lange gedauert, bis er welche kennengelernt hatte. Die vier Personen, zwei Mädchen und zwei Jungen stammten aus unterschiedlichen Teilen des Landes und hatten mit ihm Psychologie angefangen. Sie hatten sich noch am selben Abend zu einem Treffen verabredet und dann kurzfristig entschieden, die nächste Party aufzusuchen. Was bis Mitternacht hätte gehen sollen, war bis drei Uhr gegangen. Zudem hatte Andy gekotzt, sodass Markus ihn nach Hause hatte tragen müssen. Markus war froh, dass Andy seinen Schlüssel nicht verloren hatte.

Andy hatte bereits zur Hälfte geschlafen, als sie endlich im Studentenwohnheim angelangt waren.

Markus stand auf und löschte das Licht. Er warf sich mitsamt Kleidung ins Bett und schloss die Augen. Nur wenige Minuten vergingen, dann war er weg.

GONG!

Markus schreckte hoch. Er blinzelte und stemmte die Arme auf die Matratze. Dann wieder: GONG! Ein krachender Laut. Voller Nachdruck. Oh nein, dachte Markus und ließ den Kopf sinken. Das durfte nicht wahr sein.

Mit zusammengekniffenen Augen sah er auf den Wecker. Es war punktgenau vier Uhr am Morgen und die Glockenschläge prallten wie ein Orkan über ihn hinweg.

»Aufhören!«, rief Markus. Er drehte sich auf den Rücken und presste sich die Hände auf die Ohren. Als es nicht besser wurde, stand er auf und wankte durch das Zimmer. Sein Schreibtischstuhl gab ihm Halt. Er klammerte sich an die Lehne und marschierte vorsichtig zum Fenster.

Draußen war es dunkler als gestern zur gleichen Zeit. Es war windig, denn die Gebüsche und das Gras bogen sich. Im Hintergrund stand die Kirche. Markus weitete die Augen. Er hatte das Gefühl, als würde sie unter den harschen Klängen beben.

Ruckartig fiel Markus ein, was Andy gesagt hatte. Dass Andy das Läuten nicht hatte hören können. Eine absurde Vorstellung, zumal die Geräusche übernatürlich laut waren.

Wie ist es dann möglich, dass er sie nicht hören kann? Hat Andy so einen tiefen Schlaf, dass er das Läuten nicht mitbekommt?

Er konnte den Gedanken nicht beenden, denn eine schlagartige Flauheit nahm von ihm Besitz und zwang ihn ins Bad.

 

Als Markus gegen halb acht Uhr durch das Klingeln des Weckers geweckt wurde, fasste er einen Entschluss: Er würde das Läuten der Kirche beenden, denn so wie es war, konnte es nicht weitergehen. Besonders heikel wurde die Sache, wenn er daran dachte, dass niemand, weder die Vermieterin, noch die Hausmeisterin, noch sein Vormieter gesagt hatten, wie laut die Kirche schlug. Zumindest seine Hausmeisterin, so sein Entschluss, würde er zur Rede stellen, sobald er das Problem mit der Kirche bereinigt hatte.

Markus aß einen Schokoriegel, trank einen kalten Kaffee, den er seit gestern aufbewahrt hatte und machte sich auf den Weg zur Universität. Die heutige Vorlesung handelte von der Sozialpsychologie. Es war schwer ihr zu folgen, da Markus von einer unnachgiebigen Müdigkeit bedrängt wurde, die seine Konzentration tangierte. Mehrmals nickte er fast ein, sodass ihm Melani, die neben ihm saß, einen sanften Stoß in die Seite versetzte.

Für diesen Abend verabredete er sich nicht, auch wenn die anderen vorgeschlagen hatten ins Kino zu gehen. Stattdessen legte er sich schlafen und stellte den Wecker auf 3:30 Uhr.

Er dämmerte ein und wurde pünktlich durch das Klingeln geweckt. Etwas entspannter und ausgeruht ergriff Markus die Initiative. Er zog seine Jacke über, einen Schal und machte sich fünf Minuten vor vier Uhr auf den Weg nach draußen.

Die Strahlen des verbliebenen Mondes wurden von einer Wolkenfront verborgen. Der Wind pfiff an den Fensterläden vorbei. Markus zog die Jacke fester und ging voran.

Wer immer dafür sorgte, dass die Glocken um vier Uhr läuteten, würde sich auf etwas Saftiges einstellen können. Er marschierte an den Fahrradständern vorbei und steuerte zu den Büschen. Dahinter begann ein kurzer Pfad, der nach links, zu der Wiese führte. Markus betrachtete die Fassade der Kirche. In der Dämmerung wirkte sie eindrucksvoller als am hellen Tag. Das goldene Kreuz an der Spitze schillerte.

Er folgte dem Verlauf des Weges, bis er rechts, einen kleinen Durchgang zwischen den Gebüschen erspähte. Die Kirche war so nahe, wie noch nie. Er sah auf seine Armbanduhr. Es war eine Minute vor vier Uhr.

Blätter und Erde bildeten den Untergrund. Markus ging einen kleinen Abhang hinauf und blieb vor einer schwarzen Metalltür stehen. Sie hatte keine Klinke. Er legte beide Hände auf und drückte.

Nichts passierte. Erneut spannte er seine Muskeln an und presste, so fest er konnte, aber nichts geschah.

Wütend trat er zurück und sah an der Außenwand der Kirche hinauf. Innerhalb weniger Meter waren kleine Scharten in die Wände verbaut, die aber vermutlich gesichert waren.

Markus seufzte und blickte nachdenklich zu Boden. Der Haupteingang, dachte er, wäre bestimmt ebenfalls verschlossen. Aber das konnte doch nicht sein, wenn jemand von innen die Glocke bediente?

Er beschloss, es noch einmal zu probieren. Gerade wollte er die Finger aufsetzen, als der Turm erzitterte und das gellende Dröhnen der Glocken durch die Landschaft entsandte. Markus musste sich die Ohren zuhalten. Es war so laut, dass er dachte, seine Ohren würden zerspringen. Das Geräusch zwang ihn auf die Knie und er fühlte die Feuchtigkeit der Erde durch seine Hose dringen.

Panisch sah er sich um. Die Büsche zu beiden Seiten vibrierten schwankend. Hilflos fixierte er die Tür. Sie war verschlossen. Ein weiteres GONG ertönte, dann sprang die Tür auf.

Markus zögerte nicht. Er warf sich hoch und stürmte in die Kirche. Hinter sich warf er die Tür zu und lehnte sich dagegen. Die Geräusche nahmen unerwartet ab.

Erleichtert atmete er aus und genoss die Entspannung. Vor ihm lag eine Holztreppe, die nach oben führte und an den Kanten des Turmes entlangführte. Markus löste sich von der Tür und trat in die Mitte. Von hier konnte er einen Blick nach oben werfen, wobei das Ende der Treppe durch opake Schatten verborgen war.

Dort oben lag wohl die Quelle der Geräusche. Wer immer die Glocken betätigte, befand sich dort.

Markus betrat die Stufen. Sie waren stabil, aber knarrten bei jedem Schritt. Zielstrebig bewegte er sich nach oben. Irgendwann nahm er zwei Stufen auf einmal. Das hielt er durch, bis er nicht mehr konnte, und langsamer wurde. Die Scharten und vertikalen Mulden in den Wänden ließen etwas Licht passieren.

Ab der Hälfte nahm er sein Handy und schaltete die Taschenlampe ein. Je weiter er kam, desto leiser wurden die Geräusche. Ein Phänomen, das Markus nicht wirklich verstand.

Er folgte den Stufen bis zu einer hölzernen Plattform, die unterhalb des Daches errichtet war.

In der Wand befand sich eine Holztür mit ovalem Rahmen. Das Klingen der Glocken war abgeflacht und nur noch ein zahmes Klopfen.

Markus richtete den Strahl der Lampe auf die Tür und umfasste die Klinke. Er drückte sie hinunter, betrat den Raum und blieb ruckartig stehen.

Zwei Kerzen brannten auf dem Boden und erleuchteten die steinigen Wände. In der Mitte stand ein junger Mann in zerfledderten Kleidern und mit wild verteilten Haaren. In den Händen hielt er ein Seil, das durch ein kleines Loch in der Decke führte. In gleichmäßigen Abständen zog er es hinunter. Als er Markus in der Tür bemerkte, ließ er das Seil los, sodass es unverhohlen zurückschoss.

Markus fiel die Kinnlade herunter und er hatte Mühe den Mund wieder zu schließen. Der junge Mann, wohl in seinem Alter, sah kränklich aus. Seine Haut war weiß, stellenweise bläulich und ein Glühen ging von ihm aus.

Zudem war er dünn und besaß betonte Wangenknochen. »W-wer bist du?«, fragte Markus. Der junge Mann faltete die Hände und entblößte ein Lächeln, das Falten auf seine Backen warf. Ein Funkeln trat in seine Augen. »Sei willkommen«, sagte er. »Ich bin Henry. Und wer bist du?« Er eilte mit flinken Schritten auf Markus zu, stockte aber, als Markus instinktiv einen Schritt zurückwich. »Nein, nein, keine Angst, bitte.« Er ging wieder zurück. »Komm rein, ich tue dir nichts.« Er winkte auffordernd. Markus war das nicht geheuer, aber er fügte sich und kam etwas näher. In seiner Brust brodelte ein aufquellendes Unbehagen.

»Ich bin Markus. Was … Was machst du hier, Henry?«

Henry deutete auf das Seil. »Ich läute.« Dann zur Decke. »Die Glocken.«

Markus sah hinauf. Die Glocken waren hinter der Steinwand verborgen. Markus wollte eine weitere Frage stellen, bis ihm der wahre Grund seines Besuchs einfiel. Sein Blick verfinsterte sich. »Dann bist du es, der mich die letzten Nächte geweckt hat. Immer wieder um vier?«

Henry presste nachsichtig die Lippen zusammen und nickte.

»Und warum?« Markus merkte, dass die Wut überhandnahm. Er wollte nicht laut werden, aber die Frustration über die Störungen saß tiefer, als er gedacht hatte.

Deshalb ließ er es zu. »Das kann doch nicht dein Ernst sein? Um vier schlafen die Menschen!« Er schwang die Hände. »Wer hat das eigentlich erlaubt? Du siehst nicht aus, als wärst du berechtigt die Glocken zu läuten.«

Henry kicherte. »Nein«, gluckste er. »Aber ich muss es tun.« Er trat einen Schritt auf Markus zu und verharrte dann mit gesenkten Schultern. »Es ist der einzige Weg, um hier rauszukommen.«

Markus zog die Stirn kraus. »Hä?«

»Ich«, begann Henry langsam, »bin nicht, was du denkst. Ich bin ein Geist.«

»Ein was?« Markus wankte rückwärts, verfing sich mit der Schuhkante in einer Ecke und wäre beinahe gefallen.

»Seit zwei Jahren, Markus. Zwei geschlagene Jahre.« Er kam Markus langsam entgegen. Sein Lächeln verschwand. »Ich kam hierher, wie du jetzt, nachdem ich das Schlagen der Glocken gehört hatte. Damals traf ich Jessie, meine Vorgängerin und den … den Nachtgroßvater.« Er war so nahe herangekommen, dass Markus einen eisigen Atem an der Nasenspitze fühlen konnte. »Er hat Jessie entlassen und mich eingesetzt. Fortan war ich gezwungen die Glocken zu läuten. Jeden Tag und höchstens dreimal für jeden Menschen. Manche protestierten beim Pfarrer, andere legten Beschwerde ein – schriftlich. Die meisten ertrugen es einfach und nur einer …« er hob einen Finger und tippte Markus auf die Brust, »ist gekommen, um den Schrecken zu beenden und meinen Platz einzunehmen.«

Das war zu viel für Markus. »Nein«, rief er und stieß Henry beiseite. Wenngleich er ein Geist sein sollte, konnte er ihn berühren und Henry ruderte nach hinten, wobei er beinahe stürzte. Henry lächelte.

Markus lief rückwärts, eine Miene des Entsetzens aufgesetzt. Seine Finger zitterten und ihm war schrecklich kalt. »Was für ein Quatsch«, sagte er. »Du lügst.«

Henry schüttelte den Kopf. »Es ist zu spät, Markus. Der Nachtgroßvater ist hier.«

Markus verharrte auf der Schwelle. Er wusste, dass die Tür nur ein paar Schritte hinter ihm war.

Die Farbe wich aus seinem Gesicht, als er sich langsam herumdrehte. Zentimeter für Zentimeter glitt er seitwärts und erschrak.

Eine hochgewachsene Gestalt mit dunkler Kapuze und glutroten Augen schwang eine Peitsche und wickelte sie um Markus Beine. Bevor er reagieren konnte, wurde er von den Füßen gerissen und durch die Luft geschleudert. Markus landete auf dem Bauch, was ihm die Luft aus der Lunge trieb.

Nur mit Mühe konnte er die Augen offen halten. Unweit stand Henry und wich ängstlich zurück. Ihre Blicke trafen sich. Markus gab einen erstickenden Laut von sich.

»Er … er wird dich essen, Markus. Dein Körper wird gehen, aber dein Geist wird bleiben. Bis jemand kommt, um dich abzulösen.« Dann drehte Henry sich um und sprang durch die Steinmauer ins Nichts.

Markus blieb zurück. Er röchelte und versuchte sich aufzurichten. Er stemmte die Knie auf den Boden und wurde brüsk zurückgedrückt, als sich ein Gewicht auf seinen Rücken presste. Verstohlen versuchte Markus den Kopf zu bewegen und hinter sich zu gucken, als ein gleißendes Licht seine Augen flutete und ein langes Messer neben ihm in den Boden fuhr.

Knöcherige, schwarze Finger hielten den Griff umklammert. Ein Schatten legte sich auf sein Gesicht und Markus spürte den heißen Dampf eines verpesteten Atems.

Eine tiefe Stimme raunte: »Läute!«

 

Drei Jahre später:

 

Anja hob die Hand und klopfte gegen die Tür. Zuerst passierte nichts, dann war ein lapidares »Herein« zu hören, gefolgt von einem Knall.

Sie öffnete die Tür und trat ein. Gleich neben der ersten Tür befand sich eine zweite, die in das Büro der Hausmeisterin führte. Der Raum war erleuchtet, der Schreibtisch mit Dutzenden Unterlagen zugestellt. »Äh, hallo Frau Kant«, sagte Anja.

Frau Kant stand an einem Waschbecken und wusch sich die Hände. Neben dem Schreibtisch lag ein Tacker auf dem Boden. Ein Teil der Plastikfassung war zerbrochen.

»Ah, Frau Stolz, was kann ich für Sie tun?« Frau Kant trocknete sich die Hände mit einem Taschentuch und flanierte zu ihrem Sitz. Die schwarzen Haare tanzten um ihre Ohren.

Anja trat vor den Schreibtisch und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. »Äh, ich wollte nur eine Frage stellen, bezüglich der Kirche.«

Kurze Pause. »Hä?«

»Die Kirche, die große da.« Anja deutete in die Richtung. »Kann es sein, dass sie um vier Uhr anfängt zu läuten?«

Frau Kant legte den Kopf schräg. »Was reden Sie da für einen Quatsch? Vier Uhr ist viel zu früh und selbst wenn, Ihre Fenster müssten den Lärm dichten – glauben Sie mir, ich habe sie verbaut!«

»Aber …« Ein Knirschen war zu hören. Das Mädchen drehte sich um. Ein junger Mann betrat das Büro und hob zaghaft die rechte Hand. »Hallo, störe ich?«

»Nein«, erklärte Frau Kant und winkte ihn herein. An Frau Stolz gewandt: »Sonst noch was?«

Das Mädchen schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Dann schönen Tag. Und was wollen Sie?«

Das Mädchen drehte sich um und zog an dem Jungen vorbei nach draußen. Seit zwei Tagen hörte sie das Läuten und wusste nicht, was sie tun sollte. Es war jedes Mal die gleiche Zeit. Irgendwas musste sie dagegen unternehmen, dachte sie, denn so konnte es nicht weitergehen.

Sie trat ins Freie und warf dem Kirchturm einen skeptischen Blick zu, die Hände in den Hosentaschen vergraben.

Sie hatte nur einen Gedanken: Heute Abend stelle ich den Dummkopf, der da läutet, zur Rede …

 

[Gesamt:5    Durchschnitt: 4.6/5]

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