DIE KLINIK – HANS STEPHANS

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

Vor ihr lag sein leerer Körper, jede Körperfunktion war abgeschlossen. Der Nackte roch immer noch nach dem penetranten Parfüm der Frau Doktor, die sich mit ihm, dem Praktikanten vergnügt hatte. Die hübschen dunkelroten Striemen um seinem Hals standen dem jungen Mann ausnehmend gut, bald würden die ersten Insekten ihre Mahlzeit beginnen. Nicole schloss ihren unförmigen Overall, der die lüsternen Blicke der Männer und Frauen abhielt. Der weiche Stoff linderte die Qualen die Freddies Finger auf ihrer Haut hinterlassen hatte. Diesmal geriet die Gier eines Mannes zu ihrem Vorteil, in Freddies Jeans fand Nicole den Schlüsselbund zur Freiheit. Ein letzter Blick zu dem rasierten Bubengesicht, dann zog sie seine leichte Jacke über, hastete sie durch den Hintereingang ins Freie, duckte sich hinter verwilderte Sträucher in eine Kuhle. Die Erde, das Gras und selbst die krabbelnden Tiere, schmeichelten ihre Finger. Leider konnte niemand die hohe Mauer, die das Grundstück begrenzte, überwinden; so blieb ihr nur die Hoffnung, dass niemand sie hier fand. Überall auf dem Gelände flammten Lichter auf, ein schriller Signalton beleidigte ihr Ohr. Sie hob ihren Kopf ein klein wenig; das Jugendstilgebäude glich einem riesigen ausgeschnittenen Kürbis. Eines der Augen wurde beleuchtet, die weiße Silhouette der Psychiaterin erschien auf dem Balkönchen.

Frau Doktor war hier die uneingeschränkte Herrscherin, sie gebot über die Pfleger, die ihr aufs Wort gehorchten.

„Alex, bring mir die Ausreißerin. Sie darf das Gelände nicht verlassen.“

Der bullige Pfleger durchstreifte das Gelände, achtete genau auf den feinen Sand, der vor dem elektrischen Zaun auslag, um verräterische Spuren leicht erkennen zu können. Kein Hund schlug an, also wirkte die Betäubung, die Nicole ihnen hatte zukommen lassen. Töten wollte sie diese armen Kreaturen denn doch nicht, sie hatten ihr schließlich nichts getan. Stille waberte durch abendliche Luft, Nicole nahm den kleinen Anhänger, der um ihren Hals hing, in die Hand und presste ihn an ihre Lippen. Der matte Totenkopf aus Titan spendete ihr Kraft, auszuharren, bis die Männer die Suche erfolglos abbrachen und wieder in dem Gebäude verschwanden.

***

Verdammt. Was hatte ihn denn zu dieser frühen Stunde geweckt? Seine Schicht begann lange noch nicht. Ronald erhob sich von dem einfachen Lager, das ihm als Pfleger zur Verfügung stand, und blickte in den Spiegel. Ein müdes Gesicht starrte ihn an, bleich wie der Tod. Nun erst registrierte er den Alarm, streckte sich, warf sich die graue Kutte über und schlurfte mit müden Schritten ins Büro der Chefin. Die wartete in einem bequemen Ledersessel auf ihn. Ihr Büro, das ihre Vorgängerin eingerichtet hatte, strömte Gediegenheit aus. Sie verwandte viel Zeit darauf, ihre glatten dunklen Haare in Wellen zu legen. Trotz allem war die Zeit gnädig zu der Psychiaterin gewesen, dachte er, als sie die Beine übereinanderschlug.

„Hallo Ronni. Schau mich nicht so an, als könntest du nicht bis drei zählen. Stell dir vor, das Miststück ist ausgebüxt.“

Natürlich wusste Ronald, dass sie die hinterhältige Zicke meinte. „Nicole? Wie konnte das geschehen? Wir haben sie immer festgebunden, seit sie Alex beinahe totgebissen hat.“

Die Wut drückte der Psychiaterin Furchen in ihr Gesicht, sie sprang auf und stand vor Ronald. Auf ihren hohen Schuhen war sie ungefähr gleich groß. „Irgendwie hat sie es fertiggebracht, Freddie zu verführen und umzubringen.“

Er verstand ihren Hass, denn Hilde hatte den Jungen unter ihre Fittiche genommen. Zu seinem Erstaunen empfand Ronald Erleichterung, denn sie zu viel Zeit mit dem Kleinen verbracht und sich nicht mehr um ihn gekümmert. „Dein Kittel ist falsch zugeknöpft.“

Ihr Blick reichte ihm, er öffnete die bleichen Knöpfe, riss Hilde den BH auf, spürte, wie sie sich an ihn drückte. Er presste sie auf den Schreibtisch und wunderte sich, dass ihn dieser alternde Körper immer wieder aufs Neue erregte. Seine Hose rutschte wie von selbst zu Boden, dann drang Ronald tief in die Psychiaterin ein. Als er ihr seine Hand an den Hals drückte, brüllte sie, ihr verschwitzter Körper bäumte sich auf. Auch Ronald ließ sich von der Welle aus Lust und Gier forttragen, er biss in ihre Brüste. Hildes Körpergeruch, vermischt mit dem Parfüm, benebelte seine Sinne, er rammte in sie hinein, als wollte er sie erstechen. Als er sich befriedigt hatte, vermeinte Ronald, beobachtet zu werden, aber als er sich umdrehte, konnte er nichts sehen. Seine Chefin richtete sich auf, beugte sich nach vorne, zog ihren schwarzen Slip hoch. Ihre Brüste schwangen hin und her, so dass Ronald einfach zugreifen musste. Hilde schlug ihm sanft, aber energisch auf die Finger, ihr erhitztes Gesicht strahlte, dann verdüsterte es sich. „Nicht schlecht, Ronnie. Das hat mir gerade gefehlt. Bringe mir die Göre. Sie darf uns nicht entkommen.“

„Dann gehörst du ausschließlich mir!“, knurrte Ronald. Sie wollte widersprechen, da zog er ihr an den langen Haaren zu sich heran, presste seine Lippen auf die ihren. Die Psychiaterin wehrte sich nicht. Er wusste, dass ihre herrische Art nur Fassade war, sie stand auf echte Männer. Er hatte gewonnen. Nie mehr als einfacher Pfleger schuften!

„Wenn ich sie dir bringe, erwartest du mich im Mantel, aber mit deiner roten Spitzenunterwäsche und den hohen Stiefelchen.“

***

Eine Flucht war schier unmöglich. Die Pfleger sprachen von Selbstschussanlagen und wie Nicole die Psychiaterin kannte, zählte ein Menschenleben bei ihr nichts. Außer, es ging um einen ihrer Gespielen. Zwischen ihr und dem Gebäude breitete eine Lampe ihren hellen Schein aus. Zerstören konnte sie diese nicht, das wäre auch dem dümmsten Pfleger aufgefallen. Der Wind flaute auf,

Nicole zog Freddies Jacke aus, warf sie über die Lampe, es wurde dunkel. Geduckt hastete Nicole zu den riesigen Mülltonnen, drückte sich zwischen ihnen durch und zog an der Klinke der Stahltür. Den Rost an ihrer Hand wischte sie an dem Overall ab.

Wieder wurde es hell, der Wind hatte die Jacke fortgeweht. Sie schloss die Tür, strebte über die schiefe Ebene aus Beton strebte sie nach oben und verschwand im Patiententrakt mit den Schlafsälen.

Der kleine Dicke schnarchte in seinem Bett vor sich hin. Er war sediert, wie viele Pateienten. Tim hingegen regte sich, er sah verdammt gut aus, das war der Psychiaterin natürlich auch aufgefallen. Aber die schnappte sich alles an Männern, was nicht schnell genug fliehen konnte. Der Patient blickte sie mit großen Augen an. „Was machst du hier oben? Sie hatten doch dich in den Ruheraum verbannt.“

„Du meinst den Folterkeller. Ich konnte mich befreien. Willst du nicht auch abhauen?“

Tim überlegte lange, seine Augen starrten auf den Boden. „Wie denn? Die alte Zicke lässt mich nicht gehen.“

Draußen dröhnten Schritte, Nicole schlüpfte in einen Schrank, drückte sich zwischen die fadenscheinigen Klamotten. Gedämpft vernahm sie die Stimme von Axel, dem Pfleger mit der schiefen Nase, dem winzigen Verstand, und harten Muskeln. „Hallo Tim. Wo ist Nicole?“

Keine Antwort, Tim hielt sich ausnehmend gut.

„Bist du wirklich so blöd, wie du immer tust? Hast du mich nicht verstanden?“

Wie lange hielt der Tim den Fragen des Pflegers stand? Dessen Stimme schwang gefährlich, er schreckte nicht vor Gewalt zurück.

„Ich habe genau gehört, dass sie sich hier herumtreibt. Aber wenn du schon nichts sagen möchtest, dann sollst du schweigen.“

Leise schob Nicole die Schranktür auf, versuchte, zu fliehen, doch leider drehte sich Axel genau in diesem Moment um und grinste sie an. „Na, meine Hübsche. Schön, dass ich dich treffe. Die Chefin vermisst dich schon sehr.“

Sein Griff umschloss ihr Handgelenk. Nicht nur der Druck, allein schon die Berührung schmerzte. Wut wallte in Nicole auf. „Soll sie sich doch mit dir vergnügen. Oder bringst du es bei der Schreckschraube nicht?“

Sein Gesicht verwandelte sich in eine Tomate, die Nasenflügel weiteten sich, als wollte er platzen. „Du blöde Pute. Ich besorge es dir, dass dir Hören und Sehen vergeht.“

Der Pfleger griff in die Tasche seiner Hose und zog eine kleine Pistole heraus. „Streck schön deine Pfötchen in die Höhe. Wir machen einen kleinen Spaziergang. Keine Angst, bei mir macht es allen Frauen Spaß.“

In Nicole stieg die Verzweiflung hoch, Tim schien keine Hilfe, er blickte teilnahmslos. Auf dem Kästchen neben dem Bett lag eine aufgezogene Spritze. Sie spitzte die Lippen, als wollte sie Axel küssen. Erstaunt neigte der Pfleger ihr seinen Kopf zu. Sie nahm all seine Kraft zusammen, ließ die Berührung zu. Unauffällig griff sie die Spritze mit den Fingern und warf sie Tim zu. Der fing sie geschickt auf. Brutal biss sie in Axels Lippen, er schrie auf, zog sie an den Haaren und hielt ihr die Pistole an die Schläfe.

„Ich mache alles, was du willst“, flehte Nicole, die Angst wurde übermächtig. Axel stöhnte leise auf, dann sank sein Arm nach unten. Mit geschlossenen Augen plumpste er auf den Industriefußboden und streckte sich lang aus. In seinem Rücken steckte die Spritze. „Danke Tim!“

Schlurfende Schritte näherten sich, der Dicke blieb vor dem Betäubten stehen. Neben dem Patienten kam sich Nicole so schmächtig vor, außerdem ging das Gerücht um, dass er gewalttätig sei. Ein Serienkiller.

„Keine Angst. Du weißt, dass ich nur aufgrund einer Verleumdung hier bin und nicht grundlos wütend werde.“

Sein Blick wurde sanft, Nicole lief ein Schauer den Rücken hinunter. Seine Hand griff an ihr Amulett, hielt es ins Licht. „Wunderschöner Totenkopf.“

Tim verdrehte die Augen. „Was machen wir mit dem da?“

„Ich habe eine Idee.“ Mit einer Schnelligkeit, die ihm Nicole nicht zugetraut hätte, zog der Dicke den Pfleger an den Armen in Richtung des Fensters. Er öffnete es, riss das Leintuch seines Bettes heraus, knöpfte es an der Wand fest, legte den Knoten um Axels Hals und hob diesen hoch. Tim griff die Pistole.

„Lass ihn. Um Axel ist es nicht schade“, bat Nicole, verstand die Wut des Fettleibigen.

„Nur falls der Arsch aufwacht“, beruhigte sie Tim. Ohne mit der Wimper zu zucken, sah Nicole, wie Axel nach unten flog. Bei dem Knirschen, als sein Genick brach, konnte sie sich ein Lachen nicht verkneifen. Tim zuckte zusammen, er war eine zu gute Seele.

***

Ronald stieg vorsichtig die enge Hintertreppe nach oben, immer wieder blickte er sich um. Er hielt inne. Leise Schritte. Woher kamen sie? Irgendwo hier versteckte sich Nicole. Er musste sie finden. Wenn sie floh und die Polizei benachrichtigte, wäre es mit der Herrlichkeit in dieser Villa vorbei. Ein logisches Versteck war der Frauentrakt, der ziemlich ausgestorben war. Es wurde Zeit, dass es wieder neue Einweisungen gab, aber Hilde spezialisierte sich zusehend auf Männer.

Der kurze Gang lag verlassen da, die verblassten Fotos von Industrieruinen grinsten ihn an. Wie konnte man nur solchen Schrott aufhängen? Leise öffnete er die erste Tür, die, wie immer, schwer aufging. Komisch. Beide Betten waren leer, eigentlich sollte hier Heidrun liegen. Trippeln, zwei dürre Arme umschlagen ihn, er spürte einen schmalen Körper, der sich an ihn presste. „Suchst du mich? Ich bin hier.“

Mit einem Ruck befreite er sich aus der Umklammerung.

„Warum schläfst du nicht?“

Sie zuckte mit den Schultern, das Oberteil des Schlafanzugs verrutschte, zeigte ihr knochiges Dekolletee. „Bin eben wach. Schön, dass du mich besuchst. Es ist so einsam.“

„Komm geh ins Bett“, befahl er und mit einem missmutigen Gesicht, ließ sie sich zu dem Bett führen. Er hob sie auf das Laken und deckte sie mit der Decke zu.

„Magst du mich?“

Nicht schon wieder. Warum nur versuchten ausgerechnet die hässlichsten Patientinnen, ihn zu verführen? Er wandte sich um, ging in Richtung Tür. Ununterbrochen murmelte Heidrun unverständliches Zeug vor sich hin. Ronald wusste, dass sie sich in wenigen Minuten nicht mehr daran erinnern würde, dass er da war. Eine Frage nach Nicole war unnötig.

Im zweiten Zimmer schnarchte die fette Beate, als wollte sie einen Baum in Streichhölzer verwandeln. Ohne Sedierung war sie gefährlich, sie hatte die Kraft eines Ringers, wie einer der früheren Pfleger feststellen musste, der inzwischen auf dem versteckten Friedhof hinter dem Haus ruhte. Ronald wandte sich zur Tür, als er das Krankenzimmer verlassen wollte, kam ihm etwas sonderbar vor. Die Töne, die die Frau von sich gab, klangen nicht natürlich. Sie gab wohl nur vor, zu schlafen. Ronald griff in seinen Gürtel, zog eine Spritze mit Sedierung auf und näherte sich dem Bett. Für einen Moment öffnete Beate die Lider einen Spalt. Ronald hatte also Recht gehabt. Er musste sie bestrafen. Da flog die blauweiß gemusterte Decke zur Seite, die beiden Beine schlangen sich um seinen Hals. Mit brutaler Kraft drückte Beate zu. „Ich bringe dich um, du Schwein“, keuchte sie. Was war denn heute los, drehten sie jetzt alle durch? Er versuchte die Beine zur Seite zu drücken, doch die Oberschenkel waren zu kräftig, sie drückte ihm die Luft ab. Rasch griff Ronald in seinen Gürtel, zog die Spritze heraus, stach Beate in das gewaltige Becken und presste den Inhalt in den Po. Wie erwartet, kam kein Stöhnen aus Beates Lippen, ihre Muskeln entspannten, die Beine lösten sich und ihr blonder Schopf sank in das Kissen. Schlafend, mit entspannten Gesichtszügen wirkte Beate ganz harmlos. Ihre beeindruckende Oberweite hob und senkte sich in Zeitlupe. So ein Überfall durfte nicht mehr vorkommen. Ronald schloss eine Schublade auf und nahm mehrere Riemen heraus. Damit band er die Hand- und Fußgelenke der Patientin an den Rahmen des Bettes. Fixiert gefiel ihm Beate schon viel besser. Die Knöpfe an ihrem Oberteil spannten und Ronald blickte sich um. Zum Glück war niemand zu sehen. Mit hastigen Fingern öffnet er ihr Oberteil und griff an das pralle Fleisch. Das gleichmäßige lichte Atmen der Frau brachte ihn wieder zu Ruhe. Er durfte sich nicht ablenken lassen. Wenn er sich mit Beate vergnügte, wäre er ein leichtes Opfer für Nicole. Er spitzte die Ohren. Leise Schritte. Rasch öffnete er die Tür zum Gang, vermeinte zu sehen, wie am Ende bei den Fenstern eine Gestalt in ein Zimmer huschte. Nicole! Er schlich näher, lauschte an der Zimmertür. Leises Kratzen, dann ein Schaben und Quietschen, dann blieb es still.

***

Mist, sie spürte Ronalds Blicke, gerade als sie in das leere Zimmer schlüpfte. Das Schwein sie entdeckt. Dabei war sie sich so sicher gewesen, dass er sich in der Männerstation aufhalten würde, nachdem Axel unterhalb des Fensters im Wind baumelte. Bedeckt mit einer Kunststofffolie, wartete das Bett auf eine arme Insassin. Wo konnte sie sich verstecken? Sicherlich hatte Ronald eine Waffe. Wie sie ihn kannte, war er vorsichtig. Er würde nicht einfach hineinkommen und sich übertölpeln lassen. Dieser Feigling! Sie löste die Bremsen des Bettes, schob es auf den Gummirollen neben den Türrahmen und klemmte sich dahinter. Langsam wurde die Tür geöffnet, Ronalds Körper schob sich ins Zimmer, er hielt eine Pistole in der Hand. Der Lichtschein drang nicht weit hinein. Seine Hand näherte sich dem Lichtschalter. Da drückte Nicole mit aller Kraft die Knie durch, das Bett rollte nach vorne und stieß Ronald um. Der schrie auf, drückte zweimal ab, doch nur das Glas eines Bilderrahmens hinter ihr zersprang. Sie nahm eine Scherbe, schnitt ihm in den Arm, so dass er die Pistole fallen ließ, sprang über das Bett in den Gang. Sie blieb mit dem linken Fuß an dem Gestell des Bettes hängen und knallte mit dem Kopf auf den Boden. Der Schmerz durchzuckte ihren Kopf. „Verdammte Scheiße.“

Sie rappelte sich auf, rannte den Gang entlang, drückte sich in Beates Zimmer. Halbnackt und gefesselt lag die Patientin auf dem Bett. „Wach auf!“

Ihre Freundin rührte sich nicht. Nicole streichelte sie an der Brust. Die musste eine volle Ladung Sedierung abbekommen haben. Rasch schlich Nicole zum Fenster, öffnete es und kletterte auf den Sims, der auf dieser Seite des Hauses angebracht war. Nicht das erste Mal balancierte sie auf dem schmalen Band, erreichte einen kleinen Balkon, kletterte hinauf, drückte eine Türe auf und schlüpfte ins Gebäude in Sicherheit.

Während sich ihr Atem beruhigte, lachte sie über die Kleidungsstücke im Zimmer. Es war Halloween, dem Tag, an dem sie sich gegen ihre aufdringlichen Klassenkameraden gewehrt hatte und deswegen hier gelandet war. Überall lag der Staub herum, um so etwas kümmerte sich diese Psychiaterin nicht.

***

Gut, Nicole war ihm also entkommen. Verstecken konnte sie sich in dem Haus auf Dauer nicht. Die Tür in den oberen Stock war versperrt, ihr blieb also nur noch der Zugang zum Keller. Sie saß in der Falle.

Nachdem er den toten Alex entdeckt hatte, der wie eine Puppe unterhalb eines Zimmers hing, kannte er keine Gnade mehr mit dieser Irren. Wenn man ihr blasses hübsches Gesicht sah, konnte man kaum glauben, dass sie zu so einem Massaker wie damals in der Schule fähig war.

Seine Idee war einfach genial gewesen. Er hatte den Staub aus dem Mülleimer verteilt, da sich niemand außer ihm und ihr herumtrieb, konnte er der Spur ganz einfach folgen. Die Umrisse ihrer nackten Füße waren klar zu erkennen, sie waren so platt wie bei einer Ente.

Er bemühte sich, leise zu sein. Unglaublich, was dieser Teufel in Menschengestalt für eine Kraft und Ausdauer hatte. Eigentlich schade um das Weib. Sie wäre eine Zierde für jeden Mann. Doch er durfte sich nicht von ihrem Äußeren täuschen lassen. Auf ihn wartete Hilde, mit der konnte er die schönen Seiten des abgelegenen Lebens genießen, auch wenn sie schon am Verblühen war. Diesen Teil des Anwesens hatte er selten betreten, die alten Mauern, die einmal zu einer Schlossruine gehörten, strahlten eine feuchte Kälte aus, wie eine Grabstelle. Sein rechter Fuß trat auf etwas Weiches. Eine Schlange? Er sprang zurück. Dann lachte Ronald über sich selbst. Das war nur ein Schlauch, mit dem hier sauber gemacht wurde. Vor ihm endete der Gang, er verzweigte nach rechts oder links. Eine gute Gelegenheit für Nicole, sich zu verstecken und ihn zu übertölpeln. Mit der Rechten umfasste er die Pistole und tastete an der Wand nach vorne. Der Boden unter ihm schwankte. Vor sich hörte er leises Atmen. Nicole! Zwei Schritte vorwärts, sein Zeigefinger berührte den Abzug. Ein leichtes Zischen drang an sein Ohr, da traf ihn ein Knüppel auf dem Hinterkopf.

Als er die Ohnmacht abgeschüttelt hatte, lag er in einem Loch, das mindestens drei Meter tief war. Er trug nur noch die Unterwäsche und um seine beiden Fußgelenkte waren Fesseln befestigt, die ihn mit dem Boden verbanden. Verdammt, er saß in der Falle. Seine Pistole war verschwunden. Oben erschien ein weiblicher Kopf. „Nicole. Wenn du mich hier rauslässt, werde ich dich belohnen.“

„So wie vor zwei Jahren, als du mich gefesselt auf dem Bett vergewaltigt hast?“

Was sollte er dazu sagen? Ronald bemühte sich um eine sanfte Stimme. „Das war ein Missverständnis. Ich weiß, wo die Alte ihr Geld versteckt. Damit fangen wir ein neues Leben an.“

Er musste seine zitternde Hand beruhigen, Panik kroch in ihm hoch, denn Nicole lächelte. „Vergiss es. Du bist nicht mein Typ. Ich mag keine Männer, die sich an wehrlosen Frauen vergehen.“

Meinte sie das etwa ernst? „Bitte lass mich raus. Ich mache alles, was du willst.“

Sie schien zu überlegen. „Gut. Aber du bist ziemlich staubig. So gefällst du mir nicht. Sauberkeit ist in einer Klinik Pflicht.“

Etwas Rotes leuchtete auf, das war ein Schlauch. Ein fingerdicker Wasserstrahl lief heraus und benetzte ihn.

„Hilfe. Lass mich hier raus.“

Ronald zerrte an den Fesseln. Erfolglos. Nicoles Lachen brach sich an den Wänden. Bald schon stand ihm das Wasser bis zum Knie.

„Bitte Nicole. Lass mich nicht ersaufen.“

Ihr Kopf verschwand. Er hörte ihre krächzende Stimme: „Das hättest du dir vorher überlegen sollen. Mach dir einfach ein paar feuchte Gedanken.“

Ronald richtete sich so weit auf, wie er konnte, das Wasser reichte schon bis zum Knie.

***

Nicole grinste und zog sich die Kutte über. Der Pfleger war der letzte der Bande, die ihrer Freiheit entgegenstand. Ihre Finger fuhren über das Namensschild. Ronald. Sein männlicher Geruch erregte sie. Vor allem das Bewusstsein, dass der Besitzer ersoffen war, wie eine Ratte. Die Schuhe des Pflegers waren etwas groß und sie musste sich anstrengen, nicht zu stolpern. Sie erreichte das Büro der Psychiaterin, spähte durch das Schlüsselloch. Sie klopfte so fest sie konnte. Die Tür wurde geöffnet und Nicole musste sich beherrschen. Vor ihr stand, wie immer im weißen Mantel mit den turmhohen Schuhen das verhasste Weib.

„Hast du die Zicke erwischt?“

Nicole griff in die Tasche, zog ihr Amulett hervor und warf es ihr zu. Die Psychiaterin grinste, öffnete ihren Mantel, ließ ihn zu Boden gleiten. Darunter trug sie peinliche rote Unterwäsche, die ihr Fleisch etwas in Form brachte.

„Deine Belohnung wartet.“

Billige Hure, dachte Nicole, trat auf sie zu.

„Du bist Nicole!“, schrie Hilde auf, dann beruhigte sie sich schlagartig. Chapeau! Die Alte hatte sich im Griff.

„Komm näher, Hübsche“, versuchte sich die Psychiaterin an einem schmeichelnden Ton. „Du gefällst mir sehr.“

Hild breitete ihre Arme aus, Nicole überwand ihren Ekel und trat näher. Da griff die Psychiaterin zu und zog die Hände ihrer Patientin auf ihre Brüste. Das Fleisch war kühl, die Spitzen ihren BHs drückten hart an die Finger. Die Gier in den Augen der Psychiaterin blitzte auf.

„Mach weiter so“, hauchte sie, als Nicole die Brüste knetete, als wären es zwei Klumpen Teig. In Hildes Bauchnabel leuchtete ein Diamant auf, welcher Lover hatte ihr den geschenkt? Mit spitzen Fingern zog die Psychiaterin Nicole den Reißverschluss des Overalls auf. „Mach es dir bequem.“

Zu ihrem Erschrecken, spürte Nicole, wie knöcherige Finger über ihre Haut fuhren. Sie zuckte zusammen, die Fingernägel brannten auf ihrem Dekolleté. Nicole griff in ihre linke Tasche und bohrte einen Dolch tief in den Bauchnabel direkt neben den kleinen Diamanten. Die Psychiaterin brüllte auf, presste ihre dürren Hände auf die Wunde, doch es gab niemanden, der sie retten konnte.

„Warum hast du das getan?“, jammerte sie in einem Ton, der Nicole nicht beeindruckte.

„Du hast mich gequält. Und die anderen Patienten.“

„Stich mir ins Herz! Lass mich nicht leiden!“

„Damit ich deine perfekten Brüste zerstöre? Niemals! Die waren doch so teuer.“

Während sich die Psychiaterin stöhnend vor Schmerzen auf dem Teppich krümmte, steckte Nicole den Dolch ein und schloss den Overall. Ein komisches Gefühl kribbelte in ihrem Rücken, sie drehte sich um und erstarrte. Vor ihr stand ein Patient im Schlafanzug und grinste sie an. Die Psychiaterin hauchte. „Tim. Denk an unsere Liebe. Hilf mir.“

Nicole erbleichte, sie hatte geahnt, dass die beiden etwas miteinander hatten. Tim zog sie an der Hand aus dem Zimmer, sein Griff ließ nicht nach.

„Was hast du mit mir vor?“

„Du hast Hilde ermordet. Dafür muss ich dich bestrafen.“

Er führte sie in das Schlafzimmer der Psychiaterin und grinste. „Wir sind jetzt fast allein hier in dem Anwesen.“

Sie wusste, dass sie aufeinander angewiesen waren und er blickte sie an, wie nur ein Mann eine Frau anstarren konnte. Ihr lief es heiß und kalt den Rücken hinunter. Er hatte ihr zwar gegen den Pfleger verteidigt, aber jetzt schien alles anders. Sie unterbreitete ihm hastig einen Vorschlag. „Wir könnten doch zusammen die Leitung hier übernehmen.“

Seine Augen blickten kühl, Nicole konnte nicht einschätzen, was er dachte. „Du liebst die Psychiaterin?“

Wahrscheinlich hasste Tim sie für diesen Mord.

„Diesen alten verbrauchten Körper? Sie hat mich benutzt. Nie werde ich vergessen, dass sie Heike auf dem Gewissen hat.“

Er musterte sie, Nicole spürte sein Misstrauen ihr gegenüber. In seinen Augen war sie eine gefährliche Mörderin. Seine Stimme bekam einen sanften Unterton. „Wenn du die Leiterin hier bist, musst du mich lieben, wie deine Vorgängerin.“

Darauf war Nicole vorbereitet, sie zog ihren Overall aus. Tim beobachtete sie, seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Dann beugte er sich nach vorne und sie spürte seine Lippen auf den ihren. Ein warmes Gefühl durchströmte sie.

Doch als er sie auf Hildes Bett drückte, veränderten sich seine Augen, sie glühten auf vor Gier. Jetzt brannten seine Handflächen auf ihren Oberschenkeln, Nicole zitterte. „Bitte hör auf, Tim.“

Er hatte schon umgeschaltet auf Lust, wurde wie alle Männer in diesem Zustand zu einem Teufel. Er öffnete seine Hose, versuchte, in sie einzudringen. Ekel überfiel sie, wo er ihre Haut berührte, brannte diese, als hielt jemand ein Feuerzeug an sie. Tim stützte sich schwer auf Nicoles Schultern ab und presste sie mit seinem kräftigen Körper fest in die Laken, die Augen sprühten vor Lust. Ihre linke Hand schnellte nach oben, ihr Zeigefinger bohrte sich in sein linkes Auge. Für einen Moment vermeinte sie, dass sie ihn verfehlt hatte, denn Tim reagierte nicht. Dann brüllte er auf, drehte sich von ihr weg. Sie erkannte den Moment seiner Schwäche, sprang aus dem Bett und zog Ronalds Pistole aus dem Overall. Zwei Schüsse, dann brach er neben dem Bett zusammen. Ungerührt zog sie sich wieder an.

Zurück in dem Arbeitszimmer lag Hilde, verkrümmt, wie ein welkes Blatt. Ihre Gesichtszüge schienen so friedlich, dass Nicole sich in sie verlieben konnte. Sie drehte die Tote auf den Rücken, kniete sich über sie und schnitt den Diamanten heraus. Sie küsste die Trophäe, die im Licht aufglühte.

In ihrer neuen Rolle als Chefin, hatte sie die Pflicht, sich um die verbliebenen Insassen zu kümmern.

Die arme Beate lag sicherlich noch gefesselt in ihrem Bett. Dieser perverse Pfleger! Dafür hatte er gebüßt. Sie öffnete die Tür des Krankenzimmers, ohne zu klopfen. Das Metall der Klinke schmeichelte ihrer Hand. Das Bett war leer, die Tür zu dem kleinen Bad stand offen.

„Beate?“

Statt ihrer erschien der Dicke, ging an Nicole vorbei und verschloss das Zimmer, plötzlich stand auch noch Beate vor ihr, ihre Stimme gefährlich sanft. „Wir sind nur noch zu dritt“

„Du machst, was wir wollen“, ergänzte der Dicke.

Nicole wurde bewusst, dass sie verloren hatte. Gegen die beiden hatte sie keine Chance. Beate grinste. „Ich bin jetzt die Psychiaterin. Du kannst Hilde zu mir sagen. Dies ist mein geliebter Pfleger Ronald.“

Der Dicke verzog sein Gesicht zu einem Lachen, Nicole wurde es Angst und Bang. „Soll ich etwa mit der Blöden zusammen Patientin sein?“

Beate nickte. „Sonst müssen wir dich der Polizei übergeben. Als irre Mörderin glaubt die sowieso keiner.“

Der Dicke knurrte. „Und jetzt zieh dich aus.“

Sie tat, wie ihr geheißen, hielt einen Arm vor ihre Brüste und bedeckte mit der anderen Hand ihre Scham. Beate hob abwehrend die Hände. „Keine Angst, ich mag es nur nicht, dass du irgendwo eine Waffe versteckst. Wir sind Freundinnen.“

Aus Nicole brach es heraus. „Muss ich dich mit dem da teilen?“

„Ja. Trotzdem werden wir hier auch noch unseren Spaß haben.“

Der Dicke verdrehte die Augen.

„Komm Kleiner. Überall liegen die Toten herum. Bitte entsorge sie.“

Der Mann nickte gehorsam, Ronald nicht unähnlich und verschwand. Was hatte Beate vor? Ihr kräftiger Körper bebte, mit einem geübten Griff landete Nicole auf dem Bett. Die Finger ihrer Freundin fühlten sich so zärtlich an, dass sich ihre Härchen aufstellten. Kein Mann, aber auch keine andere Frau hatte solch eine Wirkung auf sie. Nicole entspannte sich, ihr Rücken spürte das kalte Laken. Als sie die Augen öffnete, sah sie das Schwarzweißfoto einer Halloweenmaske an der gegenüberliegenden Wand. Dann rutschten die Finger ihrer Freundin nach oben, legten sich um ihren Hals.

„Tut mir leid. Es muss sein. Meine Liebe für dich wird nie enden.“

Nur zweimal strampelte Nicole, dann versank die Welt der Klinik in Schwarz.

 

[Gesamt:3    Durchschnitt: 3.7/5]

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