DIE WAHRE KUNST – RICHARDT ARWIN

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

Ich sitze an einem sonnigen Tag in der Volkshochschule und lerne etwas über Kreatives Schreiben. Jedenfalls hoffte ich, dass ich etwas lernen werde. Der Kurs hat mich über fünfzig Euro gekostet, also mehr als ich in einer Arbeitsschicht verdiene, fünfmal soviel wie ich für einen Lebensmitteleinkauf und circa einmal soviel wie ich für einen gediegenen Kneipengang aufbringen muss — kurz gesagt, es ist sehr viel.

Die Dozentin ist eine junge, noch fröhlich dreinblickende Drehbuchautorin, die sich beim Deutschen Fernsehen schon einen Namen gemacht hat. Sie beruft die Gruppe mit nur zehn Minuten Verspätung ein. Warum wir denn alle schreiben und was unsere Ziele seien, will sie wissen.

Zuerst steht ihr ein ergrauender Finanzberater, allem Anschein nach in den tiefsten Abgründen einer Midlife-Crisis versunken, Rede und Antwort.

„Ich habe gerade angefangen, Drehbücher von Tarantino zu lesen. Der macht das ja richtig clever, also dachte ich mir, dass ich das auch mal versuche.“

„Das klingt ja spannend. Und hast du…“, fragt die Dozentin, wird aber jäh unterbrochen.

„Ich provoziere Leute auch gerne!“

„Ach ja?“

„Ja, einfach, um an die Materie heranzukommen. Neulich war ich in der Autowaschanlage, da waren zwei türkische Jugendliche. Da habe ich zu dem Verkäufer gesagt, >Die sind doch bestimmt von der Türkenmafia!<“

Für einen kurzen Moment herrscht Stille im Raum, während der Finanzberater erwartungsvoll die Dozentin anschaut, die ohne Weiteres seine Tochter sein könnte.

„Hm, das ist sehr mutig…“

„Ganz genau, und ich will jetzt einfach einen Gangsterfilm machen. Ich habe auch schon eine Idee!“

„Das ist gut, aber zu den Ideen kommen wir gleich. Cornelia, magst du weitermachen?“

Cornelia, eine kleine, aufgeweckte Frau mittleren Alters, nickt lächelnd und beginnt zu erzählen.

„Hallo, also ich bin Cornelia und schreibe Kinderbücher. Und weil ich das alles auf eigene Faust mache, möchte ich mir in dem Kurs ein paar Anregungen holen, bevor ich mein nächstes Projekt beginne.“

„Schön“, sagte die Dozentin, ehrlich lächelnd und scheinbar optimistisch, im Allgemeinen eine gute Gruppe erwischt zu haben. Wie sehr sie sich doch täuschen sollte!

„Ja hallo, ich bin die Herta… Und ich war auf der Schreibschule der Literatur, da habe ich auch ein Zeugnis, also eine Bescheinigung, mehr so ein Zertifikat bekommen! Und ich schreibe gerade an einem Buch, das heisst, ich habe heute mit der Gliederung angefangen… Und, ja!“

Hertas Gesicht ist purpurrot, verkrampft sitzt sie auf ihrem Stuhl und blickt die Dozentin an. Die Handknöchel ihrer zu Fäusten geballten Hände sind weiß angelaufen, und ich könnte schwören, dass sie gerade so heftig mit den Zähnen knirscht, das diese später allesamt abgekaut und verstümmelt sein werden, mindestens zum Stundenende!

„Okay, danke, und wie ist es bei dir?“, fragt die Dozentin, nunmehr hoffnungsvoll, die nächste Person.

„Hi, ich bin Anna. Ich bin 19 Jahre alt und gerade aus Baden-Württemberg hergezogen, wo ich mein Abi gemacht habe. Ich will Drehbücher schreiben und besuche dafür diverse Kurse an der VHS und in privaten Schulen. Meine Freunde und ich haben neulich unseren ersten Film auf mehreren Festivals laufen lassen und auch schon Sponsoren dafür finden können.“

„Das ist ja beeindruckend!“, sagt die Dozentin.

„Dankeschön!“, erwidert Anna mit einem Lächeln.

Mir ist ab diesem Moment klar, dass Anna und die Dozentin die Profis im Raum sind. Die Mentorin und ihre Skolastin, eine Hexe mit schwarzer Katze, umgeben von niederem Fußvolk, dem ich hoffentlich nicht angehöre. Ja, wo stehe ich eigentlich in diesem Spiel?

„Und was ist mit dir?“, fragt sie.

Der Raum schaut mich erwartungsvoll an und ich beginne mit einer chaotischen Autobiographie. Ich bin an sich nichts Besonderes, ein gescheiterter Geisteswissenschaftler ohne nennenswerte Berufsaussichten, verkappt rechtsextrem, dem Alkohol aus physischer wie finanzieller Hinsicht verhängnisvoll ausgeliefert, latent angewidert von allen Menschen, die kein Abziehbild meiner Selbst darstellen, und misogyn. So halt. Aber, und das betone ich dann auch wörtlich, habe ich einige Kurzgeschichten und Romane verfasst, also muss irgendwo in mir eine schöpferische Kraft schlummern, die sich auch profitabel einsetzen lässt. Die Frage ist nur, wie.

Natürlich wollen die Leute keine Kunst, sie wollen unterhalten werden. Deshalb schneidet sich ein Van Gogh auch sein Ohr ab, während ein Hugh Hefner von geilen Weibern umgarnt wird, deshalb wird Lars von Trier nur wegen seiner Pro-Hitler Äußerungen in den Zeitungen erwähnt, während ein Til Schweiger wie von selbst ganze Schlagzeilen dominiert. Das ist auch der Grund dafür, dass eine Karin Slaughter, ein Richard Laymon, Stephen King, John Grisham — wer auch immer — den letzten Quatsch einfach nur auf den Tisch ihrer Verlage legen müssen, um weltweit veröffentlich zu werden, während ein Philosoph es schon als höchstes aller Gefühle bezeichnen darf, in eine uniforme Reclam- oder eine niedere Suhrkamp-Ausgabe gesteckt und dann auf dem Flohmarkt für etwas Kupfer verschachert zu werden. Alles in Ordnung damit. Ich schließe meinen Tag auch mit Beschreibungen über Monster und Schießereien ab, nicht mit Abhandlungen über prinzipielle (Un-)Gesetzmäßigkeiten, für die sich kein Schwein interessiert. Und ich will auch belanglosen, unterhaltsamen Kram schreiben. Mal ehrlich, wenn mit jemand erzählt, er, obwohl es in den meisten Fällen doch Frauen sind, die mir das erzählen, habe gerade wieder mal ein Gedicht geschrieben, könnte ich selbige Person erwürgen. Es sind genau die gleichen Gestalten, die voller stolz fünf Minuten täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit gurken, anstatt einem ordentlichen Sport nachzugehen. Ich gehe fünf bis zehn Stunden pro Woche zum Boxen, werde von Fortgeschrittenen verprügelt und verprügele danach unschuldige Anfänger, um dann ebenso als sportlich zu gelten, wie diese Pseudoaristoi?

Gut, meine gesellschaftliche Ehre habe ich schon lange verspielt, wohl schon in der frühesten Jugend, die Lippen am ersten schalen Bier oder den Penis in der ersten verruchten Frau. Dass ich nun als Kaschemmengänger, Freizeitboxer und Horrorliterat weniger Anerkennung erhalte, als meine fahrradfahrenden, weinsaufenden und gedichtschreibenden Zeitgenossen, mag eine Fügung des Schicksals sein. Aber dass ich genau so wenig Geld, vermutlich sogar noch weniger, als diese Gestalten verdiene, will mir nicht in den Kopf. Es ist, verdammt noch mal, witzig, wenn ich über Sex und Gewalt schreibe, anstatt jedem dieser sinnstiftenden Elemente ein kümmerliches Gedicht zu widmen. Witze kommen am besten, wenn sie sexualisierte Gewalt oder gewalttätigen Sex dokumentieren, das sieht jeder in der Kneipe so, warum tut das dann nicht auch jeder im Buchladen?

Aber ich will nicht meckern, das stört nur die gute Laune.

Unsere Dozentin nickt mir höflich zu, scheinbar konnte ich die gutbürgerliche Maskerade gerade noch unschief genug vor mein wahres Gesicht halten, da steht sie auch schon wieder im zweifelhaften Dialog mit dem Finanzberater, dessen Name mich so wenig interessiert, dass ich ihn schon wieder vergessen habe. Derweil trinke ich Kaffee aus meiner riesigen Thermoskanne, die gefährlich leicht zu werden scheint.

„In meiner Geschichte geht es um Katharina, also „Die Reine“, sagt er, selbstgefällig hüstelnd, „die als promovierte Philosophin als tourist guide arbeiten muss, weil sie sonst keinen Job findet.“

„Ok…“

„Und während einer Bustour werden sie und die Gruppe von zwei amerikanischen Terroristen als Geiseln genommen. Die stellen ein Ultimatum und drohen, mit jeder vergangenen Stunde, in der sie auf das Lösegeld warten, eine Geisel zu töten. Und um heil aus der Situation herauszukommen, muss Katharina alle ihre moralischen Grundsätze über Bord werfen.“

Ich werde hellhörig.

„Also fängt sie an, zu betrügen, zu verraten und schließlich zu morden. Und am Ende überlebt sie, allerdings ist ihr Weltbild zerstört.“

Die Idee gefällt mir gut. Ich mache mir sofort Notizen, mit gleichem Gerüst, aber anderem Rahmen. Diese tourist guide Nummer ist derartig schwach, dass ich dem Finanzberater am liebsten ins Gesicht schlagen möchte. Aber der Rest der Idee sitzt!

Und da ich ohnehin das Leben meiner Mutter darauf verwetten würde, dass er nicht zum deutschen Tarantino avanciert, will ich, nur für den Fall, dass mich dieses Glück ereilt, eine bessere Version der Geschichte verfassen.

Die Dozentin toleriert die Grundgedanken, versucht aber, Katharinas seelische Beweggründe für ihre moralische Starre ans Licht zu bringen. Der Berater hingegen kommt aus seinem Grinsen nicht mehr heraus, Fragen nach dem „Want“ und dem „Need“ Katharinas verwirft er gekonnt. Stattdessen labt er sich an ihrer vermeintlichen Dummheit, ihren kindlichen Eifer, naive Überzeugungen beizubehalten.

Ich halte es für Lobenswert, dass der Berater minderwertige Geschichten schreibt, anstatt auf die Straße zu gehen und minderjährige Mädchen zu begrapschen, obgleich er damit wahrscheinlich sein gigantisches „Want“ und „Need“ abgedeckt hätte.

Es folgt die Erläuterung Cornelias´ über eine wirklich süße Kindergeschichte. Es gibt also noch Hoffnung, denken wir. Und dann kommt Herth.

„Hmm ja…“, eröffnet uns die Mittvierzigerin, „In meiner Geschichte geht es um einen jungen Mann, der Fussballtrainer für kleine Jungs ist und alsbald merkt, dass er pädophil ist.“

Schweigen im Raum.

„Ok, In Ordnung, aber…“, setzt die Dozentin an und wird abgeschnitten.

„Also, er ist nicht intelligent!“

„Aha.“

„Er ist dumm und merkt dennoch, dass er sich zu einem der Jungs, den er gerade sittet, hingezogen fühlt.“

Wieder ist es still im Raum.

„Und“, setzt die Dozentin an – erneut erfolglos.

„Naja, also er, er heißt, ähm… Also quasi heisst er Augustin, und er und der Junge, dessen Mutter gerade durch ein Feuer umgekommen ist, sitzen in der Badewanne. Und Augustin vergewaltigt ihn.“

Die Stimmung ist am Tiefpunkt angelangt.

„Ok“, räuspert sich die Dozentin, „Warum meinst du, dass Augustin dumm ist?“

„Ja, er ist dümmer als normale Menschen.“

„Aber wieso?“

Herta schaut kämpferisch in Richtung der Dozentin, unter ihrem militanten Kurzhaarschnitt haben sich Schweißperlen gebildet, ihre stahlblauen, zugekniffenen Augen stieren jetzt in Richtung Lehrerpult, dorthin, von wo schöne Dinge wie Anerkennung kommen könnten, gerade aber nur eine ratlose Frau sitzt, die eigentlich stürmische Liebschaften im Rentner-TV Deutschlands inszeniert.

„Und durchlebt Augustin eine Veränderung?“

„Ja, er zündet sich nach dem Missbrauch an, wie die Mutter des kleinen Jungen es im Vorfeld schon getan hat, und stirbt.“

Kurze Stille.

„Die Mutter hat sich also selbst angezündet“, resümiert die Dozentin und kritzelt ein paar verzweifelte Notizen nieder.

„In Ordnung. Also vielen Dank“, sagt sie pflichtbewusst, und Herta scheint einen Augenblick sexueller Katharsis zu durchleben.

„Und was ist deine Idee, Anna?“

Anna schlägt ihr Notizbuch auf, in dem sie fein säuberlich Titel, Logline, Figurenbeschreibung und eine Gliederung für ihr Projekt niedergeschrieben hat.

„Ich schreibe über eine Dreiecksbeziehung zwischen Männern, die alle zusammen in einem Haus leben.“

„Oh. Das ist interessant, kennst du Leute, die wirklich so leben?“

„Ja, die kenne ich! Ein paar gute Freunde von mir haben eine Beziehung zu dritt. Das ist total spannend!“

Die Dozentin nickt mit Nachdruck. Ich versuche mir eine Tasse Kaffee einzugießen, merke aber plötzlich, dass die Thermoskanne leer ist. Ich habe einen Liter pechschwarzen Kaffee heute morgen getrunken, um einen durch diverse gestrige Biere heraufbeschworenen Kater zu ertränken. Hier das war der zweite Liter. Habe ich jetzt zu viel intus? Ich bin hochkonzentriert und blicke Anna mit weit aufgerissenen Augen an, während sie munter weitererzählt.

„Aber die haben immer nur zu dritt Sex!“

„Echt?“

„Ja, das ist ganz wichtig! So hat jeder seinen Platz, und die drei sind als Paar unzertrennlich! Aber in meiner Geschichte passiert es dann, dass Valentin und Ruben zu zweit miteinander schlafen, das wollen die vor Leon, dem Protagonisten, verheimlichen. Aber er kommt dahinter. Und dabei ist er eigentlich in Valentin verliebt.“

„Und was geht in Valentin vor?“

„Valentin ist Bindungsphobiker. Das fasziniert Leon auch so an ihm. Er lässt sich von Ruben zum Sex überreden und glaubt, sich nun allein in Ruben zu verlieben. Aber er weiß nicht, ob er sich ihm hingeben, die Dreiecksbeziehung weiterführen oder doch Leon mehr Beachtung schenken soll.“

„Ich muss mal ganz provokant fragen“, sagt der Finanzberater und legt eine affektierte Pause ein.

Die Dozentin nickt ihm zu.

„Wie hat man denn zu dritt Sex?“

„Ach, da gibt es schon Mittel und Wege.“

Mein Herz pocht heftig. Der Kaffee beseelt mich auf eine Art und Weise, die mir bis dato unbekannt war. Ich stelle mir Ruben, Leon und Valentin vor, drei halbwüchsige Jungs, an den Beinen rasiert, langhaarig, ungeduscht. Sie stehen in einer verlassenen Hütte am See, haben gerade vegane Ravioli gegessen und Tetrapackwein getrunken, der sie ganz rosig gemacht hat. Und jetzt stehen sie über- und untereinander, einen Penis nach dem anderen in den Mund nehmend, zwei Paar Scrotii liegen auf Valentins Kopf, von denen er je einen Part genüsslich ableckt, er ist nämlich Bindungsphobiker und traut sich das Anale-Grande-Finale noch nicht zu, dem sich Leon und Ruben in einer blut- und fäkaltriefenden Schlacht schon hingegeben haben. Finger werden in jegliche Körperöffnungen gesteckt, Spermien schiessen durch die Lüfte und spritzen den Beteiligten in Mund, Auge, auf den Rücken, die Brust, den Anus — es ist pure, ursprüngliche und animalische Romantik, die gerade jetzt in diesem verlassenen Haus am See zelebriert wird!

„Aber findest du das nicht total schräg?“, fragt der Berater weiter, der von der Vorstellung von enthemmten Sex unter Männern latent fasziniert zu sein scheint.

„Genau darauf muss der Film aufmerksam machen! Männer, die zu dritt miteinander schlafen, sind genau so normal wie du und ich!“, sagt Anna und scheint beim Anblick ihres schmierig grinsenden Gegenübers einen leichten Würgreiz zu unterdrücken.

„Aber wie wird man denn so?“, fragt er weiter.

„Man wird doch einfach so geboren“, sagt Cornelia, die nach wie vor ein einsames Licht in dem düsteren Tunnel darstellt, den wir gerade durchqueren.

„Hmm, ja, also man kann auch durch prägende Ereignisse schwul werden. Ich habe zum Beispiel auch mal bisexuell gelebt!“, sagt Herta stolz und vergräbt die Fingernägel wieder viel zu tief in ihren Handrücken.

Auf einmal merke ich, dass neben mir eine eng bekleidete Frau sitzt. In Stöckel und Strapse, ledernem BH und Lack am Leib, rekelt sie sich und schaut mir verträumt in die Augen. Das ist komisch, mir war bisher nicht klar, dass ich eine Sitznachbarin habe. Sie ist blass und blond, die Pupillen blutrot. Ihr BH ist so eng — oder sind ihre Brüste einfach so dick? — dass sie aus ihm herauszufallen drohen. Dieses mit üppigen Kurven ausgestattete Wesen streicht mit der Zunge über seine Lippen. Ihre Hände liegen auf dem Tisch, und, was gar nicht zu ihrer lasziven Haltung passt, sind blutverschmiert.

„Wer bist du?“, flüstere ich ängstlich.

„Frag nicht. Genieß einfach den Augenblick“, antwortet sie und lächelt mir zu, wobei ihr ein leises Stöhnen entfährt.

Ich zucke mit den Achseln und widme mich dem weiteren Geschehen.

„Ja, und, also ein Kollege von mir sitzt im Lichtenberger Bezirksrat und hat sich, zwei Tage vor der Pensionierung, entschieden, schwul zu sein!“

„Ja und?“, fragt die Dozentin, die mittlerweile ihre Brille abgelegt hat und tief im Stuhl eingesunken ist.

„Ja, er will auch als Frau weiterleben. Er hat sich für eine OP angemeldet und trägt aber jetzt schon nur noch Frauenklamotten.“

Was war nur aus dem stolzen Lichtenberger Hünen geworden? Früher waren das doch alles Nazis und Alkoholiker. Oder Russlanddeutsche. Und heute wollten sie scheinbar als Frauen ihren Frieden mit der Welt schließen. Wie schnell sich die Welt geändert hat…

„Wie kommt es denn, dass Leon in diese Dreiecksbeziehung geschlittert ist? War das geplant?“

„Leon ist ein ganz normaler Mensch, und der Film soll genau das zeigen. Es ist normal, schwul zu sein und in einer Dreiecksbeziehung mit Männern zu leben, wie es normal ist, mit einer Frau eine Ehe einzugehen!“, sagt Anna.

„Gut, das ist ein Argument“, sagt die Dozentin, „jedoch sollte man immer überlegen, ob man auch eine Backgroundwound für seine Protagonisten einbaut. Vielleicht nicht in deiner Geschichte, Anna, die scheint mir erstmal schlüssig. Vor allem für einen Kurzfilm.“

Anna nickt erfreut und kritzelt weitere Notizen nieder. Ich schaue ihr dabei zu und nicke zustimmend. Die Frau hat einen Plan! Plötzlich aber packt mich meine Nachbarin am Kinn und reisst meinen Kopf in ihre Richtung. Sie röchelt vor Lust und fährt ihre gespaltene Schlangenzunge aus, die sanft über mein ganzes Gesicht gleitet und dabei eine schleimige Spur grünen Gifts hinterlässt. Rauch tritt aus ihren Augen, die auf einmal Feuer fangen. Das ist geil!

„Was aber ist zum Beispiel der Hintergrund von Augustin? Warum fühlt er sich zu kleinen Jungs hingezogen? Es muss doch etwas in seiner Kindheit vorgefallen sein!“, sagt die Dozentin zu einer vor Unmut wankenden Herta.

„Vielleicht sind seine Eltern ja Hippies!“, ruft der Finanzberater in die Runde und grinst herausfordernd.

„Nicht alle Hippies machen ihre Kinder zu Pädophilen!“, sagt Cornelia empört.

„Aber die Tendenz ist da!“, protestiert der Berater und Herta weiß weder ein noch aus, während ihre Atmung auf beunruhigende Weise schneller wird.

„Kathrins Eltern beispielsweise sind SED-Funktionäre gewesen, deswegen klammert sie sich an überholte Moralvorstellungen, weil der Kommunismus sie traumatisiert hat!“

Gemurre im Raum. Die Dozentin schließt die Augen und versucht, all das Gesagte irgendwie zu sortieren.

„Ok… Das ist ein Ansatz“, ächzt sie und blickt auf.

„Wie steht es bei dir? Was ist deine Geschichte?“, will sie von mir wissen.

Doch hat meine Sitznachbarin gerade ihre Hand in meiner Hose und flüstert mir Legenden und Märchen über Monster, nackte Frauen, Blut und Kettensägen, ex- und implodierende Raumschiffe und degenerierte, in Massen auftretende Serienmörder, Schießereien, prollige Sprüche, Stahl, Schweiss, Kraft und Begierde, sie eröffnet mir wunderbare Welten schwachen und wahnhaften Sinnes, aus der ich eigentlich gar nicht verschwinden möchte. Meine monströse Muße hat eine Bohrmaschine mitgebracht und diese vor mich auf den Tisch gelegt, was ich dieser Frau sehr hoch anrechne. Ich springe auf den Tisch und drücke mir den Steinbohrer-Aufsatz gegen die Stirn. Doch bevor ich endgültig Tschüss sage, will ich die Frage wenigstens in Teilen beantworten.

„Ihr… Habt alle gar keine Ahnung!“, rufe ich und gucke böse durch den Raum, „eigentlich würde ich Euch allen gerne, wenn ich mich jetzt nicht gleich umbringen würde, ins Gesicht kotzen, so langweilig sind Eure Geschichten! Ihr habt überhaupt gar nicht, sowasvonüberhauptnicht begriffen, worum es in diesem Schreibkurs eigentlich geht!“

Die Teilnehmer schauen mich an. Entsetzen bei Anna und Cornelia, es entsteht eine latente Erregung bei dem Finanzberater, eine manifeste Erregung bei Herta, und eine einzelne Träne auf der Dozentin Wange.

Eigentlich ist mir sehr genau bewusst, dass meine Muße nicht existent, meine Bohrmaschine nur ein langer Bleistift und meine Darstellung nur ein Produkt aus endgültig zu viel billigem Alkohol und starkem Kaffee ist. Aber ich will meinen Punkt machen, bevor ich mich wieder hinsetze.

Da ich gerade selbst den Faden verloren habe, muss ich, stark keuchend, eine Sekunde lang überlegen, aber meine blutüberströmte Muße hat jetzt Fledermausflügel, flattert durch den Raum und nickt mir mit brennenden Augen und ausgestreckter Zunge ermutigend zu — sodass ich brülle: „Es geht nämlich einzig und allein um die Wahre Kunst!“

 

[Gesamt:9    Durchschnitt: 3.9/5]

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