EINE HERBSTNACHT IN HELL`S KITCHEN – JAN NIKLAS MEIER

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

  1. Oktober 1922, Hell’s Kitchen, New York, 19:54 Uhr

Die Nase des fetten Italieners brach mit einem vernehmlichen Knacken. Blut spritzte und der dicke Mann ging mit einem gequälten Aufschrei zu Boden. Aidan Byrne schüttelte die schmerzende Faust. Er seufzte und sah auf sein sich am Boden wälzendes Ziel hinab. Dann trat er dem Italiener mit voller Wucht in die Seite. Trotz der üppigen Fettpolster des Mannes gingen mindestens zwei Rippen zu Bruch. Der Italiener schrie lauter.

»Wo sind die Kinder? Wem hast du sie verkauft?« Aidan hoffte, diesmal wäre er an der richtigen Adresse.

»Ich … ich habe keine Kinder verkauft«, stotterte der Verletzte.

Aidan hob die linke Braue; ein wirksamer Trick, den er sich mühsam beigebracht hatte. »Bist du dir da ganz sicher?«

»Bei Gott …  Ja, ich schwöre es! Ich schwöre! Ich weiß nicht, wovon du redest, Mann!«

Nun, auch die Sache mit der Augenbrauche verfehlte manchmal ihre Wirkung. Langsam zog Aidan ein Rasiermesser aus der Tasche seines Mantels. Er klappte es auf und hielt es dem Italiener vor das, was einmal dessen Nase gewesen war. »Weißt du, mein Freund, daheim in Dublin haben wir derlei Dinge auf eine ganz spezielle Weise gehandhabt. Wenn einer nicht reden wollte, haben wir ihn auseinandergeschnitten. Stück für Stück, nach allen Regeln der Kunst. Mein Cousin, Gott hab ihn selig, war ein wahrer Künstler dabei. Ich selbst bin nicht so versiert.» Aidans Blick wurde steinhart. »Aber sei versichert, es tut genauso weh.« Mit einer Geschwindigkeit, die man einem so massigen Mann nicht zugetraut hätte, griff Aidan nach dem Hemd des Italieners und zog den Fetten hoch. Mit der Linken hielt er ihn fest, mit der Rechten trieb er das Rasiermesser ins Fleisch seines Opfers. Mit mehr oder minder präzisen Schnitten trennte er das linke Ohr des Mannes ab.

Das Schreien des Italieners erreichte Frequenzen, von denen Aidan nicht dachte, dass ein Kettenraucher sie erreichen könnte.

Als er sein blutiges Handwerk beendet hatte, stieß er den Dicken auf den Boden zurück. Das blutige Ohr warf er ihm ins Gesicht.  »Also?«

Der Italiener schrie.

»Wenn du nicht gleich still bist, schneide ich dir den Schwanz ab und stopfe ihn dir in deine hässliche Fresse!«

Das Schreien wurde zu einem unterdrückten Schluchzen.

»Ein letztes Mal: Was hast du fettes Stück Scheiße mit den Kindern gemacht?« Aidan wurde allmählich wirklich wütend.

»Ja, verdammt. Ich habe sie verkauft!« Der Italiener stammelte. »An einen … einen … «

»Einen was?« Während der Frage ritzte Aidan eine Schlangenlinie in die Stirn des Mannes.

»Schon gut, schon gut! An einen Iren! Ist es das, was du hören wolltest? An einen Iren habe ich die verdammten Kinder verkauft. Ich weiß nicht, was genau das für ein Kerl war. Unheimlich, das war er auf jeden Fall. Wollte sich nur nachts in irgendwelchen Gassen treffen. Sah aus, als gehöre er nicht nach Hell’s Kitchen. Fein gekleidet und so. Sah aus, als käme er … ich weiß auch nicht, als wäre er fremd hier. Nicht nur fremd im Viertel, fremd in ganz New York.«

»Und auf einmal kannst du reden, geht doch.« Zur Belohnung drückte Aidan ein bisschen auf das gebrochene Nasenbein des Italieners. Inzwischen hatte der Dicke zu viel Angst, um erneut zu schreien. Er beließ es bei einem gequälten Stöhnen. Aidan grinste. »Nun, mein redseliger Freund, hast du vielleicht einen Namen für mich? Du verstehst doch, dass du mir schon ein bisschen mehr liefern musst, damit … « Er machte eine bedeutungsschwangere Pause.

Der Italiener hatte verstanden. Ganz ohne Augenbraue.

»Ich … ich weiß seinen Namen nicht. Aber ich habe eine Anschrift. Ja, eine Adresse. Dorthin habe ich die Kinder gebracht. Mehr weiß ich nicht, mehr kann ich dir nicht geben. Es ist in der 46., an den Piers. Ein altes Lagerhaus, ziemlich heruntergekommen. Und noch etwas: Er sagte, er habe etwas vor, etwas Wichtiges. Es soll heute Nacht geschehen. Mehr weiß ich nicht, ich schwöre es!«

Aidan lächelte aufmunternd. Dann trat er dem Mann gegen den Kopf. Wieder und wieder. Nach dem fünften Tritt hörte der Italiener auf zu zucken. Aidan holte tief Luft, dann ließ er seinen Fuß ins Gesicht des Dicken krachen. Er trat zurück, suchte nach einer Stelle des ehemals weißen Hemdes seines Opfers, die nicht blutverschmiert war. Als er eine gefunden hatte, bückte er sich und wischte seine Faust ab. Dann spuckte er auf die Leiche und wandte sich ab. Als er aus der Tür der ärmlichen Wohnung im dritten Obergeschoss der Mietskaserne trat, war der Flur menschenleer. Auch auf dem Weg nach unten begegnete ihm niemand. Hätte ihn auch gewundert.

Als Aidan die 46. Straße in Richtung Hudson River entlangschlenderte, dachte er über den rätselhaften Fall nach, mit dem man ihn betraut hatte. Drei Frauen hatte Owney Madden zu ihm geschickt. Eine davon war dessen Schwester Mary. Owney selbst konnte ihr nicht helfen, er saß in Sing Sing ein, wegen Mordes. Marys kleine Tochter war verschwunden, ebenso wie die Kinder der beiden anderen Frauen. Es lag also an Aidan, der Familie seines Bosses zu helfen. Zwar waren die Gophers, ihre alte Gang, längst Gesichte, waren mit Owneys Inhaftierung nach und nach auseinandergefallen, doch Aidan hielt seinem Boss die Treue. Das würde er immer tun. Also hatte er sich auf die Suche gemacht. Nach einigen Misserfolgen hatten ihn seine Nachforschungen schließlich zu Marlo Abbondio geführt, jenem fetten Stück Scheiße, das nun als trostloser Fleischsack voll zerbrochener Knochen in seiner eigenen Wohnung vergammelte. Marlo war eigentlich ein Zuhälter, schickte Frauen und Mädchen auf die Straße. Nun hatte er offenbar auch den Menschenhandel für sich entdeckt. Aidan war sich sicher, alles aus dem Drecksack herausgeprügelt zu haben. Schlau wurde er aus der Sache trotzdem nicht.

Gedankenverloren schob Aidan seinen Stetson – im Übrigen ein Geschenk von Owney – in den Nacken und strich sich durch das von alten Akne- und Kampfnarben verunzierte Gesicht. Die Sonne war bereits untergegangen, und er hatte keine Ahnung, was es mit den verschwundenen Kindern auf sich hatte. Jung waren sie, das wusste er. Marys Tochter war gerade einmal drei Jahre alt, die der beiden anderen Frauen nicht viel älter. Was wollte man mit Kindern in einem solchen Alter? Aidan konnte es sich nicht vorstellen. Oder wollte er es nicht vorstellen? In seiner Zeit als Schläger für die Gophers hatte er einiges gesehen, das er seinen Lebtag nicht vergessen würde. Er wusste nur zu gut, zu welchem kranken Scheiß die Menschen fähig waren.

Aidan schüttelte den Kopf, um die düsteren Gedanken zu vertreiben. Immerhin hatte er eine Adresse. Und genau dorthin würde er nun gehen. Und dann würde er dem Mann hinter den Entführungen die Fresse einschlagen. Für Owney.

 

  1. Oktober 1922, Hell’s Kitchen, New York, 21:06 Uhr

Das alte Lagerhaus am Pier machte einen ziemlich verlassenen Eindruck. Es hätte Aidan allerdings auch gewundert, wäre dem nicht so gewesen. Als irischer Gangster in Zeiten der Prohibition lernte man sehr schnell, dass besonders die verlassen scheinenden Häuser die interessantesten Geheimnisse bargen. Das war fast schon ein ungeschriebenes Gesetz, nicht nur in Hell’s Kitchen. Was ihn allerdings wirklich verunsicherte, war die Tatsache, dass er keine Wache entdecken konnte. Keine einzige. Nicht einmal ein beschissener Bettlerjunge hockte in irgendeiner der schmierigen Gassen und passte auf, dass sich niemand der Halle näherte. Aidan hatte die gesamte Umgebung überprüft. Und er wusste, worauf es zu achten galt, schließlich hatte er selbst genug Verstecke eingerichtet, beschützt – und ausgeräuchert. Hier war einfach niemand. Und das machte Aidan verdammt nervös. Schließlich entführte man nicht einfach mal so die Nichte von Owney Madden. Wer auch immer hinter dem Verschwinden der Kinder steckte, musste gewusst haben, dass das ein Nachspiel haben würde. Andererseits hatte Marlo gesagt, sein rätselhafter Auftraggeber sei ganz offenkundig nicht aus New York gewesen.

Aber war der Mann wirklich so dumm?

Aidan sah sich noch einmal um. Alles wirkte verlassen, ruhig und heruntergekommen wie immer. Direkt vor ihm befand sich das alte Lagerhaus. Wie fast alles in Hell’s Kitchen, war das relativ große, eingeschossige Gebäude aus Holz erbaut. Die Nähe zum Fluss und mangelnde Pflege hatten das Material im Laufe der Jahre faulig werden lassen. Grünliches Gewächs wucherte an der Flussseite der Halle. Hier befand sich auch eines der beiden Tore; es führte direkt auf einen Pier, der ebenso morsch wie die Lagerhalle wirkte. Das andere lag auf der gegenüberliegenden Seite an einem kleinen Hof, der an die 46. grenzte.

Aidan fasste einen Entschluss. Er hatte keine Zeit mehr. In der heutigen Nacht sollte etwas geschehen, das hatte Marlos Auftraggeber dem fetten Italiener angekündigt. Dieses Etwas mochte den Tod der Kinder bedeuten. Den Tod von Owneys Nichte. Und das würde Aidan nicht zulassen.

Also verließ er seine Deckung, den schmalen Durchganz zwischen zwei Wohnhäusern auf der anderen Seite der 46., überquerte die Straße und näherte sich dem Tor am Pier. Hier, so dachte er, wäre die Chance am größten, dass niemand sein Eindringen in das Gebäude bemerkte. Wenngleich er niemanden hatte entdecken können, wollte Aidan kein unnötiges Risiko eingehen.

Am Tor angekommen, stellte er fest, dass jemand den Eingang mit einem Vorhängeschloss gesichert hatte. Von außen. Offenbar hatte er den Hintereingang erwischt.

Das Schloss stellte kein großes Hindernis dar. Nach einem verstohlenen Blick über die Schulter holte Aidan die Dietriche aus einer der zahlreichen Taschen seines Mantels und machte sich an die Arbeit.

Er brauchte ungefähr zwei Minuten; definitiv nicht seine beste Arbeit. Aber zumindest war er drin.

Dummerweise war die Lagerhalle nahezu komplett leer.

Aidan ließ den Blick durch den Innenraum schweifen. Ihm gegenüber lag das andere Tor. Anders als den Hintereingang, durch den er eingebrochen war, sicherte ein massiver Holzbalken auf der Innenseite den Haupteingang an der 46. Straße. Wenngleich er sich also offenbar für das richtige Eindringen entschieden hatte, stand er nun vor einem Problem. Zwischen ihm und dem das andere Tor versperrenden Holzbalken befanden sich nämlich nur ein paar modrige alte Holzkisten. Keine Kinder, kein ominöser Drahtzieher, dem er die Fresse einschlagen konnte.

Aidan seufzte. Wäre ja auch zu einfach gewesen. Er setzte seine Suche fort.

Als er die dritte oder vierte Kiste untersucht und für leer befunden hatte, fiel es ihm auf. Das ganze Lager war auffallend sauber. Es gab kaum Staub, kaum Dreck. Ganz so, als würde jemand hier regelmäßig Ordnung machen.

Eine Erkenntnis. Dummerweise erleichterte fehlender Dreck nicht unbedingt die Suche nach Spuren.

Nach zwei weiteren Kisten hörte Aidan die Stimme.

Eine dunkle Stimme war es. Sicher die eines Mannes, aber wer auch immer dort sprach, klang seltsam dumpf, ganz so, als befände er sich unter der Erde.

Aidan konnte nicht verstehen, was gesagt wurde.

Aber er konnte ausmachen, von wo die Stimme kam. Zumindest ungefähr. Sie kam von unten.

Aufmerksam wanderte Aidans Blick durch den Raum.

Es blieben noch zwei Kisten.

Bei der ersten wurde er fündig. Zwar wirkte das ganze Ding genauso brüchig wie alle zuvor untersuchten, doch barg besagte Kiste beim Öffnen eine Überraschung – ihr fehlte der Boden. Statt einer morschen Schicht Holz erblickte Aidan ein Loch im Boden und eine Leiter, die hinab führte.

Von unten waberte Fackelschein zu ihm hinauf.

Und von unten kam die Stimme.

Aidan streifte seinen Mantel ab, legte den Stetson sorgsam, fast zärtlich auf den Boden und machte sich an den Abstieg. Nach etwa zweieinhalb Metern fand er sich am Boden eines schmalen, aus dem Erdreich geschaufelten, mehr schlecht als recht mit einigen Holzbohlen abgestützten Ganges wieder. Überall tropfte es; das musste die Nähe zum Fluss sein. So oder so: Es ging nur in eine Richtung. Dort lag die Quelle des Fackelscheins. Und dort rezitierte die Stimme.

Aidan zog seinen .38er und folgte dem Gang.

Nachdem es für ungefähr 90 Fuß stetig bergab gegangen war, verbreiterte sich der Gang zunehmend. Nach weiteren vielleicht 30 Fuß öffnete sich der Weg vor Aidan schließlich zu einer richtigen Höhle.

Eine vor der Unterwelt verborgene Unterwelt, Hell’s Kitchen war wirklich immer für eine Überraschung gut.

Die Höhle war nahezu kreisrund und ihr Boden lag noch einmal ein gutes Stück unter Aidans Standort. Der Gang, aus dem er gekommen war, mündete in einer Art natürlicher Balustrade, die sich entlang der Wände zog. Etwas links seiner Position lehnte eine Leiter an jener Balustrade und führte auf den Grund der Höhle.

Und eben dort unten spielte sich Unglaubliches ab.

In der Mitte des Raumes umringte eine Gruppe von Männern – von nackten Männern – eine Statue. Gute sechs Fuß hoch war sie, in etwa so groß wie Aidan. Damit endete aber auch schon alles Menschenähnliche an ihr. Auf dem aufgerichteten Körper einer Schlange thronte ein unförmiger Kopf, der entfernt an einen Hund erinnerte. Einen Hund mit dem Geweih eines Hirsches allerdings. Außerdem besaß das Wesen zwei Arme – Arme, die in krallenbewehrten, unnatürlich großen Händen endeten.

Und in jeder dieser Hände lag ein Kleinkind.

Während die nackten Männer auf den Knien im Kreis um die widernatürliche Statue lagen, stand der einzig Bekleidete direkt vor ihr. Ein Mann, denn es war seine Stimme, die rezitierte, gehüllt in einen dunklen Mantel, das Gesicht verborgen von einer Maske, die dem Kopf der Statue nachempfunden war. Der seltsame rituelle Singsang brachte eine Saite in Aidan zum Schwingen. Es dauerte eine Weile, bis er erkannte, was der Grund dafür sein mochte: Der Maskierte sprach Gälisch, die alte Sprache seines Heimatlandes, die man ab und an noch von den Großvätern hörte, wenn sie zu viel getrunken hatten. Aidan konnte zwar die Sprache identifizieren und er verstand einzelne Wörter, den Inhalt oder gar den Sinn des Sprechgesangs vermochte er sich aber nicht zu erschließen. Interessanter fand er ohnehin etwas anderes: In der Faust des rezitierenden Mannes – des Anführers, des Hohepriesters? – sah Aidan einen langen, gekrümmten Dolch.

Einen Dolch, den dieser soeben in die Bauchdecke eines der Kinder rammte.

Der kleine Junge gab keinen Laut von sich, er rührte sich nicht einmal. Selbst als der Maskierte den Dolch nach unten riss und die Bauchdecke des vielleicht einem Jahr alten Babys öffnete, drang kein Laut aus der winzigen Kehle.

Der Mörder des Kindes griff in dessen Leib und holte eine Handvoll Eingeweide aus der Leiche, ohne seinen Singsang zu unterbrechen. Den blutigen Klumpen warf er gegen Statue, dass Blut und Schleim nur so spritzten.

Es versetzte die Nackten in Erregung, wie Aidan unschwer erkennen konnte. Diese Widerlinge bekamen tatsächlich eine Erektion! Die Ekstase der Verrückten steigerte sich immer mehr, einige schlugen vor Verzückung ihre Stirn auf den Boden, als wollten sie sich selbst die Schädel zertrümmern.

Er hatte genug gesehen.

Es waren sechs Männer in der Höhle, den Maskierten eingeschlossen.

Die Überzahl war Aidan egal. Wer fähig war, ein Kind derart bestialisch zu ermorden und sich dann auch noch daran aufgeilte, der verdiente den Tod. Einen ziemlich schmerzhaften Tod.

Und den würde Aidan ihnen bringen.

Er zog seinen Schlagring über die rechte Faust und griff mit der Linken den .38er. Er konnte mit beiden Händen gleich gut schießen, die Rechte aber war seine Schlaghand. Langsam stand Aidan auf und suchte nach einem sicheren Stand auf der Balustrade. Er war nur wenige Meter von der Gruppe entfernt und richtete den Revolver auf den Maskierten.

Aidan schoss dem Mann in den Rücken.

Noch während sein Ziel zu Boden ging, jagte Aidan eine weitere Kugel hinterher – sicher war sicher – und schwenkte die Waffe dann auf den nächstbesten Nackten.

Ihn traf er in den Kopf.

Das hervorspritzende Blut benetzte die Statue.

Allmählich kam Bewegung in seine überrumpelten Feinde. Die vier verbleibenden Männer sprangen auf und entdeckten ihn auf der Balustrade.

Sie deuteten aufgeregt auf ihn und liefen durcheinander.

Sie waren einfach Ziele.

Mit den verbliebenen drei Kugeln seines Revolvers fällte Aidan zwei weitere Feinde. Den Ersten traf er genau in den Mund und der Mann ging in einer Wolke aus Blut und Zahnsplittern zu Boden. Sein zweites Ziel sank mit einem Doppeltreffer in der Brust in den Dreck. Eine der Kugeln schien das Herz erwischt zu haben.

Blieben noch zwei.

Aidan sprang von der Balustrade und ging auf die Widerlinge los.

Nun begann der Teil seines Jobs, in dem er wirklich gut war.

Einer der Nackten presste sich nur ein paar Meter von ihm entfernt an die Höhlenwand. Aidan rannte auf ihn zu. Noch im Lauf hob er die rechte und ließ seine mit dem Schlagring bewehrte Faust ins Gesicht des Kultisten krachen.

Die Wirkung war verheerend.

Der Schlag drückte die Nase des Mannes komplett ein, Zähne wurden aus dem Kiefer gepresst, Fleisch riss und die schiere Wucht des Schlages warf den Feind gegen die Wand. Mit einem irren Lachen schlug Aidan erneut zu. Und wieder. Und wieder. Erst als vom Gesicht seines Opfers nicht mehr als rotbrauner Brei übrig war, ließ er die Überreste zu Boden gleiten.

Langsam wandte er sein blutverschmiertes Gesicht dem letzten Mann zu.

Der allerdings hatte nicht etwa versucht zu fliehen, sondern hatte sich den Dolch des toten Maskierten geschnappt und ihn in den Leib des zweiten Kindes gerammt.

Aidan erreichte ihn, als er das Baby – ein schneller Blick verriet, dass auch dieses Kind nicht älter als ein Jahr und damit nicht Owneys Nichte sein konnte – ausweiden wollten.

Aidan schlug den Mann tot.

Zuerst gaben die Wangenknochen unter den wuchtigen Hieben nach. Der Schlagring fuhr wieder und wieder in das nun seltsam verschoben wirkende Gesicht nieder.

Gerade als Aidan von der Leiche abließ, entdeckte er es: Direkt vor ihm, zu den Füßen der Statue, hockte ein weiteres Kind; ein Mädchen von vielleicht drei Jahren – das musste die Gesuchte sein.

Dann allerdings öffnete die Kleine den Mund und sprach zu ihm.

 

  1. Oktober 1922, Hell’s Kitchen, New York, 23:51 Uhr

Aidan hatte einen Entschluss gefasst.

Er kniete vor der Statue und ließ die Worte des kleinen Mädchens – oder vielmehr des Wesens im Körper der Dreijährigen – auf sich wirken.

Er wusste noch immer nicht genau, was geschehen war. Als er sein blutiges Handwerk beendet und Owneys Nichte am Boden gesehen hatte, da war kurz der Gedanke, dass nun doch alles gut ausgegangen sei, durch seinen Kopf geschnellt. Dann allerdings hatte die Kleine angefangen zu reden.

Und ihre Stimme war wirklich seltsam gewesen.

 

  1. Oktober 1922, Hell’s Kitchen, New York, 21:44 Uhr

»Was hast du getan?« Das Kind vor Aidans Füßen bewegte zwar die Lippen, trotzdem schien die dunkle Frauenstimme, die so gar nicht zu dem zarten Körper vor ihm passen wollte, direkt in seinem Kopf zu sein.

»Ich habe ein paar widerliche Scheißkerle in die Hölle befördert!« Aidan war schon immer ein gläubiger Mensch gewesen. Trotz seiner Arbeit. Oder gerade deswegen.

»Damit hast du den Kreaturen der Anderswelt Tür und Tor geöffnet. Und glaub mir, wenn du ihnen begegnest, wirst du dir wünschen, in deiner Hölle zu sein.«

Aidan starrte auf das Mädchen herunter. »Wer bist du?«

»Die Menschen nennen mich Cromm Cruach und ich bewache die Anderswelt. Die wahren Gläubigen, die, die nicht von euren Christengott verblendet sind, beten mich an und nähren mich.«

»Sie nähren dich? Mit dem Fleisch toter Kinder? Das ist ekelhaft!«

»Es ist in erster Linie notwendig. Nur durch die ihren Körpern innewohnende Kraft und die Gebete, die Ekstase meiner wahren Gläubigen, vermag ich die sídhe an Samhain verschlossen zu halten. Tue ich dies nicht, werden Kreaturen über eure Welt hereinbrechen, die du dir nicht einmal in deinen schlimmsten Albträumen ausmalen kannst. Und durch dein Einschreiten fehlt mir nun die nötige Kraft. Du hast keine Ahnung, welches Übel du über euch gebracht hast!«

Den Begriff sídhe hatte Aidan schon einmal gehört. Seine Großmutter hatte ihn benutzt, wenn sie ihm Geschichten erzählte. Feenhügel, so nannte man hierzulande die geheimnisvollen Orte, an denen die Menschen Kontakt zur Geisterwelt aufnehmen konnten. Und Samhain, nun das war einfach Halloween, ein Fest, um Kinder zu erschrecken. So ein Schwachsinn! Doch andererseits: Was zur Hölle war mit dem Kind passiert? Hatten diese Schweine es etwa unter Drogen gesetzt?

»Ich spüre, dass du mir nicht glaubst. Das ist das Problem eurer ach so modernen Welt. Ihr haltet euch für überlegen, lebt nicht mehr nach den alten Gesetzen, beschreitet nicht mehr den alten Weg. Nun, Aidan Byrne, ich werde dir zeigen, was du mit deinem Einschreiten in diese Welt gelassen hast. Und dann wirst du mir die Kleine hier liebend gern opfern.«

Bei diesen Worten huschte ein böses Lächeln, das so gar nicht zu einem unschuldigen Kind passen wollte, über das Gesicht von Owneys Nichte.

Und dann war das Kind, war Cromm Cruach in seinem Kopf gewesen.

 

  1. Oktober 1922, Hell’s Kitchen, New York, 23:57 Uhr

Ein Nerv unter Aidans linkem Auge zuckte.

Er hatte die Anderswelt gesehen, er wusste nun, welche Kreaturen über seine Welt hereinbrechen würden, sobald es Mitternacht schlug.

Das würde übel werden, wirklich übel.

Übel, aber machbar.

Langsam erhob er sich und verließ die Höhle. Wieder im Lagerhaus angekommen, zog er sich seinen Mantel an und setzte den beiseitegelegten Stetson auf. Der Schlagring saß noch immer auf seiner Faust, an den Fleischfetzen und dem Blut daran störte Aidan sich nicht. Es musste mittlerweile einige Minuten nach Mitternacht sein.

Zeit für den nächsten Job.

»Du bist ein Narr, wenn du glaubst, gegen die Kreaturen der Anderswelt bestehen zu können!«

Owneys Nichte, nun vollends von Cromm Cruach besessen, war an seiner Seite. Zumindest konnte er so auf die Kleine aufpassen. Trotzdem wollte er eines klarstellen: »Halt’s Maul!« Aidan fand, dass der Inhalt seines Kopfes allein ihn etwas anging.

»Wozu habe ich dir wohl die Anderswelt gezeigt? Nicht, damit du den Helden spielst und meinst, im Alleingang die Welt retten zu können

Aidan seufzte. »Erstens will ich nicht die Welt retten. Mir geht es um meinen Arsch und um den Arsch von Owney. Im Gegensatz zu allen anderen hat der nämlich tatsächlich mal was Gutes für mich getan. Und wenn es dein Vorschlag ist, dir seine Nicht zu opfern, dann kannst du das vergessen. Ich bin in Hell’s Kitchen groß geworden. Schlimmer können deine Freunde auch nicht sein. Wenn du mich also schon nicht in Ruhe lassen willst, mach dich wenigstens nützlich und sag mir, wo der nächste Feenhügel liegt.«

»Und was willst du dort tun?«

»Das, was ich am besten kann. Jemandem die Fresse einschlagen.«

 

[Gesamt:9    Durchschnitt: 4.4/5]

Eine Antwort

  1. Holger Richter sagt:

    Interessant. Anfangs eher ein Hardboiled-Thriller, dann die Wendung mit dem Cromm Cruach zum Dämonenhorror. Nicht schlecht, überzeugender Schreibstil.

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