EINE MENSCHLICHE ERFAHRUNG – AZIO BIASINI

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

Die vergessene Nacht

 

Christopher stöhnte auf vor Schmerzen. In seinem Kopf tobte ein Krieg. Die letzte Nacht hatte ihre Schatten auf ihn geworfen und forderte nun Tribut. Zu viel Koks, zu viel Alkohol, zu viel Maßlosigkeit.

Verdammt, ich bin zu alt für diesen Scheiß, dachte er und hielt sich den Schädel.

Neben ihm im Bett lag dieser Escort-Boy, seinen Namen hatte Christopher vergessen. Er blickte auf den milchig weißen Rücken des jungen Mannes und sah die wulstigen Narben über seinen Schulterblättern. Sie sahen aus, als hätte man ihm dort Fleisch herausgeschnitten oder etwas hinein implantiert. Vielleicht so ein kranker Körperkult? Oder eine Misshandlung? Doch er war noch zu erschlagen, um sich über den vernarbten Rücken des Callboy Gedanken zu machen. Christopher  erhob sich langsam, mit einem höllischen Stechen hinter der Stirn, aus dem Bett und zog sich an.

„Hey, du willst schon gehen?“, hörte er plötzlich die Stimme des jungen Mannes.

„Ich dachte, du bleibst noch zum Frühstück?“

„Nein, ich muss los!“

„Schade . . . ! Es war wieder mal ziemlich geil mit dir letzte Nacht.“

Christopher versuchte zu lächeln, doch der Schmerz in seinem Kopf  ließ nur ein verzerrtes Grinsen zu. Er legte das restliche vereinbarte Geld auf die Kommode und drückte dem Callboy einen flüchtigen Kuss auf die Stirn.

„Wir sehen uns hoffentlich bald wieder“, flüsterte er und ging aus dem Zimmer.

Die gesamte Nacht war aus seinem Gedächtnis gelöscht. Das Letzte, an das Christopher sich noch erinnern konnte war, dass sie gemeinsam auf das Hotelzimmer gegangen waren und dort Kokain und eine Menge Alkohol konsumiert hatten. Was danach passiert war, präsentierte sich als großes, leeres Loch in seinem Kopf. Nichts als Schwärze.

„Guten Morgen, Herr Schacht.“ Die junge Frau von der Rezeption lächelte ihn mit ihren perfekten Zähnen an und wischte sich etwas aus den Mundwinkel.

„Guten Morgen Frau . . .“

„Frau Janssen.“

„Ah! Guten Morgen, Frau Janssen.“

Das Funkeln in ihren Augen wurde durch Neugier ersetzt, als sie ihn von oben bis unten musterte.

„Und, wie hat Ihnen der Aufenthalt in unserem Haus gefallen? Waren Sie wie immer zufrieden, oder gab es diesmal etwas zu bemängeln?“

Ich war schon öfter hier?, schoss es Christopher wie ein Blitz durch den Kopf.

„Ja, danke. Alles in bester Ordnung.“ Er konnte sich weder an die letzte Nacht erinnern, noch an die Tatsache, dass er hier scheinbar Stammgast war.

Was ist bloß los mit mir? Hab‘ ich es so dermaßen übertrieben, dass ich mich nun an nichts mehr erinnern kann? Christopher stand vor einem großen Rätsel.

„Wir kümmern uns dann gleich um die Reinigung Ihrer Spielwiese. Natürlich beseitigen wir auch diskret Ihr Spielzeug, wenn es nötig ist.“ Das Lächeln der Rezeptionistin wurde immer breiter.

„Vielen Dank.“

„Nichts zu danken, dafür sind wir doch da.“

Ein merkwürdiges Gefühl überkam Christopher, als er das Hotel verließ.

Was meinte sie mit „Beseitigung Ihres Spielzeuges“ . . . ? Was ist letzte Nacht passiert? Seine Gedanken fuhren Karussell. Klar hätte er Frau Janssen fragen können, was sie damit meinte. Oder noch besser, was in der letzten Nacht passiert war. Aber sein Stolz ließ es nicht zu. Also versuchte Christopher so gut wie es eben ging, seine Gedanken zu beruhigen. Doch es wollte ihm nicht gelingen. Das Gewitter in seinem Kopf gab keine Ruhe und entfachte einen Sturm.

Ganz plötzlich tauchten Flashbacks auf, die das Bild eines nackten Mannes zeigten, dem Arme und Beine fehlten. Nur noch blutige Stumpen erinnerten an seine einstigen Gliedmaßen. Durch die klaffenden Wunden waren dicke Fleischerhaken getrieben, an denen sich schwere Ketten befanden. Die Ketten wiederum waren an der Decke befestigt, so dass der Torso wie eine Art menschliche Schaukel über dem Boden schwebte. Der Mann war abscheulich zugerichtet und wimmerte wie ein Welpe, der nach seiner Mutter rief.

Was zum Teufel geht hier ab . . . ?Ich habe mir vom Koksen wohl das Hirn ruiniert und verliere jetzt  meinen beschissenen Verstand. Das wird’s sein, ich werde irre . . . !, dachte Christopher und hielt sich mit beiden Händen den schmerzenden Kopf.

Die grausamen Bilder ergriffen immer mehr Besitz von seinem Geist und zwangen ihn in die Knie.

Plötzlich sah er die schemenhafte Silhouette eines Mannes vor sich, wie dieser mit gespreizten Beinen in der menschlichen Schaukel lag, und die harten Stöße seines Gegenübers lustvoll stöhnend empfing. Wieder und immer wieder, bis zum ekstatischen Höhepunkt . . .

Scheiße, was ist da oben im Hotelzimmer passiert . . . ? Das waren die letzten Gedanken, die Christopher noch durch den Kopf schossen, bevor er in eine erlösende Ohnmacht fiel und alles schwarz um ihn herum wurde.

 

Zimmer 205

 

„Hallo? Können Sie mich hören?“ Die Stimme von Frau Janssen, der Rezeptionistin, drang von weiter Ferne an Christophers Ohr, als dieser langsam wieder zu sich kam.

„Wir haben uns Sorgen um Sie gemacht.“ Ihre kleine Hand tätschelte behutsam seine Schulter.

Neben Frau Janssen kniete ein hagerer Mann mit Glatze. Er blickte ernst und ein leichtes Kopfschütteln verriet, dass etwas nicht stimmte.

„Diesmal ist es schlimmer als beim letzten Besuch“, sagte er besorgt.

„Aber das wird sich alles wieder normalisieren, sobald sich sein feinstofflicher Körper erneut an die menschliche Hülle gewöhnt hat.“

Frau Janssen sah den hageren Mann mit einem zustimmenden Nicken an.

„Sie haben recht, Herr Doktor. Am besten legen wir ihn auf das Sofa, gleich im Foyer.“ Doch bevor beide den am Boden liegenden Mann packen konnten, bäumte sich dieser plötzlich auf.

„Ich muss in dieses Zimmer“, flüsterte Christopher noch leicht benommen.

„Ich muss in dieses verdammte Zimmer!“

„Aber es ist noch nicht wieder in den ursprünglichen Zustand gebracht worden.“ Die zierliche Rezeptionistin versuchte den aufgebrachten Gast zu beruhigen und redete mit ihrer sanften Stimme auf ihn ein.

„Sie müssen sich jetzt ausruhen, Herr Schacht. Es wird Ihnen bald schon wieder besser gehen, das verspreche ich Ihnen.“

Doch Christopher ließ sich nicht vertrösten und rappelte sich mit wackeligen Beinen vom Boden auf. Wie ein Kind, das die ersten Schritte seines Lebens machte, taumelte er langsam zurück in das Hotel. Er hörte noch die besorgten Rufe seiner Ersthelfer, doch diese ignorierte er und lief schnurstracks in das riesige Foyer.

Ich muss in dieses Zimmer! Getrieben von diesem einen Gedanken taumelte Christopher in Richtung Fahrstuhl, wo ihn bereits eine offene Tür erwartete. Er ging hinein und drückte zielstrebig die 7.

Die Fahrt fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Nervtötende Musik hätte ihm beinahe den letzten Rest seines noch intakten Verstandes geraubt, wäre die Tür nicht endlich mit einem Schwung aufgegangen. Der Flur im 7. Stock war leer. Bis auf die zwei Wagen der Reinigungskräfte war nichts zu sehen.

Zimmer 205, kam es Christopher wieder in den Sinn. Er stützte sich mit der linken Hand an der Wand ab und mit der anderen fasste er sich ans Herz. Er spürte, wie es zu rasen begann. Das Atmen fiel ihm von mal zu mal immer schwerer, doch er musste sich irgendwie wieder unter Kontrolle bringen, und zwar schnell! Der Schmerz in seinem Kopf hämmerte ungnädig gegen die Schläfen, so sehr, dass plötzlich ein milchiger Schleier seine Sicht trübte.

Nicht wieder das Bewusstsein verlieren, flüsterte er motivierend zu sich selbst, wie eine Art Mantra.

Du hast es gleich geschafft. Jetzt bloß nicht schlapp machen!

Da war sie, die Zimmertür 205. Sein Herz hämmerte in der Brust und drohte herauszuspringen. Mit verschwitzten, zittrigen Händen tastete Christopher nach dem Türgriff und trat langsam, fast schon lautlos in das Zimmer ein. Es wurde nur durch einen kleinen Spalt in den Gardinen schwach beleuchtet und der muffige Geruch von alkoholischen Ausdünstungen lag penetrant in der Luft.

„Gott sei Dank, hier ist nichts Schreckliches passiert“, flüsterte er. Seine Augen gewöhnten sich allmählich an die spärliche Beleuchtung und erkannten die im Zimmer stehenden Möbel nun deutlicher. Auch konnte er das schwere Atmen des Escort-Boy hören, den er vor ein paar Minuten hier verlassen hatte.

Sergej! Sein Name ist Sergej . . . Verdammt ja, ich erinnere mich jetzt wieder. Aber er hieß nicht immer so . . . Mit einem Gefühl der Erleichterung, als würde ihm eine große Last genommen, strich Christopher sanft über die wulstigen Narben an Sergejs Schulterblättern. Ein wohliges Seufzen erklang daraufhin leise.

„Du bist wieder hier?“, flüsterte der Callboy, als er sich noch schlaftrunken zu ihm umdrehte.

Die Schönheit dieses jungen Mannes war überwältigend. Seine eisblauen Augen strahlten eine uralte Weisheit aus, obgleich sie noch so jugendlich und unerfahren wirkten. Etwas an ihm war anders. Sein ganzes Wesen wirkte verletzlich und dennoch erhaben, als brodelte ein Feuer des Wissens und der Reinheit in ihm.

„Ja, Aldin. Ich bin wieder hier“, flüsterte Christopher und streichelte die zarten Lippen des jungen Mannes mit seinem Daumen.

„So hat mich schon sehr lange keiner mehr genannt.“

„Ich weiß! Es ist mir verboten, diesen Namen auszusprechen, weil . . .“

„Es ist wie es ist. Ich habe mich für ein anderes Leben entschieden. Und dies ist nun meine Verdammnis!“, unterbrach Sergej abrupt.

„Aldin gibt es nicht mehr . . . er ist tot!“ Die Kälte kehrte in seine Augen zurück und nun spürte auch Christopher wieder die Dunkelheit, die im Inneren des jungen Mannes wütete.

„Was ist hier letzte Nacht passiert?“

„Was schon, wir Zwei hatten Sex und du hast mich dafür bezahlt. Wie so oft.“

„Nein, das meine ich nicht! Was ist mit dem Mann passiert?“

Plötzlich wurde die Dunkelheit in Sergejs Augen stärker. Sie drang durch Christopher hindurch, wie die Schwertklinge in ein Herz.

„Du meinst die menschliche Liebesschaukel“, grinste er höhnisch.

„Die hängt nebenan, in unserem kleinen Spielzimmer.“ Sergej deutete auf eine weiße Tür, an deren Pfosten blutige Fingerabdrücke klebten.

„Es war meine Idee! Du wolltest etwas Neues ausprobieren, und ich habe dir etwas Neues geboten!“

Die Gelassenheit in Christopher wich nun wieder der unerträglichen Anspannung. Das Herz pumpte erneut wie wahnsinnig Blut durch seine fleischliche Hülle. Er kannte dieses Gefühl nicht, das ihm Angst, aber gleichzeitig auch Lust verschaffte. Doch es war wie eine Art Rausch, dem er sich nicht entziehen konnte.

Menschliche Liebesschaukel, schoss es ihm durch den Kopf und er ahnte, dass er Teil von etwas Bösen geworden war.

Langsam ging Christopher auf die mit Blut beschmierte Tür zu und blieb vor ihr stehen.

„Was haben wir getan?“, flüsterte er zu sich selbst und schloss die Augen.

 

Von Engeln und ihren Sünden

 

„Glauben Sie, er wird sich schnell wieder erinnern?“, fragte Frau Janssen den Arzt.

„Beim letzten Mal hat es nur wenige Stunden gedauert.“

„Ich weiß nicht. Es ist tiefgreifend und verändernd, wenn Engel eine menschliche Erfahrung machen. Sie sind nicht für diese Art von physischer Begebenheit gemacht. Ihr feinstofflicher Körper absorbiert die Energien wie ein Schwamm und das kann unter Umständen zu viel werden. So viel, dass sie das Bewusstsein verlieren und Erinnerungslücken aufweisen.“ Der Arzt strich sich über die Stirn und seufzte.

„Es ist wie eine Art Alkoholvergiftung. Nur dass nicht die Leber, sondern ihr Lichtkörper mit dem Gift zu kämpfen hat.“

Frau Janssen bejahte das mit einem Nicken und strich ihre makellose Uniform zurecht.

„Sie wissen viel über Engel“, fiel ihr auf.

Der Arzt schenkte ihr ein müdes Lächeln und tätschelte das kleine, silberne Ansteckkreuz an seinem schwarzen Sakko.

„Viel zu viel, meine Liebe . . . Ich lebe schon seit 175 Jahren in einer ständig wechselnden Fleischhülle, die ich mir selbst erschaffe. Ich weiß genau, was es heißt, wie ein Mensch zu fühlen, aber keiner zu sein.“

Die junge Rezeptionistin schaute ihn mit ihren großen, brauen Augen an.

„Ihr Engel fallt wie die Fliegen vom Himmel, was?“, kicherte sie neckisch.

„Wenn Sie es so sehen, ja.“

„Warum sind Sie nie zurückgegangen?“

„Das ist eine lange Geschichte. Nur so viel: Ich habe mich schon immer für eure Medizin interessiert. Es hat mich seit jeher fasziniert. Mir reichte es nicht, nur eure Seelen zu heilen. Ich wollte auch eure Körper reparieren. Also kam ich hierher, um von den Besten ihres Fachs zu lernen. Der Herr gab mir diese einmalige Chance und ich durfte für eine begrenzte Zeit unter den Menschen wandeln, um all das Wissen in mich aufzusaugen. Doch als meine Zeit hier auf Erden vorbei war, musste ich mich entscheiden: Der Himmel oder ein Leben auf der Erde. Und den Rest können Sie sich ja denken . . .“

Frau Janssen lächelte. Sie hatte in ihrem Leben schon einige Engel gesehen, obwohl sie weder religiös, noch besonders spirituell war. Seitdem sie vor 7 Jahren Lior begegnet war, hatte sich ihr Leben um 180 Grad gedreht.

„Ich weiß noch . . .“, begann sie und blickte dabei gedankenverloren ins Leere.

„. . . als ich zum erste Mal einem von euch begegnet bin. Ich habe mich fast zu Tode erschreckt, als er mit seinen mächtigen Schwingen vor mir stand und mich eindringlich ansah. Es war, als blickte er tief in meine Seele, fremd, aber auch irgendwie vertraut. Das war der Beginn meines neuen Lebens.“

„Ich weiß, den meisten Menschen geht es nach einer solchen Begegnung so.“ Der Arzt zeigte sich wenig beeindruckt.

„Nein, es war ganz anders.“ Ein leichtes Zittern lag auf den Lippen der Rezeptionistin.

„Es war wie ein Sprung aus der Dunkelheit, zurück ins Licht. Denn vor dieser Begegnung war ich . . .“

„Eine Nutte mit Drogen- und Beziehungsproblemen. Als Sie keinen Ausweg mehr aus Ihrer misslichen Lage sahen, haben Sie erfolglos versucht, sich das Leben zu nehmen. Dann hatten Sie die Erscheinung mit einem Lichtwesen und alles hat sich für Sie zum Positiven verändert . . . Aber nur weil Sie mit Lior diesen höchst verwerflichen Deal eingegangen sind. Ich kenne diese Geschichten zur Genüge, meine Liebe. Ihr Menschen seit so leicht durchschaubar.“

Frau Janssen starrte den Arzt fassungslos an.

„Ich kann immer noch nicht glauben, wie unfreundlich ihr Engel doch sein könnt“, schnaubte sie den Arzt an und legte die Arme über Kreuz.

„Wenn Sie glauben, Sie kennen meine Geschichte, dann haben Sie sich geschnitten. Denn bis auf die Sache mit der Nutte war alles ganz anders!“

„Vergessen Sie nicht, mit wem Sie hier reden. Ich bin ein Engel! Und Sie wissen so gut wie ich, dass ich mit all dem recht habe, was ich gerade über Sie gesagt habe. Also sparen wir uns diese sinnlose Diskussion und widmen uns wieder unserer Arbeit.“ Der Arzt schloss seine Tasche und  steckte sie zurück in den Kofferraum seines Wagens.

Schweigen.

„Ja verdammt, Sie haben Recht!“, sprudelte es plötzlich aus der jungen Frau.

„Ich war eine Nutte mit einem Crack- und Männerproblem. Und ich bin Lior immer noch dankbar dafür, dass er mich damals gefunden hat, als ich sterbend auf dem Wohnzimmerboden lag. Ich bin dankbar dafür, dass er mir ein sorgenloses Leben ermöglicht hat, damit ich im Gegenzug eure kranken Spielchen decke und immer schön brav den Mund halte. Aber das gibt Ihnen noch lange nicht das gottverdammte Recht, mich so zu behandeln.“ Die Stimme der Rezeptionistin überschlug sich fast, als sie ihrem Ärger Raum verschaffte. Sie hasste das Gefühl der Hilflosigkeit in sich, das der Wohlstand nicht wegwischen konnte. Und genau in diese Hilflosigkeit trafen sie die Worte des Arztes.

„Missbrauchen Sie nicht den Namen des Herren“, sagte dieser tonlos.

„Es tut mir leid, wenn ich Sie verletzt habe. In all der Zeit des Menschseins habe ich fast vergessen, wo ich eigentlich herkomme und was ich bin. Ich sollte eigentlich Verständnis für Ihre Lage haben und Sie nicht dafür verurteilen. Gott liebt all seine Kinder, glauben Sie mir. Jedes auf seine ganz spezielle Weise. Und wir Engel verkünden diese unendlich reichende Liebe.“

Der Arzt streckte ihr versöhnlich die Hand entgegen.

„Alles wieder gut?“

„Alles wieder gut!“ Frau Janssen huschte ein kleines lächeln über ihre roten Lippen.

„Durch Lior bin ich zur Geschäftsfrau geworden. Manchmal komme ich mir aber vor wie die Frau hinterm Ticket-Schalter eines großen Vergnügungsparks. Ihr Engel kommt her und bezahlt für eine Runde menschlicher Abgründe. Mein Hotel ist zum Tummelplatz für all die unter euch geworden, die einmal das sein wollen, was wir sind: menschlich und unvollkommen. Wer hätte das gedacht, dass ich mal so mein Geld verdiene. Aber keine Angst, euer Geheimnis ist bei mir sicher. Todsicher . . . !“

 

Die menschliche Schaukel

 

Christopher blickte auf das Grauen vor sich, als ihm der metallische Geruch von Blut in die Nase stieg. Der entsetzlich verstümmelte Körper eines nackten Mannes baumelte wie eine Schaukel von der Decke. Genau so, wie er es vorhin in den Flashbacks gesehen hatte.

Arme und Beine waren dem armen Kerl stümperhaft mit einer Säge abgeschnitten und durch massive Fleischerhaken ersetzt worden. An ihnen waren schwere, rostige Ketten angebracht, die von der Decke hingen und sich dezent bewegten. Das Gesicht des jungen Mannes sah mit aufgerissenen Augen auf den mit Blut getränkten Boden unter sich. In seinem Mund steckte ein schwarzer Ballknebel, von dessen Seiten Blut und Kotze tropfte.

Plötzlich ertönte ein leises Wimmern unter dem Knebel, und ein leichtes Zucken durchfuhr den halbtoten Körper.

„Hhhhhmmmmm.“

Christopher erschrak, als er den gedämpften Laut hörte. Der verstümmelte Mann war noch am Leben und spürte seine Anwesenheit im Raum. Er schaukelte wie eine Feder im Wind leicht hin und her.

„Verdammte Scheiße, was ist hier passiert?“

„Wir haben es wie die Tiere auf ihm getrieben. Ganze fünf Mal“, erklang Sergejs Stimme plötzlich aus dem Nichts.

„Du warst unersättlich.“

Christopher drehte sich um und sah den Callboy nackt an der Minibar stehen, wie er sich eine Cola nahm. Sein kleiner, weißer Hintern erinnerte an einen Mond, der in voller, verführerischer Pracht zu leuchten schien.

Genau in diesem Augenblick schoss Christopher erneut mit voller Grausamkeit der nächste Flashback durch den Kopf:

Er sah Sergej verschwommen vor sich, wie er dem Mann mit einer Säge lachend die Beine amputierte. Dessen panische Schreie wurden durch den Knebel im Mund gedämpft, und zwei mit Tränen gefüllte Augen starrten apathisch ins Leere. Blut floss in Unmengen und ergoss sich langsam über den hellen Teppichboden. Sergejs Lachen hallte noch immer nach, als sich die Szenerie schlagartig veränderte . . .

Nun lag der Callboy mit gespreizten Beinen in der blutüberströmten, menschlichen Liebesschaukel und streckte Christopher lustvoll seine knospenhafte Rosette entgegen. Dabei sah er ihn mit blutverschmiertem Gesicht an und streichelte sich selbst . . .

„Du hast ihn so zugerichtet“, flüsterte Christopher.

Sergej drehte sich um und nippte gelangweilt an seiner Cola.

„Du wusstest, dass so was passieren würde, wenn du dich mit einem Gefallenen einlässt, Lior! Und du hast es billigend in Kauf genommen, weil du mich liebst.“ Seine Stimme wurde ernster.

„Soll ich deinem Gedächtnis mal wieder auf die Sprünge helfen . . . ? Seit verdammten sieben Jahren kommst du regelmäßig hier ins Hotel, wie auch all die anderen Engel, und nimmst dir das, was Gott euch verwehrt.  Anschließend legst du mir Geld aufs Kopfkissen und verschwindest dann wieder . . . für eine sehr lange Zeit. Du hast diesen Tempel der menschlichen Perversion hier kreiert und mich in einen goldenen Käfig gesteckt; jederzeit für dich verfügbar. Doch ich warte nicht ewig auf dich! Denn für mich gibt es keine Ewigkeit mehr. Alles um mich herum zerfällt, selbst diese menschliche Hülle, in der ich stecke . . .“

Sergej wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und verbarg seinen weiteren Schmerz vor Christopher.

„Es war der einzige Weg, um dich ungehindert wiederzusehen, Aldin . . . Ich habe immer geglaubt, Engel könnten nur Liebe für die Menschen empfinden. Aber da habe ich mich getäuscht.“ Christopher schüttelte lächelnd den Kopf.

„Verdammt, wie hab‘ ich mich geirrt . . . Ich wollte immer nur mit dir zusammen sein, darum habe ich das Ganze drumherum inszeniert. Nur so konnte ich bei dir sein, denn ich kann und werde meine Treue zum Herren nicht einfach so brechen.“ Er nahm Sergej in den Arm und küsste seinen Hals.

„Du kannst es, aber willst es nicht, Lior. Du bist schon lange kein Krieger mehr in der göttlichen Armee. Der Verrat steht dir wie eine schmerzende Narbe auf die Stirn geschrieben.“

Stille füllte den Raum, nur das leise Wimmern der menschlichen Schaukel war zu hören. Die Erinnerung floss langsam zurück in Christophers Verstand, wie das Wasser in einen Bach. Alles kehrte zurück, jeder noch so kleine Gedankenfetzen ergab nun Sinn. Einen erschreckend grausamen Sinn . . .

Eine Entscheidung

 

„Was machen wir mit ihm?“, fragte Lior und deutete auf den verstümmelten Mann.

„Wir können ihn nicht so hängen lassen!“

„Dann erlöse ihn von seinen Qualen“, antwortete Aldin und wies auf die blutverkrustete Säge in der Ecke.

„Er hat seinen Dienst erfüllt, wir können ihn nicht mehr gebrauchen. Schneid‘ ihm den Hals auf und seine Seele kann gehen.“

„Du weißt, das geht nicht!“

„Ach ja, ich vergaß. Die Drecksarbeit ist mein Part. Du fickst mich nur und hast deinen Spaß!“ Aldin fing sich plötzlich eine schallende Ohrfeige ein.

„Ja, so kenn‘ ich dich! Es macht dich an, wenn ich so mit dir rede. Du genießt das Gift, das in meinen Adern fließt. Jeden gottverdammten Tropfen.“ Aldin griff zwischen Liors Beine und drückte sanft zu.

„Zeig mir, wie böse ich war. Heile mich von dem Gift, indem du es hemmungslos aus mir raus . . .“

Lior stieß seine Hand weg.

„Gib mir diese verfluchte Säge!“, raunte er, zog das Sakko aus und krempelte die Ärmel seines Designer-Hemdes hoch.

„Es wird ein Akt der Barmherzigkeit sein, ihm die Kehle aufzuschneiden. Gott gibt Leben und nimmt es wieder. Ich hatte also einen guten Lehrmeister.“

Ein überraschter und gleichzeitig verwirrter Ausdruck lag auf Aldins Gesicht, als er sich die brennende Wange hielt. Er bückte sich vorsichtig nach der Säge, während er Lior dabei die ganze Zeit ansah, und gab sie ihm.

„Du willst es wirklich tun? Du weißt, was dann mit dir passieren wird?“

„Ja, und es ist mir egal. Du hattest Recht, ich bin ein Verräter! Doch das Schlimmste ist, ich war mir selbst nicht treu . . .“

Lior ging zur menschlichen Schaukel und nahm ihr vorsichtig den Ballknebel aus dem Mund. Die Lippen des Mannes waren trocken und aufgesprungen. Reste von Blut, Speichel und Kotze klebten an ihnen und legten seine ausgeschlagenen Schneidezähne frei. Es wirkte so, als würde der junge Mann ihn hoffnungsvoll anlächeln. Doch er wimmerte und weinte leise.

„Warum?“, flüstere er völlig entkräftet.

„Du warst zur falschen Zeit am falschen Ort.“ Der Engel legte den Kopf des Mannes sanft nach hinten, setzte die Säge an und blickte gen Himmel.

„Verzeih mir“, sagte er und begann zu sägen.

Die scharfen Zähne glitten weich und mühelos durch den Hals des Mannes, als wären sie für nichts anderes gemacht worden. Dieser schrie vor unerträglichen Schmerzen auf und ein Schwall dunkelroten Blutes schoss auf einmal aus der klaffenden Wunde hervor. Der Lebenssaft ergoss sich über die restlichen, eingetrockneten Flecken auf dem Boden und hinterließ eine frische, metallisch riechende Pfütze. Das Schreien des Mannes verstummte und wurde durch ein entsetzliches Gurgeln ersetzt. Er erstickte und riss panisch die Augen auf. Ein Flehen spiegelte sich in ihnen wider, während die Säge sich noch tiefer in sein Fleisch grub. Das Letzte was der Mann sah, war die eierschalenfarbene Decke.

Den um Leben ringenden Körper durchfuhr plötzlich ein heftiges Zucken, doch der Kampf war verloren. Eine erlösende Ohnmacht umspülte den geschundenen Mann, wie ein wärmendes Gewässer. Das Leben wich aus ihm, wie die Luft aus einem defekten Fahrradschlauch.

Lior wischte sich den Schweiß von der Stirn und verließ das Zimmer, ohne sich noch einmal umzudrehen.

„Wenn sie herausfinden, was du getan hast, werden sie dich wie einen Fuchs jagen.“ Aldins Stimme klang besorgt.

Zwar hatte er sich nach dem Tag gesehnt, an dem Lior endlich zu seiner inneren Dunkelheit stehen und sich zu ihm bekennen würde. Doch jetzt, wo es so weit zu sein schien, fühlte es sich nicht gut an.

„Du hast einen Menschen getötet. Das wirst du nicht so einfach geheim halten können wie unsere kleine Affäre hier. Auch deine Handlangerin an der Rezeption wird ihren bohrenden Fragen nicht standhalten können. Sie werden dich vor Gericht zerren und dir deine Schwingen abtrennen . . . So wie sie es bei mir taten.“

„Ich habe ihn von seinen Qualen erlöst“, erwiderte Lior.

„Es ist vorbei! Kein Versteckspiel mehr, keine Geheimniskrämerei. Wir können von jetzt an zusammen sein, ohne Lügen.“ Er strich Aldin zärtlich durchs kurze, dunkelblonde Haar. Ein schwaches Lächeln umspielte seine Lippen und ein besonderer Glanz blitze in seinen Augen auf.

„Liebe ist nicht nur für Menschen gemacht. Zeit, dass Gott es auch versteht! Ich werde mein Gesicht wahren . . . Denn ich werde ihm zuvorkommen.“ Lior legte die blutverschmierte Säge in Aldins Hände und lächelte noch immer dabei.

„Was soll das heißen?“, zischte dieser.

„Ich soll . . .“

„Du sollst mir die Schwingen abtrennen, . . . ja!“

Plötzlich kamen Liors riesige Flügel auf seinem Rücken zum Vorschein, die bis zu diesem Zeitpunkt noch unsichtbar gewesen waren. Sie schimmerten wie Gold und wirkten majestätisch, so wie Gott es für seinen Boten vorgesehen hatte. Die seidig weichen Federn hatten einen besonderen Glanz. Sie waren das Sinnbild unendlicher Schönheit und göttlicher Vollkommenheit. Diese Schwingen waren zu schön, um sie einfach mit einer Säge abzutrennen. Ein Teil von Aldin hatte es sich schon oft gewünscht, aber der andere Teil sträubte sich nun dagegen.

„Ich kann so etwas Wunderschönes nicht zerstören“, erwiderte er zögerlich.

„Ich kann es einfach nicht . . . !“

Lior drückte ihm die Säge nun fester in die Hand, auffordernd und entschlossen, in den Augen ein Gemisch aus Angst und Hoffnung. Doch nichts war so stark wie der Schmerz, der in seinem Inneren aufkeimte. Der Zeitpunkt war gekommen, und beide wussten es. Es führte kein Weg mehr daran vorbei.

„Ich bitte dich darum.“ Das Flehen in seiner Stimme formte sich leise zu einem Befehl.

Aldin sah ihn durch tränenbenetzte Augen an und schluckte schwer. Er schüttelte den Kopf. Lior konnte alles von ihm verlangen, nur nicht das! Es war absurd. Wie konnte man etwas verletzten, das man so sehr liebte. Doch schließlich ging er seinem Wunsch nach und legte die Säge mit zitternden Händen an. Ihr rot gesprenkelter Körper bildete einen starken Kontrast zum Gold der Federn und wirkte abstoßend grotesk. Nichts würde gleich mehr von der Schönheit und Vollkommenheit bleiben. Nur zwei tief klaffende Wunden, die an ein früheres Ich erinnerten. Und schon bald würden diese vernarben, wie auch die letzten Erinnerungen an den Himmel.

Eine Schwere machte sich in Aldin breit, als er Liors raue Lippen küsste.

„Bist du bereit?“, flüsterte er.

„Ich bin bereit . . .“

 

[Gesamt:8    Durchschnitt: 4.4/5]

Eine Antwort

  1. Holger Richter sagt:

    Mit dem Thema dieser Geschichte konnte ich leider nicht viel anfangen, bin aber auch nicht sicher, was mich daran stört.

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