EINE NACHT IM MÜLL – KEVIN BORCHMANN

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

Ich habe nie jemandem erzählt was in jener Nacht wirklich passiert ist. Meine Eltern habe ich belogen, die Polizei ebenfalls. Nicht, weil ich nicht wollte das jemand davon erfährt. Nein. Es war eher das Wissen, dass mir niemand glauben würde. Ich wollte nicht ausgelacht oder für verrückt gehalten werden. Einer meiner damaligen Mitschüler hatte eine Kinderpsychologin und musste einmal im Monat zu ihr fahren und täglich Tabletten schlucken. Nein. So etwas wollte ich nicht. Ich hatte genug eigene Probleme. Ich hielt es für besser, die wahre Geschichte für mich zu behalten. Doch jetzt ist mein Leben bald zu Ende. Die Diagnose steht fest. Gehirntumor. Inoperabel. Die Geschichte von meiner Nacht in der Mülltonne an der Waldstraße niederzuschreiben wird mich nicht wieder gesund machen. Sie wird auch nichts an meiner Gefühlslage ändern. Ich habe mit den damaligen Ereignissen meinen Frieden geschlossen. Es ist viel mehr ein Verlangen. Ich will mein Wissen mit jemandem teilen. Deshalb schreibe ich diese Zeilen und hoffe, dass wer auch immer sie als erstes in die Finger bekommt, offen für die bizarren Grausamkeiten in jener Nacht ist. Sobald ich fertig bin diese Geschichte abzutippen, werde ich mir die Pistole in den Mund stecken und abdrücken. Ich werde nicht warten bis der Tumor dafür sorgt, dass ich mich einscheiße und nur noch sabbern kann. Bis er mein Gehirn langsam auffrisst. Nein. Das lasse ich nicht zu. Ich hatte ein erfülltes Leben. Zwei wundervolle Kinder, die inzwischen selber Kinder haben. Ich habe gearbeitet bis zum umfallen und gevögelt ohne Ende. Ich habe nichts, worüber ich mich noch beklagen könnte. Außer meine Geschichte, die ich nie losgeworden bin.

Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen. Nach der Schule bin ich mit meinem nagelneuen Fünfer in der Tasche in die Innenstadt gegangen um mir die neuste Ausgabe der freundliche Spinne aus der Nachbarschaft zu kaufen. Das letzte Heft hatte mit einem Cliffhanger geendet und nun musste ich einfach wissen wie es weiter ging. Der grüne Kobold hatte die schöne Gwen Stacey in seiner Gewalt und ich musste einfach wissen, ob Peter Parker sie noch rechtzeitig retten konnte. Also schlenderte ich hinüber zum Kiosk, zeigte dem Verkäufer mit dem Finger was ich wollte und tauschte mein Geld gegen das frisch gelieferte Comicheft. Mit meiner Beute verzog ich mich dann eine Straße weiter zu einer Bank neben einem kleinen Brunnen und blätterte auf dem Weg bereits in den ersten Seiten. Es war ein heißer Sommertag. Ich trug eine kurze Hose und ein T-Shirt. Meine langen Haare, wegen denen ich oft geärgert wurde, trug ich offen. Plötzlich, ich habe noch immer seinen Ruf im Ohr, schrie Jannik zu mir herüber und mir lief ein Schauer über den Rücken. Ich blickte von meinem Heft auf und sah Jannik und seine Jungs auf der anderen Straßenseite. Sie hatten erkannt, dass ich die neue Ausgabe hatte und waren mir sofort auf den Fersen.

Mit einem Affenzahn rannte ich los und wollte lieber tot sein, als diesem Rüpel mein Heft zu überlassen. Also rannte ich. Ich rannte so schnell ich konnte und dann noch schneller. Doch schon damals war ich eines der schwächlichen Kinder gewesen und Jannik spielte im Fußballverein der Schule mit. Es dauerte also nicht lange bis mich zwei starke Hände am Ranzen packten und in eine Seitengasse der Waldstraße zogen. Jannik hatte an diesem Tag drei seiner Jungs dabei. Mirko, Robert und Patrick. Ich hasste jeden einzelnen von ihnen. Mirko und Patrick hielten mich fest und drückten mich gegen eine Hauswand. In diesem Moment hätte jeder normale Junge um Hilfe gerufen und geschrien bis jemand gekommen wäre. Doch es gab zwei Dinge die verhinderten, dass ich mich bemerkbar machen konnte. Zum einen war die Waldstraße die am meisten befahrene Straße der Stadt. Ihr Lautstärkepegel war enorm hoch, selbst in der Nacht legte sich die Kraft des Lärms nur leicht. Das zweite Problem war jedoch ausschlaggebender. Ich bin stumm zur Welt gekommen. Seit meiner Geburt kam nicht ein einziges Geräusch aus meinem Mund. Zumindest kein klangvolles, lautes. Alles was ich von mir geben konnte, waren erstickte Laute. Erbärmlich und leise. In so einem Moment wie diesem, überhaupt nicht hilfreich. Mir kam niemand zur Hilfe. Ich war ihnen ausgeliefert. Während Patrick und Mirko mich also festhielten, entriss Robert mir das Heft und reichte es Jannik. Dieser blätterte das Heft kurz durch, verriet mir das Ende und zerrupfte die Seiten eine nach der anderen. Spider-Man konnte Gwen nicht retten. Der grüne Kobold ließ sie in den Tod stürzen. Was für ein Schocker. Und alles ruiniert von diesem Idioten Jannik.

Nachdem er mein Heft restlos zerstört hatte, stellte er sich vor mich und deutete auf meine Hände. Mirko und Patrick ließen mich los und ich fiel zu Boden. Ich wischte mir eine Träne aus dem Auge und rappelte mich wieder auf. Gott ist mein Zeuge, ich war so wütend wie noch nie zuvor in meinem Leben. Am liebsten hätte ich sie einen nach dem anderen umgebracht. Jannik musste etwas von diesem Gefühl in meinen Augen gesehen haben, denn für den Bruchteil einer Sekunde sah es so aus als hätte er Angst vor mir. Er machte einen Schritt nach vorne, schlug mir mit der Faust auf die Nase und ließ mich wie einen nassen Sack zu Boden fallen. Benommen und mit stark blutender Nase spürte ich wie mich zwei Hände erneut packten und über den Boden schleiften. Ich versuchte mich aus ihrem Griff zu befreien, schaffte es jedoch nicht. Noch mehr Hände gesellten sich zu den anderen. Sie packten mich und hoben mich hoch. Meine Sicht war noch immer verschwommen von Janniks Schlag, ich konnte also nicht sehen was sie mit mir anstellten. Ich sollte es jedoch spüren.

Als die Hände mich losließen fiel ich. Ich fiel nur etwa eine Sekunde lang, es fühlte sich jedoch an wie eine halbe Ewigkeit. Dann landete ich in zwei verschiedenen Dingen. Meine Ellenbogen landeten auf kaltem Plastik. Trocken und hart. Meine linke Wade tauchte ein in eine warme, klebrige Flüssigkeit. Danach hörte ich einen lauten Knall, gefolgt von einigen polternden, dumpfen Schlägen. Es wurde dunkel. Mein Schädel dröhnte und meine Nase brannte wie Feuer. Ich begann mich durch die Dunkelheit zu tasten und spürte eine eiskalte, metallische Wand zu meiner Rechten. Hinter mir war ebenfalls eine. Unter mir eine Vielzahl an unbekannten Oberflächen und Materialien, Objekten und Substanzen. Um mich herum herrschten alle drei bekannten Aggregatzustände. Es gab weiche und feste Objekte, einige warm und andere kalt. Die warme, klebrige Flüssigkeit an meiner Wade begann langsam herabzulaufen. In der Luft stand ein beißender Geruch. Ich wusste wo ich war. Sie hatten mich in den Müllcontainer hinter dem chinesischen Restaurant geworfen. An meinem Bein klebte wahrscheinlich faulige Süß-Sauer Soße und das Plastik unter mir war ein Beutel gefüllt mit sämtlichen Schachteln und Behältnissen. Ich schaffte es die Augen zu öffnen.

Ein kleiner Lichtspalt drang durch ein Loch in der Wand des Containers. Es war gerade so groß wie eine Münze, reichte jedoch um hindurch zu spähen. Ich erkannte einen Teil der Gasse. Die dunkle Hauswand gegenüber. Einen weiteren Müllcontainer an den eine Holzpalette gelehnt war. Von den Jungs war nichts zu sehen. Ich versuchte in dem Gewirr aus fauligen Lebensmitteln und Müllsäcken Halt zu finden um mich aufzurappeln. Als ich einen halbwegs sicheren Stand gefunden hatte, drückte ich mit aller Kraft gegen die Klappe über mir. Sie bewegte sich nicht. Ich zählte eins und eins zusammen und wusste sofort, dass die Jungs auf der Klappe saßen um mich gefangen zu halten. Ein weiteres Mal versuchte ich panisch die Klappe zu öffnen. Erfolglos. Ich war gefangen in dieser Welt aus Dunkelheit und schimmligen Essensresten. Meine Atmung wurde schneller. Ich hielt mir die Nase zu und versuchte durch den Mund zu atmen um wenigstens dem Gestank zu entkommen. Erschöpft ließ ich mich wieder sinken und hielt meinen Mund so nah an das Loch in der Wand, wie ich mich dem schmutzigen Metall nähern wollte. Die frische Luft tat gut, war jedoch nicht halb so stark wie die beißenden Faulgerüche um mich herum.

Etwas Zeit verging. Ich schluchzte und weinte, verzichtete jedoch darauf, mir die Tränen aus den Augen zu reiben. Wer weiß was für Keime oder Krankheiten in dieser fauligen Einöde wucherten? Nein. Ich kämpfte gegen den Drang an und hinderte meine Hände daran die kitzelnden Tränen zu eliminieren, die meine Wangen hinabkullerten. Der Lärm der Straße war in dem Container dumpf und geschwächt, trotzdem hörte ich die Jungs über mir lachen und Witze machen. Witze über Stumme. Ich war so verdammt wütend. Noch mehr Zeit verging.

Etwa eine halbe Stunde später bekam ich plötzlich einen merkwürdigen Druck auf der Brust. Es fühlte sich an, als würde sich der unglaubliche Hulk mit all seinem Gewicht auf meinen Brustkorb setzen und darauf herum trommeln. Ich spürte wie meine Hände taub werden und meine Atmung flacher wurde. Panik. Ich bekam Panik. Heute weiß ich, dass es Panik war. Damals dachte ich ich müsste sterben. Wie wild hämmerte ich gegen die Wände der Mülltonne, versuchte verzweifelt irgendwelche Laute von mir zu geben. Nichts half. Dutzende LKWs und die Autos des Feierabendverkehrs übertönten mich um Längen. Plötzlich hörte ich zwischen all dem Lärm eine Katze fauchen. Eine schimpfende Stimme drang durch die Wände zu mir hindurch. Ich schlug weiter auf die Wände ein so doll ich konnte. Meine Ohren schmerzten und kratzten wie überlastete Lautsprecher, doch ich schlug weiter. Versuchte so viel Lärm zu machen wie ich konnte. Dann sanken meine Arme erschöpft zurück in das Meer aus Abfall in dem ich lag. Ich hörte ein Lachen. Janniks Lachen. Ich spähte durch mein Guckloch hinaus in die Gasse und hatte plötzlich den Schritt einer weißen Hose vor mir. Über mir ein leises Poltern und Klicken. Dann erneutes Schimpfen. Der Schritt verschwand und ich sah Jannik und seine Jungs davon laufen. Sie lachten schallend und hielten sich die Bäuche. Drehten sich in sicherer Entfernung um und zeigten hämisch in meine Richtung. Eine der Küchenhilfen des Restaurants musste die Jungs verjagt haben. Doch das Klicken.

Hastig sprang ich auf und drückte mit aller Kraft gegen die Klappe des Containers. Sie rührte sich keinen Zentimeter. Die Küchenhilfe hatte den Container abgeschlossen. Als ich am nächsten Morgen gefunden worden bin, hat er der Polizei erzählt, dass sie die Container eigentlich immer abschließen damit keine Waschbären sich hinein verirren. Er erzählte ebenfalls, dass er die Jungs verjagt habe, die auf den Containern gespielt haben. Er hat so bitterlich geweint. Ich wusste, dass es ihm leid tat. Er hat mich nicht mit Absicht eingesperrt. Keineswegs. Er wusste es einfach nicht. Aber zurück zur Geschichte.

Der Container war zugeschlossen. Die Jungs waren außer Sichtweite. Der Lärm übertönte nach wie vor mein Klopfen. Ich gab es irgendwann auf und musste mir eingestehen, dass ich auf meine Befreiung warten musste. Ich konnte nichts tun, außer warten. Also tat ich das. Ich wartete. Die klebrige Masse an meinem Bein hat sich inzwischen gut verteilt und war etwas angetrocknet. Meine andere Wade strich die ganze Zeit über etwas knuspriges. Ich spürte, dass es mit einem leichten Flaum bedeckt gewesen war. Dieses Gefühl habe ich bis heute nicht vergessen. An den Geruch hatte ich mich nach etwa zwei Stunden gewöhnt. Die Dämmerung trat ein und legte sich wie ein dunkles Tuch über die Seitengasse vor meinem Guckloch. Das war doch immerhin etwas. Ich hatte mein eigenes Guckloch. Kein Gedrängel. Keine Eintrittspreise. Es gehörte mir. Für diese Nacht zumindest.

Es dauerte eine weitere Stunde bis sich etwas vor dem Container tat. Ein Junge, er war blond und spindeldürr, setzte sich mir gegenüber hinter den anderen Container und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Palette. Ich entschied mich dagegen einen weiteren Klopfversuch zu unternehmen. Es hätte sowieso nichts genützt. Ich habe mich dazu entschieden zu beobachten. Ich beobachtete, wie der junge Kerl eine metallische Platte aus seinem Rucksack holte und sich auf die Knie legte. Dann holte er ein Päckchen mit weißem Pulver heraus und schüttete sich eine kleine Menge auf einen Löffel. Heute weiß ich natürlich was der Kerl da gemacht hat. Aber als kleiner Junge malst du dir die wildesten Bilder im Kopf aus. Ich stellte mir vor, dass der Junge ein Meisterdieb war, aber kein Geld für Medizin hatte. Also ist er in ein Krankenhaus eingebrochen um sich die Medizin die er brauchte zu klauen. Damit ihn die Polizei nicht erwischt, hat er sich hinter dem Container versteckt. Wahrscheinlich wusste ich schon als Kind, dass das völliger Schwachsinn war. Der Typ steckte sein Feuerzeug an, machte das Heroin auf seinem schmutzigen Löffel flüssig und zog das ganze dann in eine Spritze. Als er sich den Schuss setzte, war es fast schon dunkel. Ich erkannte seine blutunterlaufenen Augen nur noch wage, als die Straßenlaterne über ihm die Arbeit des Sonnenlichts übernahm. Schichtwechsel. Der Junge blieb nicht lange. Er lag eine Weile da und starrte den dunklen Nachthimmel an. Dann verschwand er wieder.

Ich dachte noch einen Augenblick über ihn nach. Verdammt, manchmal denke ich heute noch an ihn. Ich wünschte ich würde wissen was aus dem Junkie geworden ist. Ob er heute tot ist? Ob er heute clean ist? Wer weiß das schon. Wahrscheinlich weiß es nur der Mond. Es dauerte nicht lange, da kam schon meine nächste Abendunterhaltung. Ein älterer Mann in einem Anzug und ein verdammt junges Mädchen verkrochen sich hinter dem Container. Sie hat sich hingekniet und seine Hose aufgemacht. Da bin ich natürlich neugierig geworden. Ob sie ihm helfen wollte weil sein Reißverschluss kaputt war oder ähnliches. Als sie dann seinen Schwanz raus geholt und sich in den Rachen geschoben hat, wusste ich, dass ich falsch gelegen hatte. So habe ich das erste Mal etwas von Blowjobs erfahren. Hat mich allerdings nie gereizt. Für den Rest meines Lebens wollten meine Kumpels mir nicht glauben, dass ich mit Blowjobs nichts anfangen konnte. Aber so war es. Ich schätze so würde es jedem gehen, der mit neun Jahren und in gammliger Erdnusssoße badend dabei zugesehen hat, wie sich eine Studentin für fünfzig Euro ins Gesicht spritzen lässt. Heute lache ich drüber. Ich habe zwei Spritzer für fünfzig Euro an einem Abend erlebt. Das es ein Hattrick werden sollte, wusste ich natürlich noch nicht.

Nachdem auch diese beiden Turteltauben sich dann wieder verzogen hatten, passierte wieder eine ganze Weile gar nichts. Mein Magen knurrte vor Hunger, meine Umgebung sorgte jedoch zuverlässig dafür, dass ich keine Lust auf etwas zu essen hatte. Das ging also in Ordnung. Durst hatte ich. Dieser verdammte Durst hätte mich fast wahnsinnig gemacht. Meine Lippen waren trocken und meine Zunge wurde zu einem nutzlosen Lappen aus Fleisch, der zu groß für meinen Mund zu sein schien. Ich hätte alles für einen Schluck Wasser gegeben. Eine Katze schlich vorbei und schnupperte herum. Sie kam herüber zu meinem Container und stellte ihre Vorderbeine dagegen. Ich streckte meinen Finger durch das Loch und sie schnupperte erst und leckte anschließend mit ihrer rauen Zunge darüber. Plötzlich hat mich das Mistvieh gebissen und gefaucht wie blöde. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Eine offene Wunde in diesem Bazillenparadies. Ist aber nichts passiert. Ich habe noch alle zehn Finger. Einer davon wird in ein paar Minuten mein Leben beenden. Doch erst beende ich meine Geschichte. Die Katze hatte gefaucht und als ich herausfand wieso, stockte mir der Atem.

Ich konnte erst nicht richtig erkennen was los war, die Katze schlich jedoch um etwas herum, dass in der Dunkelheit verborgen auf sie zu kroch. Der orangene Lichtkegel der Laterne verharrte Stur auf seiner üblichen Stelle, ich hätte alles gegeben um das Licht bewegen zu können. Ein glucksendes Gurgeln ertönte und die Katze stellte ihre Nackenhaare zu berge und plusterte sich auf. Heftiges Fauchen wechselte sich mit dem Gurgeln ab und eine Weile ging das hin und her. Dann, endlich, weitere Bewegungen in der Dunkelheit. Die Katze machte einen Schritt nach hinten und lockte die Quelle des Gurgelns so aus ihrem Versteck. Ich wusste damals nicht was es war. Um ehrlich zu sein, weiß ich es bis heute nicht.

Ein schleimiger Körper, so groß wie eine Wassermelone, kroch aus dem Schatten hervor. Am vorderen Ende befand sich eine Art Rüssel mit langen Fühlern. Über dem Rüssel klaffte ein riesiges, pechschwarzes Loch aus dem ein buntes, kaleidoskopisches Auge blickte. An beiden Seiten des Körpers befanden sich jeweils sechs dünne, kurze Ärmchen. Sie zogen den Körper vorwärts über den Boden. Am Ende des Körpers befand sich ein Schwanz. Er hatte Schuppen und schien vor Schleim nur so zu triefen und zog eine lange Spur hinter sich her, wie eine bizarre Schnecke aus dem Albtraum eines Geisteskranken. Keines normalen Geisteskranken. Einem Geisteskranken, für den jede Hilfe zu spät und jede Hoffnung verloren war. Der in der Nacht die Sterne anheult und am Tage seine juckende Haut aufkratzt. Eine Schnecke des Wahnsinns.

Das schleimige Etwas kroch auf die Katze zu. Sie fauchte beunruhigt. Dann geschah es. Die Kreatur stellte ihren Rüssel auf und streckte ihn der Katze entgegen. Anschließend schoss eine pechschwarze Flüssigkeit aus ihm heraus und bedeckte die Katze komplett. Sie war eingehüllt in den tintenfarbenen Todesschleim jener unwirklichen Kreatur. Die Katze schrie und schlug um sich, kreischte förmlich vor Schmerz. Sie wand sich umher, warf sich auf den Boden. Drehte sich. Trat mit den Vorderpfoten und versuchte sich von der Flüssigkeit zu befreien. Ein leichter Dampf stieg von der Flüssigkeit auf und ich malte mir aus, dass die schwarze Flüssigkeit ätzend gewesen sein mochte. Als meine Augen hinüber zu der Kreatur wanderten, erschrak ich erneut. Sie war nun nicht mehr förmig und aufgestellt in der Größe eines Basketballs. Sie war platt wie eine Flunder, die Arme lagen ausgestreckt neben ihr und der Rüssel lag schlaff nach vorne gerichtet auf dem Boden. Die Katze kämpfte weiter. Ihr Schrei erfüllte mich mit tiefem Schmerz und ließ eine kochende Schwere in meinem Magen aufkommen. Wie gerne hätte ich ihr geholfen. Die Katze verschwand. Zurück blieb eine klebrige, dampfende Masse, welche die Katze verschluckt und in sich aufgesogen hat. Dann setzte sich die Flüssigkeit in Bewegung.

Sie schien zu fließen. Doch nicht abwärts. Es gab kein Abwärts. Der Betonboden der Gasse war eben und flach. Die Flüssigkeit schien ihr eigenes, abnormes Leben zu führen. Sie floss auf den zurückgelassenen Körper der leblosen Kreatur zu und verkroch sich in dessen Rüssel zurück. Dabei begann der Körper der Kreatur sich aufzublähen wie ein schleimiger Luftballon. Doch dieses mal größer als zuvor. Und da war ein neuer Arm. An seinem Ende war eine Pfote zu sehen. Um den Rüssel herum erkannte ich Schnurrhaare. Die Kreatur hat die Katze in sich aufgenommen. Hat sie absorbiert. Und sie war gewachsen. Sie musste etwa doppelt so groß sein wie zuvor. Mein kindlicher Kopf ratterte. Hatte sich das Vieh bisher nur von Insekten und Ratten ernährt, so musste es nach der Katze groß genug sein für größere Vierbeiner. Katzen und Hunde. Bald auch Menschen? Das gurgelnde Ungetüm zog sich mit den Händen weiter vorwärts und verkroch sich wieder im Schatten. Auf dem Weg zu neuen Abenteuern und neuen Opfern. Die Schnecke des Wahnsinns zog weiter. Danach geschah nichts aufregendes mehr. Ich lehnte mich mit dem Hinterkopf gegen das Innere des Müllcontainers und verarbeitete das Gesehene. Zitterte. Hatte noch zwei Panikattacken bevor ich schließlich am nächsten Morgen befreit wurde. Der Restaurantbesitzer fand mich und hat die Polizei angerufen. Die hat mich dann schließlich nach Hause zu meinen Eltern gebracht. Sie waren krank vor Sorge.

Ich habe die Schnecke nie wieder gesehen. Habe sie aber niemals vergessen. Bis heute höre ich die Schreie der Katze in meinem Schlaf. Sehe wie sie sich wendet und wehrt, sobald ich meine Augen schließe. Und dennoch hatte ich ein gutes Leben. Ich bin dankbar für jeden Tag den ich hatte und stolz auf alles was ich geleistet habe. Das war es dann auch. Ich melde mich ab. Logge mich aus. Ich hoffe du glaubst mir. Wer auch immer du bist. Genieße dein Leben. Lache. Weine. Liebe deine Nächsten. Umarme deine Mutter und küsse deine Frau oder deinen Mann. Du weißt nie wann es zu Ende geht. Pass auf dich auf und nimm dich in Acht. Wer weiß, vielleicht begegnest du irgendwann deiner eigenen Schnecke des Wahnsinns.

 

[Gesamt:3    Durchschnitt: 2.7/5]

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