Faktuelle Fiktion oder Fiktive Fakten – Holger Richter

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

Ein Großteil der hier genannten Örtlichkeiten ist tatsächlich real. Wer in Kiel lebt, vielleicht gar studiert, erkennt die beschriebene Strecke sicher wieder. Einige Ungenauigkeiten sind meiner Erinnerung bei der Überarbeitung nach rund 20 Jahren geschuldet. Der erste Abschnitt entspricht wahren Begebenheiten, ungeschönt. Was sich daraus ergibt, ist jedoch reine, spekulative Fiktion.

 

I

Kiel, im Juni 1999. Es war ein warmer Sommerabend, die Luft angenehm. Ein leichter Wind sorgte dafür, dass sich die Luft nicht drückend anfühlte. Um kurz nach 18 Uhr verließ ich das Gebäude der Fakultät für Anglistik in der Leibnizstraße. Wie üblich hatte ich die Übungen in Altenglischer Sprache und Philologie genossen. Da der Bus nur alle halbe Stunde fuhr und es sowieso so eine tolle Luft war, beschloss ich, zu Fuß zurück ins Studentenwohnheim zu gehen. Ich ging gemütlich die Leibnizstraße entgegengesetzt zur Bushaltestelle bis ans Ende, wo die Straße in einen Radweg überging. Dieser Radweg führte am Botanischen Garten vorbei zum Steenbeker Weg und stellte eine deutliche Abkürzung dar, im Vergleich zu dem weiten Umweg, den der Bus fahren musste. Dieser schöne Rad- und Fußweg war an beiden Seiten gesäumt von größeren und kleineren Brombeer- und Himbeerbüschen, wie auch von Eichen, Buchen und Ahornbäumen. Gedankenverloren dachte ich beim Gehen über einen Aufhänger für eine Erzählung oder Kurzgeschichte. Ich arbeitete zwar gerade an einem Mystery-Thriller und an einem apokalyptischen Endzeit-Thriller, bei beiden aber war ich in einer kreativen Sackgasse und wusste nicht so recht weiter. Vielleicht musste mal etwas Neues her.

Wie es der Zufall nun wollte, ergab sich nun genau hier auf diesem Rad- und Fußweg der Aufhänger für eine Geschichte. Und zwar im wortwörtlichen Sinn. Denn am tief hängenden, knorrigen Ast einer hohen Eiche am Wegesrand hing ein rotweiß gestreiftes Band, ähnlich einem Absperrband. An das Ende dieses Bandes war ein kleiner, silbrig glänzender Schlüssel geknotet.

Das war seltsam. Ich blieb vor diesem Band stehen, meine Neugier geweckt. Was mochte das bedeuten? War das ein Fahrradschlüssel? Für einen Haustürschlüssel sah er mir zu klein und zierlich aus. Ein dazu passendes Fahrrad sah ich allerdings weit und breit nicht. Wer mochte ihn wohl dahin gehängt haben und warum? Ich legte den Kopf schief und dachte nach. Ob jemand den Schlüssel verloren hatte und der Finder ihn hier – an den Ort des Verlustes – gehängt hatte, damit der Besitzer ihn leichter wiederfand? Oder war es ein bedeutungsloser Spaß, um vorbeigehende Fußgänger zu verwirren? Oder war es so etwas wie eine Gaunerzinke und hatte eine spezielle Bedeutung, die nur Eingeweihte kannten? Nachdenklich setzte ich meinen Weg fort. Dieses Ereignis konnte ich aufschreiben und darüber spekulieren. Vielleicht hatte ich damit meinen Aufhänger für eine Geschichte.

Keine zehn Minuten später erreichte ich das Edo-Osterloh-Haus, ein Studentenwohnheim, in dem ich mit 13 weiteren Studenten ein Stockwerk, bestehend aus Gemeinschaftsküche, Gemeinschafts-Bad und 14 kleinen Zimmern, teilte. Nach einem kurzen Abendessen und einer Unterhaltung mit Rusty, Mikey und Andy zog ich mich in mein Zimmerchen zurück. Ich schaltete sowohl meine Kompaktstereoanlage als auch meinen PC ein. Die Stereoanlage schmetterte sofort die ersten Töne des Suidakra-Albums „Lays from afar“, das ich am Vorabend eingelegt hatte, während mir vom PC mein Windows98-Hintergrundbild, ein Porträt des Commander Sisko aus der SF-Serie „Star Trek – Deep Space 9“ entgegenleuchtete. Ich lud das gute alte Word for Windows 97 und öffnete ein neues, leeres Dokument. Ich rief mir den Baum mit dem Schlüssel am Absperrband ins Gedächtnis zurück und stellte ihn mir vor meinem inneren Auge vor. Was könnte es damit auf sich haben? Was könnte passieren, wenn man diesen Schlüssel  – naheliegend – mitnimmt? Ich dachte kurz nach, dann tippte ich entschlossen los.

 

II

 

Ich stand also am Rand des Weges vor dem Baum, an welchem der Fahrradschlüssel (oder was auch immer das für ein Schlüssel war) am Absperrband hing. Es war jedoch kein Fahrrad in der Nähe zu sehen. Ich nahm den Schlüssel vorsichtig zwischen zwei Finger und besah ihn mir genauer. Tatsächlich war es ein gewöhnlicher Fahrradschlüssel aus einem silbrig glänzenden Metall, also anscheinend noch sehr neu oder gut geputzt. Es war eine kleine Seriennummer eingraviert. Die Form des Schlüssels erinnerte an diese kleinen Exemplare, die bei den Fahrrädern mit eingebauten Schlössern verwendet werden. Das rotweiß gestreifte Plastikband, an dem der Schlüssel befestigt war, schien mir tatsächlich ein Baustellenabsperrband zu sein. Da ich der Meinung war, hier alles an Fakten erkannt zu haben, wandte ich mich dem Zweig zu, an dem das Band festgeknotet war. Den Blättern nach handelte es sich um eine Buche. Ich runzelte die Stirn. Seltsam, war der Baum nicht eigentlich eine Eiche? Ich sah mir die anderen Äste und Zweige an. Ja, wirklich eine Eiche. Hatte jemand einen Buchenzweig von einem anderen Baum geholt und hier befestigt? Aber warum die Mühe anstatt das Band an einem der Äste der Eiche zu befestigen? Oder – ein anderer, und etwas gruseliger Gedanke: wurde ich hier heimlich gefilmt? Stand hier irgendwo das Team von „Versteckte Kamera“ hinter den Büschen und amüsierte sich über meine Verwirrung?

Ich beschloss, den Schlüssel für eine genauere Untersuchung abzunehmen. Hätte ich gewusst, was das für grausige Folgen für mich haben würde, hätte ich das sicher nicht gemacht.

Denn als ich an dem Ast zog, um das Band abnehmen zu können, gab der Boden plötzlich über mir nach. Ich stieß einen erschrockenen Schrei aus und ruderte wild mit den Armen, den Schlüssel loslassend. Ich erwischte ein Grasbüschel, das sich sofort aus dem Boden löste, als ich in der Erde versank. Mit der anderen Hand spürte ich, wie sich die Erde lockerte, darunter war eine hölzerne Falltür, die sich geöffnet hatte und mich in die dunkle Tiefe beförderte.

Der Aufprall kam schnell und heftig. Ein stechender Schmerz durchfuhr meinen Rücken, als ich auf einem harten Boden landete, kaum in der Lage, den Fall mit meinen Händen abzubremsen. Staub löste sich unter mir und wirbelte auf, kribbelte in meiner Nase. Ich blinzelte. Um mich herum war es dunkel, über mir sah ich die Öffnung, durch die ich gefallen war.

Ich stöhnte leise und rieb mir den schmerzenden Rücken. Noch während ich aufstand, stellte ich fest, dass sich die Luke langsam schloss. Ich erzitterte und bekam etwas Angst. Wie sollte ich wieder rauskommen? Ich sprang mit Schwung hoch und versuchte noch, die Luke zu erreichen, verfehlte sie aber um einige Zentimeter. Bestürzt sah ich, wie das Licht immer weniger wurde, wie es immer dunkler wurde. Dann war die Öffnung zu und um mich herum war alles schwarz.

Ich schluckte. Was nun? Ich befahl mir innerlich, nicht in Panik zu geraten. Ich musste ruhig bleiben und einen Ausweg suchen. Wenn es denn einen gab… Aber den Gedanken verbot ich mir.

Zunächst brauchte ich Licht. Ich musste sehen können, wo ich hier gelandet war.

Ich kramte in meinen Hosentaschen. In der Linken fand ich mein Portemonnaie mit einigen Münzen Kleingeld und meinen Schlüsselbund, in der rechten Hosentasche ertastete ich ein Päckchen Kaugummi, aber kein Feuerzeug. So etwas trug ich als Nichtraucher auch selten mit mir herum. Nun gut, musste erst einmal mein Tastsinn herhalten. Ich kniete mit einem Ächzen nieder und ignorierte den stechenden Schmerz in meinem Rücken. Vorsichtig tastete ich den Boden ab. Statt der erwarteten Erde, Laub, Lehm oder ähnlichem spürte ich eine kühle Glätte, ähnlich dem Linoleumboden im Studentenwohnheim. Verwirrt tastete ich weiter, drückte mit den Fingernägeln in den Boden. Das ergab doch keinen Sinn. Wieso sollte so eine Fallgrube einen Boden aus Linoleum haben? Ich tastete mich langsam voran, bis ich an eine Wand stieß. Sie fühlte sich ebenfalls kühl an, jedoch mit einer papierartigen Textur, vielleicht eine Tapete? War ich hier in einem unterirdischen Zimmer gelandet? Gab es vielleicht eine Tür. Ich machte kleine Schritte, fuhr mit den Fingern die Wand ab. Nach kurzer Zeit bereits stießen meine Finger auf eine kleine, glatte Erhebung, die sich nach Plastik anfühlte. Ein Schalter vielleicht? Ich drückte ihn. Mit einem leisen Knacken wurde der Raum plötzlich in strahlend helles Licht getaucht. Ich kniff die Augen zusammen ob der schmerzhaften Blendung. Als meine Augen sich etwas daran gewöhnt hatten, öffnete ich sie wieder und sah mich um. Ich stand in einem kleinen Raum, vielleicht drei mal drei Meter groß, der Boden war tatsächlich dunkelgrünes Linoleum, allerdings ziemlich staubig, die Wände mit schlichter weißer, teilweise verkratzter Raufasertapete verkleidet. An der Decke war eine geschlossene Holzklappe, daneben hing eine nackte Glühbirne in einer einfachen Fassung. Neben dem Lichtschalter befand sich eine Stahltür, deren graue Lasur teilweise abblätterte. Das Türschloss hingegen sah ganz neu aus. Seltsam. Ich bekam eine Gänsehaut. Was war das hier für ein Ort? Ein unterirdisches Haus? Ein Keller, der zu einem der umliegenden Schrebergärten gehörte? Aber die waren dafür doch zu weit weg. Ich wollte nicht lange darüber nachdenken, ich musste hier raus.

Ich griff nach der Türklinke, drückte sie runter und zog. Es klickte, die Tür bewegte sich aber nicht. Abgeschlossen! Ich klopfte. „Hallo?“ rief ich, legte dann mein Ohr an die Tür und lauschte. Nichts. Warum war die Tür abgeschlossen? Hieß das nicht, es musste jemand hier gewesen sein? Aber in diesem Raum war doch sonst nichts. Ich drehte mich um.

Vor Schreck machte mein Herz einen Hüpfer. In der gegenüberliegenden Ecke des Raumes saß ein Mensch auf dem Boden, mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Ich sage Mensch, weil die Person so verwest war, dass man es nicht genauer sagen konnte. Die Augen ausgetrocknet, das Fleisch grau verfärbt und rissig, die Haare strähnig. Die Kleidung war ein weiter Regenponcho, durch den man auch an der Figur nichts weiter erkennen konnte. Mein Herz klopfte wild und ich spürte Panik in mir aufsteigen. War dieser Person das gleiche passiert wie mir? Heruntergestürzt, keinen Ausweg gefunden und elendig verhungert? Ich musste meine Anstrengungen verdoppeln, hier herauszukommen. Und das hieß, ich musste die Tür öffnen, auf welche Weise auch immer.

Mit zitternden Händen näherte ich mich der verrottenden Leiche. Ich sah eine Umhängetasche, halb von dem Arm verdeckt. Ob da vielleicht etwas drin sein könnte, was mir weiterhalf? Aber dann hätte der Tote das sicher auch schon getan. Oder war so sehr in Panik gewesen, hatte vielleicht einen Herzanfall gehabt, dass er oder sie gar nicht mehr dazu gekommen war. Mit zitternden Händen griff ich nach der Umhängetasche. Der Arm rutschte weg, ein Stück verwestes Fleisch löste sich von der Hand und fiel zu Boden. Mir wurde schlecht vor Ekel und ich würgte etwas. Ich bemühte mich, den Arm nicht anzufassen. Meine Hände zitterten auch weiterhin, als ich die Tasche öffnete und darin herumwühlte. Sehen konnte ich nichts, aber meine Finger spürten ein kleines, kühles Objekt aus Metall. Ich zog es rasch heraus. Es war ein Schlüssel! Der Hausschlüssel der Leiche?

Oder – und das wäre zu schön, um wahr zu sein – gehörte der Schlüssel zu der einzigen Tür, die aus diesem Raum führte? Ich sprang auf und ging zur Tür, steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn. Er passte! Ich drückte die Klinke herunter, zögerte dann aber. Wenn der Tote den Schlüssel bei sich hatte, dann bedeutete es, dass er oder sie sich hier selber eingeschlossen hatte. Was mochte hinter der Tür sein, dass jemand hier lieber den Tod in Kauf nahm, als die Tür zu öffnen? Sollte ich wirklich nachschauen? Andererseits gruselte mir bei dem Gedanken, noch länger mit einer verwesenden, stinkenden Leiche in einem Raum zu bleiben. Ich sah keine Alternative, also zog ich an der Türklinke.

Durch die nun offene Tür sah ich einen langen, gemauerten Gang. Während Decke und Wände weiß gestrichen waren, war der Boden mit grauem Linoleum belegt. Flackernde Neonröhren warfen ein unwirkliches Licht auf den Boden. Genauso sahen auch die Untergeschossgänge aus, welche die Fakultätshäuser der Leibnizstraße Nr. 4 bis 10 miteinander verbanden. Aber die konnten doch unmöglich bis hier führen, das wäre ja über einen Kilometer. Oder gab es hier vielleicht aus Zeiten des Zweiten Weltkriegs einen unterirdischen Bunkerkomplex, der mit den Kellergewölben verbunden war? Dann könnte es aber gut sein, dass der Zugang verschüttet oder zugemauert war. Daran wollte ich aber nicht denken. Es musste einen Weg nach draußen geben.

Der Gang schien ziemlich lang zu sein, die flackernden, teilweise aber auch gar nicht funktionierenden Neonröhren ließen das Ende im Dunkeln verschwinden. Aber irgendwo musste der Gang ja hinführen. Adrenalingeladen marschierte ich los. Die Luft war etwas stickig, aber ließ sich noch atmen. Nach einigen Metern sah ich zu meiner Linken eine Stahltür in der Wand, ähnlich der, durch die ich gekommen war. Auch hier blätterte Farbe ab, wies da Metall Rostflecken auf. Ein vergilbtes Papierschild klebte daran. In verblasster Schrift stand darauf nur ein Wort: Syndikat. Ich hielt inne. Was mochte das bedeuten? War hier vielleicht wirklich das Hauptquartier einer Gangsterbande? Lebende Menschen, Zivilisation? Aber dann wiederum wirkte es nicht so, als wäre die Tür in letzter Zeit geöffnet worden. Ich horchte kurz, es war totenstill.

Mutig drückte ich die Klinke herunter und zog die Tür auf. Muffige Luft mit einem süßlichen Gestank kam mir entgegen. Der Raum war unbeleuchtet, wie der, den ich durch die Falltür erreicht hatte. Ich machte einen Schritt in den Raum und griff nach links, wo ich neben der Tür den Lichtschalter vermutete. Eine einzelne nackte Glühbirne an der Decke sprang mit einem Knacken an und tauchte den Raum in ein ungleichmäßiges, gelbes Licht. Ich sah nun, was diesen Gestank verursacht hatte und machte unfreiwillig angeekelt einen Schritt rückwärts.

In der Mitte des Raumes stand ein staubbedeckter Holztisch, darauf einige leere Gläser, vergilbte Papiere, Kugelschreiber, Namensschilder. Um den Tisch saßen drei sehr, sehr tote Menschen, die Haut bis zur Mumifizierung ausgetrocknet, die Kleidung altmodisch und mit Auflösungserscheinungen. Die Form der Krawatten ließen mich vermuten, dass diese Leichen mindestens seit den Sechziger Jahren hier saßen. Ich schlug mir entsetzt die Hand vor den Mund, konnte aber den Würgereiz nicht mehr unterdrücken. Instinktiv beugte ich mich nach vorn und übergab mich stöhnend. Der widerliche Gestank der Leichen, der ekelerregende Anblick und auch mein eigenes Erbrochenes auf dem Boden verstärkten meine bis dahin erfolgreich im Zaum gehaltene Panik. Mit Schwung warf ich die Tür zu und rannte, was ich konnte, den Gang weiter entlang. Was war da wohl passiert? Eingeschlossen, vergessen und verhungert? Was, wenn es hier keinen Ausgang gab? War das auch mein Ende? Sollte ich gleich aufgeben?

Flackernde Neonröhren wechselten sich mit ausgebrannten Röhren ab, seltsame Schatten tanzten auf den Wänden, mein eigener Schatten wuchs und schrumpfte, als ich unter den Lichtern entlang rannte. Schließlich endete der Gang an einer weiteren Stahltür, auch diese sah wieder ziemlich herunterkommen aus. Durch einen schmalen Spalt zwischen Tür und Fußboden schien Licht herein. Kein Tageslicht, gelbliches Neonlicht. Dahinter ging es also weiter. Ich drückte die Klinke herunter, zog an der Tür. Die Tür blieb zu. Abgeschlossen oder klemmte sie? Ich zog noch einmal, es klickte, aber die Tür bewegte sich nicht. Ich schlug mit den Fäusten gegen die Tür und schrie laut um Hilfe.

Totenstille. Ich klopfte nochmal. Entweder hörte mich keiner oder es war niemand dort.

Ich hielt inne. Ruhig bleiben, nachdenken. Hatte ich noch den Schlüssel bei mir oder hatte ich ihn in der ersten Tür stecken gelassen? Oder hatte bei der zweiten Tür ein Schlüssel gesteckt? Ich schaute kurz meine Taschen durch. Kein Schlüssel. Vielleicht sollte ich den Schlüssel holen und prüfen, ob er auch an dieser Tür funktionieren würde. Ich joggte den Gang zurück, an der offenen (Moment, hatte ich die Tür nicht geschlossen?) Tür vorbei bis zum ersten Raum. Tatsächlich, ich hatte den Schlüssel hier stecken gelassen. Ich zog ihn ab und steckte ihn in meine Hosentasche, dann ging ich langsam wieder den Gang entlang. Alles gut, mit etwas Glück würde der Schlüssel auch dort passen und könnte frei sein.

Doch was war das? Ich hörte leise schlurfende Schritte. Sie kamen aus der Richtung, in die ich gerade lief. Hatte doch am Ende jemand meine Schreie gehört und die Tür geöffnet. Ich sah eine dunkle Gestalt in der Ferne.

„Hey, hier bin ich!“ rief ich erfreut und winkte. Die Gestalt reagierte nicht auf meinen Ruf, schien aber näher zu kommen. Hinter ihr erlosch eine Neonröhre funkensprühend. Auch jede weitere Neonröhre, die die Gestalt passierte erlosch. Und ebenso meine Freude. Was zum Geier war das? Ich kniff die Augen etwas zusammen und versuchte Details zu erkennen. Ich sah eine breite Krawatte im Stil der Sechziger Jahre, löchrige Hose, zerschlissenes Hemd, graue Haut. Vor Schreck schlug mir das Herz bis zum Hals. Das war eine der drei Leichen aus dem Raum mit dem Tisch! Wie kann das sein, wie kann ein Toter herumlaufen? War das der Grund, warum der Tote mit der Umhängetasche sich in dem Raum eingesperrt hatte?

Ich dachte nicht lange nach und rannte zurück in den kleinen Raum und warf die Tür hinter mir zu.

Mit zitternden Fingern wühlte ich in meiner Hosentasche nach dem Schlüssel. Im zweiten Versuch konnte ich ihn ins Schloss schieben und herumdrehen. Ich hörte, wie von der anderen Seite etwas gegen die Tür schlug. Anscheinend gerade noch rechtzeitig.

Erleichtert atmete ich aus. Dem war ich entkommen. Eine Sorge weniger, aber nun war ich wieder hier in einem Raum ohne weiteren Ausgang. Was nun, wie konnte ich hier rauskommen? Ich sah mich noch einmal um. Gab es eine Möglichkeit, an die Klappe in der Decke zu kommen?

Aus dem Augenwinkel nahm ich eine Bewegung wahr. Ich wagte es kaum, den Kopf zu drehen. Ein leises Stöhnen, ein Knacken und Knirschen. Langsam erhob sich die Leiche. Ich schrie auf. Ein kleines Stückchen Fleisch löste sich aus dem Gesicht der Leiche und fiel zu Boden.

In Panik und ohne Nachzudenken machte ich einen Sprung zur Tür, drückte die Klinke, rüttelte daran, rüttelte am Schlüssel, sah mich wieder nach der Leiche um. Der Tote grinste mich mit verfaulenden Zähnen an und näherte sich langsam und schlurfend, ein Bein nachziehend.

Zitternd versuchte ich den Schlüssel umzudrehen, doch mein Ungeschick resultierte nur darin, dass der abbrach. „Fuck!“, schrie ich in Panik und versetzte der Tür einen Tritt.

Die wandelnde Leiche hatte mich nun erreicht, eine verrottete Hand landete auf meiner Schulter und drehte mich mit überraschender Kraft zu sich um. Bevor ich reagieren konnte, näherte sich das verweste Gesicht, staubiger Atem blies mir entgegen.

Gnädigerweise verlor ich das Bewusstsein und erlebte nicht mehr mit, was der Tote mit mir machte.

 

Autsch. Was hatte mich denn zu so einem unrealistischen Story-Twist getrieben? Andererseits war das natürlich nur eine von unendlich vielen Möglichkeiten. Ich sollte noch weitere Fortführung dieses Fahrradschlüssel-am-Baum-Ereignisses schreiben, vielleicht wäre eine davon wenigstens ein Happy End. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

 

[Gesamt:3    Durchschnitt: 2.7/5]

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