GARFIELD – ANDREW A. SCHULTZ

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

Liebe

Da liegt sie…

Alessa…

Meine Alessa…

Sie wurde meine neue Mutter. Meine beste Freundin und meine bedingungslose Liebe. Mit ihr bin ich nie alleine. Mit ihr werde ich nie alleine sein. Zeit mit ihr ist zeitlos. Wenn ich traurig bin, nimmt sie mich in den Arm, streichelt mir den Rücken und küsst mich liebevoll auf die Stirn. Wenn ich spielen will, lässt sie alles an Ort und Stelle liegen und beschäftigt sich mit mir. Sie wirft diese Plüschmäuse durch die Gegend und ich renne ihnen quietschvergnügt hinterher, um sie zu fangen. Sie sorgt dafür, dass ich reichlich essen habe, niemals an Hungersnot oder gar trockener Kehle leide. Ich bin immer dort wo sie ist, außer wenn sie das Haus verlässt. Dann warte ich hier auf sie, um wieder in ihrer Nähe zu sein, wenn sie nachhause kommt. Sie sagt, ich darf nicht rausgehen. Draußen lauern Gefahren auf mich und mein Fell würde voller Dreck. Sie hält mein Fell sehr sauber, mit dieser kratzigen Bürste, die mir Haare aus dem Körper reißt. Ich mag diese Prozedur nicht, lasse es aber, ihr zuliebe, über mich ergehen. Sie badet mich und achtet darauf, dass das Wasser nicht zu heiß und nicht zu kalt ist. Sie behandelt mich wie einen König. Bin ich ein König? Ich bin der König zumindest hier in diesem Haus. Denn Könige werden von ihren Untergebenen, die sie lieben, beschützt. Sie beschützt mich vor ihren Vater. Ihr Vater ist ein böser Mann, der mich nicht mag und öfter nach mir schlagen will, wenn ich mich zu Alessa auf den Tisch setze. Ich mag ihn auch nicht. Dennoch haben wir gelernt, uns zu arrangieren. Er akzeptiert meine Anwesenheit, weil seine Tochter meine Anwesenheit liebt. Ich akzeptiere seine Anwesenheit, weil er Alessas Vater ist. So einfach ist das.

Da liegt sie nun und schläft. Ich lege mich auf ihren Bauch und kuschle mich fest an sie. Ihr Herz schlägt gleichmäßig. In der nächtlichen Stille kann ich ihren Atem hören. Ihr langsames Atmen, welches eine zarte Wellenbewegung in ihrem Bauch simuliert, beruhigt mich und ich geselle mich zu ihr weit weg von der unseren Welt, irgendwo in einem Land wo Einhörner, Feen und sprechende Tiere leben…

Garfield! Garfield, dringt es zu meinen Ohren vor und holt mich zurück zu ihr, an einem winterlichen Morgen. Ich öffne meine Lider und schaue in ihre wundervollen Augen. Ein grünblauer Wirbel aus Güte und Zuneigung, umspielt von ihrem langen, braunem Haar, lässt meinen Körper erzittern und mich wie verrückt schnurren. Ich muss ihr meine Liebe zeigen. Jetzt. Schnell richte ich mich auf und stupse sie mit meinen Kopf an die Wange. Lecke ihr den Schlaf aus den Augen. Alessa lacht, umarmt mich und redet mit mir. Sie sagt mir so oft, wie sehr sie glücklich darüber ist, mich bekommen zu haben. Ich war acht Wochen alt, als ihr Vater kam und mich meiner Herkunftsfamilie entriss. Ich schrie und fauchte. Meine Mutter war in einem Käfig eingesperrt und konnte nichts tun, außer zu weinen und zu betteln. Sie versuchte den Käfig aufzubrechen, aber es war nicht von Erfolg gekrönt. Meine Geschwister versteckten sich, aus Angst Alessas Vater könnte auch sie schnappen und davontragen. Ich hatte solch fürchterliche Angst. Dann sah ich sie. Ein kleines Mädchen, einsam in ihren Zimmer sitzend. Und als sich unsere Blicke trafen, da wussten wir beide sofort, dass es Liebe war. Alessa hat sich gerade angezogen. Ich warte schon unruhig in der Küche auf sie. Sie weiß, dass ich um diese Uhrzeit immer großen Hunger habe. Da kommt sie auch schon! Heute müsste es Schweinefleisch mit Erbsen geben. Köstlich, wie immer. Ich warte.

Sie scheint mich vergessen zu haben, mein Napf mit Trinken ist ebenfalls leer. Ihr Vater kommt herein und redet mit ihr. Sie schaut mich besorgt an, wagt es aber nicht mir zu verstehen zu geben, in was für einer Situation ich mich befinde.

Dann nimmt sie mich behutsam auf den Arm, krault mir das Kinn und setzt mich in eine enge Gitterbox. Der Vater trägt mich aus der Wohnung. Ich rufe nach Alessa, gerate in Panik und strecke meine Pfoten nach ihr, doch sie kommt nicht um mir zu helfen. Ich werde in einem Fahrzeug im Kofferraum abgestellt und erkenne das Innenleben wieder. Hier bin ich schon einmal mitgefahren, als man mich zu Alessa gebracht hat. Wie lange ist das jetzt wohl her? Ein halbes Jahr? Vielleicht auch mehr. Der Motor heult laut auf und ruckelnd setzen wir uns in Bewegung. Ich werde durch scharfe Kurven von rechts nach links geschleudert, verliere schnell das Gleichgewicht und knalle mit dem Schädel gegen die kalten Gitterstäbe. Die Box droht, gemeinsam mit mir darin, durch das Schlittern der Räder über die vereisten Straßen, umzukippen, doch ich habe Glück und kann mein Gewicht ein jedes mal schnell auf die andere Seite verlagern. Nach einer kurzen Fahrt kommt das Fahrzeug wieder zum stehen und Alessas Vater steigt aus dem Wagen. Er öffnet den Kofferraum und holt mich, mit samt dem Käfig heraus und bringt mich in ein Gebäude, indem weitere Artgenossen von mir, ebenfalls in Käfigen gekauert, in einem großen Raum neben anderen Menschen sitzen und warten. Sie flüstern mir zu, dass dies ein böser Ort sei und der Mann hinter der großen stählernen Tür, auf der anderen Seite des Raumes, ein Monster. Ich höre qualvolle Schreie aus dem Nebenzimmer. Eine laute Stimme versucht das arme Tier zu beruhigen, doch ich verstehe nicht was gesprochen wird, da das Geschrei ins unermessliche steigt und auf dem Zenit des Höhepunktes abbricht und untergeht in besorgniserregendem Getuschel der anderen Gefangenen. Ich warte eine Ewigkeit. Warte darauf, dass Alessa durch die Tür stürmt und mich holen kommt. Warum ist sie nicht hier bei mir?

Ich bin als nächster dran. Sie alle vor mir haben vor Schmerzen und Furcht geschrien und verzweifelt gejammert. Die Tür öffnet sich und heraus tritt ein alter Mann, groß und blass.

Er geht gekrümmt mit Buckel und starrt durch die Gitterstäbe auf mich herab. Ich kann an ihm unzählige Tropfen Urin der anderen riechen. Er fordert Alessas Vater auf ihm zu folgen. Mein Herz pocht wie wild. Ich bin starr vor Angst. Alessa, wo bist du nur?

Man stellt mich auf einem Bett aus Metall ab und öffnet die Käfigtür. Der alte Mann hebt die Box an und kippt sie seitwärts, sodass ich aus dem Käfig herausrutsche und nirgends halt finden kann. Alessas Vater hält mich fest. Der Bucklige schmiert mir eine schleimige Substanz in die Augen. Ich fauche, muss unkontrolliert Wasser lassen und trete mit den Hinterpfoten hinein. Alessa! Der Alte kommt mit einem unbekannten Instrument zurück zum Tisch. Eine längliche Röhre mit einer langen Spitze vorne dran und einer durchsichtigen Flüssigkeit darin. Er sticht mir damit in den Schenkel, es brennt höllisch. Es schmerzt. Alessa, es schmerzt. Wo bist…

Abneigung

Ich fühle mich schwummrig…

Müde…

Schläfrig…

Ich versuche aufzustehen, werde jedoch von einem stechenden Schmerz in meiner Leistengegend zurück zu Boden gezwungen. Sie haben die Küche abgedunkelt und eine Decke neben meinen Kratzbaum ausgebreitet, auf der ich erschöpft herumliege. Ich versuche mich zu erinnern, was bei dem Buckligen passiert ist.

Er verabreichte mir einen Stoff, der mich einschlafen ließ, dann wachte ich hier wieder auf.

Ich höre Schritte. Sie sind so laut wie das Stampfen eines Elefanten. Alessa kommt in die Küche gelaufen und kniet sich zu mir herunter.

Sie streichelt mir den Kopf, doch lässt sie mich einfach liegen. Geht einfach wieder zurück in das Wohnzimmer zu ihren Vater, obwohl sie weiß, dass ich starke Schmerzen habe und ihre Gesellschaft gerade benötige…

 

Drei Monate sind vergangen und ich weiß nun genau, was mir widerfahren ist. Ich weiß, was der alte Mann getan hat. Wo mich Alessas Vater hingebracht hat und was Alessa einfach zuließ. Sie haben mir etwas gestohlen. Sie haben es aus mir herausgeschnitten. Ich habe in den letzten Monaten viel zugehört und eine Menge erfahren. Sie erzählten sich von einem Mann, zu dem ein jeder gehen konnte, um seinen Haustieren grausame Dinge antun zu lassen. Er entfernt Organe, die sie benötigen, um Babys zu machen und beansprucht sogar noch Geld für seine sadistischen Gelüste, welches Alessas Vater bereitwillig gezahlt hat. Dieser Mann war der Bucklige.

Er betäubte mich mit einem Wirkstoff, dass sie immer nur Narkose nennen, dann rasierte mir der Alte meinen Hodensack und schnitt ihn mit einem Skalpell der Länge nach auf. Zog meine Hoden heraus, schnürte sie ab und schnitt sie durch.

Vorsichtig, wie sie es nannten, nähte er meinen Sack wieder zu und seither tun alle so als ob mir nie ein Leid angetan wurde. Doch ich weiß es besser. Sie haben sie mir gestohlen.

Mich zu einem Weibchen gemacht. Alessa hat es zugelassen, dass sie an mir herumschneiden. Die körperlichen Schmerzen sind vergangen. Die psychischen bleiben. Ich traue mich nicht, diese Stelle anzusehen, oder gar zu säubern. Ich bin unvollkommen und werde nie mehr Kinder zeugen können. Ich bin unvollständig.

Alessa versuchte in letzter Zeit mich wieder öfter hochzuheben, um eine Versöhnung herbeizuführen. Ich habe mich dagegen aber gesträubt und das Weite gesucht. Ich benötige momentan etwas Abstand zu ihr. Ich versuche zu verstehen, warum sie es zugelassen hat, dass ihr Vater und der Alte mir solch eine Pein zufügen. Ich schaue aus dem Fenster und beobachte die Welt dort draußen in unserem Garten, die ja so gefährlich zu sein scheint. Der Frühling hat Einzug gehalten und den Schnee vertrieben. Vögel, die ich gerne fangen würde, fliegen nun an dem Bäumen von Ast zu Ast. Bunte Blumen, an denen ich gerne riechen täte, wachsen prächtig und bereichern unsere Beete und Wiesen hinter dem Haus. Schmetterlinge und Bienen besuchen deren Blüten und inmitten des Spektakels sehe ich einen meinesgleichen. Er stolziert einfach durch unseren Garten, als wäre es sein eigen. Obwohl er doch wissen müsste, dass es dort draußen gefährlich ist und der Garten unser Grundstück, auf dem er nichts verloren hat! Ob er weiß, dass es einen Ort gibt, an dem der Bucklige ihm seine Manneskraft berauben kann? Warum kann er dort draußen rumlaufen und ich nicht…

Ein weiterer Monat ist nun ins Land gezogen und ich habe mehr Zeit am Fenster in der Küche verbracht, als in jedem anderen Zimmer. Alessa kam die letzten Wochen nur noch wenig zu mir. Seit drei Wochen tänzelt eine blondhaarige Frau durch unser Haus. Alessas Vater scheint sie sehr gerne zu haben. Sie küssen sich liebevoll auf die Lippen. Sie machen dieselben Sachen wie Ich es immer mit Alessa getan habe. Schmusen und Kuscheln. Alessa hält sich viel bei ihnen auf und klebt der neuen Frau wie eine Klette am Bein. Das gefällt mir nicht. Sie schenken mir kaum noch Beachtung. Vergessen ständig mein Fressnapf und meine Trinkschale zu füllen. Seit einer Woche wurde mein Fell nicht mehr gekämmt und das letzte Bad ist ebenfalls schon länger her. Die Menschen in diesem Haus verweigern mir seit kurzem den Zugang zum Wohnzimmer, da die blondhaarige eine Allergie hat gegen mein Fell und Alessas Vater will meine Haare nicht auf seiner Schlafcouch. Seine Freundin muss sonst niesen und ihre Augen röten, sodass sie ein Medikament nehmen und die Wohnung verlassen muss. Sie scheucht mich aus der Küche, wenn sie essen wollen. Dann schließen sie die Tür und lassen mich davor sitzen. Allein im dunklen. So verbrachte ich die letzten Tage im Flur oder am Fenster. Ich beobachte den Schwarzhaarigen meiner Rasse, wie er über die Wiesen tollt und versucht kleine Käfer zu fangen. Er klettert auf die Bäume, als ob er es bereits seit Jahren könne, landet auf seinen Pfoten wieder im Gras und schaut zu mir ins Fenster. Hämisch stellt er sich an die Blumenkübel und verspritzt seinen Urin daran, um mir zu zeigen, dass dies sein Revier ist. Mein Garten ist sein Revier. Ich möchte zu ihm hinausstürmen, in die so gefährliche Welt und diesen ungehobelten Halunken über Wege und Felder hetzen. Doch ich bin hier drinnen gefangen. Die blondhaarige sitzt im Garten und sonnt sich in der späten Frühlingssonne. Warum hat mein Artgenosse nicht einfach sie markiert und sie für sich beansprucht?  Alessa kommt um die Ecke gelaufen und hat ihn entdeckt. Sie wird ihn zum Teufel jagen, ganz bestimmt…

Ich habe mich hinter der Couch versteckt, seitdem ich heute Morgen die Fotos auf dem Tisch entdeckt habe. Ich gehe Alessa und den Rest des Hauses aus dem Weg. Sie haben mein Vertrauen missbraucht. Alessa hat gestern diesen Schwarzhaarigen gestreichelt und auf der Wiese spielen lassen, während ich am Fenster saß und zusehen musste. Der Anblick hat mir das Herz gebrochen. Sie hat gelacht und ist mit diesem Schuft durch den Garten gerannt, als gehöre er zu ihr und nicht ich.

Meine Narbe schmerzt ein wenig. Warum weiß ich nicht. Ich vermisse meine Männlichkeit.

Manchmal fühlt es sich so an als wäre sie noch da, gut verpackt in ihrer Hülle und nicht herausgeschnitten und in den Müll geworfen.

Unauffällig habe ich mich heute in das Wohnzimmer geschlichen. Die Blonde ist nicht da, Alessa ist in der Schule und ihr Vater arbeitet. Dumm für sie, dass die Tür offen stehen gelassen wurde. Sie haben sich anscheinend gestern Abend alte Fotos angeschaut. Auf einem Bild war Alessas Vater zu sehen mit einer schönen Frau, die aussah wie Alessa selbst, nur um einiges älter. Beide sahen glücklich und zufrieden aus. Daneben lag eine Todesanzeige von vor drei Jahren. Die Frau auf dem Foto ist nicht alt geworden, wie ich herausfinden konnte. Noch bevor ich einen leisen Hauch von Mitgefühl empfand, wurde jenes Gefühl in sekundenschnelle davongeschmettert, als ich ein weiteres Foto erblickte, auf dem Alessa in ihren Zimmer auf dem Bett saß und eine ältere Version von mir in den Armen hielt. Die erwachsenere Kopie meiner Wenigkeit war weiblich, ohne Zweifel. Alessa strahlte bis über beide Ohren. Ich versuchte das Bild mit meinen Krallen herumzudrehen, da ich bemerkte, dass auf der anderen Seite etwas geschrieben stand. Ein Luftzug wehte das geschossene Bild vom Tisch und ließ es wendend zu Boden gleiten. Auf der Rückseite stand mit kindlicher Hand geschrieben, dass Carrie in Frieden ruhen und der Autofahrer, der sie überfahren hat, bestraft werden soll…

Hass

Diese Schmeißfliegen…

Diese Wut in meinem Bauch…

Dieses verfluchte Haus und ihre Bewohner…

Ich versuche den gesamten Tag einfach durchzuschlafen, damit ich mich nachts ungestört in den Bereichen des Hausen bewegen kann die mir noch erlaubt sind. Dann muss ich dieses elende Stück wenigstens nicht sehen. Ich höre höchstens ihre dummgefickte Stimme aus dem Schlafzimmer stöhnen. Alessas Papi besorgt es ihr dann ordentlich. Als sie mich im Frühling im Wohnzimmer erwischt und mir mit einen kräftigen Tritt in meine herausgeschnittenen Eier gezeigt hat, wer hier das Kommando übernimmt, hätte ich dieses elende Stück beißen und kratzen sollen. Alessa spielte am besagten Nachmittag vergnügt mit ihrem neuen Freund, dem Schwarzhaarigen und hat von alledem nichts mitbekommen. Die neue Hausherrin scheuchte mich durch das Haus, warf Schuhe nach mir und drohte damit, mich in der Badewanne zu ersaufen. Zum Glück ist es im Haus sicherer als draußen. Dabei kommt mir wieder der Schwarzhaarige in den Sinn. Der arme Kerl muss in dieser gefährlichen Welt draußen frei rumlaufen und aufpassen, dass ihm die Grashüpfer nicht in den Arsch springen. Muss ein wirklich übles Gefühl für ihn sein, bei diesen Temperaturen an der frischen Luft durch die Gärten zu streifen, während ich hier drin immer fetter werde von diesem billigdosenscheiß den sie neuerdings kaufen und vor Hitze dehydriere. Weniger ist mehr, sagt zumindest Alessas Papi. Und wenn es nach ihm und seiner blonden Braut gehen würde, wäre ich schon längst weg. Sie behalten mich nur, weil Alessa mich nicht weggeben möchte. Sie bringe es nicht übers Herz. Ist sie nicht ein Goldstück, die kleine? Der Sommer neigt sich bereits dem Ende. Es waren schöne Tage dabei. An ganz heißen Tagen waren sie den ganzen Tag nicht zuhause. Ich hatte das Haus ganz für mich allein.

Außer dass sie des Öfteren vergessen haben mir frisches Trinken bereitzustellen, war es sehr angenehm. Aber auch dafür gab es eine Lösung. Manchmal, wenn ich kurz vor dem verdursten gewesen bin, habe ich auf die Badfliesen uriniert und es dann getrunken. Die ersten Male waren wirklich ekelhaft, doch nach einer gewissen Weile gewöhnt man sich an jeden Geschmack. Ich habe das Mysterium um Carrie übrigens herausgefunden. Sie war meine Vorgängerin. Sie lebte fünf Jahre hier in diesem Haus und durfte es sogar verlassen! Damals lebte Alessas Mutter noch und man könnte meinen, dass das Schicksal ein übles Arschloch ist, wenn es mir nicht mittlerweile völlig egal wäre. Ihre Mutter starb bei einem Autounfall vor drei Jahren und exakt zweieinhalb Jahre später wurde Carrie von einem Lastwagen plattgerollt. So war es nur logisch, dass sie sich einen neuen Spielgefährten zulegen musste, der genauso aussieht wie Carrie. Leider wuchs bei mir ein Hodensack, der so gar nicht weiblich wirken wollte. Also bringt man mich zu einem buckligen Sadisten, der die Angelegenheit schon regelt und den körperlichen Makel beseitigt. So schnell geht das in der Welt der Menschen. Ein paar Monate nach meiner Geschlechtsumwandlung stieß noch diese blonde Bettmatratze dazu und alle waren glücklich…

 

Es gab einen Tag in mitten des Sommers, da saß Alessa weinend an ihrem Schreibtisch und streckte die Hände nach mir aus. Sie sagte, komm her Garfield. Komm zu mir. Ich sah sie mit finsterer Miene an, auch wenn ich weiß, dass sie meinen Blick nicht deuten kann. Ich wünschte mir in diesem Moment, dass ich ihre Sprache sprechen könnte. Nur zu gerne hätte ich ihr gesagt, jetzt wo du traurig bist, soll ich dich trösten? Nun brauchst du meine Nähe? Willst kuscheln, mich vielleicht noch Carrie nennen? Ich scheiße auf dich! Wegen dir bin ich kein Männchen mehr! Keiner beachtet mich mehr in diesem verdammten Haus! Ich werde hier gefangen gehalten und schlecht behandelt! Man will mich tot sehen!

Geh doch zu deinem Liebling, dem dreckigen Streuner da draußen. Ich scheiße auf dich und die anderen Arschlöcher in diesem Haus! Dann verließ ich ihr Zimmer und zog mich zurück in die dunklen Ecken des Hauses…

 

Der Platz an diesem Küchenfenster ist im letzten halben Jahr zu einem Ort der Stille und des Friedens geworden. Niemand belästigt mich. Niemand beachtet mich, außer der Streuner draußen im Garten. Das grinsen wird dir schon noch vergehen. Es wird wieder früher dunkel, was bedeutet, dass ich mehr Schattenfläche habe, in der ich mich bewegen kann, ohne dass man mich entdeckt. Seit einigen Tagen habe ich dieses Zucken im Auge, unfähig es zu steuern oder zu kontrollieren. Ich spüre eine Verkrampfung der Kiefermuskulatur und eine enorme Anspannung meines Körpers. Doch am Fenster legt sich dieser Zustand ein wenig, beim Anblick meines Gartens. Draußen ist alles bunt. Die Bäume sehen wie gezeichnet aus. Blumen ziehen sich zurück in die Erde zum Schlafen und die Vögel bereiten sich auf den Herbstzug vor. Die Blätter fallen im herbstlichen Wind von den Bäumen, wie die schimpfenden Wörter und Anschuldigungen, die von der Stube zu mir ans Fenster getragen werden. Alessas Papi streitet gerade mit seiner blonden Dose. Sie streiten über finanzielle Mittel. Kein Wunder, wenn man viermal die Woche in ein Sonnenstudio rennt und rein gar nichts an ihrem Körper echt ist. Sie streiten über eine neue Couch, weil diese wohl sehr nach mir stinken solle und natürlich streiten sie über mich. Die Matratze will mich loswerden, da sie auf Dauer nicht mehr so hier leben kann. Die Fellallergie macht ihr zu schaffen. Sie will einen Hund. Gegen die Köter ist sie glücklicherweise nicht allergisch. Alessas Papi sträubt sich dagegen, doch man merkt, dass er bereits ins straucheln gerät. Gleich wird Blondie ihren Joker aus dem Ärmel schütteln und sagen, wenn du mich wirklich liebst, dann lass uns das elende Viech wegschaffen und einen wunderschönen Windhund kaufen.

Doch es kommt anders als ich es je erwartet hätte. Sie rufen nach Alessa. Alessa geht ins Wohnzimmer und wird von ihrem Vater vor die Wahl gestellt. Ich oder ein neuer Hund. Ich halte den Atem an und spitze die Ohren. Langes Schweigen im Wohnzimmer. Leise rascheln die sterbenden Blätter an den Ästen im Wind. Irgendwo im Haus tickt eine Uhr. Dann sagt Alessa, dass sie gerne einen Hund hätte und man mit ihm mehr machen könnte als mit mir und ich außerdem langweilig geworden bin. Bin ich das? Langweilig? Nun gut, dann will ich euch doch mal zeigen wie langweilig ich sein kann…

Todeswunsch

Was für ein herrlicher Tag…

Ein herrlicher Tag zum Töten…

Die Hure ist als erstes dran…

Übermorgen soll es soweit sein. Da bringen sie mich weg. Sie nennen es Tierheim. Ein Ort, der nicht besser sein soll, als der beim alten Buckligen. Aber ich gehe entspannt an die Sache heran, weil ich dort nie ankommen werde. Sie sitzen am Küchentisch und höhlen Kürbisse aus. Es passt mir nicht, dass sie in meiner Gegenwart sitzen und mir gefällt auch ihre fröhliche Art nicht. Die blondhaarige Schlampe schaut aus wie ein Schwein, mit ihrer fetten Schminke im Gesicht und ihrem verkackten Grinsen, nur weil sie in einigen Tagen einen Dreckshund bekommt. Alessa schnitzt dreieckige Löcher in die Kürbisse und ihr Vater sägt makaber aussehende Münder hinein. Sie haben das ganze Haus mit Gespenstern aus Bettlacken behangen. Skelette aus Pappe gebastelt und an die Türen geklebt und überall stehen schwarze Kerzen herum. Plastikspinnen auf Tischen und Fensterbänken verteilt und sich sogar einen animatronischen zwei Meter Clown in das Wohnzimmer gestellt, der auf Bewegungen reagiert und hysterisch lachend auf und ab wippt, sobald jemand vorbeiläuft. Die Sippe scheint Halloween ganzschön zu mögen. Vor dem Fenster sitzt der Schwarzhaarige neben einem Baum und beobachtet mich. Warte nur ab. Warte nur ab, Streuner. Zumindest beachtet er mich, dass muss man ihm gutheißen. Die anderen würdigen mich keines Blickes und behandeln mich wie Luft.

Das Zucken in meinen Augen ist schlimmer geworden, hinzu kommen lang andauernde Krämpfe im Nacken und des gesamten Körpers. Alessa und ihr Vater verteilen die Kürbisse im Flur und vor der Haustür.

Die blondhaarige Schlampe füllt derweilen mehrere Schüsseln mit unzähligen Süßigkeiten, gut vorbereitet auf das große Sturmklingeln am morgigen Abend und einer hohen Besucherzahl erwartend, verkleideter Dämonen und Hexen. Die Bettmatratze schaut zu mir und lächelt mich an. Genieße deine letzten zwei Tage unter diesem Dach, du widerliches Mistvieh, flüstert sie mir genüsslich zu. Ich starre sie aus leeren Augen heraus an. Mir ist es gleich was sie sagt. Ich gönne ihr, ihre letzten Worte…

 

Alessa liegt bereits im Bett und schläft. Ihr Vater hat in den Kürbissen im Flur die Kerzen angezündet. Eine magische Atmosphäre breitet sich im langen Gang aus. Die Bettlakengespenster im flackernden Licht der Kerzen, an den Wänden bedrohlich umherschwebend. Skelette an den Türen zwinkern mir zu. Ich warte. Der Flur schimmert rot und färbt mein Fell in ein tiefes Orange. Aus dem Wohnzimmer höre ich Kettensägengeräusche und schreiende Teenager, die um ihr Leben bangen. Ich warte geduldig. Ich habe Zeit. Der Clown im Wohnzimmer ertönt und lacht diabolisch über die Szene des Films, in der sich gerade die rotierende Kette der Säge durch das Bein eines kreischenden Jungen frisst. Mir gefällt das und stimmt mich positiv ein auf das, was gleich passieren wird. Die Tür geht auf und die blonde Hure läuft an mir pfeifend vorbei. Sie sieht mich nicht. Ich habe mich neben der Badezimmertür direkt unter einem der Bettlaken versteckt, warte nur darauf, dass sie die Tür zum Bad öffnet und hineinläuft. Im selben Augenblick renne ich ihr so zwischen die Füße, dass sie über meinen Rücken nach vorne stolpert und sich den Schädel an der Waschbeckenkante aufschlägt. Ihr Kopfgelenk zersplittert und das Genick bricht entzwei.

Der Kopf dreht sich halb um die eigene Achse und klappt, beim Fallen des leblosen Körpers auf den Boden, zur Seite weg, nur noch gehalten von einem dünnen Gewebe aus Haut und Muskelsträngen. Aus den Nasenlöchern strömt ein Bach aus lieblichen Blut.

Schade, dass die Fotze gleich krepiert ist, sonst hätte ich jetzt mit ihr noch eine Menge Spaß haben können. Happy Halloween, du Miststück. Bei näherer Betrachtung des Blutes kommt mir passend zum Anlass der Festivität eine gute Idee. Ich lasse mich in die große Pfütze aus rotem Nektar fallen und rekle mich in ihrem Körpersaft hin und her, benetze mein Fell mit ihrem Blut und tauche ein in der Menschlichkeit, unaussprechlicher Genugtuung. Ich hatte schließlich schon länger kein Bad mehr. Langsam schleiche ich in das Wohnzimmer, dem sogenannten verbotenen Ort. Der große Clown in der Ecke stehend, beäugt mich von blutigen Kopf bis Pfote. Er denkt das gleiche wie ich, zahl es diesem miesen Stück Scheiße heim. Im Fernsehen rennt der maskierte Killer noch immer mit seiner Kettensäge über dem Kopf schwingend einem Mann, der aus beiden Armstümpfen literweise Blut spritzt, hinterher. Ich springe auf die Couchlehne und nähere mich dem schlafenden Mann vor mir. Er schnarcht und hat nichts mitbekommen vom unglücklichen Todesfall seiner Fickpartnerin. Ich kann seinen stinkenden Atem sogar durch mein blutgetränktes Fell riechen. Sein Maul weit geöffnet, mir seine riesigen, kariesbehafteten Zähne zeigend. Der Clown beginnt wieder hässlich vor sich hin zu grölen und wackelt wie wild vor sich hin. Zugleich fahre ich meine Krallen aus und ramme sie dem Mann vor mir in sein rechtes Auge. Meine zweite Pfote bearbeitet sein anderes Auge. Im Fernsehen hat der Killer den letzten Überlebenden zur Strecke gebracht und an einem Haken aufgehangen. Augenwasser vermischt mit Blut und Hautfetzen fliegen durch die Luft. Meine Krallen tauchen präzise und tief in das Gewebe ein. Der sterbende Vater schreit auf, doch der Clown lacht lauter. Ich beiße ihm in die Kehle. Meine Zähne mögen zwar klein sein, aber sie sind scharf und meine Wut ist nun entfesselt.

Er versucht mich von sich loszureißen. Ich fauche und zerkratze ihm die Handflächen, alsbald mit Blutfäden überzogen. Er lässt von mir ab, will sich an die schmerzliche Wunde, gleich einer auslaufenden Masse fassen, wird von mir jedoch abgehalten, als ich ihm wieder in die bereits aufgerissene Kehle beiße und ihm die Haut vom Knochen reiße. Blut spritzt mir in die Schnauze und kleidet mein Fell in eine zweite Schicht. Welch wundervolle Befreiung. Ein letztes Röcheln entflieht seiner Kehle und steigt empor in den Himmel einer erhitzten Oktobernacht. Ein Blutrausch überkommt mich und erregt mein Gemüt. Der zwei Meter lange Clown leiht mir seine Stimme und lacht für mich. Ich hetze in den Flur. Was fehlt, ist noch ein schönes Feuer. Verbrennen sollen sie alle. Das gesamte Pack. Ich ziehe mit meinen Zähnen den Kopfdecken von den Kürbissen herunter und stoße sie um. Die Kerzen rollen aus den Pflanzen heraus und ziehen einen Teppich aus heißem Kerzenwachs hinter sich her. Nicht mehr lange und der Flur steht in Flammen. Nicht mehr lange und das Haus brennt lichterloh. Ich stürme zu Alessa ins Zimmer und springe zu ihr aufs Bett. Wie in alten Zeiten setze ich mich auf ihren Bauch und konzentriere mich auf die wellengleichen Atembewegungen ihres Körpers. Ich rieche schon die verschmorte Tapete und Laminatware. Alessa scheint es ebenfalls zu riechen, da sie bereits ihre Nase rümpft. Sie hebt langsam den Kopf und öffnet ihre bezaubernden Augen. Leichte Rauchwolken kriechen zu ihr ins Zimmer, an den Wänden und der Decke entlanghangelnd. Sie sieht mich mit einem Ausdruck des Entsetzens an. Ja, meine Liebe. Sieh genau hin was du aus mir gemacht hast. Es ist dein Blut, welches an mir klebt. Sie versucht zu schreien. Sie möchte weinen. Der Schock lässt es aber nicht zu. Schau mich genau an, bevor der Rauch dein Zimmer in einem grauen Neben einhüllt und uns für ewig einschlafen lässt. Sie hustet, bereits zu benebelt, um noch aufstehen zu können. Ich bleibe bei dir sitzen, mein Schatz. Wir gehen gemeinsam. Sie stammelt vor sich hin, Garfield, was hast du getan? Was hast du getan, Garfield?

Ich habe nur das getan, zu was ihr mich befähigt habt. Die Flammen im Flur schlagen immer höher, knabbern sich durch das Holz der Stubentür, ein Clown im Schein des tobenden Feuers lachend und tanzend. Fressen sich durch die Küchenmöbel, entlang dem Fenster mit Blick auf den Garten und verbrennen den Platz, an dem ich in Einsamkeit meinen tödlichen Plan ausheckte. Während wir unsere Ruhe finden und in den Flammen des Feuers in den Schlaf gewogen werden, sitzt der Schwarzhaarige draußen am Baum und genießt das immer größer werdende Inferno. Schnee aus dicken Ascheflocken bedecken Bäume und Wiesen. In der Ferne kann er die Sirenen bereits hören. Bis sie da sind ist noch genügend Zeit. Der Streuner hat solche Feuer schon oft gesehen. Jedes Jahr zu Halloween. Und die Flammen werden auch nächstes Jahr ein Haus verschlingen. Seine Augen rot erleuchten und den Geruch von verbrennenden Fleisch in die Lüfte tragen.

Meine Alessa…

Mein Schatz…

Unser Ende…

 

[Gesamt:47    Durchschnitt: 4.9/5]

2 Antworten

  1. Doreen Schmidt sagt:

    Der Schreibstil ist super und Spannung bis zum Schluss. Perfekt und absolut lesenswert.

  2. Julia sagt:

    Super Geschichte👌

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