GESCHWISTERLIEBE – MARCEL HARTLAGE

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

Er beobachtete seine Schwester, die in ihrem Bett lag und schlief.

Es war ihre übliche Position: Bäuchlings, mit dem Gesicht auf der Seite, ein Arm neben ihrem Kopf. Ihr nussbraunes, zerzaustes Haar hatte sich fächergleich auf dem Kissen ausgebreitet. Ein angewinkeltes, wohlgeformtes Bein lugte unter der blauweißgestreiften Bettdecke hervor, überzogen von der kalten Glasur des Mondlichts, das ins Zimmer schien. Ihre Lippen waren leicht geöffnet, und sie atmete sehr sanft und friedlich. Das tat sie immer. Würde sich die Decke nicht im scheuen Rhythmus ihres Atems bewegen, könnte man meinen, sie sei tot.

Eric lugte den Flur hinab. Im ganzen Haus war es still.

Er verließ seinen Posten unterm Türrahmen und wagte einen zaghaften Schritt ins Zimmer. Das Mondlicht tauchte den gesamten Raum in einen surrealen, milchigen Schein, so als befänden sie sich in einer Traumwelt. Der Laminatboden unter seinen Füßen war kalt. Draußen auf dem Fensterbrett lag eine dünne Schneeschicht, und Eisblumen überzogen das Glas.

In der Mitte des Raumes blieb er stehen. Kate schlief weiter ruhig und tief. Er beschaute ihren nackten Fuß, den abblätternden blauen Nagellack auf ihren Zehen, bevor er seinen Blick langsam höher gleiten ließ. Über ihr Bein, das schön und lang war, und auf ihre von der Bettdecke verhüllten Rundungen. Jungs an der Schule starrten ihr hinterher, wenn sie vorbeiging; zu dieser Sorte Mädchen gehörte sie. Seit etwas mehr als einem Monat war sie siebzehn, und seit etwas mehr als zwei Monaten hatte sie einen Freund. Theodore Vancise. Theodore Vancise hatte ebenso zu den Jungs gehört, die ihr hinterherstarrten.

Und jetzt hat er sie entjungfert.

In Erics Unterleib zog sich etwas zusammen, und Bilder schlichen sich in seinen Kopf. Verschwommene Bilder, falsche Bilder … prickelnde Bilder. Er sollte überhaupt nicht hier stehen. Er sollte auf seinem eigenen Zimmer sein, er sollte in seinem eigenen Bett liegen und schlafen und den Winden lauschen, die wie tote Stimmen ums Haus heulten. Dass er es nicht tat, bewies nur, dass er sich von den ersten dieser Bilder bereits hatte übermannen lassen. Von dem süßen Nektar, mit dem sie seine Fantasien beträufelten. Oh, wie überbordend dieser Drang war, den sie in letzter Zeit immer häufiger in ihm auslösten, wie mächtig, wie allgegenwärtig, wie besitzergreifend. Dämonengleich. Zu Beginn hatte er sich nur vorgestellt, aufzustehen und sich in ihr Zimmer zu schleichen. Zu Beginn waren das die Bilder in seinem Kopf gewesen. Doch nun, da er diesen Schritt getan hatte – und zwar wortwörtlich –, hatten sich diese Bilder verändert, hatten sie sich den tieferen Schichten bedient, die in seinem Unterbewusstsein schlummerten wie ein Tsunami in der Tiefsee. Noch immer bereiteten sie ihm ein Prickeln … doch noch mehr bereiteten sie ihm auch Angst.

Ich darf diesen Kampf nicht verlieren.

Doch er konnte den Blick nicht abwenden. Seine Schwester war fleischgewordene Perfektion. Anders wusste er es nicht zu beschreiben. Vor ein paar Wochen hatte er beobachten können, wie sie sich umzog; es war Zufall gewesen, dass er in genau jenem Moment an ihrer offenstehenden Zimmertür vorbeigekommen war, und einem übermächtigen Impuls folgend hatte er innegehalten und einen flüchtigen, nervösen Blick hineingewagt. Sie hatte sich ihr Top ausgezogen – rabenschwarz und mit luftigem Schnitt, eines von Levi’s –, gefolgt von ihrem mitternachtsblauem BH. Beim Anblick ihrer nackten Brüste war seine Kehle trocken geworden wie ein Flussbett, und sein Herz hatte in einem wilden Stakkato bis an seinen Brustkorb gehämmert. Er hasste die Reaktion, die sie mit ihrem bloßen Körper in dem seinen heraufbeschwor, und noch mehr hasste er sich dafür, dass er sie dafür verantwortlich machte. Denn ein Teil von ihm tat genau das, hatte es von Anfang an getan. Es war derselbe Drang, der die Bilder in ihm heraufbeschwor, der ihn heute Nacht hierhergebracht hatte, der ihm diese köstliche, krude Erregung bescherte. Wie lange mochte er mit seinem Verstand noch dagegen ankämpfen? Wie lange sollten diese Dinge noch miteinander konkurrieren? Es laugte ihn aus. Immer mehr, mit jedem weiteren Tag. Und es wäre so einfach, hier und jetzt endlich loszulassen …

Ich darf – diesen Kampf – nicht – verlieren. Sein Verstand klopfte ihm mahnend an die Innenseite seiner Stirn.

Kate regte sich. Mit einem leisen Stöhnen zog sie das Bein an und den Arm näher an ihren Kopf. Als würde sie in Zeitraffer zusammenzucken. Eric legte den Kopf schief und starrte auf ihre halboffenen Lippen. Lippen, die seit etwas mehr als zwei Monaten Theodore Vancise gehörten.

»Ich bin jetzt mit einem Jungen aus meinem Theaterkurs zusammen.« Wie beiläufig hatte sie diese Katze aus dem Sack gelassen, als sie vor ein paar Wochen beim Abendessen zusammengesessen hatten. Offen und unkompliziert und wohlwissentlich, dass Mom und Dad nichts anderes tun würden, als in die Hände zu klatschen.

»Oh, aber Kate, das ist ja fantastisch.« Die Augen ihrer Mutter hatten geglänzt, als würde sie tatsächlich mit den Freudentränen ringen. »Wer ist es denn?«

Die anschließende Diskussion über Theodore Vancise und seine Großartigkeit hatten in Eric regelrechten Brechreiz ausgelöst. Er hatte keinen Bissen mehr runterbekommen und sich vorzeitig entschuldigt, und dabei hatte er den Blick seines Vaters gespürt, der sich ihm in den Rücken gebohrt hatte wie ein Eispickel. »Alles in Ordnung, Eric?« Der Hohn in seinem Tonfall! Die Schadenfreude, die Genugtuung! Aber Eric war nur gegangen.

Er bemerkte kaum, wie er einen weiteren Schritt auf Kate zutrat. Seine Augen fixierten ihren Hintern wie einen schwarzen Punkt auf weißem Grund.

Sie besaßen ein abgelegenes Grundstück am Ende eines langen, unbefestigten Waldweges. In jener Nacht hatte er sich ins Unterholz davongestohlen und war bis zwei Uhr früh dort draußen geblieben. Die umliegenden Wälder kannte er seit seiner Kindheit – seit er dort Baumhäuser gebaut und zum Spaß Tiere gejagt hatte. In jener Nacht zog er sich so tief ins Unterholz zurück, dass es bald nichts mehr gab außer den Wald und die Stille und die Einsamkeit, und noch während der Schweiß kalt auf seinem Nacken trocknete und er keuchend Atemwölkchen ausstieß, brach der Sturm aus heißer Wut und Enttäuschung über ihn herein wie eine ungehaltene Naturgewalt. Blindwütig prügelte er auf einen Baumstamm ein, so heftig und besinnungslos, dass seine Fingerknöchel aufschürften und das offene Fleisch mit jedem Treffer lauter schmatzte. Der Schmerz ging in seiner Raserei unter. Drei Tage lang hatte er seine Finger danach kaum rühren können. Als seine Eltern am nächsten Morgen die provisorischen Bandagen aus Leinen um seine Hände gesehen hatten (und stumm bezeugten, wie ungeschickt er sich mit dem Brotmesser anstellte), hatten sie ihn nur skeptisch angesehen und das Thema nicht weiter vertieft. Keine ellenlange Konversation. Keine Erkundigungen, keine Tränen in den Augen seiner Mutter. Kein Fantastisch. Er war zwei Jahre älter als Kate. Er war ihr großer Bruder. Trotzdem fühlte er sich jedes Mal, als sei er das kleine, unbelehrbare Kind am Tisch, bei dem jedwede Versuche, zu ihm durchzudringen, schon im Vorfeld als hoffnungslos abgestempelt wurden. In ihren Augen war er nie das gewesen, das Kate für sie war. In ihren Augen war er kein Theodore Vancise.

Und noch weniger war er das in Kates Augen selbst.

Warum hast du mich so hintergangen? Unverwandt sah er seine Schwester an, doch nun rannen ihm die Tränen über die Wangen, heiß und voller bitterer Enttäuschung. Warum hast du mich verraten, Kate?

»Warum?«, flüsterte er in die Stille, und wie damals im Wald bildeten sich kleine Wölkchen vor seinen Lippen.

Kate regte sich erneut, und dann sah er, wie sich ihre Lider bewegten. Sein Herz machte einen Sprung. Wie laut hatte er gesprochen, um Himmels willen?

»Eric?« Sie rieb sich die Augen und blinzelte verschlafen.

Er zitterte – ein kleiner Junge auf dem Zehnmeterturm, der sich entgegen aller Überwindung und Vorbereitung vor dem entscheidenden Sprung drückte.

»Was machst du hier?«

»Kate …«

»Es ist mitten in der Nacht.« Zu seiner Überraschung stieß sie ein verschlafenes, warmes Kichern aus. »Weißt du, wie seltsam du manchmal bist?«

Er sagte nichts. Kate strich sich das Haar aus dem Gesicht und setzte sich ein wenig aufrechter. Im Mondlicht sah er, wie ihre Augen schimmerten – und sich ihre Brauen zusammenzogen, als sie ihn musterte.

»Weinst du?«

Es waren ihre Worte, die ihm unverhofft ein weiteres Schluchzen entlockten. Wie berstendes Glas schnitt der Laut durch die Stille, und er schlug die Hände vors Gesicht und zitterte am ganzen Leib.

»Hey, was ist denn?« Sie schlug die Bettdecke beiseite und setzte die Füße auf den Boden. »Eric?«

»E-Es tut mir leid«, heulte er. »I-Ich gehe.«

Er wandte sich bereits um – eine Niederlage, die gleichermaßen einen Sieg darstellte –, als er hinter sich das Bett knarzen hörte. Kurzerhand später packte Kate ihn am Handgelenk. Die zierliche Berührung ihrer Finger verpasste ihm einen regelrechten Stromstoß, eine süße, wundervolle Folter.

»Geht es um Dad? Hat er dich heute wieder zusammengeschrien?«

Er sah sie an, sein Mund stand offen und Tränen tropften auf seine Oberlippe. Langsam führte sie ihn mit sich, wobei die Stimme in seinem Hinterkopf, sein gesamter Restbestand an Vernunft, in panisches Gezeter ausbrach.

»Du weißt, dass du es mir sagen kannst.« Sie ließ sich auf die Matratze zurücksinken, wobei sie Eric mit sich zog. »Komm schon. Ich leih dir gern mein Ohr.«

Er sank neben sie auf die Laken, sein Körper so steif wie der einer eingerosteten Spielzeugpuppe. Die Matratze unter ihm war warm und roch nach ihrem Körper. Ihre Schultern berührten sich, und mit ihren Fingern umschloss sie jetzt die seinen.

»Was hat er wieder gesagt?«, fragte Kate.

Eric schluckte. Er starrte unverfroren auf das weiße Fleisch ihrer Schenkel. Dabei spürte er, wie das Blut zwischen seine Beine floss, während vor seinem geistigen Auge erneut die Bilder – all die tausend falschen und verdorbenen Bilder – aufflackerten.

Ein Teil von ihm war froh, als sie in diesem Moment die Decke über ihre Leiber zog, um sie vor der Kälte im Raum zu schützen. »Er hat dich aber nicht wieder … also, geschlagen. Oder?«

Langsam sah Eric sie an. »Das macht er nicht mehr.«

»Gott sei Dank.« Leicht zitternd stieß sie den Atem aus. »Aber was ist dann vorgefallen? Ihr geratet dauernd aneinander, ohne dass ich oder Mom etwas davon bemerken. Ich verstehe einfach nicht, was er hat.«

»Er weiß es.«

Sie sah ihn fragend an. »Er weiß was?«

Draußen heulte der Wind ums Haus. Einen Moment noch starrte Eric gedankenversunken auf die Bettdecke – auf die Stelle, die ihre Beine verhüllte –, bevor er blinzelte und ins Hier und Jetzt zurückkehrte.

»Er hält mich nicht für normal. Schon seit damals nicht, seit der Sache mit dem Vogel.« Schüchtern sah er seine Schwester an. »Hältst du mich für normal, Kate?«

»Du Dummerchen.« Sie stieß ihn mit der Schulter an, lächelte. »Du bist eben sensibel. Und das ist voll in Ordnung. Außerdem wissen wir beide, dass du diesen Vogel damals erlöst hast. Ihm hatten die Flügel gefehlt, und er sah übel mitgenommen aus …«

»Ja.«

»Der Kleine hatte eher Glück, dass du ihn gefunden hast.«

»Ja.«

»Und Dad ist eben voreingenommen. Wenn er dich tatsächlich nur nach diesem einen Vorfall beurteilt – ein Vorfall, der schon Jahre zurückliegt –, ist wohl er derjenige, der nicht normal ist.«

»Ja.« Er lächelte jetzt schwach. Wischte sich mit dem Arm durchs Gesicht.

Kate streichelte seine Knöchel mit dem Daumen – über die vernarbten Wunden, die er sich bei seinem Wutausbruch zugezogen hatte. »Ich glaube, er versucht nur auf dich aufzupassen. Vielleicht glaubt er …« Sie presste kurz die Lippen zusammen. »Vielleicht glaubt er, du tust dir manchmal selbst nicht gut. Und ich … ich glaube das hin und wieder auch, Eric.« Um es zu verdeutlichen, hielt sie kurz seine Hand in die Höhe. »Ich sorge mich auch sehr häufig um dich.«

Ein Teil von ihm war überrascht, wie leicht es ihm fiel, seine Hand wegzuziehen. »Das brauchst du nicht.«

Sie gab nicht nach. »Wenn du unglücklich bist –«

»Nein.«

»Andauernd ist da diese Trauer in deinem Blick, Eric. Immer, wenn du mich ansiehst, fällt es mir auf. Und das hier, das heute Nacht? Es ist keine Schande, Hilfe zu brauchen.«

Wut brodelte in ihm empor. »Hat Dad dir das eingetrichtert?«

Sie sank ein wenig zurück. »Was?«

»Hat er dir gesagt, ich sei depressiv oder so was? Wollte er mich in eine Anstalt schicken? In ein Heim? Fort von dir?«

»Nein. Nichts dergleichen.« Sie legte den Kopf schief. »Wie kommst du darauf?«

»Ich hasse ihn«, stieß er aus. »Er soll in der Hölle schmoren.«

Kate zögerte. »Du solltest nicht so laut reden.«

»Da unten hört er mich nicht.«

»Beschwör es nicht herauf, Eric. Mir zuliebe, okay?«

Ihm fiel ihr Blick auf, mit dem sie Richtung Tür spähte, und seufzte. »Okay.«

Sie strich ihm über den Oberarm. Dabei rutschte der Ärmel ihres T-Shirts ein wenig herab, und er sah, dass sie keinen BH trug. Noch einmal schluckte er, nur mit Mühe konnte er einen Blick in ihren Ausschnitt vermeiden. Ihre vollen, makellosen Brüste traten ihm vor Augen; die bläulichen Verästelungen der Adern, die sich unter der blassen Haut abzeichneten und ihre großen, prächtigen Warzenhöfe. Er stellte sich vor, wie ihre Nippel hart wurden und er hineinbiss.

Oh Gott, ich muss sofort hier weg.

Doch er rührte sich nicht. Im Gegenteil, er gab sich einen Ruck und rutschte noch ein wenig näher an Kate heran. Das Bettgestell knarzte unter der Bewegung, und ihre Knie berührten sich leicht. Seine Geste schien sie ein wenig zu irritieren, doch dann lächelte sie ihn wieder an.

»Wenn du für den Rest der Nacht hier schlafen willst … ich meine, das Bett ist vielleicht ein wenig klein … aber es macht mir nichts aus.« Ein nervöses, leises Lachen. »Mit Theo klappt’s ja zwischendurch auch.«

Theo. »Ich kann nicht fassen, dass du dich für ihn entschieden hast.«

Furchen bildeten sich auf ihrer Stirn und wurden tief. »Du kannst nicht …« Sie schien auf einmal überfragt. Wusste offenbar nicht, ob sie zornig werden sollte. »Was soll das bedeuten, Eric?«

»Nichts.« Das war gelogen. Er hielt seinen Blick gesenkt und zupfte an der Decke herum. »Was bin ich schon, verglichen mit ihm?«

»Wieso um Himmels willen solltest du dich mit ihm vergleichen?« Sie schnappte leise nach Luft. »Vergleicht Dad dich etwa mit ihm? Ist das der Grund, weshalb du so aufgelöst bist?«

»Ich werde nie so sein wie er.« Er ist fantastisch.

Sie lächelte wieder. »Das Leben anderer ist nicht der Maßstab für dein eigenes. Okay?«

»Er hat dich.«

»Oh, Eric. Du findest sicher auch bald ein Mädchen, das dich mag.«

»Ich will nicht irgendein Mädchen.«

Um ihre Mundwinkel trat ein weicher, mitfühlender Zug. »Sag mir nicht, du hast Liebeskummer.«

Seine Wangen wurden heiß, und er wusste nicht, wo er hinschauen sollte. »Ich bin mir nicht sicher, ob es das ist. Vielleicht.«

Sie stieß ihn erneut mit der Schulter an. »Hey, das ist doch süß. Geht sie auf unsere Schule?«

Ein drittes Schlucken. »Ja.«

»Jetzt bin ich neugierig. Wer ist es denn?«

Er grummelte und wiegte mit dem Kopf.

»Schon okay; behalt’s für dich, wenn dir das lieber ist. Aber wenn du deine Auserwählte wirklich magst, frag sie doch einfach mal, ob sie mit dir ausgeht. Auch wenn es dich Überwindung kostet.«

»Sie …« Ein Räuspern. »Sie ist vergeben.«

Kälte kroch unter die Decke, zerfetzte den warmen Kokon, in den sie sich seit eben gehüllt hatten.

»Das tut mir leid«, sagte Kate.

Eric schloss die Augen. Ein neuer Schwall Tränen bildete sich hinter seinen Augen, quoll langsam heraus und rann über seine Wangen.

»Ich weiß nicht, was ich tun soll«, presste er hinaus. »Ich weiß es nicht mehr, Kate, ich weiß es nicht mehr. Oh Gott –« Er heulte laut auf, ihm wurde übel.

Kate legte einen Arm um seine Schulter, drückte ihn fest an sich. »Schlaf eine Nacht drüber. Morgen geht’s dir sicher besser.«

»Es kann nicht mehr besser werden. Ich habe dafür gesorgt, dass es nicht mehr geht. Kein Zurück mehr. Ich hab mich selbst sabotiert. Noch bevor ich in dein Zimmer gekommen bin. Ich wünschte, ich hätte es nicht getan. Es tut mir so leid, Kate, es tut mir so leid …«

Mit jedem Wort wurde er schneller, hektischer, und sie nahm ihn stumm in die Arme und drückte ihm einen Kuss ins Haar. Er klammerte sich an sie wie ein kleines Kind an seine Mutter, an ihren warmen, wundervollen, zierlichen jungen Körper, und er wusste, dass es das letzte Mal sein würde. Er hatte verloren. Hatte schon verloren, bevor er überhaupt hergekommen war, noch bevor er seine Bettdecke zur Seite geschlagen hatte und aufgestanden war. Ein Zögern um des Zögerns willen. Selbstverleugnung.

»Ich liebe dich, Kate.« Die Worte kamen erstickt und heiser über seine Lippen, legten sich feucht in ihre Schultergrube.

»Ich liebe dich auch, großer Bruder.« Sie scheuerte ihm den Rücken. »Und ich bin immer für dich da. Das weißt du.«

Er schlang die Arme fester um sie, bis sich seine Brust an die ihre presste. Sein Mund wanderte ungeschickt über ihren Hals.

Sie lachte nervös auf, drückte ihm sacht die Hände auf die Schultern. »Was machst du denn da?«

Seine Zunge glitt aus seinem Mund und über ihre Haut, so unkontrolliert und haltlos wie ein nasser, zappelnder Wurm.

»Eric – hey –« Sie wollte ihn wegdrücken.

Er packte sie an den Handgelenken und wälzte sich auf sie. Alles ging sehr schnell. Röchelnde Laute entstiegen seiner Kehle, als er gierig ihren Hals liebkoste und mit der Nase durch ihr Haar pflügte. Ihre Beine strampelten durch die Laken. Sie winselte jetzt, ihre Tonlage eine Mischung aus Unglauben und Entsetzen und Verwirrung, doch vermochte sie nicht den Nebel zu durchdringen, der sich rot und tobend in seinem Kopf ausbreitete, ihm mehr und mehr die Sicht raubte und unaufhaltsam Besitz von ihm ergriff. Als sie schrie, drückte er ihr blind den Kiefer zu. Gleichzeitig biss er ihr in den Hals und drängte mit seiner Erektion zwischen ihre Beine.

Mit aller Gewalt riss sie ihren Mund auf. »D-D-Dad!«

Sofort legte sich seine Hand um ihre Kehle. Kate würgte. Eric beugte sich über sie und wühlte die freie Hand hektisch unter ihr T-Shirt. Als er ihre Brüste fand und knetete, stöhnte er auf und rieb sich ungehalten an sie. Vergeblich zielte sie mit ihren Fingernägeln auf seine Augen, doch er entzog sich ihr. Mühselige Schläge trafen seine Wangen- und Kieferknochen, ohne dass es ihn scherrte. Er kniff in ihre Brustwarzen, so hart und fest er konnte, und sie schrie auf und wand sich noch heftiger. Tränen rannen aus ihren Augen, und ihr Blick flehte darum, dass er aufhörte, dass er endlich, endlich aufhörte.

Er drängte sein Gesicht unter ihr Shirt. In diesem Moment bekam sie ihn an den Haaren zu fassen, riss seinen Kopf zurück, schnellte mit ihren Nägeln durch sein Gesicht und zerkratzte ihm das rechte Auge. Eric schrie auf und fuhr zurück. Ein Knie traf ihn seitlich in der Nierengegend, und eine tiefe Schmerzenswelle erschauderte bis in seine Blase. Dann kam ein Tritt, und er sauste rittlings vom Bett. Unsanft stieß er mit dem Hinterkopf auf den Boden und sah weiße Sterne.

Polternde, hektische Schritte erklangen, begleitet von keuchendem Weinen und Husten. »Dad! Dad, Mom!«

Ihre Stimme verschwand aus dem Raum und den Flur hinab. Eric wusste, dass nun jede Sekunde zählte. Er rappelte sich auf, stolperte auf allen vieren aus dem Zimmer und taumelte den Korridor entlang. Kate war bereits unten. Er hatte gehofft, dass es dazu nicht kommen würde. Doch nun war es zu spät.

Ihr Kreischen erfüllte das gesamte Haus. Eric erreichte das Ende der Treppe, sah Kate in der Tür zum Schlafzimmer ihrer Eltern stehen und stürmte auf sie zu. Sie schien es nicht einmal zu merken – sie war zu gelähmt. Er packte sie und stieß sie voran ins Zimmer, und sie taumelte und knallte gegen das Fußende des Bettes, in dem ihre Eltern lagen. Mit dem Gesicht voran landete sie auf den Laken. Bevor sie sich wieder aufrichten konnte, packte Eric sie schon am Haarschopf und drückte ihr Gesicht in die mit Blut vollgesogene Matratze.

»Es tut mir leid«, sagte er über ihr Keuchen und Strampeln hinweg, »es tut mir leid, ich wollte nicht, dass sie mich dabei erwischen, wie ich zu dir gehe. Dad hätte es mitbekommen. Ich musste Vorsichtsmaßnahmen treffen.«

Er wusste nicht, ob sie ihn überhaupt hörte. Er riss ihren Kopf wieder empor und hievte sie vollends aufs Bett, sodass sie zwischen den Leichen ihrer Eltern landete. Ihre Mutter blickte mit aufgeschnittener Kehle an die Decke, während die Augen ihres Vaters es ebenso taten, jedoch nur mit leeren, von Stricknadeln bestickten Höhlen. Ein unkontrollierter, zittriger Schnitt zierte ebenso seinen Hals.

Kate zeigte keinerlei Widerstand mehr. Eric kletterte auf sie, drehte sie auf den Rücken und zog ihr die Boxershorts von den Beinen. Ihr Blick war glasig und leer. Mit zitternden Händen schälte er sich aus seiner eigenen Kleidung und entfernte zuletzt ihr Shirt, bevor ein dunkler, alleseinnehmender Mahlstrom seinen Verstand in die Tiefe zog und seinen Kopf flutete und noch finstere, vergessene Dinge an die Oberfläche spülte, hinein in die Realität.

Es dauerte lange.

Und es war berauschend.

Besinnungslos.

Fantastisch.

 

[Gesamt:7    Durchschnitt: 4.6/5]

Eine Antwort

  1. Holger Richter sagt:

    Starke Geschichte, schaukelt sich schön zu einem bösen, heftigen Höhepunkt hoch.

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