HEIMWEG – BIANCA PELIGRO

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

1

Nur Minuten, bevor die panische Angst sie überflutete wie Wellen stürmischer See, empfand Emilia nichts als Reue. Sie hasste Partys. Sie hasste Halloween. Und Halloween-Partys konnte sie erst Recht nicht ausstehen. Welcher vernünftige Mensch erfreute sich schon daran, lächerliche Kostüme anzulegen, sich durch dunkle Gassen zu zwängen und Vorbeigehende zu erschrecken? Sie jedenfalls nicht.

 

Deshalb bereute sie es, ihrer Freundin Luisa zugesagt zu haben, als diese sie zu ihrer kleinen Feier eingeladen hatte. Bitte, das wird total super, hatte Luisa gesagt, und als Emilia immer noch den Kopf schüttelte, zog ihre Freundin alle Register: Weißt du, Simon kommt auch. Nach diesem überzeugenden Argument konnte sie nicht absagen. Simon war der einzige Grund, weshalb sie überhaupt noch zur Uni fuhr und sich noch nicht zuhause in ihren Büchern eingegraben hatte. Simon war groß, dunkelhaarig, attraktiv – und ihr Dozent.

Auch wenn sie es ihrer Freundin versprochen hatte, sie hätte sich doch noch eine Ausrede einfallen lassen sollen. Dann wäre ihr diese dämliche Maskerade erspart geblieben. Emilia verkleidete sich nicht gern. Die Realität war gruselig genug.

 

Nun, da sie die stickige Hölle verlassen hatte, um den Heimweg anzutreten, bereute sie ihre Zusage umso mehr.

 

2

 

Wie erwartet war die Party fürchterlich gewesen. Luisas Wohnung war aus allen Nähten geplatzt – die Anzahl der Gäste vermehrte sich von Minute zu Minute mehr, schneller als die Karnickel. Überall wimmelte es von Teufeln, Engeln und von mit Tequila um sich wirbelnden Prinzessinnen. Die Dunkelheit streckte ihre langen, dürren Finger nach allen aus, welche sich ihr hingeben wollten. Nur einer schien hierfür nicht bereit zu sein: Simon. Sie war in sämtliche Zimmer gerannt, hatte sich durch schwitzende, wogende Leiber gedrängt. Sie konnte ihn nicht übersehen haben, nicht ihn. Er war nicht gekommen, hatte es nicht für nötig befunden. Diese Erkenntnis traf Emilia wie ein Schlag, weshalb sie eine folgenschwere Entscheidung traf.

Sie musste hier raus. Dringend. Doch zwischen Dominas, Donald Trump und Dämonen war auch Luisa nirgends anzutreffen. So wurde nichts aus ihrem Plan, Luisa von ihrem verfrühten Abschied zu informieren.

 

Auch nachdem sie in den Garten gestürmt war, konnte sie nur schwer atmen. Sie holte tief Luft und stieß die nach Zigarettenrauch stinkende, kalte Luft keuchend wieder aus. Hinter ihr verwoben die dunklen Bässe grölender Musik mit dem Lachen der allseits betrunkenen Gäste. Emilia warf nur einen kurzen Blick auf ihren am Ende der Zufahrt stehenden Wagen – Fahren kam nicht in Betracht. Luisa hatte sie energisch angespornt, bei den Cocktails zuzugreifen. Und nun, da sie frustriert ein paar der knallbunten Getränke in sich hinein geschüttet hatte, war sie definitiv nicht mehr fahrtüchtig. Verdammte Bloody Marys.

 

„Kein Problem“, flüsterte Emilia vor sich hin, „du kannst dir ja ein Taxi rufen“. Sie öffnete ihre winzige Tasche, ertastete jedoch lediglich ihr Taschenmesser und den Autoschlüssel. Die vertrauten Kanten ihres Smartphones waren nicht zu spüren. Aber sie hatte es doch ganz sicher eingesteckt! Emilia warf einen angsterfüllten Blick zurück auf das Epizentrum geballter menschlicher Begierden. Dort wanden sich dunkle Schatten rhythmisch zu den Klängen verwirrter Seelen, während andere aneinander zu kleben schienen. Luisas Wohnung befand sich in einem ansonsten leer stehenden Gebäude, welches einsam inmitten einer großen, von Unkraut überwucherten Fläche thronte. Ein verloren gegangenes Mobiltelefon auf diesem Grundstück zu finden, war schwierig genug, auch wenn sich keine verkleideten, dem Wahnsinn zu verfallen drohenden Gestalten dort herumtrieben.

 

Deprimiert schüttelte Emilia den Kopf. Sie verfluchte den Moment, als sie den optisch zu ihrem Katzenkostüm passenden, aber schlecht zu verschließenden Fellbeutel gewählt hatte. Während sich eine einzelne Träne den Weg durch ihr raubtierhaft geschminktes Gesicht bahnte und auf den leichenkalten Boden tropfte, wog Emilia ihre Möglichkeiten ab. Zum einen könnte sie ihr Handy suchen. Dazu müsste sie sich aber wieder dem Gedränge hingeben, was bedeutete, dass sie es riskierte, endgültig den Halt zu verlieren, hineingezogen zu werden in die sie seit langem umgebende Dunkelheit. Das würde Dr. Schwarz ganz und gar nicht gefallen. Aus demselben Grund kam es nicht in Frage, jemanden darum zu bitten, ihr ein Smartphone zu leihen. Niemals käme sie auf die Idee, einen der völlig Verrückten anzusprechen! Das konnte sie nicht wagen. Sie durfte es einfach nicht.

 

Damit gab es für Emilia nur einen Weg, um ihre eigenen vier Wände zu erreichen, in denen sie sich losgelöst von all der Finsternis auf ewig vergraben konnte: Sie musste zu Fuß gehen, sich in Bewegung setzen, das Böse hinter sich lassen. Bus, Bahn? Auf dem Land? Fehlanzeige. Um an ihren sicheren Ort zu gelangen, galt es zunächst  einen rund eineinhalb Stunden dauernden Marsch zu überstehen. Mitten in der Nacht. Vollkommen allein.

 

Zumindest beinahe allein.

 

3

 

Keine zehn Minuten später bereute Emilia ihren Entschluss. Wäre es nicht besser gewesen, weiter nach Luisa zu suchen? Hätte sie sich auf der Veranda verkriechen sollen, bis der Morgen graute? Dort wäre sie gezwungen gewesen, der leuchtenden Finsternis in ihrem Herzen Tür und Tor zu öffnen, Tür und Tor für all die ausgelassen tanzenden, lachenden und angetrunken torkelnden Menschen, die sie umschlossen hätten wie nach Eisen schmeckende, vor Blut triefende Ketten.

 

Stattdessen setzte sie hier auf der einspurigen, asphaltierten Straße einen Fuß vor den anderen und orientierte sich im spärlichen Licht des abnehmenden Mondes an den wenigen Orientierungspunkten, die sie beim Vorbeifahren gesehen hatte. Rechts und links von ihr befanden sich trostlose Felder, die nun größtenteils im Dunklen lagen. Noch vor kurzem reckten sich an dieser Stelle meterhohe Maispflanzen in die Höhe, als wollten sie die Erde schnellstmöglich verlassen. Vorsichtig schlich sie am Rande der Straße entlang, um weder überfahren zu werden, noch in den Abhang zu stürzen. Beides könnte ihren Tod bedeuten.

Auf Landstraßen wurde nicht selten gefahren, als wäre der Teufel hinter einem her. Gleichgültig, ob das zutraf oder nicht, das Resultat war – so Gott will – manchmal dasselbe. Der Fahrer fand sich schneller in der Hölle wieder, als es ihm lieb war.

Wenn sie zu weit nach links trat, würde sie umknicken und in die Tiefe stürzen. Mit einem verletzten Knöchel könnte sie sich wohl kaum noch anständig fortbewegen. An verlassenen, wenig befahrenen Straßen hätte ein Sturz womöglich fatale Folgen. Vielleicht würde sie sogar Glück haben und sich beim Sturz den Schädel an einem Stein aufschlagen.

Doch auch wenn sie ihren Weg auf dem Asphalt beibehielt, wäre der Tod ihr ständiger Begleiter. Löcher, manche halsbrecherisch groß, zierten die verwahrloste Straße.

 

Sollte sie hier sterben? War es das, was sie fort von der Party trieb? Emilia brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass sie die Feiernden längst hinter sich gelassen hatte. Die wummernden Bässe waren zunächst leiser geworden und dann verklungen, genauso wie ihre anfängliche Wut auf ihre eigene Dummheit. Sie hatte ihren Weg gewählt, diesen musste sie nun durchziehen. Geh nach Hause, Emilia, geh nach Hause und lebe. Oder bleib und stirb.

 

4

 

Dreißig Minuten nachdem Emilia entschieden hatte, sich der Unterwelt zu entziehen, rutschte sie im Dunklen auf losem Kies aus. Einer ihrer hauchdünnen Absätze löste sich mit einem genickbruchähnlichen Knacken von ihrem sündteuren Schuh. Den dadurch verursachten Frust herausbrüllend, stieß Emilia den kaputten Schuh weit von sich. Und den ihr verbleibenden, nun ebenso nutzlosen gleich hinterher. Wenn sie etwas mehr hasste als Halloween-Partys, dann waren es Stilettos. Emilia war nun dazu gezwungen, barfuß zu gehen.

 

Es dauerte nicht lange, da kehrte Emilias Ärger über sich selbst zurück. Kleine Steinchen schnitten in ihre Fußsohlen, jeder Schritt sendete Schmerzsignale durch ihren ganzen Körper, der zitterte und regelmäßig erbebte. Sie verfluchte den Tag, an dem sie Luisa zusagte, den Tag, an dem sie geboren war und insbesondere den Tag, an dem Dr. Schwarz ihr beibrachte, der Dunkelheit aus dem Weg zu gehen. Wohin hatte sie das gebracht?

Die vom Boden ausgehende Herbstkälte fraß sich durch ihre Sohlen über die Beine hinauf in ihr Innerstes, sie hatte das Gefühl, wie Eis zersplittern zu müssen, wenn sie auch nur noch einmal den Asphalt unter sich berührte. Erleichtert begrüßte Emilia die zunehmende Taubheit ihrer Füße. Bald hast du es hinter dir.

 

Als die dunkler werdenden Schatten näher rückten, bis sie sich beinahe schon körperlich an Emilia drängten, öffneten sich die Wolken über ihr – eine nach der anderen – und benetzten die Haut der jungen Frau Tropfen für Tropfen mit eisigen, den nahen Tod verkündenden Tränen der Götter.

 

5

 

Zwar fiel der Regen lediglich in dünnen Fäden vom Himmel, er nahm Emilia in der weitgehenden Dunkelheit aber dennoch die Sicht. Er unterdrückte das Mondlicht, sodass sie sich fast blind durch die Gegend tastete. Vor in etwa zehn Minuten – Emilia verlor langsam das Zeitgefühl – musste sie eine Abzweigung verpasst haben. Kurz überlegte Emilia, ob sie umdrehen, ihr Glück erneut versuchen sollte, aber sie verwarf diesen Gedanken schnell, da sie sich vielleicht irrte und die Abzweigung noch vor ihr lag. Selbst wenn sie sich anders entscheiden würde, so orientierungslos wie sie herumwanderte, fand sie die Abzweigung möglicherweise nie. Darum schlich sie einfach weiter und hoffte, bald den Wald zu erreichen, den sie betreten musste, um zu ihrem trauten Heim inmitten seiner knorrigen Wächter zu gelangen.

 

Emilia war so mit sich selbst und dem vor ihr liegenden Weg beschäftigt, dass sie die bereits überwundene Strecke kaum mehr beachtete. Daher vergingen einige Minuten, in denen sie innerlich brodelte, bis sie die an ihre Ohren dringenden, unerwarteten Geräusche auch tatsächlich wahrnahm.

 

Seit sie losgegangen war, umgab sie keineswegs Stille. Sie hörte die im Wind säuselnden, schon vielerorts blattlosen Zweige, wie sie aneinander kratzten, als wollten sie Fleisch freilegen. Sie hörte den Regen, der den Boden um sie herum küsste. Wenn sie sich konzentrierte, hörte sie auch das dumpfe Auftreffen ihrer klammen Füße auf dem trostlosen Untergrund.

 

Aber was sie nun hinter sich vernahm, war neu und verstärkte die Gänsehaut, die Emilia seit dem Verlassen der überhitzten Wohnung verspürte. Sie hörte ein Knirschen von Kies auf dem Asphalt, welches nur von Reifen stammen konnte. In ihren Ohren rauschte es – ein Wagen? Hier? Jetzt? Wurde sie langsam wahnsinnig und bildete sich das nur ein? Eine Fata Morgana angesichts des zu erwartenden Kältetodes? Emilia wusste nicht, ob sie sich freuen oder fürchten sollte, denn in ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken derart, dass ihr ganz übel wurde. Wollte man ihr helfen? Oder sie verschleppen? Rettung oder Verderben?

 

War Luisa auf Ihr Fehlen aufmerksam geworden und suchte sie gerade? Handelte es sich um die Polizei? War ihr gar Simon auf der Spur? Nachts, auf einer einsamen Landstraße – das kann doch nur ein Mörder sein, der in ihr seinen nächsten Leckerbissen auserkoren hat?

 

Emilia war wie versteinert stehen geblieben. Vergeblich suchte sie hinter sich nach Anzeichen eines Fahrzeugs, nach Licht, einem Schemen, lauschte. Nichts.

Entweder hatte es den Wagen nie gegeben, und zu dieser Überlegung neigte Emilia angesichts ihrer leicht paranoiden Züge, oder aber – er hatte angehalten.

 

6

 

Einige Zeit später – Emilia kam es wie Stunden vor – gab sie es auf, nach Anzeichen drohender Gefahr zu horchen. Sie hatte keinerlei verdächtige Geräusche mehr wahrgenommen und entschied daher, ihren Weg fortzusetzen, wenn auch etwas vorsichtiger. Sie wollte nicht riskieren, im Dunklen zu stürzen, um kein leichtes Opfer darzustellen.

 

Ein Opfer, das war sie immer gewesen. Dr. Schwarz mag versucht haben, es ihr auszureden, doch sie wusste die Wahrheit. Sie ist ein Opfer. Arglos, wehrlos, stets angreifbar. Schon während ihrer Schulzeit war sie dumm genug, zu glauben, alles werde gut und niemand wolle ihr etwas Böses.

Sie versah sich keines Angriffs, als ihre Mitschüler sie niederschlugen, um ihr Pausengeld einzustecken.

Sie versah sich keines Angriffs, als der alte Hausmeister seine Hand auf ihr Bein legte, und sie ahnte erst recht nichts, als er sie in sein Zimmerchen sperrte.

Damals mochte sie naiv, ja geradezu unschuldig gewesen sein, doch diese Zeiten waren schon lange vorbei. Sie kannte die Dunkelheit. Sie war weniger gefährdet, wenn sie die Finsternis im Herzen trug. Dr. Schwarz würde hier wohl widersprechen, aber der hatte nichts mehr zu sagen.

 

Sie hatte die Zeitungsartikel gelesen, jedes Verbrechen zur Kenntnis genommen, welches sich in der Gegend ereignete. Niemand ist sicher Emilia, meinte Dr. Schwarz, niemand, man kann sich nicht darauf vorbereiten.

Erst vor wenigen Wochen war ein Mädchen im Wald gestorben. Die Kehle war ihr durchgeschnitten worden. Unterarmdicke Äste ragten aus ihrem geschundenen Unterleib. Für viele war dies nur ein Achselzucken wert, ein Geschehen am Rande, Emilia jedoch war sich der Tragweite des Falls bewusst. Der Wald hatte ein weiteres Opfer gefordert.

Jedes Kind lernte, den Wald weitestgehend zu meiden. Vor zehn Monaten fand sich dort eine junge Frau, erhängt an einem Baum. Den Medienberichten zufolge wurde die Arme gegen ihren Willen aufgeknüpft.

Jahre zuvor stießen Wanderer auf einen gefesselten, schon halb verwesten Mann, dessen Eingeweide zu Füßen seines aufgeschnittenen Bauches lagen. Nachdem sich in der Praxis des Toten Einbruchsspuren fanden, wurden alle stadtbekannten Einbrecher unter die Lupe genommen. Verdächtig waren sie alle, ein Motiv gab es jedoch keins. Und so wurde der Fall ad acta gelegt, genauso wie alle anderen Todesfälle des Waldes davor und danach.

 

Emilia würde nichts zustoßen. Sie würde nicht im vor ihr liegenden Blättermeer verenden wie eines der von den örtlichen Wilderern erlegten Tiere. Es war Zeit, kein Opfer mehr zu sein.

 

Zuversichtlich spürte Emilia die ersten Anzeichen des Waldes unter ihren Füßen – das merkwürdig warme Bett vertrockneten, abgestorbenen Laubes, welches sich auf den kalten Asphalt gelegt hatte. Hoch oben vereinigten sich fast nackte Äste über ihrem Kopf zu einem Dach verirrter Glieder, die jeden Moment auf sie niederzugreifen schienen. Der Regen hatte nachgelassen, sodass sie dank des durch die Zweige scheinenden Mondlichts wieder die Hand vor Augen sah.

 

Mit einem letzten Blick zurück versuchte sich Emilia abzusichern, nicht doch von einem Fahrzeug verfolgt worden zu sein. Das durch den vernarbten Himmelskörper gespendete Licht war hierfür zu schwach, sodass Felder, Straße und Bäume zu einem näher rückenden, hungrigen Grau verschwammen. Emilia wandte sich resigniert ab und drang tiefer in den Wald ein.

 

7

 

Die junge Frau war nun schon rund zwei Stunden zu Fuß unterwegs – sie hatte sich und die zu überwindende Strecke falsch eingeschätzt. Das Laub war zwar nass, fühlte sich aber dennoch besser an als der kühle, abweisende Asphalt. Die toten Blätter federten jeden Schritt ab, verhüllten Unebenheiten und umspielten sanft ihre geschundenen Sohlen.

Emilia war müde. Unendlich müde. Der Marsch war anstrengend, musste sie doch jeden Schritt vorsichtig setzen, um nicht auf ihrem Heimweg das Zeitliche zu segnen. Der verbleibende, in ihren Adern lodernde Alkohol ließ sie des Öfteren wanken, sodass sie sich durchgehend konzentrieren musste, um nicht zu stolpern oder zu fallen. Es wäre ein Leichtes gewesen, sich einfach an Ort und Stelle hinzusetzen und nur für einen kurzen Moment die Augen zu schließen. Die Ruhe zu genießen. Sich an einen Baum zu schmiegen, in das schon beinahe nach ihr rufende Moos zu legen. Mit etwas Glück würde sie am nächsten Morgen trocken und bei Sonnenschein aufwachen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit aber würde sie erfrieren.

Aus diesem Grund ging Emilia weiter. Eigentlich dürfte es nicht mehr allzu weit sein, zwanzig Minuten, dreißig höchstens. Das gibt es doch nicht, sie kannte doch den Weg?

 

Den Weg – du darfst ihn niemals aus den Augen verlieren, Emilia, hatte ihr Vater gesagt, kurz bevor er die seinen für immer schloss. Sie waren grün gewesen, grün, wie vor sich hin faulende Tümpel in der Sonne. Du kennst den Weg, Kleine. Du weißt, was zu tun ist. Ist das so? Ihr Vater hatte sie darauf vorbereitet, ihr die Richtung gezeigt. Überlebe, Kind. Überlebe.

Und so war es an Emilia, den Wunsch ihres Vaters zu erfüllen, einem aufrechten, grausamen Mann, der nie einen Hehl daraus machte, wer und was er war. Sieh dem Wald ins Gesicht, Emilia, sieh die Finsternis. Lauf, Mädchen!

 

8

 

Und Emilia lief. Vorbei an alten, blattlosen Sträuchern, die ihr Kostüm einrissen und ihre Beine zerkratzten wie Nachbars Kater Tommy, der letzten Sommer in Flammen aufging. Sie ignorierte den stechenden Schmerz, so wie sie das Brennen der auf ihr ausgedrückten Zigaretten ignoriert hatte. Sie rannte, bis sie keuchte und sie Blut in ihrem Mund schmeckte. Dies war beruhigend – der Geschmack war ihr nur allzu vertraut, machte sie wacher, stärker. Sie sah noch Tommys Blut vor sich, wie es im Feuer kochte. Als sein Fleisch Blasen warf. Die Menschheit ist schwach, Emilia… sie merkt nicht, dass jedes Licht von Dunkelheit umgeben wird.

Ihr war, als würden die Schatten vertrockneter, alter Bäume nach ihr greifen, ihre dürren Knochenfinger nach ihr ausstrecken, nach ihr verlangen. Deren Begehren würde sie jedoch nicht erfüllen. Sie kannte ihre Mission, so wie sie den Wald und all sein Leben darin in sich aufgesogen hatte. Freunde dich nicht mit ihnen an, Emilia, die Finsternis wird sie früher oder später verbrennen. Die Worte ihres Vaters ertönten laut in ihrem Kopf und verhallten nur langsam, so wie seine nächtlichen Gewehrschüsse es stets getan hatten.

 

Die Straße unabsichtlich längst hinter sich gelassen, rannte Emilia zwischen den dicht beieinander stehenden Bäumen hindurch, der kleinen Lichtung entgegen, die sie nur Momente zuvor erspäht hatte. Ein paar Meter noch, sie würde leben!

Die Hoffnung hatte Emilia jegliche Vorsicht vergessen lassen – der Wald nahm sich, was ihm gebührt – sie stürzte. Wen der Wald besiegt, der stirbt, Emilia. Der Wald sucht sich seine Beute. Sie tastete ihren Knöchel ab. Er war geschwollen, jeder Schritt würde schmerzen wie ein Stich ins Herz, aber sie würde gehen können. Bedächtig. Wäre jemand hinter ihr her, sie würde elendig verrecken.

 

In ihrer Verzweiflung begann Emilia zu fantasieren. Zumindest glaubte sie zunächst, dass sie das tat. Ihr Vater wandelte auf der Lichtung, sein Blick glasig und gebrochen. Das Mondlicht fiel auf das in Fetzen gerissene Hemd, welches infolge der Leichenflüssigkeit eine dem Grün seiner Augen ähnliche Farbe angenommen hatte. An einer Stelle quoll dunkles, schwarzes Blut aus dem Körper ihres Vaters, tropfte zu Boden. Jedes einzelne Haar ihres Körpers richtete sich auf, als sie sah, dass dicke Brocken des Lebenssaftes in ihre Richtung zu kriechen begannen. Die Vernunft versuchte Emilia zu übermannen, das könne nicht sein, sie müsse sich das einbilden. Sie war ihrem Vater einst entkommen, hatte ihn beobachtet, als die Dunkelheit in seinem Blick erlosch und sein Schatten in Richtung Unterwelt zog. Tote spazieren nicht einfach umher, das wusste Emilia, und doch, das Teuflische war nicht zu unterschätzen. Sie hatte nicht die Kraft, ihn erneut zu besiegen. Ihre Tränen benetzten den Boden, noch bevor sie sich bewusst war, dass sie angefangen hatte, bitterlich zu weinen. Ihrem Vater – diesem Ding – waren die salzigen Tropfen allerdings nicht entgangen. Er hielt still, wandte sich ihr plötzlich zu und verzog die verwesenden Leichenlippen zu einem eiskalten Lächeln. Als Emilia die Insekten sah, welche sich im Mund ihres Vaters wanden, umhüllten sie gerade noch die sanften Wogen der Bewusstlosigkeit, bevor sie den Verstand vollkommen verlieren konnte.

 

9

 

Als Emilia erwachte, dämmerte es bereits. Inmitten des Waldes aber verdrängten die Schatten weiterhin einen Großteil des rettenden Lichts. Die junge Frau hielt Ausschau nach ihrem Vater, der war jedoch nirgends zu sehen. Natürlich nicht. Ihr Vater war tot, der Wald hatte ihn gefordert, und wenn sie nicht aufpasste, würde sie früher zu ihm und den anderen stoßen, als ihr lieb war.

 

In ihrem Wahn hatte sie die Orientierung verloren. Die Straße, die zu ihrem Haus führte, war unauffindbar. Die Lichtung vor ihr erwies sich als Enttäuschung, egal in welche Richtung sie sich drehte und wandte, sie blieb verloren. Wer sich in finsteren Wäldern verläuft, findet möglicherweise nicht mehr hinaus, spukte es durch Emilias Kopf. Niemand beherrscht Sie, meine Liebe, hatte Dr. Schwarz während ihrer Sitzungen gerne gebetsmühlenartig wiederholt. Sie sind frei, Emilia, Sie können tun und lassen, was Sie wollen!

 

Was war sie froh gewesen, als Dr. Schwarz verstummte. Zur Abwechslung hatte sie einen Blick in sein Innerstes geworfen.

 

10

 

Emilia beschloss, sich wieder in Bewegung zu setzen. Irgendwann würde sie entweder auf die Straße stoßen, das Ende des Waldes erreichen oder beim Versuch, hier rauszufinden, ihrem Ende entgegentreten. So oder so, es war ihr gleich.

 

Seit geraumer Zeit fühlte sie sich verfolgt. Nicht, dass irgendetwas außer dem Knacken toter Zweige unter ihren Füßen und dem Wind über ihrem Kopf zu hören gewesen wäre. Nun, hin und wieder krächzten Krähen, Vorboten der Hölle, kündigten Unheil an. Was Emilia aber wirklich Sorgen machte, waren die Stimmen, die an ihre Ohren drangen. Stimmen längst vergangener Tage. Mitschülerinnen, die sie gequält hatten, die sie auslachten, in die Mangel nahmen. Sie spürte ihr Zwicken, das Kneifen an ihrem Po und vernahm die wüsten Beschimpfungen, denen sie während ihrer Schulzeit tagtäglich ausgesetzt war. Oh, die Schlampe hat schon wieder blaue Flecken, war sie Daddy nicht brav genug? Wie sie kicherten, sich ihre schlanken Bäuche hielten, als sie auf Emilia deuteten. Die Schlimmste von allen, das war Sophie. Sophie, die alle gegen sie aufgehetzt hatte. Sophie, die stets von allen geliebt wurde. Sophie, die lernen musste, was es heißt, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Fast ein ganzes Jahr, schon zehn Monate war es her, dass Emilia ihre Mitschülerinnen – allen voran Sophie – hinter sich ließ und ihr Studium begann. Mit der Uni verband sie Luisa, die einzige Freundin, die sie je hatte – ach ja, und Simon. Sie wusste es, als sie zum ersten Mal einen Blick in seine Augen erhaschte. Sie kannte die Wahrheit. Die jedermann umgebende Dunkelheit, von der ihr Vater so eindringlich gesprochen hatte, wärmte nicht nur Emilias Herz. Sie hatte sich auch fest um Simon gelegt.

 

11

 

Ganz in Gedanken versunken bemerkte Emilia zunächst nicht, dass der Wind aufgehört hatte, durch die bereits toten oder noch sterbenden Blätter zu streichen. Ein verfluchter Vogel nach dem anderen verließ das sinkende Schiff.

 

Sie hätte die Anzeichen erkennen müssen. Sie war darin ausgebildet, Gefahren zu bemerken, sich ihnen auszusetzen – sie auszulöschen. Ihr Vater hatte ihr vieles beigebracht, nicht nur, wie man erlegte Tiere ausnimmt. Im Wald gibt es kein Licht, Liebes. Hier herrscht die Finsternis. Folge ihr, öffne dich für sie und DU wirst leben.

 

Doch in ihrem Kopf verwoben sich Sophies Worte mit denen ihres Vaters, ihres Therapeuten und so vieler anderer Menschen, denen Emilia gerne dauerhaft aus dem Weg gegangen wäre, denen sie sich aber dennoch nie würde entziehen können. Tot oder nicht, es hatte nie ein Ende. Das Lachen ihrer Mitschüler, hohl und schallend, es vermischte sich mit der tiefen Stimme ihres Vaters, der seine Belehrungen geradezu ausspuckte, um sie in Emilia hineinzupressen. Kichern, nichts als Kichern, die verdammte Göre aus dem Nachbardorf. Kein Ton kam mehr aus ihrem Mund – war ihr Kehlkopf doch durchtrennt worden.

 

Als sie das Knacken der verdorrten Zweige hinter sich endlich registrierte, blieb Emilia ruckartig stehen. Hatte sie das wirklich gehört? Oder war das nur eingebildet? Stattete ihr Vater ihr wieder einen Besuch ab? Sophie? Die dumme Göre? Sie vernahm kein Lachen, kein Schimpfen, kein Kichern mehr. Wenn es keiner der genannten Personen war, wer folgte ihr dann?

Emilia lauschte. Nichts. Kein Knacken, das sie so an das Brechen der Rippen gewilderter Lebewesen erinnerte. Welches Geschöpf würde nicht weglaufen, wenn es sie bemerkte? Die natürliche Reaktion von Hasen, Wild und sonstigem Getier auf ihre Anwesenheit wäre es doch, zu fliehen, nicht wahr? Weshalb also hielt es an? Will es sie reißen, sie fressen, dem Erdboden gleich machen? Ihr die Gedärme einzeln herausreißen? Wurde sie in diesem Moment begutachtet, ihr schmackhaftes Fleisch betrachtet? Es würde sie nicht wundern, wenn sie nicht der einzige Jäger in diesem Wald wäre. Der ein oder andere Wolf wird bestimmt schon früher Blut gerochen haben. Gelegenheit dazu hätte er weiß Gott gehabt.

 

Da! Schon wieder, Zweige brachen weit hinter ihr. Emilia traute sich kaum, den Kopf zu drehen, aus Angst, etwas Schreckliches erblicken zu müssen. Sie bekam eine Gänsehaut, schmeckte brennende Galle. War das ihr Ende? Sie würde nicht aufgeben, so viel war klar. Wenn es sein musste, würde sie den Angreifer mit bloßen Händen erwürgen, das Leben heraussaugen, als handele es sich um eine Delikatesse.

 

Waren das Schritte? Pfoten oder Schuhe? Ihr war, als würde es nun überall im Unterholz brechen und knacken. Laub knirschte mal links, mal rechts hinter ihr. Emilia spitzte die Ohren, versuchte auszumachen, woher die Geräusche kamen. Je mehr sie lauschte, desto weniger konnte sie die Laute zuordnen. Sie schienen von überall zu kommen. Fokussier dich, Emilia. Habe den Feind immer im Auge. Sie wollte es ja. Doch es funktionierte nicht. In ihr schrie eine immer schrillere Stimme, lauf, verdammt lauf!

Trotz des schmerzenden Knöchels rannte Emilia. Auch wenn sie ihren rechten Fuß hinterher zog und sich von einem Ast zum nächsten hangelte, sie setzte all ihre verbliebenen Kräfte ein. Die raue Oberfläche der Bäume rieb sich an ihren Armen. Es dauerte nicht lange, bis die aufgekratzte Haut platzte. Dünnes, beinahe jungfräuliches Blut bahnte sich seinen Weg, tropfte von ihren unterkühlten Fingern auf die abgestorbenen Blätter unter ihr.

 

Die Schatten waren nun keine stillen Begleiter mehr, denn sie gierten nach ihren Säften. Sich nach ihrem Körper sehnend, umringten sie Emilia. Das Knacken und Brechen nahm weiter zu, während Emilias Panik sich noch verzehnfachte. Die Bäume schienen sich enger um sie zu drängen, sie einzusperren. Schleimige Blätter strichen über ihr geschundenes Gesicht. Mit blutigen Fingern strich sie sie beiseite, versuchte weiter zu fliehen, immer weiter, weg von hier.

Da war es. Hinter ihr. Ein Knurren, aus tiefster Kehle. Das war das Ende. Ihrs oder seins.

 

12

 

Emilia blieb zitternd stehen. Sie hatte keine Chance. Was hatte sie dem Jäger schon entgegenzusetzen? Er mochte Krallen haben oder ein Gebiss wie ein Bär. Alles was sie vorzuweisen hatte, war ein Taschenmesser im Beutel an ihrer Hüfte. Bis sie diesen geöffnet und nach ihrem Messerchen geangelt hatte, würde das Biest ihr schon lange das Fleisch von den Knochen reißen. Ganz gleich, ob Tier oder menschlicher Jäger. Tod lag in der Luft, das roch sie mit jedem Atemzug. Verwesung, Verderben, Verdammnis. Es umgab sie alle.

 

13

 

Noch während ihr Herz bebte und sämtliche ihrer Muskeln verkrampften, bemerkte Emilia, dass die so unheilvollen Geräusche verstummt waren. Die Schatten zogen sich zurück, das Scharren, Knacken, Brechen war schon längst verhallt. Selbst die Vögel krächzten wieder ihr teuflisches Lied.

Das konnte sie sich nicht eingebildet haben, auf keinen Fall! Die Äste hinter ihr wurden geradezu zermalmt, sie hatte Schritte gehört! Emilia zweifelte an ihrem Verstand, ihre Wahrnehmung schien verrückt zu spielen. Erst der tote Vater, dann das blutrünstige Monster. Was hatte das zu bedeuten? Ihr Vater, Sophie, Dr. Schwarz, die dumme Göre – hatten sie alle Recht gehabt?

 

Was nun folgte, hätte Emilia nie für möglich gehalten. Sie gab auf. Ihre Beine begannen zu wackeln und knickten letztlich ein, sodass ihre wunden Hände das weiche Moos berührten. Wogen immerwährender Tränen ließen Emilia erbeben, ihre Arme drohten ebenfalls nachzugeben. Nach wenigen Sekunden brach sie beinahe lautlos zusammen. Emilia landete im Dreck, doch es störte sie nicht, war sie doch viel zu sehr damit beschäftigt, Tropfen für Tropfen ihre Seele auszuweinen.

 

Sie hätte niemals gehen sollen! Niemals Luisa verlassen, die Einzige, die zu ihr gehalten hatte in dieser schweren Zeit! Luisa kannte den Abgrund. Sie wusste davon, hielt aber Sicherheitsabstand. Sie hatte nie hinunter geblickt. Das war auch besser so. Der Wald hätte Luisa sonst eingeholt.

 

14

 

Die Nacht wich endgültig dem Tage, als Emilia beschloss, sich zu erheben, endlich einen Weg nach Hause zu finden. Nichts und niemand hatte sie angegriffen, war aus der Dämmerung gestürzt. Die gruseligen Geräusche waren lange verklungen, sodass sie neuen Mut fasste. Erste Sonnenstrahlen brachen durch das Dach verworrener, vertrockneter Äste über ihr, streichelten ihre Wangen, wärmten sie.

Die einst so bedrohlichen, knorrigen Bäume schienen sie nun nicht mehr zu verfolgen, sondern vielmehr vor Gefahren abzuschirmen. Das feuchte Laub unter ihren Sohlen liebkoste ihre aufgerissene, verdreckte Haut. Geradezu einladend leuchteten die blutroten Beeren am Rande ihres Sichtfelds, verlockten ihre Sinne. Der Wind fuhr sanft durch ihre verklebten Haare, die Vögel zwitscherten, kein Ton mehr, der sie in Angst und Panik versetzte. Kein Knirschen, Brechen, Knistern. Wohlig vernahm sie das verspielte Rauschen eines Baches irgendwo rechts von ihr.

 

Moment. In diesem Wald gab es nur einen Bach, sie erinnerte sich, als Kind die Frösche darin gefangen zu haben. Deren Glieder hatte sie einzeln ausgerissen, eines nach dem anderen. Das bedeutete, ihr Haus war nicht weit von hier! Sie hatte es fast geschafft!

 

Die Freude über ihre Heimkehr verschwand schlagartig, als Emilia hinter sich ein Klicken hörte. Ein Klicken, das ihr viel zu vertraut war. Sie hatte schon oft ein Gewehr in der Hand gehabt. Emilia wusste daher, welche Geräusche der Hebel von sich gab, wenn er umgelegt wurde, wenn die Patrone fast lautlos in das Lager rutschte.

 

Wer auch immer in den letzten Schatten stand, er hatte sie im Visier.

 

15

 

Emilia wagte es nicht, sich umzudrehen, nein, noch nicht einmal zu atmen. Jemand zielte aus dem Verborgenen auf sie, wollte sie hinrichten, ihr Gewalt antun. Schritte. Wie konnte sie diese zuvor überhört haben? Oder war der Jäger lediglich katzengleich der Maus hinterher geschlichen?

 

Ein Räuspern. „Dreh dich um, Emilia.“

 

Es war nicht der ernste Tonfall, der Emilia zusammenzucken ließ. Es war die Tatsache, dass sie den Mann kannte.

 

„Was, was soll das?“ fragte sie mit brüchiger Stimme.

 

Er stieß ein kurzes, abgehaktes Lachen aus. „Wie konntest du dich verirren, Emilia, hm? Wer die Dunkelheit in sich trägt, braucht doch kein Licht!“ Er spuckte die Wörter geradezu aus.

Ihren stammelnden Versuch, zu antworten, ignorierte er. „Deine Schuhe – sie lagen am Straßenrand. Ich konnte nicht widerstehen, Emilia.“ Er klang geradezu wehmütig. „Den Motor habe ich kurz darauf abgestellt, um mich nicht zu verraten.“

 

Emilia zitterte.

 

„Hast du mich nicht bemerkt, Emilia? Ich war die ganze Zeit hinter dir, habe dich beobachtet, dich… betrachtet.“ Seine Stimme wurde rau. Erregt. „Du bist fast zuhause, Emilia. Das kann ich nicht zulassen, weißt du?“

 

Er kam näher. Mit jedem Meter Abstand, den er überwand, schwanden ihre Sinne. Ihr Herz pochte, ihr Innerstes brannte lichterloh. Die lodernden Flammen wurden nur noch weiter angefacht, als sie kaltes Metall an ihrem Hinterkopf spürte.

 

„Nichts ist befriedigender, als dann zuzuschlagen, wenn sich das Opfer in Sicherheit wiegt, Emilia. Komm, dreh dich um.“ Sein Tonfall war nun beinahe sanft geworden.

 

Emilias Gedanken rasten, wie konnte das sein? Aber sie tat, wie ihr befohlen, und wandte ihr Gesicht dem Mann zu, den sie liebte. Tropfen heißer Tränen fielen zu Boden.

 

Das Gewehr leicht nach unten gerichtet, starrte Simon sie an. Ihr weinendes Gesicht, den Dreck auf ihren Brüsten. Schweiß bahnte sich einen Weg über ihre wunde Haut. Sein Blick kochte.

 

Emilia wollte sich ihm hingeben, sich auf ewig mit ihm vereinen. Doch sterben – das wollte sie nicht. Langsam und bedächtig streifte sie ihre zerrissene Kleidung ab, streckte sich ihm entgegen.

Während seine Finger ihre Lippen berührten, zerriss die Dunkelheit funkensprühend. Feuer breitete sich in ihm aus, als er die Klinge spürte. Sehnen, Adern, Muskeln – was getrennt war, würde nicht mehr zueinander finden.

Blut. Schlagartig sprudelte es aus seiner von einem Taschenmesser durchtrennten Oberschenkelarterie. Die Finsternis packte ihn, sein Finger am Abzug zuckte.

 

Er würde sie haben. Um jeden Preis.

 

Die Liebe ihres Lebens sank zu Boden. Und Emilia mit ihm.

ENDE

 

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