JACKIE – KEVIN BORCHMANN

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

Die Hütte ist eisig kalt. Ich stelle meinen Reisekoffer neben das Bett und werfe Mütze, Handschuhe und Schal auf den kleinen Tisch in der Mitte des Raumes. Er ist der einzige Tisch. Das Häuschen ist zwar klein, aber gemütlich. An der rechten Wand gibt es eine kleine Küchenzeile, einen hüfthohen Kühlschrank, einen Herd und zwei Hängeschränke. Direkt daneben befindet sich eine schmale Tür zum Bad, welches mit einer Toilette und einer engen Dusche ausgestattet ist. An der Wand geradeaus steht ein kleiner Ofen, betrieben mit dem Holz aus dem Schuppen hinter der Hütte. Links von mir ist das Bett. Es ist eine bescheidene Behausung und dafür liebe ich sie. Wenn man hereinkommt, riecht es nach frisch geschnittenem Holz und die Geräuschkulisse, weit ab von Autos und Menschen, könnte nicht entspannender sein.

            Ich ziehe meine schwarze Winterjacke aus und hänge sie an einen Haken an der Holztür, die nach draußen führt. Danach stelle ich meine schweren Wanderstiefel unter das Fußende des Bettes und reibe mir die Hände. Der Sturm ist bitterlich kalt. Auf dem Weg hier her, war es die letzten Jahre sonnig und schön gewesen. Der Schneesturm dieses Jahr ist neu. In der Hoffnung, die Dichtungen der Fenster würden dem Schneetreiben standhalten, entzünde ich im Ofen ein Feuer. Während die ersten Flammen über das noch kalte Holz tanzen, reibe ich erneut meine Hände darüber. Das leise Knistern unter meinen Fingern beruhigt meine Seele.

            Ich höre wie der Wind zunimmt. Geschützt von meinen vier Holzwänden, schlendere ich hinüber zu einem der Hängeschränke und nehme mir eine Tasse. Ich spüle sie unter dem Wasserhahn aus, entstaube die Teekanne und befülle den Wasserkocher. Während der Kocher seine Arbeit leistet, setze ich mich auf einen der beiden weißen Holzstühle die zu dem Tisch in der Mitte des Raumes gehören. Ich denke über meine Familie nach. Meine Tochter, Lisa. Meinen Sohn, Philip. Meine todkranke Frau, Vivien. Den Seitensprung mit meiner Sekretärin, Linda. An Stefan denke ich noch nicht. Das kommt früh genug. Der Wasserkocher ist fertig. Ich gieße Wasser über den Teebeutel in der Tasse und setze mich mit meinem ziehenden Tee zurück an den Tisch.

            Meine Gedanken sind inzwischen wieder in die Zukunft gereist. Ich denke an meine Zeit hier und an die angenehmen Stunden. Weg von zu Hause, ohne elende Mathehausaufgaben und Kotze die ich aufwischen muss. Ich stelle mir vor, wie ich Holz hacken, Whiskey trinken, Zigaretten rauchen und wichsen werde und es gibt niemanden auf dieser Gott verlassenen Welt, der mich daran hindern kann. Ich weiß, dass ich nicht der beste Vater auf der Welt bin, schon gar nicht der beste Ehemann. Doch ich will verdammt sein wenn diese Gören behaupten, dass ich nicht alles versucht hätte. Ist aber erst einmal völlig egal. Jetzt bin ich hier. Kann in Ruhe meine Zeit weit weg von meiner Familie genießen und tun und lassen was ich will.

            Ich gieße mir einen Schluck Jack Daniels in den Tee und lege die Füße so auf den zweiten Stuhl, dass sie vom Feuer im Ofen gewärmt werden. Langsam und genüsslich trinke ich den ersten Schluck. Purer Genuss fließt mir über die Zunge, gleitet langsam meine Kehle hinab und wärmt meinen Magen. Angekommen. Wieder ein Jahr überstanden. Ich hatte mich schon oft gefragt, ob ich es noch einmal hier hoch ins Harzgebirge schaffen würde. Bei all dem Gezeter, dass meine Frau losbricht wenn ich her fahre. Ihre Krankheit wird immer schlimmer und je kränker sie wird, umso unausstehlicher wird auch die Zeit mit ihr. Verdammt, ich brauche diese Auszeit hier. Zwei Wochen nur für mich. Ist das zu viel verlangt? Ich denke nicht.

            Die erste geleerte Tasse des Tages. Ein Anfang. Ich bekomme Lust auf etwas härteres und nehme mir vor, mich bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken, also lasse ich den Tee einfach weg. Ich kippe mir die Tasse randvoll mit meinem Kumpel Jackie und trinke sie mit einem Zug aus. Es dauert keine Stunde, bis ich vom Alkohol betäubt ins Bett falle und einschlafe.

            Am nächsten Morgen dröhnt mir der Schädel. Mies gelaunt hieve ich mich aus dem Bett und schimpfe über den schwarzen Fleck vor dem Ofen. Verdammte Scheiße. Ich war eingeschlafen und hatte die Klappe des Ofens nicht zugemacht. Ein brennendes Stück Holz muss herausgefallen sein. Ein Wunder das ich noch lebe. Erstmal pissen. Langsam stehe ich auf und öffne die Tür nach draußen. Ein scharfer Wind schneidet mir durchs Gesicht, sodass ich die Tür direkt wieder zu schlage. Bei der Kälte entscheide ich mich lieber für die Toilette. Nachdem ich mich entleert habe, schlendere ich hinüber zum Kühlschrank um nachzusehen was Günther, der Hausmeister, mir so alles für die zwei Wochen eingekauft hatte. Dieser Service geht für Stammkunden sogar aufs Haus.

            Neben Eiern, Schinken, Salami, Käse, einer ganzen Menge Bier und Bratwürsten, hatte Günther mir Schnitzel gebracht. Schnitzel so viele wie ich nur essen konnte. Ich greife mir eines von ihnen, dazu zwei Eier und mache mir Frühstück. Gesättigt und aufgewärmt, packe ich meinen Reisekoffer aus. Die drei Flaschen Jackie, die ich selber mitgebracht habe, stelle ich zu den drei übrigen von Günther. Einige Tittenmagazine lege ich im Bad neben die Toilette. Das Eheberatungsbuch, dass meine Frau mir in den Koffer geschmuggelt haben muss, werfe ich vom Bett aus quer durch den Raum. Danach genehmige ich mir den ersten Drink für den Tag. Ich greife mir die Tasse von gestern und füllte sie mit der ersten Ladung goldener Liebe. Die raue Hitze in meiner Kehle spendet mir Energie. Bevor der Wind draußen Fahrt aufnimmt, entscheide ich mich dazu ein paar Scheite Holz hereinzuholen.

 

            In meine Winterjacke eingepackt, schmeiße ich mich in meine Stiefel, lege mir den Schal um den Hals, öffne mir ein Bier und gehe nach draußen. Eisiger Wind peitscht mir um die Ohren. Mit einer Hand schützend vor den Augen, schiebe ich mich mühevoll um die Hütte herum. Auf halbem Weg habe ich die Bierflasche geleert und werfe sie neben mir in den Schnee. Hinter der Hütte öffne ich die Tür eines schmalen Schuppens. Hier drin gibt es nie etwas Neues zu sehen, außer dem Holz, dass sich bis unter die Decke stapelt und natürlich der Axt, die neben der Tür hängt. Ich greife mir einige Holzscheite und mache mich auf den Rückweg.

            Gerade als ich wieder in die windgeschützte Wärme meiner Hütte treten will, ist mir, als sähe ich einen Schatten zwischen zwei Bäumen hindurchhuschen. Ich kneife meine Augen zu engen Schlitzen zusammen und versuche etwas zu erkennen, sehe jedoch nichts als meinen eingeschneiten Mercedes, unzählige Bäume deren Äste unter der Last des Schnees unheilvoll herabhängen und die farblose Fläche über mir, welche ein zyklopisches Gebilde aus Wolken darstellt. Ich rette mich vor der Kälte und gehe wieder hinein. Die Holzscheite lege ich neben den schwarzen Fleck auf dem Boden. Zeit für eine weitere Tasse warmer Freude.

            Da mich vor dem kleinen Fenster über der Spüle bloß eine eiskalte, graue Enttäuschung erwartet, versuche ich gar nicht erst anhand der Helligkeit zu erkennen wie spät es ist. Ich greife in meinen Koffer und schaue auf meine Armbanduhr. Es ist kurz nach der Mittagszeit. Also ruhig noch eine dritte Tasse. Nachdem ich mir auch diese erfolgreich einverleibt habe, werfe ich mich für einen Mittagsschlaf aufs Bett. Es dauert nicht lange bis ich einschlafe.

            Ein Poltern reißt mich aus dem Schlaf. Ich schrecke hoch und reibe mir die schweren Augenlider. Jemand klopft. Unmöglich. Hier draußen? Bei dem Wetter? Wie spät ist es? Ich schaue auf meine Uhr. Kurz vor Mitternacht. Habe ich den ganzen Tag verschlafen? Es poltert erneut gegen die Tür.

»Wer ist da?«, frage ich. Es klopft erneut. Es ist noch zu früh für Stefan. Verwirrt schiebe ich mich aus dem Bett hinüber zur Spüle und beuge mich vor, um aus dem Fenster zu sehen. Nichts als Dunkelheit. Ein weiteres Klopfen.

»Wer ist da?«, frage ich noch einmal, bloß lauter. Keine Antwort.

            Ich gehe zur Tür und öffne sie vorsichtig. Vor mir steht ein junger Mann. Er zittert fürchterlich und ist ganz blau im Gesicht. Kraftlos sinkt er auf die Knie und fällt nach vorne über, mir in die Arme. Ich kann mich gerade so abstützen und verhindern, das wir beide umfallen.

»Was zur Hölle machen sie hier?«, frage ich den jungen Mann, während ich ihn in die Hütte ziehe und auf das Bett lege. Er trägt bloß eine Jeans und eine dünne Jacke. »Kommen sie, wir wärmen sie erst mal auf.«

            Ich habe absolut keine Lust auf Besuch, will jedoch kein Menschenleben auf dem Gewissen haben. Ein innerer Trieb hält mich davon ab den Kerl wieder rauszuwerfen. Ich entzünde ein Feuer im Ofen und setze neues Wasser auf, um meinem unerwarteten Gast einen Tee zu machen. Danach decke ich ihn mit den beiden Decken zu, die für Notfälle unter dem Bett liegen. Sein Körper bebt vor Kälte.

            Es dauert zwei Stunden, bis mein Gast mehr von sich gibt, als ein wimmerndes Stöhnen. Ein starker Husten dringt nun aus seiner Kehle. Stoßweise und kräftig. Die Atmung zwischen den Hustenanfällen rasselt. Was hat der hier draußen zu suchen? Bei so einem Wetter? Eine weitere Stunde vergeht ohne Veränderung. Dann wacht er auf.

»Wo bin ich?«, fragt er schwach.

»Im Warmen. In Sicherheit«, antworte ich kurz.

»Wer spricht da?«, fügt er hinzu und ich bemerke, dass seine Augen noch geschlossen sind, als würde er aus einem Fiebertraum erwachen und noch nicht ganz in unserer wachen Welt angekommen sein.

»Mein Name ist Henrik«

»Henrik?«

»Ja Henrik. Wer sind sie?«, frage ich, obwohl es mir egal ist.

»Martin«, keucht er und öffnet schließlich die Augen.

            Er blickt sich gedankenverloren um als würde er mich suchen. Als seine Augen die meinen Treffen richtet er sich auf und setzt sich auf die Bettkante.

»Lange nicht gesehen, alter Freund«, sagt er und trifft mich damit so unerwartet und überraschend, dass ich lachen muss.

»Kennen wir uns?«, frage ich verwirrt.

            Nun beginnt auch er zu lächeln. Er steht aus dem Bett auf, streckt sich, knackt mit seinen Fingern und schüttelt seinen Kopf ein paar mal hin und her um richtig wach zu werden.

»Witzbold. Scheiße kalt da draußen, was? Die letzten Jahre war nicht so ein Sturm«, erzählt er und redet, als wären wir alte Freunde.

»Entschuldigung, aber sie müssen mich mit jemandem verwechseln«, sage ich zu ihm.

»Meine Fresse, jedes Jahr die gleiche Leier«, stöhnt er und schlendert an mir vorbei.

            Er öffnet die Tür des Hängeschrankes und greift sich eine Tasse mit einer Selbstverständlichkeit, die mich zuerst beunruhigt. Danach denke ich mir, dass er vielleicht ein anderer Gast dieser Hütte ist. Vielleicht ist er ebenfalls ein jährlicher Mieter, kurz vor oder nach mir. Er knallt seine Tasse auf den Tisch, geht hinüber zu einem der anderen Schränke und schnappt sich die angefangene Flasche Jackie. Ich will etwas sagen oder ihn davon abhalten, aber die Sicherheit in seinen Bewegungen hindert mich daran. Er schüttet sich eine großzügige Ladung in die Tasse, nimmt meine, gießt ebenfalls etwas hinein und setzt sich auf einen der beiden Stühle.

»Also. Wie wollen wir´s dieses Jahr anstellen?«, fragt er mich.

»Ich weiß wirklich nicht wovon sie reden«, sage ich und merke wie ich langsam wütend werde.

            Dieser Mann kommt in meine Hütte, legt sich in mein Bett, nimmt sich von meinem Whiskey und das als ob alles hier ihm gehört. Mein Gesicht heizt sich auf und meine Hände ballen sich zu Fäusten.

»Jetzt beruhig dich mal, alter Mann«, begann er und nahm einen Schluck. »Setz dich erst mal und trink. Dann reden wir.«

            Trotz meiner Wut und Unsicherheit setze ich mich ihm gegenüber. Eine kleine Hängelampe über uns beleuchtet das flüssige Gold in der Flasche, als wäre es glänzender Honig. Ich trinke ebenfalls einen Schluck und spüre wie sich meine Muskeln entspannen. Ich werde ruhiger. Meine Atmung langsamer.

»Gut. Also, war ein beschissenes Jahr was? Das mit deiner Alten, mein Gott wie die Schlampe nervt. Und dann noch deine geile Sekretärin, ha ha, der hast du es richtig gegeben!«

            Meine Wut kehrt augenblicklich zurück. Ich knalle meine Tasse auf den Tisch sodass sie in hundert Teile zerbricht. Stinksauer schnelle ich vom Stuhl hoch und schreie den Fremden an.

»Wie reden sie von meiner Frau?«

»Wie redest du von ihr, wenn sie nicht hinhört?«, entgegnet er mir.

»Es reicht! Gehen sie, sofort! Ich weiß nicht woher sie meinen mich zu kennen, aber ich verlange, dass sie auf der Stelle verschwinden!«, donnere ich, während mein Gesicht dem seinen immer näher kommt.

            Ich sehe wie kleine Speichelfetzen seine Wangen treffen. Er setzt wieder sein breites Grinsen auf und nimmt in Ruhe einen weiteren Schluck.

»Wen schreist du hier an, hm?«, fragt er.

»Wie meinen sie das?«

»Du kommst Jahr für Jahr hier hoch, genießt die Ruhe und die Entfernung zu deiner Familie. Wen schreist du gerade wirklich an?«, fragt er während er sich weiteren Whiskey einschenkt.

»Sie wissen gar nichts von mir oder meiner Familie«, sage ich.

»Mehr als dir lieb ist, Kumpel. Mehr als dir lieb ist«, lacht er und schüttet die nächste Tasse herunter. »Also du hörst mir jetzt mal zu und bitte, beim verschissenen Gott, setz dich wieder hin. Du beeindruckst niemanden mit deiner Spinnerei.«

            Mein Blut kocht. Meine Halsschlagader wummert. Ich setze mich. Trotz seiner selbstsicheren und beleidigenden Art, bin ich neugierig geworden. Ich will wissen wer der Kerl ist und was er hier will. Woher weiß er so viel über mich und meine Frau? Woher weiß er von meiner Affäre mit Linda? Ich muss mehr erfahren.

»Was wollen sie?«, frage ich und trinke einen weiteren Schluck.

»Nur reden«, sagt er.

»Worüber?«

»Dich. Und das vergangene Jahr«, antwortet er.

»Wieso? Wer zum Teufel sind sie?«, frage ich ungeduldig.

»Sagen wir einfach, ich bin ein Freund«, erklärt er mir. »Also. Warum willst du deine Frau nicht verlassen? Die Alte ist so krank, die gehört in irgendein Pflegeheim. Da können sich Leute um sie kümmern die dafür bezahlt werden.«

»Sie ist meine Frau«, sage ich. »Ich liebe sie!«

»Nein das tust du nicht! Das wissen wir beide! Du verdammter Heuchler. Du denkst den ganzen Tag darüber nach andere Frauen zu ficken und jetzt sitzt du hier und erzählst mir du liebst deine Frau?«

»Was man denkt hat nichts damit zu tun was man…«

»Oh doch mein Freund. Oh doch. Unterschätze niemals die Macht der Gedanken. Du denkst dein Verstand hat keine Macht über dich? Achte auf deine Gedanken. Sie werden früher oder später zu Taten.«

»Ich muss mich vor ihnen nicht rechtfertigen«, sage ich und leere die Tasse vor mir.

            Er lacht und teilt den Rest der Flasche auf unsere Tassen auf. Danach schlendert er zum Schrank und nimmt eine neue.

»Du musst dich vor dir selbst rechtfertigen.«

»Das geht sie aber nichts an. Das sind meine Geheimnisse. Woher wissen sie so viel darüber?«

»Henrik, Henrik, Henrik. Jedes Jahr die gleiche Leier. Schau mal. Deine Kinder sind jetzt gerade mit ihrer todkranken Mutter allein zu Haus. Was wenn sie einen Anfall hat? Was wenn es brennt?«

»Die Kinder sind alt genug…«

»…um eventuell den Notruf zu wählen. Aber was nicht? Was wenn die arme kleine Lisa vergisst, welche Nummer sie anrufen muss und Mama verreckt im Wohnzimmer an ihrer eigenen Kotze.«

»Halten sie den Mund.«

»Du weißt es.«

»Halten sie den Mund.«

»Sei nur ein einziges Mal ehrlich zu dir selbst.«

»HALTEN SIE DEN MUND!«, schreie ich und werfe meine Tasse gegen die Wand, wo sie zerberstet und zu Boden fällt.

»DAS ist der echte Henrik. Mit DIR wollte ich reden. Na endlich«, lächelt er mir entgegen.

»Was willst du?«, frage ich langsam mit bebender Brust.

»Das du ehrlich bist. Was ICH will spielt keine Rolle. Ich bin nur hier um zu wissen: Was willst DU?«

            Er lehnt sich mit dem Stuhl zurück und kippelt. Ich hoffe er verliert das Gleichgewicht und bricht sich das Genick. Langsam greife ich nach der Flasche zwischen uns und gieße mir etwas in meine Tasse. Seine lasse ich leer. Schnaufend greift nun er nach der Flasche und schüttet sich selbst etwas ein.

»Du wirst immer unfreundlicher«, sagt er.

»Und du wirst immer nerviger«, sage ich.

            Moment mal. Wer hat das gesagt? Ich. Er wird immer nerviger?

»Na na. Ich werde bloß so nervig wie ich sein muss. Und vor allem werde ich nur so nervig wie du mich haben willst.«

»Ich will dich gar nicht haben.«

»Oh, doch. Du brauchst mich.«

»Nicht im geringsten.«

            Ich leere meine Tasse und zerschmettere sie auf dem Boden. Ich springe vom Stuhl auf und stürze mich auf Martin. Wir kippen mitsamt seinem Stuhl zu Boden und beginnen uns zu schlagen. Eine seiner Fäuste trifft mich direkt auf die Nase, woraufhin ich eine Welle Blut gegen den weißen Kühlschrank schieße. Ich stoße ihm meinen Ellenbogen in die Rippen und höre es laut knacken. Ein Schmerz durchzuckt mich. Martin tritt mir heftig in die Magengrube. Meine Atmung stockt.

            Ich rappele mich auf und stütze mich auf den Kühlschrank. Auch Martin hievt sich vom Boden hoch und steht nun wankend vor mir. Er beginnt zu lachen. Auch ich lache. Danach trinke ich einen weiteren Schluck aus meiner Tasse. Moment. Habe ich mir etwas eingegossen? Nein. Ich gieße mir einen Schluck in meine Tasse, trinke sie aus und werfe sie Martin an den Kopf, wo sie in viele kleinere Teile zerbricht. Er greift sich den Stuhl und zieht ihn mir heftig über den Kopf. Danach wirft er sich mir entgegen und wir stürzen durch die Tür hinaus in die Eiseskälte.

            Mein Gesicht landet mit der Nase zuerst in einem kleinen Schneehaufen. Martin liegt direkt neben mir und zerrt an meinem Kragen. Ich hole so weit aus wie ich kann und schlage ihm meine Faust direkt auf den Kehlkopf. Ein Röcheln entspringt seiner Kehle. Meiner Kehle. Er greift sich mit beiden Händen an den Hals und sinkt zu Boden. Langsam rappele ich mich wieder auf. Martin liegt regungslos da. Ich habe gewonnen. Vorerst. Hastig sprinte ich hinein, gieße mir eine Tasse Jackie ein, leere sie, werfe sie an die Wand wo sie zerschmettert und renne wieder heraus. Martin ist verschwunden. Stefan ist bald hier. Die Axt. Ich muss mir die Axt besorgen. Wind und Schnee wehen mir um mein blutendes Gesicht. Der Mond taucht den verschneiten Wald um mich herum in ein blasses Blau.

            Der Schuppen steht offen. Wankend und zitternd schiebe ich mich durch die heftigen Schneewehen und erreiche seine Tür. Die Axt ist weg. Ich drehe mich um und sehe die Umrisse einer Gestalt auf mich zu humpeln. Sie hält meine Axt in der Hand und holt weit zum Schlag aus. Ich springe zur Seite und die Axt landet tief in der Schuppentür. Durchbricht sie. Zerstört sie. Das Gesicht meines Angreifers blickt mich durch das Loch der Schuppentür an. Ein gellendes Lachen durchschneidet die Nacht. Ich richte mich auf. Die Gestalt schwankt hin und her. Sie greift sich die Axt und kommt erneut auf mich zu. Die Axt schnellt herab. Gerade noch rechtzeitig kann ich mich zur Seite drehen und spüre wie die Klinge neben mir in den verschneiten Boden eindringt. Ich trete die Beine meines Angreifers und er geht zu Boden. Meine Kraft schwindet. Ich bin nicht stark genug die Axt aus dem gefrorenen Boden zu ziehen. Der Umriss meines Angreifers beginnt sich zu drehen und richtet sich langsam auf. Ich stolpere rückwärts neben die Hütte und meine Hand tastet etwas. Glas. Die Bierflasche vom Vortag. Du mieser Hund komm nur.

            Der Schatten bewegt sich in Angriffsstellung auf mich zu. Ich schließe meine Faust um die Flasche und schlage sie ihm über den Kopf. Stefan geht zu Boden. Der Kampf ist vorbei. Fliegender Wechsel. Ich bin jetzt dran. Ich lasse mich auf die Knie sinken. Anschließend gesellen sich meine Hände zu den Beinen und ich bin auf allen Vieren. Ich spucke tiefrotes Blut in den Schnee. Neben mir liegt mein Angreifer. Sein Schal war ihm beim Fallen ins Gesicht gerutscht. Mit zitternder Hand greife ich den Schal und ziehe an ihm. Ein lautes Lachen entspringt meiner Kehle als ich gewahre, wer dort neben mir im Schnee liegt. Es ist Henrik, nicht Martin. Und Henrik hat mal wieder gegen mich verloren. Ein weiterer Schluck. Henrik ist ein Waschlappen. Er sollte seine Frau einfach verlassen und dann wäre Schluss. Dann kann er Linda so oft vögeln wie er will.

            Langsam stehe ich auf, verpasse Henrik einen tritt gegen die Schulter und trete schwankend in meine Hütte. Ich schließe die Tür hinter mir und bemerke, das Martin auf meinem Platz sitzt.

»Wehe du hast den ganzen Jackie leer gemacht«, sage ich.

»Stefan! Da bist du ja! Nein, ist noch jede Menge da. Wer hat gewonnen?«, fragt er.

»Na ich, wie jedes Jahr. Was glaubst du denn?«, antworte ich und lache.

»Der Kerl sollte echt langsam aufwachen und sein Leben auf die Reihe kriegen«, murmelt Martin.

»Wem sagst du das, Kleiner? Wem sagst du das? Aber dafür hat er ja diese Hütte. Und uns. Genau dafür hat er uns.«

            Ich schenke uns Whiskey in unsere Tassen, wir stoßen an und trinken aus. Danach lachen wir eine ganze Zeit lang und machen uns ein schönes Feuer im Ofen an. Das Eheberatungsbuch von Henriks Frau nehmen wir als Anzünder. Plötzlich steht Henrik in der Tür. Schwankend und noch immer blutend. Ein weiterer Schluck.

»Kann ich wieder reinkommen?«, fragt er uns schluchzend.

»Verlässt du deine Frau?«

»Dieses Jahr wirklich. Ich schwöre«, stammelt er.

»Dann setz dich und nimm dir deine Tasse«, antworte ich.

            Ich bin kein Unmensch. Martin auch nicht. Henrik ist einfach nur blöd. Dafür kann er nichts. Wir trinken die Flasche Whiskey aus, gönnen uns ein paar Bier, schmeißen unsere Tasse an die Wand die in hundert Teile zerspringt und braten uns zum Abschluss des Abends ein paar Schnitzel. Ich mag keine Schnitzel. Ich aber. Na schön. Erstick dran. Rede nicht so mit mir. Verlass lieber deine Frau, danach darfst du mitreden. Warum fahre ich überhaupt noch hier hoch? Wir streiten sowieso nur. Trink. Ein weiterer Schluck. Meine Tasse zerspringt. Wenn du jetzt nicht aufhörst, hast du wieder Pause. Willst du das ich dich nochmal zusammenschlage? Danach darfst du dann aber die ganzen zwei Wochen draußen liegen. Ist dir das lieber? Dachte ich mir. Also benimm dich. Ihr seid überhaupt nicht echt. Rede nicht so mit uns. Die Kraft deiner Gedanken, weißt du noch? Ich hasse euch.

 

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