KATZENJAMMER – KEVIN BORCHMANN

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

Jens befand sich im Badezimmer, als seine Katze Momo den Löffel abgegeben hat. Es war durchaus kein natürlicher Tod. Doch das wusste Jens an jedem Morgen noch nicht. Als er nach dem Duschen zurück in die Küche kam, lag seine vierbeinige Freundin einfach nur da. Regungslos und ohne Atmung. Er wickelte sie behutsam in ein Tuch und vergrub ihre Leiche im Garten unter ihrem Lieblingsbaum. Im Sommer hatte sie in seinem Schatten das ein oder andere Nickerchen gehalten. Im Winter kletterte sie in seine blattlose Krone um anmutig die Nachbarschaft zu beobachten. Nachdem er das Loch wieder zugeschüttet hatte, fuhr er mit einer leichten Verspätung zur Arbeit. Was Jens zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste? Seine Katze war nicht die einzige, die an diesem Morgen gestorben war. Seine Katze war lediglich der Anfang von allem.

     Jenny schloss die Praxis auf und stieß einen langen, bedrückten Seufzer aus. Sie warf ihre Schlüssel auf die Schreibtischunterlage im Büro und hing ihren Mantel an die Garderobe. Es war bereits Anfang Herbst und bereits verdammt kühl draußen. Nachdem sie den Anrufbeantworter abgehört und ausgestellt hatte, öffnete sie im Praxisraum das Fenster um frische Luft reinzulassen. Anschließend setzte sie sich Kaffee auf und wollte sich gerade an den Computer setzen, als auch schon der erste Anruf bei ihr eintraf.

     Es war der alte Bauer Linus, der Milchbauer des Dorfes. Hastig brabbelte er etwas von seinen Katzen, Jenny verstand ihn jedoch kaum, weil er sehr schnell und undeutlich gesprochen hat. Nachdem sie ihn etwas beruhigen konnte, fing er nochmal von vorne an und erzählte in Ruhe was passiert war.

»Also, ich bin nach dem Frühstück runter in den Keller um mir ein Bier für später rauf zu holen, da habe ich meine Lilly tot in ihrer Decke gefunden. Sie war aber auch schon alt und ich war zwar traurig, doch war das nichts außergewöhnliches. Dann hab ich das Bier erst mal stehen lassen und bin mit Lilly raus um sie zu vergraben. Da bin ich im Garten auf Babsi gestoßen, die lag auch tot einfach so da! Da hab ich es mit der Angst zu tun gekriegt. Zwei tote Katzen könnte ja ein Virus bedeuten oder so was in der Art. Wollte mich nich anstecken und die anderen Tiere können sowas auch nich gebrauchen. Dann hab ich mit der anderen Babsi geschnappt und bin weiter. Wollte die beiden lieber in den Müll werfen damit sie mir nich den Boden ruinieren falls es ein Virus ist. Und hol mich der Teufel, da hab ich Karlchen und Max nebeneinander gefunden. Sie alle sind tot, Frau Doktor. Alle vier.«

     Jenny antwortete nicht sofort. Sie war sprachlos. Eine tote Katze war normal. Zwei wären ungewöhnlich. Aber vier. Vier tote Katzen bedeuteten nichts Gutes. Sie spürte wie sich ihre Nackenhaare aufstellten und ihr ein Schauer über den Rücken lief.

»Geht es den anderen Tieren gut?«, fragte sie nach einer kurzen Atempause.

»Bestens! Habe gleich alle untersucht, zumindest soweit ich sie mit meinen Mitteln untersuchen kann. Die sind nich so zuverlässig wie ihre Tierarztgeräte aber ich wollte halt schon mal nachsehen und alle Tiere sind kerngesund. Meine Kühe sind wohlauf und verdammt nochmal sogar der alte Tatze ist zwar blind aber ansonsten fehlt ihm überhaupt nichts. Bloß die Katzen. Bloß die Katzen.«

»Na schön, wenn es den anderen gut geht, dann bringen sie mir doch bitte eine von ihnen vorbei, dann kann ich schauen was passiert ist«, antwortete Jenny und kritzelte nervös mit ihrem Kugelschreiber auf einem Notizzettel herum.

»Das mach ich! Werde mich gleich auf den Weg machen«, sagte der alte Linus und legte auf.

     Jenny atmete tief durch. Sie war erst seit zwei Jahren die Tierärztin in diesem Dorf und es war noch nie etwas schlimmeres passiert als ein paar Infektionen oder mal eine gebrochene Pfote. Dieser Fall klang nach einer ganz anderen Hausnummer. In ihrem Kopf schwirrten bedeutsame Wörter wie Seuchenschutzbehörde und Gesundheitsamt im Kopf herum. Sie erwischte ihren fantasievollen Kopf dabei, wie er Worte wie Quarantäne und Epidemie mit einbringen wollte, versuchte jedoch erst einmal einen kühlen Kopf zu bewahren.

     Es dauerte nur zehn Minuten bis Linus seine Katze Babsi vorbeigebracht hatte, eine weitere halbe Stunde bis sie die Obduktion vorbereitet hatte. Jenny wusste was sie tat, sie war die Jahrgangsbeste gewesen. Doch die Umstände der Situation machten sie spürbar nervös. Schweiß lief ihr von der Stirn herab, ihre Haut wurde eiskalt, doch ihre Hände waren seelenruhig. Jenny startete die Tonbandaufnahme ihres Recorders, arbeitete Förmlichkeiten ab und wand sich dann dem Tier zu.

»Bei dem zu sezierenden Tier handelt es sich um eine 2 Jahre alte Katze der Rasse „Europäisch Kurzhaar“. Tätowierungen und Chips sind nicht vorhanden. Das Tier hat ein schwarz-weißes Haarkleid. Der Tierkörper ist vollständig erhalten und liegt auf der linken Seite. Das Körpergewicht des Tieres beträgt 4,7 Kg. Der Ernährungszustand ist gut. Die Körperflächentemperatur liegt deutlich unter der Raumtemperatur. Die Totenstarre ist vollständig eingetreten. Es sind keinerlei Reflexe auslösbar. Die Augen sind beiderseits geöffnet, beide Augäpfel sind eindrückbar und in die Augenhöhlen eingesunken. Die Hornhäute sind getrübt und eingefallen. Die Nickhäute sind beiderseits vorgefallen. Der Nasenspiegel ist dunkel pigmentiert, die Maulspalte ist geschlossen, die Schleimhaut dunkel pigmentiert. Der After ist geschlossen. Die umgebende Haut ist dunkel pigmentiert und sauber.

     Das Haarkleid ist matt, geschlossen und ca. sechs Zentimeter lang. Die Krallen sind etwa einen Zentimeter lang. Die Ballen sind schwarz pigmentiert und von weicher Konsistenz. Das Unterhautgewebe ist rosa-gelb, mäßig feucht und gleichmäßig ausgebildet. Das Unterhautfettgewebe ist geringgradig feucht und weich-elastisch. Die Symmetrie der sichtbaren Gelenke, Knochen und Muskeln ist gegeben.

     Nach der Öffnung der Bauchhöhle sind im ersten Drittel der Bauchhöhle die Leber, Anteile des großen Netzes sowie ein Teil der Milz sichtbar. Im zweiten und dritten Drittel sind jeweils Anteile des großen Netzes, der Milz und der Darmschlingen zu sehen. Das Bauchfell ist durchscheinend, pergamentpapierstark, feucht, glatt und glänzend. Das Zwerchfell ist unauffällig gewölbt, die zungenförmige Milz sieht gut aus. Der Magen ist in Ordnung. Was hat dich umgebracht, Kleines? Zeig es mir. Dein Zwölffingerdarm sieht perfekt aus, die Leber ebenfalls. Weiter zu den Nieren. Die Nieren sind bohnenförmig und rosa-beiger Farbe. Alles in bester Verfassung. Auch die Lunge zeigt keinerlei Auffälligkeiten. Verdammt nochmal. Die Luftröhre? Frei. Das Herz? Auch nicht. Schilddrüsen? Fehlanzeige.«

     Jenny stellte das Band ab und suchte noch ein paar Minuten lang weiter, konnte jedoch keine erklärbare Todesursache feststellen. Sie streifte sich die Handschuhe ab, schmetterte sie zusammen mit ihrem Mundschutz in die Mülltonne und verließ den Praxisraum. Nach einer Zigarette und einer Tasse Kaffee rief sie den alten Bauer Linus noch einmal an und bat ihn, ihr die anderen drei Katzen vorbei zubringen um auf Nummer sicher zu gehen. Auch diese hat sie obduziert. Auch diese zeigten nicht ein einziges Zeichen von Schwäche oder Krankheit, Verletzungen oder anderen Problemen.

»Sieht aus als wären sie einfach tot umgefallen«, sagte sie mit tiefem Bedauern in der Stimme, als sie Linus am Abend informierte.

     Jenny konnte den Tod der vier Katzen nie aufklären und auch wenn sie sich danach wieder ihren anderen Patienten widmen konnte, ihren Beruf weiterhin makellos ausübte und zur besten Tierärztin im ganzen Landkreis wurde, haben sie die vier Katzen nie losgelassen. Des öfteren erwischte sie sich dabei, wie sie die Umstände im Internet preisgab um auf sämtlichen Suchmaschinen ein Ergebnis oder eine Lösung zu finden, blieb jedoch immer erfolglos und unaufgeklärt. Das Rätsel der vier Katzen blieb für immer ein Rätsel.

 

     Christian war müde. Verdammt müde. Er saß jetzt schon seit zehn Stunden in diesem Wagen und hatte nicht wenig Lust einfach zur Wache zu fahren und Feierabend zu machen. Nach Hause zu Emilia, ein kaltes Bier trinken und ab ins Bett. Ausschlafen. Doch hier war er. In der ruhigsten Straße, der ruhigsten Stadt, im ruhigsten Landkreis und beobachtete eines der ruhigsten Häuser, die er je gesehen hatte. In diesem Haus lebte aber nun mal ein bekannter Drogendealer dem Christian seit einiger Zeit auf den Fersen war, also schlüpfte er in seine Zivilkleidung, schnappte sich einen Zivilwagen und beschattete den kleinen Penner. Seit zehn Stunden rührte sich keine einzige Tür und kein einziges Fenster. Nichtmal die verdammten Vorhänge bewegten sich. Christian biss in sein Brötchen, spülte anschließen seinen Mund mit Kaffee aus und lehnte seinen Kopf genervt und übermüdet nach hinten gegen den Sitz.

 

     Plötzlich schreckte er auf und wurde aus seinem Dämmerzustand gerissen. Das Haus des Drogendealers war zwar immer noch ruhig und reglos, aber in der engen Gasse neben dem Haus, die zur Hinterseite des Hauses führte, gab es einen fürchterlichen Krach. Es klang wie dutzende fauchende Katzen die plötzlich aufschrien und wieder verstummten. Christian hechtete aus dem Wagen, schnappte sich seine Taschenlampe und wollte nachsehen, was es mit dem Lärm auf sich hatte. Eilig schritt er hinüber und leuchtete mit seiner Taschenlampe in die Gasse hinein. Der schmale Lichtkegel durchschnitt die Dunkelheit der Nacht. Als das Ende des Lichts auf die Quelle des Krachs zeigte, übergab sich Christian und wurde um sein Brötchen erleichtert.

     Zuerst sah er nur eine der toten Katzen. Sie lag mit allen Vieren nach oben auf dem Rücken und war stocksteif. Um sie herum lagen weitere Katzen, drei, vier, sechs, zehn. Christian hörte bei dreißig auf zu zählen. Die gesamte Gasse war gepflastert mit den Leichen der Katzen aus der Nachbarschaft. Weißes, schwarzes, langes, kurzes, getigertes, einfarbiges, weiches und hartes Fell bildete eine einzige Fläche des Todes. Nicht eine von ihnen machte auch nur einen Mucks. Nicht eine von ihnen zuckte mehr. Christian verständigte die Wache, die wiederum verständigte die Seuchenschutzbehörde. Die ganze Gegen wurde abgesucht, unter anderem auch das Haus des Dealers. Christian hatte nie genug Beweise für einen Durchsuchungsbefehl gehabt, da aber nun eine Umweltbedrohung vermutet wurde, konnte er einfach rein spazieren und seinen Verdächtigen im gleichen Atemzug verhaften. Nur eines ließ Christian keine Ruhe. Sie haben nichts gefunden, was den Tod der Katzen erklärt. Keine Abgase, keine Substanzen, keine sonstigen Umwelteinflüsse im Umkreis von fünf Kilometern hätten erklärt, warum vierundfünfzig Katzen einfach so gleichzeitig ableben würden. Sie hatten es einfach getan. Als hätten sie sich dazu entschieden einfach zu sterben.

 

     Finn war schon lange nicht mehr alleine unterwegs gewesen. Normalerweise machte er seine Höhlentouren nur mit Touristen oder Freunden. Aber heute wollte er einfach mal für sich sein und die Ruhe unter dem Berg für sich allein genießen. Er hatte sich eine Tasche mit Proviant, Reservebatterien und einer Reservetaschenlampe gepackt und ist allein in eine der unbekannten Höhlen aufgebrochen. Eine der Höhlen die nicht für Touristen waren. Eine, in der er selbst noch nicht so oft war. Zusammen mit seinen Kollegen war er schon zweimal hier gewesen um sie zu erkunden, sie waren jedoch aus zeitlichen Gründen nie lange geblieben und waren auch beide Male nicht sehr weit im Inneren der Höhle. Normalerweise ist es den Höhlenführern verboten die Höhlen allein zu erkunden, Finn wusste das natürlich, doch es zog ihn heute einfach in die Höhle. Er hatte einfach so ein Gefühl.

     Es dauerte nicht lange bis er an einem kleinen Felsspalt Halt machte und die Stelle erreichte, an der er und seine Kollegen das letzte Mal umgedreht sind. Er ignorierte jegliche Warnungen in seinem Arbeitsvertrag und kroch durch den Felsspalt hinein in unbekanntes Gebiet. Am Ende des Felsspalts befand sich ein kleiner Raum, Finn konnte fast aufrecht stehen. Dieser teilte sich in zwei Bereiche auf. Der vordere Bereich war eine Art Podest, der hintere Bereich ein halbrunder Kreis der sich in zwei Gänge aufteilte. Finn kletterte von dem Podest herunter und entschied sich für den rechten Gang. Die Wände waren glatt und feucht und wiesen eine beige Farbe auf. Der Gang wurde zum Ende hin schmaler, sodass Finn sich bücken musste um sein Ende und den nächsten Raum zu erreichen. Gerade als er sich aus dem schmalen Gang herausschieben wollte, brach unter ihm der Boden zusammen.

     Finn rutschte ab, verlor das Gleichgewicht und stürzte in einen breiten Felsspalt in dem seine Taschenlampe verloren ging. Nach etwa vier Metern blieb er stecken und konnte sich kaum noch bewegen. Er spürte einen Luftzug unter sich und bemerkte, dass sein Bein frei baumelte. Unter ihm musste ein weiterer Raum sein. Ein schwacher Lichtschein drang zu ihm durch. Seine Taschenlampe lag weit unter ihm. Rutschend und drückend versuchte er sich aus der Spalte zu befreien, sein Rucksack presste ihn jedoch gegen die Wand vor sich und er steckte fest. Mit einer Hand erreichte er eine der Laschen und konnte sie lösen, woraufhin er und sein Rucksack drei Meter in die Tiefe stürzten. Mit einem lauten Knacken, landete er im Schein seiner Taschenlampe. Ein Schmerzensschrei. Tränen. Ein gebrochener Fuß.

 

     Erschöpft und voller Schmerz ließ Finn sich auf den Rücken sinken und lag einen Augenblick lang einfach nur da. Mit geschlossenen Augen aus denen sich Tränen des Schmerzes pressten, war er der vollkommenen Schwärze ausgeliefert. Ihm fiel sofort ein, dass er in seinem Rucksack ein Handy hat. Mit aufgeschürften Händen griff er danach und öffnete ihn. Jede Bewegung schmerzte höllisch. Als Finn sein Handy aus dem Rucksack zog entfuhr ihm ein Schrei der Angst und Verzweiflung. Das Telefon muss beim Fallen kaputt gegangen sein, jedenfalls war das Display komplett zerstört.

     Mit seinen mit Blut und Schmutz bedeckten Händen wischte er sich die Tränen aus den Augen und griff sich die Taschenlampe. Der Raum um ihn herum musste riesig sein. Er erkannte eine glatte Felswand etwa zehn Meter von sich entfernt und den Boden unter seinen Füßen. Sonst nichts als Dunkelheit. Selbst die Reichweite des Lichts seiner Taschenlampe vermochte die anderen Wände nicht zu erreichen. Über sich erkannte er den Spalt durch den er gefallen war, er war unmöglich zu erreichen. Finn wusste, dass wenn er keinen anderen Ausgang finden würde, er hier unten gefangen war. Er versuchte sich aufzurappeln. Mit geballten Fäusten stieß er sich vom Boden ab und ließ all seine Kraft in sein rechts Bein fließen. Es klappte. Er konnte seinen Körper nach oben drücken und stand. Zumindest für einen Moment. Dann wollte er einen Schritt machen und berührte mit seinem linken Fuß den Boden. Eine abartige Welle voller Schmerz schoss durch seinen ganzen Körper und riss ihn nieder. Voller Wut über seine eigene Dummheit und Verzweiflung stieß er einen Schrei aus. Schlug sich dabei mit der Taschenlampe gegen die Stirn. Weinte.

     Er wollte es nicht so enden lassen. Wollte nicht hier unten sterben. Wollte leben. Entkommen. Er nahm all seine Kraft zusammen und schob seinen Körper über den Höhlenboden vorwärts. Auf die einzige Wand zu die er sehen konnte. Nach einem Meter gewann er an Hoffnung. Nach zwei Metern kam Zuversicht dazu. Nach fünf Metern war er sich sicher, dass er es aus der Höhle herausschaffen konnte. Zu seiner großen Überraschung, gewahrte er nach zehn Metern einen schwachen Lichtschein. Er war sich nicht sicher ob sein Verstand ihm einen Streich spielte, oder ob eine kleine Felsspalte bis rauf ans Tageslicht führte. Eilig schob er sich mit seiner ganzen Kraft auf das Licht zu. Es war kein Tageslicht. Es flackerte und schimmerte orange. Aus einer Spalte in der so glatten Wand vor ihm drang Kerzenschein. Finn war sich sicher, dass er halluzinierte, kroch jedoch weiter. Kroch auf das Licht zu.

     Der Felsspalt war nur einen halben Meter breit, Finn passte jedoch hindurch. Als er die andere Seite erreichte, überschlugen sich seine Gedanken. Er befand sich in einem kleinen Raum. Nicht aus nacktem Fels, sondern mit hölzernen Balken abgestützt und verkleidet. Zu seiner linken befand sich ein altes Bücherregal, übersät mit Spinnweben und Staub. Auf einem morschen Tisch brannten drei Kerzen, die wirkten als wurden sie erst kürzlich angezündet. Es war jedoch unmöglich, dass hier unten jemand lebte. Oder? An der Wand zu seiner Rechten standen einige Tontöpfe und andere alte Gefäße. Vasen und Schalen, Becher, Urnen und kleine Kisten. Die Wand geradeaus jedoch war es, die seine Aufmerksamkeit am meisten in ihren Bann zog.

     Eine perfekt geglättete, pechschwarze Wand erstreckte sich vier Meter in der Breite und zwei Meter in der Höhe. In der Mitte, genau vor ihr, stand ein strahlend weißer Steinbehälter, perfekt rechteckig und gradlinig. Finn musste an einen der steinernen Sarkophage denken, wie man sie aus den Pyramiden aus dem Fernsehen kennt. Über dem Sarg waren Worte in den schwarzen Stein gemeißelt. Finn packte eine Macht die nicht die seine zu sein schien, denn er hatte plötzlich das dringende Bedürfnis die Worte laut vorzulesen:

 

Trete ein und blicke drein,

der Fürst, er will dein Meister sein.

Befreist du ihn mit deinem Leben,

so wird er dir das seine geben.

Der Mond verlangt des Feindes Blut,

bevor der Meister in dir ruht.

Entzündet wird der neue Kranz,

die Geister lachen bei altem Tanz.

     Finn erschauderte. Nervös blickte er sich um und las die Worte in seinem Kopf erneut. Wieder und wieder ließ er sie in seinen Gedanken widerhallen. Was hatte all das zu bedeuten? Wer war der Meister? Wer sind seine Feinde? Was ist der neue Kranz? Und wieso brennen diese verdammten Kerzen? Er hatte keine Antwort. Doch er brauchte auch keine. Stärker als jeder Magnet begann der Steinsarg zu ziehen. Schien förmlich nach Finn zu greifen. Finn kroch darauf zu und platzierte seine Taschenlampe so auf dem Tisch, dass sie genau auf den weißen Stein gerichtet war.

Mit der letzten Kraft die in seinem Körper schlummerte, schob er die Steinplatte auf dem Sarg beiseite und gewahrte was in ihr war. Nichts. Rein gar nichts.

     Finn schüttelte lachend den Kopf und war enttäuscht von sich selber, da er anscheinend etwas übernatürliches erwartet hatte. Finn glaubte nicht an solche Märchen und schon gar nicht glaubte er, dass in dieser Höhle irgendein alter Meister lebte. Wer auch immer das sein sollte. Eine Sache wusste Finn allerdings nicht. Ein kleines Detail, dass er natürlich nicht wissen konnte. In der Sekunde, in der er die Steinplatte bewegt hat, wurde tatsächlich der neue Kranz entzündet. Des Meisters Feinde sind gestorben. Alle gleichzeitig. Das Rätsel ihres Todes sollte nie geklärt werden, weder Jens, noch Jenny, noch Christian, sollten je erfahren, warum die Feinde des Meisters ihr Leben gelassen haben. Doch eines stand an jenem Tag fest und ließ sich nicht mehr aufhalten. Der Steinsarg war geöffnet worden. Der Kranz war entzündet. Die Feinde waren tot. Und die Geister sie lachten. Sie lachten lauthals, als der Meister seinen Tanz vollzog.

 

[Gesamt:3    Durchschnitt: 3.3/5]

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