KEIN WEG ZURÜCK – MASON S. STONE

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

Kein Weg zurück

  -Ein Monolog mit Unterbrechungen –

 

  Es war kein Tag wie jeder andere. Etwas war völlig anders.

  Er stand an seiner auserkorenen, sicheren Stelle, vergewisserte sich nach der Uhrzeit, um einen zu langen Aufenthalt an derselben Stelle zu vermeiden.

  Steve wusste genau, wo er sich hinstellen musste um nicht gesehen zu werden. Er wusste, wann die anderen gehen und wie viel Zeit er noch abzuwarten war, bis er hineingehen konnte, schließlich hatte er lange genug dort gearbeitet.

  Seine langen, braunen Haare hatte er zu einem Zopf gebunden, somit wehte sie der kühle Wind nicht in sein Gesicht. Seine ebenso braunen Augen erkundeten unscheinbar und doch alles sehend die Gegend.

  Nach einigen aufmerksamen umherschweifenden Blicken registrierte er, dass alles zu seiner Zufriedenheit war. Er setzte einen Fuß vor den anderen und begann seinen Weg. Ein Weg zu etwas, das neu war in seinem Leben und eigentlich hoffte er es nie erleben zu müssen.

  Dass es soweit gekommen war, hieß nichts Gutes. Es beinhaltete eine Entscheidung, die sein Leben für immer veränderte.

  Nun gab es kein Zurück mehr…

 

Ich wünsche niemandem etwas Schlechtes, ich gebe Karma lediglich Anregungen. 

 

  Er wusste, dass er heute länger da war, um ihn alleine anzutreffen.

  Dass der Alte, wie er ihn manchmal abfällig nannte, länger blieb, war keinesfalls ein Zeichen von Fleiß, er plante nur gerne von hier aus einen seiner vielen unverdienten Urlaube im Jahr. Das Leben genießen und andere dafür schuften zu lassen, lag ihm sehr.

 

  „Was machst du hier?“ fragte der alte Mann aufgeregt, während er durch den schmalen Gang des Eingangs zu seinem Schreibtisch zurückgedrängt wurde.

  Das Ziel seiner heutigen Pläne wäre nicht weniger überrascht gewesen ihn jetzt zu sehen, als wenn ihm ein Burger in seinen Händen explodiert wäre.

  Das Blitzen des Messers in dem fluoreszierenden Licht des Büros, welches er unterhalb seines Kinns ansetzte und ihm damit einen leichten Schnitt zufügte, veränderte das Gefühl nicht zum Positiven.

  Er packte ihn am Hals und drückte ihn an die Wand. Der Schnitt an der Unterseite seines zweiten Kinns zog sich von links nach rechts der kompletten Halsbreite. Es blutete kaum und hat ihm mehr ein Stöhnen, als ein Klagelaut abverlangt, nicht zuletzt da er während des Schneidens die Hand an seiner Kehle etwas fester zusammendrückte.

  Der Schnitt war nicht lebensgefährlich, er sollte lediglich dazu dienen, dass ihm die Aufmerksamkeit seines Gegenübers gewiss war.

  „Warum machst du das?“, presste sein ehemaliger Chef hervor. Mehr als gedrungene Laute waren ihm nicht möglich, dafür war der Griff zu fest, aber nicht weniger wollte er erreichen. Auf dämliches Geschreie und Gejammer hatte er keine gesteigerte Lust.

  Sein Alter von über siebzig Jahren sah man dem Alten nicht wirklich an. Wohlgenährt, wenig Falten und kaum Altersflecken waren auf den ersten Blicken zu erkennen. Die Zeit hat es gut mit ihm gemeint. Ist aber auch daher zu erklären, dass er seit über vierzig Jahren, als er im Alter von 31 Jahren die Firma übernommen hatte, keinen Finger mehr krumm gemacht hatte und sich und seinem Gemüt durch permanentes Rumschreien, die ständigen ausgedehnten Urlaube, sowie sich nur maximal halbtags in der Firma zeigen und ansonsten Launen andere Menschen ausgelassen hatte, sich positiv auf seine Gesundheit und seinen Teint ausgewirkt hatte.

  Von Zeit zu Zeit lockerte er den Griff etwas, um ihm das Atmen zu erleichtern, aber nicht zu viel. Diese Kraft zu demonstrieren und so zu kontrollieren, war eines der Dinge, die er in seiner Wut ausüben wollte.

  Steve war etwa halb so alt, wie sein ehemaliger Chef, hatte auch schon den ein oder anderen Gesundheitlichen Rückschlag erlitten, aber abgesehen von der Bandscheibe nichts, was ihn dauerhaft beeinträchtigte, es sei denn, er hätte die physiotherapeutischen Maßnahmen ausgeschlagen. Somit hatte er Knie, Sprunggelenk, aber auch die Geschichte mit der Bandscheibe wieder in den Griff bekommen und wurde auch körperlich fitter, nur das zuletzt genannte Problem holte ihn ab und an wieder ein und erinnerte ihn daran, dass man es nicht immer in der Leistungsfähigkeit übertreiben sollte und somit eine manchmal schmerzhafte Grenze setzte.

  Er blickte sich um und stellte fest, dass sich die Einrichtung seit dem er das letzte mal hier gewesen war, nicht verändert hatte. Immer noch alles üppig ausgestattet und fast alles war mit auf Hochglanz poliertem Naturstein verziert, wie in dieser Berufssparte auch üblich, bis auf den Schreibtisch, der aus Eichenholz gefertigt war. Alles in passendem, nicht zu hellem Licht ausgeleuchtet und mit Pflanzen ausstaffiert um ein harmonisches Gesamtbild abzugeben.

  Steve hatte es seinerzeit so eingerichtet und fortführend einrichten lassen.

  ´Es war meine Idee´, dachte er bei sich, da der Alte wie immer, was Harmonie und Erscheinungsbild betraf, etwas ratlos war. Die ganze Einrichtung kam bei den Kunden vortrefflich an und stets versäumte der Alte es nicht sich selbst dafür verantwortlich zu erklären und zeitweise sogar seiner Zitate, der damals erklärenden Vorschläge zu bedienen. Er hat alles so gelassen, weil er keine bessere Idee gehabt hatte, was Steve umso wütender machte.

  „Das fragst du noch?“ entgegnete er ihm mit ruhiger, etwas unterdrückter Stimme ohne dabei seine aufeinander gepressten Zähne auseinander zu bewegen.

Immer wenn er wütend wurde, oder seine Wut zu unterdrücken versuchte, presste er seine Zähne aufeinander, was ihm außerordentliche Beißmuskeln bescherte.

  Nicht nur einmal hatte er sich überlegt im Laufe dieses noch andauernden Abends seine Zähne in das Fleisch seines Gegenübers zu schlagen, doch war er sich (noch) nicht sicher ob er wirklich dieses Scheusal auf diese Weise zu quälen und damit kosten zu müssen.

Seine Gedanken schweiften darauf hin, dass es ihn anwidern würde eine solche Nähe diesem verhassten Etwas gegenüber zuzulassen. Mit den Händen und anderen Hilfsmitteln hätte er kein Problem. Doch harmlos sollte es in keiner Weise bleiben.

  Sein handgearbeitetes Messer lag perfekt in seiner Hand und der feingeschliffene Holzgriff hatte seine Körperwärme in sich aufgenommen. Es fühlte sich beinahe so an, als habe der Griff ein Stück von ihm in sich aufgenommen und sie würden miteinander verschmelzen.

 

  „Du fragst, warum ich das mache? Denkst zu jemals in deinem verschissenen Leben darüber nach was du tust, oder sagst?“ Steve hatte immer noch die Zähne aufeinander gepresst, doch seine Stimme wurde nun ein wenig lauter.

  „Du fragst Dich, warum ich hier bin?“

  Er entspannte sich wieder etwas und seine Zähne ebenfalls. Auch ließ er nun den Hals seines ehemaligen Chefs los, woraufhin dieser zu Boden glitt, etwas von ihm wegrutschte und sich die schmerzhaften Stellen hielt. Es betrachtete kurz seine Hand, nachdem er den Schnitt befühlt hatte und stellte fest, dass es tatsächlich kaum blutete. War wohl mehr nur ein Ritzen, dachte er und versuchte sich ebenfalls etwas zu entspannen.

  „Mal ehrlich, es war doch nur eine Frage der Zeit, wann ich auftauche, dich mir schnappe und du endlich erleben darfst, dass man erntet, was man sät.“

  Das respektvolle „sie“ war spätestens seit dem Öffnen der Türe Geschichte, denn was nun im weiteren Verlauf geschehen würde, sind solche Höflichkeiten nicht mehr von Nöten, oder angebracht.

  Jetzt konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen, denn lange hatte er darauf gewartet und viel Zeit gehabt seine Wut und Hass ins unermessliche zu steigern.

  „An dir ist nichts mehr, was es zu achten gibt. Du bist das allerletzte. Ich hasse es wer du bist, was du bist, was du tust, wie du redest, dein Antlitz, … hach, das könnte ewig so weitergehen, aber eigentlich verachte ich dich zu sehr um noch mehr Luft dafür zu verschwenden!“ Er machte eine kurze Pause und holte tief Luft um diese wieder laut auszustoßen.

  Ihm kam wieder alles in den Sinn, was passiert war. Von den Anfängen, die gänzlich human verliefen und ihm sogar Spaß bereiteten, wie er Vertrauen aufbaute, sie alle besser kennenlernte und sie ihn. Sie erkannten sein Potential, ließen ihm teilweise freie Hand, nur beim anerkennen taten sie sich schwer. Alle samt. Chef und Kollegen. Irgendwo dort schlich sich wohl ein Fehler ein. Er war blauäugig, auf Grund der großen Freude endlich eine Arbeit gefunden zu haben, in der er sich entfalten konnte und anständig bezahlt wurde. Er hatte schließlich eine Familie zu ernähren und nach den vielen Enttäuschungen, die sich über Jahre hinweg zogen, war er der Aufgabe nahe, denn sich weiterhin unter Wert verkaufen zu müssen, konnte er nicht mehr ertragen. Er baute zu viel Vertrauen auf. Er konnte ja nicht ahnen, dass diese Individuen alles was er ihnen erzählt hatte, in irgendeiner Form gegen ihn verwenden würden.

  Angefangen hatte alles damit, dass das freie Arbeiten, beziehungsweise erarbeitete Freiheiten wieder eingeschränkt und dezimiert wurden, bis es schlimmer war als zu Beginn. Es war ihm unerklärlich, denn er hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen. Es machte sich nur immer mehr Missgunst bemerkbar ebenso wie Neid. Es passierte etwas. Etwas veränderte sich. Er wusste nicht, wie ihm geschah. Plötzlich wurden Dinge verlangt, die unmöglich waren und die Dinge die unmöglich schienen, aber trotzdem bewerkstelligt wurden, schlicht als falsch abgetan, indem hinterrücks plötzlich die Aufgabenstellung geändert wurde. Steve war immer häufiger der Verzweiflung nahe und all dies schlug ihm auf das Gemüt. Dies machte sich in seiner Laune bemerkbar, aber auch zu Hause konnte er nicht immer die Fassade aufrechterhalten. Nachdem Jobtechnisch alles vorbei gewesen war, begann der Ärger erst richtig. Er hielt es nicht für möglich, dass so etwas ungestraft von statten gehen konnte, doch er wurde eines Besseren belehrt. Das Ganze zog sich noch Monate hin, doch er wollte nicht mehr alles Revue passieren lassen. Es kribbelte in ihm, wenn er nur daran dachte und wenn er der daraus resultierenden Wut freien Lauf lassen würde, könnte er höchstwahrscheinlich nicht mehr an sich halten und das Ganze heute Abend wäre wohl zu schnell vorbei.

  „Nachdem ihr mich sinnloser- und ungerechtfertigter Weise entlassen habt, nur weil ihr selbstständig denkende Menschen allem Anschein nach nicht leiden könnt, habe ich versucht mir etwas Eigenes aufzubauen. Das Arbeitsgericht gab mir Recht und ich wollte einfach meinen Weg weiter gehen. Ich habe alles auf eine Karte gesetzt und versucht etwas aufzubauen. Niemand hat daran geglaubt, aber ich habe es geschafft!“ Ein Lächeln stand in seinem Gesicht und man konnte ihm ansehen, wie stolz er war. Dem Alten wiederum war anzusehen, dass es ihm gar nicht gefiel.

  „Es lief gut an“, fuhr Steve fort, „ich kam gut an, ich konnte wieder hoffen und habe einen Weg in die Zukunft erkannt. Dann kommt ihr mit eurer Missgunst, eurem Neid und habt alles zerstört. Nicht, dass ihr davon einen Nutzen gehabt hättet, sondern einfach nur, weil ihr mir es nicht gönnt. Aber nicht nur, dass ihr mir Steine in den Weg gelegt habt, nein, ihr musstet auch noch fies und unfair werden. Es war vor allem Dir nicht genug, dass ich irgendwann an einem Punkt stand wo ich nicht mehr weiter kam. Spätestens dann hätte doch der gesunde Menschenverstand verlangt es gut sein zu lassen!“

  Er wurde langsam aufbrausender. Sein Ton wurde scharf und die Gestik deutlicher.

  „Aber nein, man konnte ja nicht ablassen, immer eine neue Gemeinheit ausdenken. Ich frage mich immer noch, wo du die ganze Zeit und Ideen hernimmst. Ich glaube, mit einer solchen Art wird man schon geboren. Das Fiese, Gemeine, Schädigende muss wohl in den Genen liegen. Aber wenn man nichts arbeiten muss, wenn die Mitarbeiter alles erledigen und mit sich selbst nicht zufrieden ist, hat man wohl Zeit. Und anscheinend werden die Mitarbeiter, die seit Anfang an dabei sind durch jahrelange Manipulation, oder weil sie es einfach nicht anders sehen, genau so wie du.“

  Er gab ihm eine kurze Pause zum nachdenken, in der Hoffnung, dass der Alte es doch noch irgendwie verinnerlicht.

  „Mann, ich habe Familie, warum muss man so sein? Ich habe niemandem geschadet, ich wollte nur meinen Traum verwirklichen, zumindest teilweise. Und ich weiß nicht, aus welchem Grund ihr mich auserkoren habt, alles was bei euch nicht ganz rund lief an mir auszulassen. Vielleicht, weil ich die Chance genutzt habe um vorwärts zu kommen, während ihr euer ganzes Leben auf der Stelle tretet? Das kann einfach nicht sein. Permanent Scheiße zu bauen und nicht dafür geahndet zu werden. Immer Glück haben. Aber das hat sich jetzt erledigt. Ich hatte schon die tollsten Gedanken, was gerecht wäre, euch zu widerfahren, aber es passierte nichts. Ich meine, ich wünsche niemandem etwas Schlechtes, ich gebe Karma lediglich Anregungen! Aber ich kann nicht warten, bis Karma zuschlägt. Ist wohl beschäftigt. Jetzt bin ich hier und helfe dem ganzen etwas nach!“

 

  Sein ehemaliger Chef machte abwehrende Bewegungen und sah ihn fragend an. Er durfte ihm keine Zeit lassen zu reden. Im „sich herausreden“ war er Weltklasse und anscheinend glaubte er tatsächlich, was er sagt und dass er unschuldig sei.

  Er musste ihm so viel wie möglich ins Gedächtnis rufen. So sehr hoffte er auf einen Anflug der Reue, was ihn aber von seinem Vorhaben nicht abbringen sollte. Doch nun kam er auf den Punkt weshalb dieses Individuum zu seinen Füßen so verabscheuungswürdig war. Etwas das alles unumkehrbar macht.

  „Nicht nur der ganze sinnlose Rufmord, sondern auch noch mein Zeichen. Ich habe mir mein eigenes Zeichen, ein Symbol für meine kleine Firma entworfen, eines was mich ausmacht und ebenso mein Herzblut dran hängt, wie an allem was ich selbst aufgebaut habe! Und du Arschloch hast nichts Besseres zu tun, als es heimlich von meinem Auto abzufotografieren und nur weil du Geld hast und einfach nur eine dreckige Ratte bist, hast du es als deines angemeldet und schützen lassen und mich unter Klageandrohung gezwungen, diesen Aufkleber mit meinem Zeichen von meinem Auto abzukratzen! Ist dir dabei einer abgegangen?“

  Plötzlich wurde Steves Miene finster und seine Stimme wieder ganz leise.

  „Diesen Aufkleber hat meine Frau im Namen meiner Tochter für mich anfertigen lassen und ihn mir zu Vatertag geschenkt. Es hat mich unendlich gefreut, vor allem der stolze Gesichtsausdruck meiner Tochter! Kannst du dir vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn du das Geschenk deiner Tochter entfernen musst und sie dir dabei auch noch zusieht?“

  Die Aufregung war ihm nun anzusehen und er glaubte auch etwas im Blick des Alten zu erkennen. Aber wohl weniger Reue oder Einsicht, einen Fehler begangen zu haben, viel mehr, dass ihm bewusst wird, dass es ihm an den Kragen geht.

  „Nein, verstehst du sicher nicht, weil du kein gewissen hast! Sie ist fünf Jahre alt und versteht diese Situation noch nicht. Ich hätte über vieles hinwegsehen können, aber das war zu viel!“

  Er trat ihn. Ihm kam nur ein Stöhnen entgegen.

  „Das war einfach zu viel!“

  Er trat ihn erneut. Jetzt röchelte und hustete der Alte. Der erste Tritt traf die Rippen, der zweite seinen Magen.

  „Aber jetzt bin ich ja da“ sagte er mit einem Grinsen, welches sein ehemaliger Chef nie wieder vergessen würde.

  „So, wie ihr alles auf mich projiziert habt, projiziere ich nun alles auf euch!“

 

 

  Alles, was sie ihm angetan haben und alles was ihn an dieser Welt und der Menschheit ankotzte, formte sich nun zu einem großen Ganzen und wird auf furchtbare Weise auf sie niederhageln.

  Er hatte viel Zeit zum Nachdenken. Zu viel.

  In der Zeit der Hilflosigkeit, ist es beinahe unmöglich negative Einflüsse von sich fernzuhalten. Alles prasselte auf ihn hernieder und fügte ihm kleine Wunden zu. Und in diese offenen Wunden regnete es regelmäßig Salz.

  Ein Mensch kann viel aushalten und viel ertragen, aber irgendwann ist es vorbei.

  Es gibt so viel Verachtungswürdiges da draußen. Dinge die einen jeden Tag ein wenig mehr ankotzten. Es sind viele Kleinigkeiten, die im Laufe der Zeit immer größer werden. Größer und größer, bis sie nicht mehr zu übersehen sind und langsam aber sicher einen Teil deines Lebens einnehmen und beginnen diesen aufzuzehren. Und langsam beginnt man sich zu verändern. Man kann sich nicht ewig erwehren, man versucht anfänglich vielleicht noch dagegen anzukämpfen, aber es sind wie viele Nadeln. Ohne Hilfe schafft man es nicht einen Schild aufzubauen, eine Barriere, um den Verstand zu schützen, denn wurde diese Barriere einmal überwunden, wird man anfällig. Anfällig all das zu dir durchzulassen und den Keim zu nähren, der irgendwann dafür sorgen wird, dein Leben zu verändern. Du wirst schutzlos sein und alles regnet auf dich ein, trifft dich, verletzt dich und dein ruhiges Gemüt wird sich zurückbilden und einer anderen Seite weichen. All das könnte man vielleicht noch verhindern, bevor es zu spät ist und man zu jemandem wird, der man niemals sein wollte, wenn man nur rechtzeitig handeln könne und die negativen Einflüsse unterbinden könnte.

  Doch wenn zusätzlich zu dem noch von außen her in deinem Leben herumgefuhrwerkt wird, ist der weitere Verlauf irgendwann abzusehen.

  Kleinigkeiten werden Dich in Rage versetzen, sobald der Fernseher angeht, wird dich die daraus hervorquellende Idiotie ankotzen und falls du irgendwo einen Radio wahrnimmst, wird dich die Eintönigkeit und die nichtssagende Ausdrucksweise der Moderne zur Weißglut treiben und du die Lust verspüren die Quellen zu beseitigen.

  Doch leider werden dir diese unerreichbar erscheinen. Aber dennoch werden sie dich weiter piesacken und quälen, bis du glaubst den Verstand zu verlieren. Du wirst nach Filtern suchen um alles etwas abzuschwächen und stets die Augen nach den Gründen, den Auslösern offen halten, in der Hoffnung die Wurzel allen Übels zu finden, herauszureißen und zu beseitigen.

  Wenn es gut läuft, wirst du sie eines Tages finden. Und diesem schönen Tag, wirst du entgegenfiebern, denn du glaubst, du kannst alles wieder zurecht rücken, gerade biegen und beseitigen, denn dadurch wird sich alles wieder normalisieren…

 

  Steve war soweit. Er hatte all das durchlebt, gelitten und ertragen, bis sich in ihm die Erkenntnis auftat, was er zu tun hatte. Und plötzlich war alles so klar. Die Lösung war so einfach und so naheliegend, dass es ihn beinahe schon wieder wurmte es nicht früher erkannt zu haben und gegebenenfalls vieles hätte verhindern können.

  Steve hatte die Wurzeln gefunden, deswegen war er hier. Hier würde alles seinen Anfang nehmen. Er hier zu seinen Füßen, röchelnd und mit Blicken flehend, war eine Wurzel. Und nicht nur er. Es gab mehrere Schuldige, etwa auch seine Kollegen. Es wäre unfair alles nur auf einen zu projizieren und ihn stellvertretend für alle leiden zu lassen. Das würde auch die Genugtuung für sein persönliches Leidwesen minimieren und ihn so in seiner neuen freien Entfaltung einschränken.

  Nein, es gab noch viel mehr.

  Doch er kümmerte sich zuerst um den „Hauptschuldigen“, den, der den Ärger am aktivsten vorangetrieben hat. Kollegen waren zwar ebenfalls Auslöser, aber den offiziellen Ärger, der der seine Existenz bedrohte, machte der Alte.

  Er musste zuerst drankommen, denn falls Steve vorher erwischt werden sollte, wenn er nach der Reihenfolge gehen würde, käme der Alte wieder ungestraft davon.

 

  „Und warum lässt du alles an mir aus?“ keuchte der Alte und versuchte sich etwas aufzuraffen. Es sollte beim Versuch bleiben, denn die Tritte hatten ihre Wirkung nicht verfehlt.

  „Warum ich und nicht die anderen? Sie haben mich doch erst darauf gebracht. Mir wäre es vielleicht egal gewesen, aber ich musste auf sie hören, sie arbeiten schon so lange für mich. Und wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen, muss ich handeln.“

  Er hasste es, wenn er redete, wenn er seine dreckige Fresse aufriss. Seine Stimme, seine Mimik, seine Gestik, alles. Er war so verabscheuungswürdig. Am liebsten, würde er ihm sofort die Zunge rausschneiden und sie an die Wand nageln. Seine Finger mit einem Hammer malträtieren, bis nur noch Brei davon übrig ist, ihm solange in dien Magen treten, bis sich sein inneres nach außen kehrt, inklusive Eingeweide.

  „Alleine schon wegen dieser Aussage. Du warst derjenige, der alles initiiert und durchgeführt hat. Und kündigen konntest auch nur du mich!“

  Der Alte wollte sich wohl erklären, aber ihm wurde das Wort abgeschnitten.

  „Keine Angst, die anderen kommen auch noch dran. Ich wollte nicht, dass du gewarnt bist. Falls ich einen von den anderen nicht erwische, kann ich eher darüber hinwegsehen, als wenn du wieder ungeschoren davonkommst…“

  „Aber ich bin doch schon alt!“ stammelte der Alte und schniefte.

´Er versucht auf die Tränendrüse zu drücken, aber nicht mit mir´, sprach Steve in sich hinein. ´Das kann er ebenfalls hervorragend. Das Unschuldslamm spielen und einem noch möglichst ein schlechtes Gewissen einreden. Das hatte er über die vielen Jahre seines Lebens perfektionieren können.´

  „Eben genau deswegen fange ich bei dir an! Dein ganzes verschissenes Leben bist du frei von Konsequenzen. Du bist nur auf der Welt um anderen auf den Sack zugehen! Du baust eine Scheiße nach der anderen und wirst nie zur Rechenschaft gezogen!“ So langsam vergas Steve seine gute Wortwahl und Erziehung. „Du musst lernen, dass man sich so nicht verhalten darf. Da du dein ganzes Leben resistent gegenüber anständigem Verhalten warst und immer deiner Linie treu geblieben bist, somit musst du es jetzt lernen. Besser spät, als nie. Dieses Mal kommst du nicht drumherum. Mit mir bist du endgültig an den Falschen geraten!“

 

  Plötzlich sah der Alte ein, dass alles Jammern und Reden nicht helfen würde. Er meinte es ernst!

 

Steve blickte zu den Fenstern und erinnerte sich an eine andere Situation, die ihm hier nun mehr als passend erschien.

  „Ich muss schon sagen, es war eine hervorragende Idee die neuen Fenster einsetzen zu lassen. Erst habe ich mich darüber aufgeregt, da wieder nur in euer Büro und nicht in uns Mitarbeiter investiert wurde, aber als ich mitbekam, dass ihr hier drinnen nichts hört, wenn wir draußen im Hof hantieren, oder zu Feierabend hin hereinfahren, laden und anderes, wusste ich, dass sich diese Investition gelohnt hat.“

  Die Geräuschisolierung würde ihm noch sehr nützlich sein, denn er ging nicht davon aus, dass weiterhin so leise sein würde.

 Er musste lachen, denn er genoss den Gesichtsausdruck, der zeigte, dass auch sein Gegenüber nun seine missliche Lage vollends registrierte.

 

„Siehst du, wozu du mich treibst, wozu du mich zwingst? Ich will meine Familie nicht verlieren, aber ich kann diese Ungerechtigkeit nicht länger walten lassen!

  Es frisst mich auf.

  Das was ihr aus mir gemacht habt, kann kein richtiges Leben mehr führen, wenn den Dingen einfach so ihren Lauf gelassen wird und niemand eingreift. Da es gerechtigkeitshalber nie geschehen ist, muss ich es nun leider selbst in die Hand nehmen…“

 

 

Er wollte ihm seine Eingeweide zu seinem Arschloch rausreißen und sie ihm zu fressen geben. Mal sehen, was der Verlauf des nun fortgeschrittenen Abends bringen würde. Ideen und aufgestaute Wut hatte er genug. Da umfasste er sein Messer etwas fester, stieß mit entschlossenem Schritt auf den Alten zu und genoss voller Zufriedenheit den Blick in sein angsterfülltes Gesicht…

 

 

  Aber zunächst wechselte Steve das Messer von seiner rechten zur linken Hand um so seine Stärkere frei zu haben.

  Er schlug ihm mit aller Härte ins Gesicht.

  So lange er darauf gewartet hatte, so sehr genoss er es auch, vor allem da der Alte tatsächlich bewusstlos in sich zusammen sackte.

 

  ´Das vereinfacht natürlich vieles´, dachte Steve bei sich, und konnte so gänzlich ungestört mit seinen Vorbereitungen beginnen.

 

  Als der Alte wieder zu sich kam, war er an seinen teuren Bürostuhl gefesselt. Sehr genau fixiert und mit Kabelbindern an jedem Gelenk extra geknebelt um jedweder Form der Bewegung auszuschließen. Ebenso waren Arme und Beine zusätzlich an den oberen Enden abgebunden.

  So spürte er einen leichten Schmerz an besagten Stellen und ein Kribbeln, sowie leichte Taubheit machten sich langsam breit.

  Die Taubheit würde nicht lange bleiben, da Steve nun mit seinem Messer arbeiten würde.

  Um die Geräuschkulisse brauchte er sich wegen den hervorragend isolierten Fenstern keine Sorgen zu machen und konnte seine Qual die der Alte in Form von schreien, stöhnen und winseln zum Ausdruck bringen würde, so richtig genießen.

  Es war ihm bis dahin undenkbar gewesen, welche tiefe Befriedigung es in ihm auslösen würde, als er das erste Mal das Messer im Fleisch des Alten versenkt hatte. Dessen Klagelaute nahm er trotzdem zunächst nur nebenbei wahr. Er konzentrierte sich nun voll und ganz darauf so viele Schnitte wie möglich zu setzen und dabei darauf zu achten, das Ganze nicht versehentlich zu früh zu beenden.

 

  Ein langer Schnitt am Oberarm, von Schulter bis zum Handgelenk, etwa ein bis zwei Zentimeter tief, war erst der Anfang. Es folgten noch viele weitere. Vom Oberschenkel zum Knie, in den Waden, am Oberkörper, im Gesicht und immer stets darauf bedacht, keine Schlagader zu treffen.

  Der Alte wurde immer wieder ohnmächtig und diese Zeit nutzte Steve um die Wunden mit einem Bunsenbrenner zu veröden um allzu hohen Blutverlust zu vermeiden.

  Er durchschnitt seine Wangen, so dass sein Gesicht, welches nun zu einer Fratze entstellt war, ein riesiges Grinsen aufwies. Dann nahm er eine Zange mit der er ihm sämtliche Finger- und Zehennägel herausriss und ihm schließlich mit Hammer und Meißel seine Zehen abtrennte.

  Nach einer kurzen Verschnaufpause und eingehender Betrachtung seines Werkes, riss Steve ein Regalbrett aus massivem Holz von der Wand und platzierte es zwischen den gefesselten Händen und den Armlehnen an denen die Handgelenke fixiert waren. Mit großen U-Förmigen Nägeln, welche man seinerzeit dazu benutzte um Kabel an den Wänden zu befestigen, tat er das selbige nun mit den Fingern an der Massivholzplatte, so dass diese nun in ihrer Bewegung komplett eingeschränkt waren. Dann nahm er den Hammer fest in seine rechte Hand und schlug zu. Immer und immer wieder, bis von den Fingern nur noch Matsch übrig waren.

  Danach fielen die gleichen kraftvollen Schläge auf seine Knie hernieder. Die Geräusche waren fast unwirklich. Es klingt nie ganz so, wie man es sich vorstellt, vor allem nicht, wie in einem Film.

  Der Alte kauerte wimmernd und völlig erschöpft auf seinem bequemen orthopädischen Stuhl, von dessen Komfort er nun nichts mehr spüren konnte. Das Einzige, was er noch spüren konnte war Schmerz. Unglaublicher unvorstellbarer Schmerz. Niemals hätte er geglaubt solche intensive Schmerzen zu erleben.

 

  Steve war zufrieden. Er machte kehrt, wischte alle Gegenstände ab, die er berührt hatte und sah sein Opfer nicht mehr an.

  Er ließ ihn blutend zurück.

  Dass der Alte nicht überleben würde, war aufgrund der Anzahl und Schwere der Verletzungen sicher. Er wollte ihn nur in seinem Todeskampf, den letzten Atemzügen alleine lassen. Einsam und verlassen, gänzlich hilflos. Das hatte er sich für ihn ausgedacht.

 

 

  Als Steve in die kühle Nachtluft hinaustrat, fühlte er sich leicht und beschwingt. Wie schön, dass das Betriebsgelände etwas außerhalb gelegen war, so konnte er den Augenblick noch etwas genießen und das Gefühl voll und ganz auskosten, ehe er von hier verschwinden musste.

  Genau hier vollzog sich wohl der Wandel komplett um den Schritt in ein verändertes Leben und eine ungewisse Zukunft zu gehen. Nicht nur das exzessive Misshandeln, sondern nun auch die Zeit das alles auf sich wirken zu lassen und zu verinnerlichen, veränderte Steve nun für immer.

  Zufrieden stellte er fest, dass das Blut in der Dunkelheit und dem spärlichen Licht der Straßenbeleuchtung auf seiner schwarzen Kleidung kaum auffiel, was den Rückweg erleichtern würde.

  Es fühlte sich gut an. Wie ein neuer Anfang. Es gab noch so viel mehr zu tun, aber zunächst hieß es einen klaren Kopf zu bewahren.

 

  Ob er die anderen erwischen würde, war nun nicht mehr abzusehen. Auch für sie hatte er sich einiges ausgedacht. Ab dem nächsten Tag werden sie gewarnt sein. Er hatte es auf jeden Fall vor und er glaubte, dass sie das auch wissen würden. Und das war schon viel wert. Ihre „unberührbare Obrigkeit“ hat es nun erwischt und mit der Angst, dass sie die nächsten sein würden, müssen sie nun fortan leben. Diese Ungewissheit wird sie auffressen. Aber irgendwann ist es soweit.

  Das war erst der Anfang.

  Die Straße ohne Umkehr war beschritten.

  Es gibt keinen Weg zurück…

 

[Gesamt:7    Durchschnitt: 4.3/5]

Eine Antwort

  1. Holger Richter sagt:

    Gute Ideen, aber mich stören hier die häufigen Tempuswechsel, das bricht den Lesefluss. Auch viele Kommafehler. Gut gefallen hat mir aber das starke Eintauchen in die Gedanken des Protagonisten, so kann man seine Motive gut nachvollziehen und die Erzählung vom stumpfen Foltern abheben.

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