LAMIA – RICHARDT ARWIN

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

Die Sterne funkelten am Himmel. Durch die offenen Fenster wehte eine angenehme Brise. Schweiss lag in der Luft, in dem riesigen Schlafzimmer war es heiß. Zwei glühende Körper lagen aufeinander, meiner auf ihrem, dem zarten Gerippe, dass ich wie mit Samthandschuhen anfasste, um es nicht zu verletzen. Ich küsste sie auf den Mund. Wie lange hatte ich mich nach diesem Kuss gesehnt? Sie war eine wunderschöne Frau meinen Alters, jedes Mal wenn ich sie ansah, fühlte ich wie der innerste Knoten in meiner Brust gelöst und in ein Becken voll wohltuendem Elixier getunkt wurde. Ich liebte.

Es war mir einerlei, dass wie lange wir so aufeinander lagen. Ich war glücklich. Langsam glitt ich nach unten, küsste ihren Hals und tastete mich zu ihren Brüsten vor. Ich liebkoste ihren Nippel, als sie plötzlich

„Passt wohl nicht so richtig“ zischte. Ich blickte ihr in die Augen, die mich, zu Schlitzen verengt, böse anstarrten. Hatte sie mich in den letzten Stunden angeschaut? Mich eines Blickes gewürdigt?
Mein Körper versteift sich, ich atme ein und richte mich auf, die Lider weit aufgerissen. Innerlich zerfalle ich. Meine Zähne verlieren an Stabilität, wackeln, wenn ich Ober- und Unterkiefer aufeinander beisse. In meinem Brustkorb entsteht eine Explosion, ein Kribbeln, das sich in meinem ganzen Körper ausbreitet. Ich löse mich auf. Das letzte was ich sehe, ist das Mädchen, das sich die Decke bis zur Brust zieht und mich mit ihren schwarzen, von Hass entstellten Augen anblickt.
Schweissgebadet wache ich auf. Mir ist kalt. Das Laken ist nass, die Decke und das Kissen liegen neben mir. Langsam rapple ich mich auf und blicke zu Boden. Mir ist übel. Alkohol klebt mir im Gaumen. Jemand meinte zu mir, klare Schnäpse kann man nicht riechen. Er hatte Unrecht. Eigentlich sind sie noch schlimmer als Bier, weil sie nach wenigen Gläsern schon die Augen färben, die Gelenke zum Erschlaffen bringen und selbst den größten Mann fällen. Vorsichtig gehe ich ins Bad und trinke Wasser vom Hahn. Während ich mich dusche, überlege ich, wie ich nach Hause gekommen bin. Weshalb ich so betrunken war, würde mich auch interessieren. Sonst bleibe ich immer auf dem Boden der Tatsachen. Ist aber auch egal. Ich musste nicht kotzen, also muss ich mir jetzt auch keine Sorgen machen. Zum Frühstück mache ich mir Spiegeleier und Schinken, beides esse ich vor dem Computer, auf dem ich satirische Politsendungen gucke. Mit einer Kanne Kaffee mache ich mich daran, den Abend zu planen. Leute werden angeschrieben, Clubs ausgesucht und das Budget überprüft. Dann falle ich in den Sessel zurück. Als ich gerade meine Augen schließe, erklingt mein schrillendes Handy.

Später sitzen Georg und ich vor dem größten Einkaufszentrum der Stadt.

Den Kopf im Nacken, schließe ich die Augen, als mein Kumpel in sein Telefon meckert.
„Alter… Hast du was oder nicht?“, fragt er genervt.
Eine leise Stimme ertönt am anderen Ende und plappert über irgendetwas, anstatt ihm die Antwort zu geben. Mit kurzen Einwürfen, dann mit ganzen Sätzen bricht er die Unterhaltung ab.

„So eine Scheisse“, murmelt er.
„Na, wie geht’s meiner Lieblingsexfreundin?“, frage ich zynisch und starre auf meine Bierflasche.
„Die kriegt gar nichts mehr auf die Reihe. Seitdem sie diesen Kifferfreund hat, ist mit der gar nichts mehr anzufangen.“
„Was macht sie jetzt eigentlich?“
„Hartzen. Also sie ist arbeitslos.“
Ich nicke und denke an Jessica zurück. Irgendwie ist es traurig, dass sie sich so gehen lässt.
„Und wie geht’s dir so?“, frage ich und blicke meinen alten Schulkameraden an.
„Alles top, was sonst?“, fragt er lächelnd, während er eine Zigarette dreht. Er ist dünner geworden, seitdem er mit der Schule fertig ist. Die alten Prollklamotten hat er abgelegt und gegen angesagte, für mich undurchsichtige Mainstreammode getauscht. Er ist auch auf Frauensuche, vor allem dafür verändert er sich. So wie ich meine Glatze in einen normalen Kurzhaarschnitt verwandelt habe, hat er seine ganze Persönlichkeit geändert. Im Krieg und in der Liebe ist eben alles erlaubt, auch die verlogenste Methode.
„Wie läuft es bei dir?“
Ich zucke mit den Achseln.
„Passt alles. Ich bin mittlerweile nur im Paarungstrieb.“
„Ah“, sagt er und lacht, „das kenn ich sogar irgendwoher. Geht mir das ganze Jahr lang so.“
„Merkt man!“, sage ich prustend und trinke mein Bier aus.
„Wieso?“
„Na weil du nur noch am Feiern bist!“
„So muss das halt. Habe erst letzte Woche eine weggebügelt.“
„Dein Ernst?“, frage ich erstaunt.
„Klar! Die war mit ein paar Kumpels von mir unterwegs und als ich dazu gekommen bin… Hat sich alles einfach ergeben, war top!“
„Respektabel! Und wird da was Festes draus?“
Er schüttelt den Kopf.
„Eher nicht. Ich habe gerade auch keinen Bock drauf. Und vor allem nicht mit ihr.“
„Ich habe Lust auf eine Beziehung“, sage ich und blicke zu den großen Fabrikgebäuden vor uns, die, seit Ewigkeiten nicht mehr benutzt, vor sich hin rotten.

„Einfach so? Willst du nicht erstmal vögeln? Ich meine, du bist jetzt Single, du kannst machen was du willst!“
„Stimmt schon. Aber kennst du das Gefühl, wenn du verliebt bist, aber du weisst nicht in wen?“

Georg zündet sich die Zigarette an und guckt mich ratlos an, wieder kopfschüttelnd.
„Naja, du fühlst dass du verliebt bist. Aber ohne eine Person, in die du verliebt sein könntest.“

„Also du denkst es quasi nur?“
„Genau. Und ich will das an jemandem auslassen. Einem richtig tollen und hübschen Mädchen!“
Georg lacht.
„Na dann. In dem Club, in den wir heute gehen, sind die Weiber aber erstmal auf ganz andere Dinge aus.“
„Das kriege ich schon hin. Ich werde auch nicht jede anmachen.“
„Nicht so wie gestern Abend?“, fragt er höhnisch.
„War ́s so schlimm mit mir?“
„Ja man!“, sagt er und holt lachend sein Handy heraus. Auf den Bildern vom Vorabend sieht man mich mit trübem Blick, immer einen Plastikbecher voller Plempe in der Hand. Je mehr Fotos er mir zeigt, desto kaputter bin ich, desto merkwürdiger sind die Mädels an meiner Seite. Ich weiß immer noch nicht, wie es soweit kommen konnte. Was ein Glück, dass ich keine überredet habe, mich nach Hause zu begleiten.

Ein riesiger Wächter blickt mich böse an, tatscht mir jedes Bein ab, will mein Portemonnaie sehen und drückt mir nur widerwillig seinen Stempel auf die Pulsader. Georg und ich betreten den finsteren Bau. In dem Club wird sowohl Hardrock als auch Techno und irgendetwas aus dem Indie-Bereich gespielt. Scheinwerfer zucken unaufhörlich über die Leute, die im Takt auf und abspringen. Ein kleiner Moshpit bildet sich, die Männer dreschen aufeinander ein. Ich nicke Georg zu und renne in das Getümmel. Er blickt mich mit tiefroten Augen an. Vor dem Club hatte er noch eine riesige Tüte geraucht, während ich ein paar Flaschen Bier vernichtete. Jetzt sind wir bereit für den Club, ich aufgekratzt, er betäubt und umgänglich. Im Tanzkreis renne ich gegen die anderen Männer. Ein Schrank von Kerl geht in die Mitte des Pits und schlägt um sich. Er muss auf Drogen sein. Ich gehe auf Abstand und schaue nach Schwächeren, die ich umwerfen kann. Männer meiner Körpergröße erwische ich im Sprung und schubse sie an den Rand des Kreises. Die Stimmung wird aggressiver. Wir hauen und treten, fügen uns wenigstens blaue Flecken zu. Die Frauen um den Kreis herum tun abwesend, aber jeder von den Männern weiss, dass sie den ein oder anderen Blick auf uns werfen. Um so mehr Spaß macht es, in diesem Pseudoschlachtgetümmel den harten Typen zu markieren. Nach ein paar Minuten, als das rote Licht für kurze Zeit gegen helles eingetauscht und die

Musik langsamer wird, fällt mir etwas auf.
Anders als sonst schaut eine Frau mich eindringlich an. Und zwar nur mich. Ich bewege mich, um sicherzugehen, in dem Pit auf und ab. Egal wo ich stehe, sie blickt verstohlen zu mir. Mit prüfendem, erfahrenem Blick. Sie ist nicht besonders jung. Aber immer noch sehr hübsch. Ich trete langsam aus dem Kreis. Zögerlich suche ich nach der Frau, die auf einmal verschwunden zu sein scheint. Perplex starre durch den Raum und gehe langsam zur Bar, an der Georg sitzt. Neben ihm ist auch ein Mädchen.
So ein Arschloch, denke ich mir vergnügt. Vorsichtig blicke ich ihn an und er winkt mich zu sich. Das Mädchen neben ihm hat rote Haare, und ein liebes Gesicht. Sie ist etwas älter als wir beide.
„Michael, ich will dir Christel vorstellen!“, lallt er leicht und grinst mich an. „Hallo“, sage ich und schüttele ihre Hand.
Sie schaut mich lieb an.
„Wollen wir einen Schnaps trinken?“, ruft Georg als er merkt, dass sie mich länger als nur einen Augenblick ansieht.
Wir trinken einen Pfefferminzlikör, bestellen noch einen und holen uns dann richtige Getränke. Während ich beim Bier bleibe, spendiert Georg Christel einen riesigen Cocktail. Das Blitzen in seinen Augen macht mir ein bisschen Sorgen. Er zittert leicht. Oft hat er sowas noch nicht gemacht. Vielleicht ist er noch zu nüchtern um eine Frau anzubaggern. In der Regel ist er immer auf irgendwelchen Drogen oder sehr viel Alkohol, wenn er anfängt zu flirten. Christel scheint ihn überrascht zu haben. Hatte ihn vermutlich angeredet, als er es nicht erwartete. Aber er schlägt sich gut bei dem Versuch, sie gnadenlos abzufüllen.
Christel reisst auf einmal die Augen auf und setzt ihren Cocktail ab.
„Celine! Ich bin hier, komm her!“, ruft sie.
Ich drehe mich erschrocken um, als eine kalte Frauenhand meine Schulter berührt und die zierliche Frau, die ich im Kreis gesehen hatte, mit einem Lächeln an mir vorbeigeht.
„Das ist meine Freundin, von der ich erzählt habe“, sagt Christel vergnügt. Georg strahlt nun auch Celine an, ich frage mich, was dieser Typ sich für heute alles vorgenommen hat.
„Möchtest du etwas trinken?“
Sie lächelt und nickt mir zu. Wir gehen gemeinsam zum Tresen. Mein Herz fängt an zu klopfen.
„Woher kommt Ihr?“
Celine grübelt kurz, bevor sie anfängt zu reden.
„Meine Freundin, Christel wohnt in Belgien, ich in der Schweiz. Aber wir sind beide in Paris geboren und zur Schule gegangen!“
Ihr französischer Akzent ist sehr stark, ihr Deutsch kaum zu verstehen. Sie ist süß. Es mag am Alkohol liegen, aber aus der Nähe betrachtet finde ich die Frau vor mir unglaublich hübsch. Stand gerade eben noch eine etwas ältere Dame vor mir, ist es jetzt eine junge, feine Frau, mit süßem Lächeln.

Merkwürdig, wie schnell sich die Wahrnehmung verändert. Ihre schwarzen Haare liegen leicht auf den Schultern und flattern hin und her, wenn sie ihren Kopf bewegt. Ihre weissen Zähne blitzen, ihre tiefschwarzen Augen bleiben auf mir haften und mustern mich. Angesichts dieser Schönheit drohe ich zu erstarren. Angst legt sich um mich und die Gedankenströme in meinem Kopf schiessen in alle möglichen Richtungen. Ruhig zu bleiben scheint unmöglich, deshalb trinke ich zügig die Flasche leer.

„Ich habe dich gerade eben schon gesehen. Eigentlich wollte ich dich ansprechen, aber ich habe dich nicht gefunden!“
Sie lacht. Christel steht neben ihr, die beiden reden kurz auf französisch und kichern. Doch es dauert nicht lange, dann steht Celine mir wieder gegenüber.

„Das ist süß. Ich war kurz auf der Toilette, also konntest du mich nicht finden.“
Ich lächle.
Wir reden noch ein wenig. Das Gespräch ist nett, wir lachen viel und mittlerweile bin ich richtig locker, was sonst viel zu selten passiert. Langsam nähere ich mich ihrem Körper, stupse sie gelegentlich leicht an und blicke ihr tief in die Augen. Georg und Christel tauchen auf einmal auf und fragen uns, ob wir den Club verlassen möchten. Georgs Augen sind dunkel, von einer tiefen Röte gezeichnet. Anders als gerade eben sieht es jetzt wirklich übel aus. Hat er auf dem Klo noch eine Tüte geraucht? Christels Gesichtszüge sind ein wenig langsamer als gerade eben, ihr Lachen ist lauter und ihr französischer Akzent noch stärker. Aber auch ich merke, dass es mir nicht mehr gelingt, geradeaus zu laufen, mein Kopf zu leicht und mein Körper zu schwer ist. Urplötzlich umschließt eine fremde Hand die meine. Ich blicke in Celines Gesicht. Wir gehen zur Bushaltestelle und warten dort. Kaum ein Licht brennt, es ist finster. In der Wartekabine ist nur die Reklame erleuchtet. Celine klammert sich an mich und streicht langsam über meine Brust. Ein wenig benommen frage ich sie, wie es ihr ginge.

„Gut“, sagt sie leise und reibt sich an mir.
Georg erzählt irgendwelche Anekdoten und bringt Christel zum Lachen. Mir sind die beiden ein wenig zu laut, ihre alkoholdurchsetzten Monologe nerven. Mein Rausch hatte vor ungefähr einer halben Stunde seinen Kulminationspunkt erreicht, glaube ich, jetzt geht es wieder bergab. Das muss es auch. Beim Sex will ich wieder nüchtern sein.
Mit einem Mal treffen sich meine und Celines Blicke. Ihre Augen sind ein wenig zugekniffen, glitzern.

Ich nähere mich ihr und küsse sie.
Explosiv durchströmt mich eine Wärme, die ich lange nicht mehr gespürt habe. Wunden werden geleckt, ein tiefer Schnitt in meiner Brust scheint zu verheilen. Der Kuss dauert lange, Georg und Christel verstummen für ein paar Sekunden und schauen uns grinsend zu, um dann weiterzualbern.

Ich nehme sie locker in den Arm.
„Schön, dass wir uns heute Abend kennen gelernt haben!“, fliesst es leise aus mir heraus.
„Na was denn sonst?“, fragt sie scharf.
Jeder Akzent ist verschwunden, ihre Stimme hat einen harten, urgermanischen Klang angenommen. Mit wutverzerrten, grünen Augen funkelt sie mich an. Ein schwacher Geruch von Schwefel liegt in der Luft. Ich kann gar nicht anders, als die Lider zu schliessen, und als ich sie wieder öffne, schaut sie lächelnd zu Georg und Christel hinüber.
„Die beiden sind völlig betrunken“, sagt sie lächelnd und zieht mich wieder ans sich. Während ihre Zunge in meinen Mund fährt, sind meine Augen ein Stück weit geöffnet, weil ich gar nicht glauben kann, mit welcher Kreatur ich gerade eben geredet habe.
Ein Linienbus kommt und die Mädels weisen uns freundlich an, einzusteigen. Meine Stimmung erhellt sich nach einigen Minuten, wir lachen viel, sind eng aneinander gedrängt.
Der Bus fährt in einen alten Ostbezirk der Stadt. Die Straßen werden noch dunkler, der Asphalt ist mit Löchern übersät. Immer weniger Gebäude stehen aneinander, die leeren Flächen werden von kargen Grasflächen und dürren Sträuchern gefüllt. Wir stoppen an einer verwaisten Haltestelle, plötzlich stehen die Mädchen auf und ziehen uns mit sich. Ein wenig ratlos blicke ich zu dem Busfahrer. Doch dessen eingefallenes Gesicht schaut nur nach vorne, im Schatten ist er nicht zu erkennen. Die beiden Frauen lachen und gehen voran, mitten in die Dunkelheit.
„Ist alles in Ordnung?“, frage ich Georg.
„Was? Ja, natürlich“, sagt er, woraufhin er lange und leise zu lachen anfängt.
Ich nehme mir einen Kaugummi und gehe zu den beiden.
„Wohnt Ihr nicht in einem Hostel?“
„Richtig. Das ist da vorne!“, ruft Celine vergnügt.
Wir stehen vor einem riesigen, alten Plattenbau. Die unsanierten, graubraunen Blöcke scheinen langsam auseinanderzufallen. Sie rüttelt heftig an der Tür, bis diese mit einem Knall aufspringt. Ich will mich zurückfallen lassen, aber sie ergreift meine Hand und blickt mich freudig an. Glitzernd grüne Augen sind auf mich gerichtet, verschwinden, richten sich wieder auf mich. Zu meiner Überraschung sitzt in dem verdreckten Foyer ein Pförtner, dessen milchige Augen in die Leere blicken. Celine grüßt in zwitschernd und erhält von ihm einen Schlüssel. Der hagere Kerl mit seinem weissen Hemd, den ausfallenden Haaren und den knochigen Armen sieht traurig aus. Abwesend. Ein kurzer Blick geht auf die Mädchen, dann widmet er sich wieder seinem Buch. Er scheint jedoch nicht zu lesen. Leichte Schauer durchzucken seinen Körper. Neid, so stark, hässlich, dass man ihn riechen kann, steigt in ihm auf. Langsam beginne ich, mein Glück zu erkennen. Die Angst weicht mir allmählich aus dem Gesicht, ich lasse

mich von dem Mädchen führen.
Kein Licht brennt, der Vollmond spendet als einziger sein kaltes Licht und lässt es auf die zugemüllten Treppenstufen scheinen. Celine lächelt mir kurz zu,
„Es war das billigste“, sagt sie, und damit ist die Frage nach diesem Spukhaus beantwortet.
Georg kommt zu mir, wir sind im zweiten oder dritten Obergeschoss.
„Alter, das wird so was von geil“, flüstert er mir im Gehen zu.
Ich nicke.
„So… Das ist unser Zimmer“, sagt Celine schmunzelnd und öffnet eine graue Tür, während sich die beiden hinter mir schon gegenseitig ausziehen. Ich starre meinem Mädchen auf den Hintern. Sie merkt es, blickt mich aus dem Augenwinkel an und packt mich plötzlich, zieht mich in den kleinen Raum, in dem zwei sauber bezogene Betten nebeneinander stehen. Ich schubse sie leicht an, sie fällt lachen auf die Matratze und ich stürze hinterher. Georg und Christel gehen ein bisschen zärtlicher aufeinander. Ich habe noch nie neben einem anderen Paar Sex gehabt, und eigentlich wollte ich das auch nicht, schon gar nicht vor meinem Kumpel. Aber Georg ist so bekifft und betrunken, dass er mich vermutlich nicht mehr wahrnimmt. Ich knöpfe Celine die Bluse auf und beisse vorsichtig ihr Ohrläppchen, bevor ich ihren Rücken anhebe und den Busenhalter öffne. Schnell streife ich den schwarzen Stoff ab und gehe ihr an die Brüste, während meine Hand langsam unter ihren Slip fährt. Sie stöhnt, ihre Augen schliessen sich. Ihre Hand umfasst meinen Rücken, sie zieht an meinem T-Shirt, das ich mir vom Körper reisse. Nach kurzer Zeit sind wir beide nackt.
Das dumpfe Gestöhne neben mir verdirbt mir die Laune nicht. Ich greife mit einer Hand nach meiner Hose und ziehe ein Kondom aus der Tasche. Blind, während ich Celine küsse, ziehe ich es über.

Plötzlich erstirbt Georgs Stimme und weicht einem lauten Schmatzen. Ich stoppe und sehe rüber zu ihm. Christel hat seinen Penis samt Hoden in der einen, ein Skalpell in der anderen Hand. Zähne fletschend grinst sie mich an. Es schaudert mir. Georgs Augen sind mit Tränen gefüllt, für einen Schrei verspürt er zu viel Schmerz. Langsam kippt er nach hinten. Christel steht auf, ihr hübscher Körper glänzt im rostroten Schein. Ein Lächeln umspielt ihre Lippen.
„Wollt Ihr nicht weitermachen?“, fragt sie.
Der Akzent ist verschwunden. Ich sitze nackt auf der Matratze, Schweiss läuft an meinem Körper herab.
Celine blickt mich mit großen Augen an. Sie sieht traurig aus. Die Trauer scheint sich in Wut umzuwandeln. Sie packt mich am Hals und reisst mich auf sich, zwingt mich zum Eindringen. Meine Erektion ist noch nicht verebbt. Ihr Stöhnen wird lauter, mein Ächzen vermischt sich mit einem Piepsen, mir wird übel. Sie fängt an zu schreien, Während Christel mit weit aufgerissenen Augen um uns herum geht, leise atmend, die Hände

verkrampfend. Penis und Skalpell hat sie fallen gelassen. Eine Schamanin, die uns mit ihren Händen verhexen, den Sex auf eine neue Ebene bringen will. Es funktioniert. Georg war zwar immer ein guter Freund, aber bei dieser Frau unter mir lasse ich mich von ihm nicht ablenken, obwohl auch sein schmerzverzerrtes Stöhnen lauter und lauter wird. Celine wird aggressiv, und auf einmal scheine der Sex nicht mehr genug zu sein. Sie beisst nach mir, ich schrecke zurück und höre ein entrüstetes Murren. Das Weisse in ihren Augen färbt sich rot, ihre Haut wird glatter. Ihre Fingernägel wachsen zu Krallen heran, die sich tief in meinen Rücken bohren. Ich spüre das warme Blut fliessen und schreie.

„Sei nicht so ein Weichei“, zischt sie.
Langsam und an mir riechend grapscht sie nach meinem Körper, im gleichmäßigen Takt auf und ab wippend. Christel kichert. Die grauen Wände gewinnen an Farbe, dunkelrotes Licht dringt aus allen Ecken. Irgendwo wird Klavier gespielt, Wagner mit doppelter Geschwindigkeit, so klingt es jedenfalls. Ihr Stöhnen wird lauter, und meins mischt sich dazu.
Wie ein Erdbeben durchzuckt mich die Wonne aus Glück, die über unsere Körper hereinbricht. Ihr Stöhnen ist zum Kreischen geworden. Christel jauchzt. Die Tür bricht auf, mit voller Wucht. Das dunkelrote Licht kommt über uns, Rauch und laute Musik strömen in das Zimmer. Durch den Rahmen rasen nackte Frauen auf allen Vieren, abgemagert, mehr Tier als Mensch. Wie Wölfe brüllen sie und starren mich an. Ihre Augen sind durch und durch schwarz. Der Raum weitet sich, in den Wänden brechen Löcher auf. Ich springe auf, als eine der Frauen nach mir beisst. Celine fängt laut an zu lachen. Die Hündinnen greifen nach mir, eine hat ein Messer gezogen. „Tötet ihn“, hallt es zwischen dem Gelächter. Ich renne, verfolgt von einem Dutzend Teufelsfrauen. Ihr Geschrei wird lauter, eine packt mich von hinten und beisst mir die Schulter auf. Heisser Schmerz durchflutet mich, Ich lasse mich auf den Rücken fallen. Sie liegt auf mir, spuckt Blut ins Gesicht. Ein Schlag mit der flachen Hand genügt, um sie von mir zu stoßen, dann renne ich weiter. In dem Loch wird die Musik lauter, das Licht intensiver. Ich renne einen Gang entlang, der immer enger wird, die Schreie der Weiber im Nacken. Christel hat sich zu ihnen gesellt. Man hört den Klavierspieler pausieren und laut auflachen. Mittlerweile ist der enge, glitschige Flur weiter geschrumpft und ich bleibe, seitlich nach vorne hastend, stecken. Die Weiber schlagen sich darum, zu mir zu gelangen, eine schafft es mittlerweile und greift sich meine Hand. In einem weiteren Schwall von Schmerz spüre ich, wie mein Zeigefinger abgerissen, verschlungen wird. Die Täterin grinst mich gierig kauend an und tatscht weiter nach mir. Meine Augen schliessen sich und ich schreie. Langsam sackt mein Körper nach unten und ich werde weggezogen, wieder in den kleinen Raum geschleift. Celine steht auf dem Bett, die Arme von sich gestreckt und grinsend.
Ihr Mund öffnet sich, der Kiefer überspannt und es knackt leise. Aus ihrem Rachen kommt langsam eine Schlange gefahren, die mich aufmerksam

anschaut und das Maul öffnet.
„Lass es geschehen“, sagt Christel hinter mir.
Ich stehe der Ohnmacht nahe, doch die Angst rüttelt mich wach. Mit meiner verstümmelten Hand schlage ich Christel so heftig ins Gesicht, dass sie nach hinten fällt. Ein hässliches Klatschen folgt, sie fällt dem Kopf auf einen rostigen Ausleger des Stockbettes und wird völlig durchbohrt. Ohne weiter darauf zu achten reisse ich einer der hysterischen Frauen ihr Messer aus der Hand und ramme es Celine in den Bauch. Sie erbricht sich und die Schlange fällt auf den Boden, um durch eines der sich langsam schließenden Löcher in der Wand zu verschwinden. Die verschreckten Frauen um mich herum tun es ihr gleich.
Celine keucht. Ihre Augen haben wieder die normale Farbe, ihre Stimme wieder den normalen Klang bekommen. Hilflos schaut sie mich an. Eine Blutlinie läuft aus ihrem Mund.
„Ich… liebe dich!“, sagt sie leise.

Eine Träne fliesst an ihrem Auge herab.
„Ich liebe dich so sehr…“
Langsam nähere ich mich ihr.
„Ich liebe dich auch“, und damit drehe ich den Griff des Messers ruckartig um.

Mit einem Seufzer fällt sie auf das Bett. Das weisse Laken färbt sich mit Blut. Ich lasse das Messer fallen.
Langsam drehe ich mich zu Georg und gehe zu seiner Leiche, vorsichtig, um nicht auf seinem Genital oder Christels Blut auszurutschen. In seiner Jackentasche ist noch eine halbvolle Schachtel Zigaretten. Ich stecke mir eine an und setze mich zu Celine.

Mit einem Donner wird die Tür aufgeschlagen.
„Polizei!“, ruft einer der beiden Männer.
Voller Schrecken starren die Polizisten auf mich und das Blutbad.
„Was ist passiert?“
„Ich hab ́s geschafft“, sage ich leise und blicke, Rauchwolken ausatmend, auf Celines toten Körper.

 

[Gesamt:7    Durchschnitt: 4.4/5]

2 Antworten

  1. Holger Richter sagt:

    Böse Geschichte. Der Schreibstil überzeugt, die Dialoge scheinen mir zu passen. Das Thema Lamia liest man auch nicht so oft, ist mal was neues. Hat mir gefallen.

  2. Vielen Dank, das freut mich zu hören!

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