LUCILIA – A. TUPOLEWA

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

Wie lange er in dieser Dunkelheit zugebracht hatte, vermochte er nicht mehr zu sagen. Minuten, oder gar Stunden? Als Igor die Augen öffnete, lag noch immer die Finsternis im Raum und verbarg alles und jeden wie unter einem Leichentuch. In seinem Mund hatte sich eine beträchtliche Menge Schleim und wohl auch etwas Blut angesammelt, denn es schmeckte widerlich nach Metall. Als er es ausspucken wollte, bemerkte er das Klebeband, mit dem er geknebelt worden war. Erschrocken versuchte er seine Arme zu bewegen, nur um festzustellen, dass man sie an den Wänden festgekettet hatte. Der Raum roch muffig und feucht, wie ein Keller oder eine alte Hütte im Wald. Irgendwo raschelte etwas, gefolgt von einem Trippeln winzig kleiner Füße. Igor fühlte es kühl von unten aufsteigen und realisierte, dass er nackt auf der blanken Erde lag.
Es konnte nur ein Traum sein, redete er sich ein. Sicher würde er gleich aufwachen, sich in seinem Bett aalen und an etwas Schönes denken, um die düsteren Bilder zu vergessen. Die Zeit verstrich, ohne dass Igor etwas anderes wahrnahm, als Schwärze. Wie war er überhaupt hierhergekommen? Das Letzte, an was er sich erinnerte, war diese Konferenz gewesen, wo er die Zukunft der russischen Luftfahrt erörterte. Die alten Maschinen insbesondere vom Typ Tupolew Tu-154 sollten ausgemerzt und durch neue Muster ersetzt werden.

Schmeckte nicht sein Drink ziemlich komisch? Hatte man ihm etwas hineingemischt, um ihn bewusstlos zu machen und hierher zu schleppen?
Nur warum? Und vor allem, wer?
Ein Geräusch ließ Igor hochschrecken. Waren das etwa Schritte? Kam jetzt jemand, um ihm etwas anzutun? Folter, Qualen oder noch Schlimmeres? Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn, liefen ihm über das Gesicht und tropften zu Boden.
Abermals vergingen endlose Minuten, in denen rein gar nichts passierte. Diese zäh dahintropfende Zeit wurde für Igor zur Tortur, denn es war kalt, und er musste dringend pinkeln. Seine Beine waren nicht gefesselt, so versuchte er, durch Strampeln Aufmerksamkeit zu erregen. Wenn er sich wirklich, wie er vermutete, in einer alten Hütte im Wald befand, dann sollte es irgendjemand bemerken. Vielleicht war ein Wanderer oder Jäger in der Nähe und konnte ihn aus dieser misslichen Lage befreien.
Nichts. Diese Ungewissheit machte ihn langsam irre und er begann, seinen Kopf hin und her zu werfen.

Wieder waren Schritte zu vernehmen. Igor versuchte, sich durch lautes Stöhnen, soweit es mit dem Knebel möglich war, bemerkbar zu machen.
Mit einem Mal ging das Licht an und brannte gleißend in seinen Augen. Igor musste sie zusammenkneifen, so sehr schmerzte es.
»Igor Levitkin nehme ich an?«, erscholl eine dunkle Frauenstimme. »Ich hoffe, du hast gut geschlafen?« Die Stimme klang so dumpf, als käme sie direkt aus dem Grab heraus. Igor wandte den Kopf und versuchte einen Blick auf die Gestalt zu werfen, doch es gelang ihm nicht. Ein stechender Schmerz durchpflügte sein Gesicht, als die Fremde das Klebeband mit einem heftigen Ruck abriss. »Ich habe dich etwas gefragt.«

Igor musste zuerst den Schleim loswerden, der sich in seinem Hals angesammelt hatte, zog die Aule hoch und spie sie an die Wand.
»Wer bist du und was willst du?«, brachte er stammelnd heraus. Die Frau antwortete nicht, stattdessen schien sie ihn anzustarren, jedenfalls fühlte es sich so an.
»Kackbraune Haare, wässrige Augen, Hängebacken und schmale Lippen. Ich denke, ich hab den Richtigen«, sagte die Fremde. »Igor Levitkin, den Minister.«
Igor wollte etwas erwidern, als er die Öffnung einer Flasche an seinem Mund spürte.

»Trink!«, befahl die Frau. »Das ist das letzte Mal, wo du solch schönes, kühles Wasser bekommst. Bald wird etwas ganz anderes deinen Rachen entlanglaufen.«   
»Was hast du mit mir vor?«`, schrie Igor und rüttelte an seinen Armketten. »Ich habe nichts getan, also lass mich gehen.«
Die Gestalt lachte. »Nichts getan? Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts.« Sie schüttete dem Minister den Rest des Wassers über den Kopf und steckte die Flasche weg. Igor schnaubte und schüttelte sich, als die Frau mit einem Tuch über sein Gesicht wischte.

»Jetzt ist es sauber und bereit für den großen Moment.« Ein Ploppen war zu hören, wie wenn ein Röhrchen geöffnet wurde. Dann spürte Igor, wie etwas auf seine Stirn getupft wurde. »Lass mich in Ruhe!«, brüllte er und schleuderte seinen Kopf hin und her.
»Zappel nur, wie du willst«, höhnte die Fremde. »Es klebt fest. Jetzt dauert es nicht mehr lange.«
»Was hast du mir ins Gesicht geschmiert?«

»Das wirst du früh genug merken. Ich gehe jetzt, komme aber bald wieder.« Mit diesen Worten ging das Licht aus und die Schritte entfernten sich. Eine Tür fiel ins Schloss und wurde sorgfältig abgeschlossen. Igor lag nun wieder in völliger Dunkelheit. Er fühlte das klebrige Etwas auf seiner Stirn und fragte sich, was das wohl sein mochte. Weh tat es nicht, es war generell nicht unangenehm. Er runzelte die Haut, um das Ding loszuwerden, doch es gelang ihm nicht. Auch war sein Harndrang nun übermäcbtig. Fluchend ließ er es einfach laufen. Seine Entführerin schien vorgesorgt zu haben, denn der Urin floss direkt von ihm weg, ohne seine Beine zu beschmutzen.
Mehrere Gedanken krochen durch seinen Schädel, einer unerfreulicher, als er andere. Warum war er hier und was hatte man mit ihm vor? Und was war das auf seinem Gesicht?

Noch einmal versuchte Igor es mit lautem Schreien. »Hilfe! Hört mich jemand?«. Minutenlange Stille, ehe jemand bösartig kicherte. »Plärre du nur, hier wird dich keiner hören.«
Ein erster Sonnenstrahl fingerte in die Hütte hinein. Erst jetzt erkannte Igor, dass das Dach so löchrig wie ein Schweizer Käse war. Er vernahm raschelnde Blätter, dann begannen verschiedene Vögel zu zwitschern. Es mutete wie eine Idylle an, wenn er nicht nackt und gefesselt auf der feuchten Erde läge. Eine Ameise krabbelte über sein linkes Bein. Er schüttelte es, um sie loszuwerden, als die Angst nach ihm zu greifen begann. Sollte er hier etwa ganz langsam von Krabbeltieren verspeist werden? Er musste hier raus, koste es, was es wolle. Erneut spürte er ein Insekt über seinen Körper laufen und begann, laut zu brüllen und an den Ketten zu zerren, doch diese hielten bombenfest. Nun versuchte Igor, sein rechtes Bein zu heben und unter seinen Arm zu schieben, um so die Kraft zu verstärken, musste allerdings bald aufgeben. Er war Mitte sechzig, viel zu alt für solche Verrenkungen und ihm blieb nichts anderes übrig, als sein Schicksal zu ertragen.

Igor atmete tief durch. Eigentlich konnte ihm nichts passieren, solange er jedes Kerbtier abschütteln konnte. Und Ameisen knabberten eher selten Menschen an, zumindest die Arten in Russland. In tropischen Gefilden sah die Sache anders aus, hier gab es die sogenannten Treiberameisen, die in großen Scharen durch das Unterholz zogen und jedes Tier, welches sie überwältigen konnten, fraßen. Aber hier drohte ihm von ihnen keine Gefahr.

Es wurde langsam wärmer und Igor überlegte immer noch fieberhaft, wie er hier herauskam, als sich das Etwas auf seiner Stirn zu bewegen begann. Sofort waren seine Gedanken unterbrochen und er hatte nur noch eines im Sinn, dieses jetzt schleimige Ding so schnell wie möglich loszuwerden. Er warf seinen Kopf hin und her und verrenkte sich dann, um seine Arme zu erreichen und sein Gesicht daran abzuwischen. Nichts half und er spürte, wie sich der Fremdkörper auf den Weg machte, direkt zu seiner Nase.

»Geh weg, lass mich in Ruhe!«, schrie er panisch und stieß die Luft ruckweise aus den Nasenlöchern, als das schleimige Etwas diese erreichte und hineinzukriechen begann. Igor nieste, doch die Wesen krochen einfach weiter und ließen sich einfach nicht abschütteln.  
Das Türschloss knackte und die fremde Frau, erkennbar an ihren Schritten, trat ein.

»Na Mister Levitkin, wie fühlen Sie sich?«, erklang die hohntriefende Stimme.
»Was hast du mir da gegeben? Es kriecht in meine Nase!«, brüllte der Mann und schleuderte erneut seinen Kopf in alle Richtungen.
Die Frau kicherte. »Die wirst du nie wieder loswerden.« Mit diesen Worten drehte sie sich um und ging nach draußen. Wenige Minuten später kam sie zurück und schleifte etwas über den Boden. »Damit du im Bilde bist, habe ich etwas mitgebracht.«

Sie hantierte an einem Metallgestell herum und stellte dieses über Igors Kopf auf. »Jetzt schau nach oben.«
Igor tat es und blickte direkt in einen Spiegel. Ihm wurde übel, als er die weißen Punkte auf seiner Stirn erkannte. Fliegeneier. Einige waren bereits geschlüpft und die Maden befanden sich auf den Weg in seine Körperöffnungen.
»Nein!«, kreischte er. »Mach das weg!«
»Immer noch im Befehlston, was?«, knurrte die Fremde. »Das wird dir nichts helfen.«
Igor war es gewohnt, dass andere sprangen, wie er pfiff und kannte es gar nicht, um etwas zu bitten. So fiel es ihm auch jetzt schwer, wo diese verrückte Hexe offenbar vorhatte, ihn mit Fliegenlarven zu füttern.
Das war es! Igor durchzuckte ein Gedankenblitz. Wenn es ihm gelang, die Maden herunterzuschlucken, würden diese durch die Magensäure abgetötet und damit unschädlich gemacht. Ihn ekelte es alleine bei der Vorstellung, aber das war immer noch besser, als um Hilfe zu flehen. Diese Genugtuung werde er diesem Weib nicht gönnen.
Plötzlich spürte er einen Piks in seiner linken Ellenbogenbeuge. Erschrocken wandte er seinen Kopf, sah aber nur einen Schemen neben sich, der irgendetwas in seine Armbeuge stach.
»Jetzt hängst du am Tropf«, erklärte die Frau. »Du wirst bald nichts mehr zu dir nehmen können und wir wollen schließlich nicht, dass du verdurstest.«
»Warum tust du das?«, fragte Igor und versuchte seiner Stimme dabei einen harten Klang zu geben, denn im Inneren spürte er sehr wohl Angst. Er hatte die Frau noch immer nicht komplett erkennen können, egal wo er hinschaute. Nur ihre widerliche, schadenfrohe Stimme schien überall zu sein. Und dann dieses Gewürm in der Nase, das immer mehr zu werden schien. Bald waren seine Nasengänge so verstopft, dass er durch den Mund atmen musste.

Die Frau beobachtete ihn mit wachsender Genugtuung, ehe sie sich herabließ, dem Kerl zu antworten. »Du wirst jetzt solange leiden, wie meinesgleichen durch deine Anordnung leiden musste.« Sie verließ die Hütte, ohne auf Igors Antwort zu warte und schloss die Tür ab. Kurze Zeit später vernahm Igor in einiger Entfernung das Starten von Flugzeugtriebwerken, drei an der Zahl. Offenbar befand sich eine Piste in der Nähe, es bedeutete auch, dass er sich wirklich in der Wildnis, meilenweit von der nächsten Ansiedlung entfernt, befand. Wieso kam jemand extra mit dem Flugzeug, einem großen den Geräuschen nach, hierher? Langsam dämmerte es ihm. Sehr oft geschahen unerklärliche Dinge, wenn eine Maschine vom Typ Tu-154 verschrottet wurde.

»Nein, das ist unmöglich!«, sprach er seinen letzten Gedanken laut aus. Flugzeuge besaßen keine Seele und dieses Muster schon gar nicht. Er war sicher nur eines der Opfer einer irren Serienkillerin.
Die Maden hatten inzwischen seine gesamte Nase ausgefüllt. Bisher war es nur drückend, aber auszuhalten, was sich jetzt sehr schnell änderte. Igor fühlte das erste leichte Pieksen in seinen Gesichtsweichteilen, welches immer intensiver wurde. Die Larven begannen zu fressen. Schlagartig wurde ihm seine Lage bewusst. Er war zu ordinärem Fliegenmadenfutter degradiert worden.
Der Schrei, der aus Igors Kehle drang, klang nicht mehr menschlich.

 

Als er die Augen öffnete, lag er auf blankem Beton und starrte in den blauen, wolkenlosen Himmel. Ein leichtes Lüftchen ging, ehe er Triebwerksgeräusche vernahm, die immer lauter wurden. Er bewegte die Arme und stellte fest, nicht mehr gefesselt zu sein. Sofort stand er auf, was mühelos gelang, ehe er die Quelle des Lärms erblickte: Eine Tupolew Tu-154 rollte mit auf höchster Kraft laufenden Turbinen direkt auf ihn zu. Igor drehte sich um und wollte weglaufen, kam aber nicht von der Stelle. Plötzlich wurde es dunkel und er verspürte starke Schmerzen im Gesicht. Er riss die Augen auf und fand sich in der Hütte wieder. Er hatte also nur geträumt. Warum gerade von einem Flugzeug, fragte er sich. Verfolgten ihn diese Maschinen jetzt schon bis in seine tiefsten Träume?

Jetzt bemerkte Igor den widerlichen Geschmack im Mund und ein Spannen der Gesichtshaut. Er schaute in den Spiegel über ihn und erschrak bis ins Mark. Die Nasenspitze fehlte, an der Stelle klaffte ein rotes, schleimiges Loch, in dem es vor Maden nur so wimmelte. Seine Wangen waren angeschwollen und mit bläulichen Flecken gesprenkelt. Und was war das in seinem Rachen? Er spuckte den Rotz an die Wand und sah, dass dieser blutig war und etliche Larven beinhaltete.

Schweißperlen standen auf seiner Stirn, als er sich bewußt wurde, dass er hier auf grausamste Weise sterben sollte. Es sei denn, ihm gelang es, die Maden loszuwerden.
Igor schüttelte mehrmals den Kopf und schneuzte. Tatsächlich kamen einige Würmer zum Vorschein, die er mit der Zunge auflecken und runterschlucken wollte. Gleichzeitig rüttelte er  mit den Armen, in der Hoffnung, die Ketten von der Wand zu reißen. Wenn er wenigstens einen Arm freibekäme, dann könnte er sich die Maden herauspulen und diesem Weib, welches ihn hierher verschleppte, eine lange Nase drehen. Sicher werde er danach einige kosmetische Operationen benötigen, aber Geld besaß er genug. Vielleicht gelang es ihm sogar, dieses Weib zu stellen und von ihrer eigenen Medizin kosten zu lassen. Er würde dabei zusehen und direkt daneben eine Tu-154 verschrotten lassen. Wahrscheinlich war diese Hexe ein Fan dieser Maschinen und nahm es ihm sehr übel, dass er sie alle aus dem Verkehr ziehen wollte.
Igor bemerkte, dass diese Hassgedanken ihm von seinen Schmerzen ablenkten, die immer stärker wurden.

»Nein, du wirst mich nicht kriegen! Nicht auf diese Art!«, schrie er und spie weitere Maden aus. Der Rest allerdings fraß sich immer tiefer in sein Gesichtsgewebe hinein und mit einem Male begann sein rechtes Auge trüb zu werden. Erneut starrte Igor den Spiegel an und sah, wie das Sehorgan stark gerötet und blutunterlaufen war. Unter den Lidern wuselten fette Larven und ließen es sich gutgehen. Igor kreischte wie am Spieß und schleuderte den Kopf hin und her.
Erst als heftige Kopfschmerzen einsetzten, hörte er auf. Schließlich dämmerte er ein weiteres Mal in gnädige Schwärze weg, die allerdings nur kurz anhielt. Wieder stand er nackt und mutterseelenallein auf der Rollbahn des Flughafens Scheremetjewo, wo er den Vorstandsposten innehatte. Turbinenlärm ertönte und jetzt rollten zwei Maschinen, wieder vom selben Typ wie bei seinem ersten Albtraum, auf ihn zu.
»Geht weg!«, brüllte Igor. »Verschwindet!«

Ein Klopfen und Pochen breitete sich in seinem Gesicht aus und holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Langsam zog die Dämmerung auf. Hunger verspürte er keinen, nur einen immer stärker werdenden Durst. Wie als wäre es ein Stichwort gewesen, lief ihm ein dünner Blutfaden, gefolgt von etwas Schleimigen, den Rachen hinab und er schluckte unwillkürlich. Sofort musste er würgen und erbrach gelbrote Flüssigkeit und einen Schwall Maden, die sich über seine Brust ergossen. Immer noch hatte er diesen fauligen Geschmack im Mund.

Igor schrie und mobilisierte alle seine Kräfte, um an den Ketten zu zerren. Plötzlich knackte es, gefolgt von einem metallischen Knarzen. Lösten sich jetzt endlich die Befestigungen an der Wand? Diese waren mit mehreren Schrauben gesichert, von denen eine gebrochen schien und weit hervorstand. Das entlockte Igor einen Jubelruf, von dem er allerdings nicht viel hatte, denn nun wurde ihm schwindelig und er verlor das Bewusstsein. Als er zu sich kam, war es bereits Nacht. Sie brachte eine angenehme Kühle, konnte aber sein steigendes Fieber kaum senken. Er musste hier raus, bevor die Maden sein Gehirn erreichten oder er an einer Infektion zugrunde ging. Es wunderte ihn, dass er keinen Albtraum hatte. Vielleicht sahen es die wütenden Flugzeuge ein, dass er stärker war und sie ihn nicht brechen konnten.  
Erneut zog er an der Kette und die zweite Schraube sprang heraus. Blieb noch eine, dann war der rechte Arm endlich frei. Er brauchte jedoch erstmal eine Verschnaufpause, da es ihm wieder drehte. Zudem begann sein Nacken steif zu werden.

Die Zeit drängte. Igor sammelte alle verfügbaren Reserven, stieß einen lauten Ruf aus und riss an der Kette. Die Schraube bewegte sich keinen Milimeter.
»Reiss endlich ab, du verdammtes Ding!«, knurrte er und versuchte es nochmal. Es knackte, dann sah er blitzende Sterne vor seinen Augen und sackte weg.
Ein lautes Summen weckte Igor. Die Sonne stand bereits hoch und erhellte das Innere der Hütte. Fliegen umschwirrten seinen Kopf, dazu hing ein ekliger, fauliger Geruch in der Luft. Sein Gesicht glühte regelrecht und er entschloss, in den Spiegel zu gucken.

»Deine Visage sieht echt lecker aus«, tönte eine weibliche Stimme. »Wie eine Pizza, die man aus dem neunten Stock geworfen hat.«
Igor schaute sich erschrocken um und lag abermals rücklings auf dem Flugfeld. Direkt vor ihm stand eine Tu-154 mit laufenden Triebwerken und rührte sich nicht.
»Was willst du?«, fauchte Igor, ehe er sich aufrichtete.

»Hast du immer noch nicht begriffen, warum du hier bist?«, fragte die Maschine mit monotoner Stimme. Kurz darauf erschien vor Igor ein hoher Standspiegel, der seinen gesamten Körper abbildete. Was er sah, ließ ihm einen kalten Schauer über den Rücken fahren: Splitternackt, sein kompletter Leib war von roten und blauen Flecken übersät. Sein Gesicht eine einzige Katastrophe. Dick angeschwollen, die Nase fehlte ganz, das rechte Auge ebenso. Stattdessen klafften dort blutig-eitrige Löcher, in denen es vor Maden wimmelte.

Igor brüllte vor Hass und Wut auf, ehe er in die Knie sank. »Bitte habt Erbarmen mit mir. Ich habe Familie.«
»Die hatte ich auch«, erwiderte die Tupolew kalt, ehe sie aus Igors verschwimmenden Blickfeld verschwand und große, metallisch glänzende Fliegen an ihre Stelle traten. Igor kniff die Augen zusammen und als er sie öffnete, befand sich der Spiegel über ihm. Sein Geist war wieder in der Waldhütte, doch er brauchte einige Zeit, um es zu realisieren. Langsam klarte sich sein Blick auf und er holte tief Luft.

»Halluzinationen«, murmelte er. »Ich darf mich von denen nicht irre machen lassen.« Als mehrere winzige Beine über sein Gesicht krabbelten, blickte er schlagartig in den Spiegel.

Sein Antlitz sah noch weitaus schlimmer aus, als in dem Traum zuvor. Sein Gesicht verfaulte regelrecht und dicke Insekten krabbelten darauf herum. Schmeißfliegen, die nun ihrerseits ihre Eier in den offenen Wunden ablegen wollten.
»Die Leichenfauna kommt schon«, meldete sich die weibliche Stimme.
»Ich will hier raus!«, kreischte Igor und zerrte an den Ketten. Es knackte und sein rechter Arm fiel mitsamt der Fessel ungehalten auf die Erde. Sofort hob er die Hand und betrachtete sie. Das Handgelenk blutete unter der schartigen Schelle, aber er war endlich auf einer Seite frei. Schnell richtete er sich auf, sackte allerdings erneut nieder, da ihm schwindelig wurde. Sein Nacken war komplett steif und schmerzte höllisch. Er riss als erstes die Tropfnadel aus seiner linken Ellenbeuge und führte den Schlauch zum Mund. Gierig trank er die Flüssigkeit und spülte sich damit den Verwesungsgeschmack weg, der sich in seinem Rachen ausgebreitet hatte. Das Schlucken bereitete ihm Schwierigkeiten, offenbar befanden sich auch Wunden und Infektionen in der Kehle und Speiseröhre. Igor hörte erst auf, als die Flasche komplett leer war, danach überlegte er, ob er den linken Arm befreien oder lieber erstmal die Maden aus seinen Wunden entfernte. Er entschied sich für Letzteres und begann mit den Fingern in dem riesigen Krater herumzutasten, wo sich einst seine Nase befand. Es ging tiefer hinein, als er erwartete und erst als seine Hand zur Hälfte in der Wunde steckte, traf er auf Widerstand. Die Larven hatten sich bereits bis zum Schädelknochen durchgefressen. Schnell packte er die sich schleimig anfühlenden Tiere, zog sie aus dem Loch und schmiss sie beiseite, kurz darauf würgte er und übergab sich. Sein Gesicht bestand nur noch aus purem Schmerz, es pochte und hackte regelrecht, so dass es ihm fast die Sinne raubte. Seine rechte Hand zitterte, doch er musste weitermachen, wenn er überleben wollte. Er biss die Zähne zusammen und pulte noch mehr Maden heraus.
Schwieriger wurde es bei seinem rechten Auge. Igor musste sich regelrecht überwinden, da hineinzulangen. Sehen konnte er auf dieser Seite ohnehin nichts mehr, dennoch fühlte es sich in der Augenhöhle derart klebrig an, dass es ihm abermals schlecht wurde.

Heftig einsetzende Kopfschmerzen erinnerten ihn daran, dass die Zeit knapp war. Igor griff also hinein, fasste den verschrumpelten Augapfel und zog daran. Ein Schmatzen erklang, als er sich das Auge samt einer Ladung Fliegenlarven herausriss. Blut und Eiter strömten über sein Gesicht und tropften zu Boden. Sofort ließen sich mehrere Schmeißfliegen darauf nieder, sie umflogen auch seinen Kopf. Igor musste mehrmals mit der Hand wedeln, um die Insekten zu verjagen.
Kurz hielt er inne, ehe sich sein Magen zusammenkrampfte und er sich übergeben musste. Sein Körper war bereits mit allerlei Flüssigkeiten besudelt und der Gestank raubte ihm den Atem. Auch wurde ihm immer wieder schwindelig, sein Kopf und sein Nacken schmerzten höllisch. Igor konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen, der Rest seines Bewusstseins wirbelte hin und her und nur ein winziger Teil seines Verstandes war noch aktiv und drängte zum Weitermachen. Jetzt musste er seinen linken Arm befreien und dabei diese lästigen Fliegen abwehren, die immer mehr wurden und nur darauf warteten, bis er endlich krepierte.
Den Gefallen tat Igor ihnen nicht. Er versuchte seine Gedanken zu ordnen, soweit es noch möglich war. Wenn er nicht bald hier herauskam und medizinische Hilfe erhielt, war es um ihn geschehen. Ein anderer Teil seines Geistes riet zum Aufgeben. Es hatte keinen Zweck mehr sich zu wehren, es war zu spät und ihm fehlte längst die Kraft. So ließ er seinen Kopf auf die Erde sinken und spürte, wie ihm die Kühle guttat. Dabei schlief er ein.

»Aufwachen, es ist noch nicht vorbei!«, rief die allseits bekannte Frauenstimme. Igor öffnete sein verbliebenes Auge, doch es fiel ihm schwer, sich zu orientieren. Zu seinem Glück brach der Abend herein und ließ die Insekten verstummen. Langsam begann ein Teil seines Verstandes zurückzukehren und er tastete nach der Kette, die seinen linken Arm noch immer fesselte. Er musste sich beeilen, denn die Sommernächte in Russland waren nicht sehr lang und sobald es heller wird, kamen die Aasfliegen zurück.
Igor richtete sich ächzend auf und rutschte zur linken Wand, um dort die Verbindung der Kette zu suchen. Als er sie fand, stellte er fest, dass sie genauso mit vier Schrauben festgemacht war. Er hatte nichts zum Aufschrauben, so musste er noch einmal seine letzten Kräfte mobilisieren und daran zerren. Er konnte jetzt seine Beine zu Hilfe nehmen, indem er sie gegen die Wand stemmte, während er an der Kette zog.

Mehrmals musste Igor pausieren, da ihm der Schweiß in Strömen floss und seine Wunden heftig pochten. Mit schier übermenschlicher Anstrengung gelang es ihm tatsächlich, die Verbindung von der Wand zu reißen. Kurz darauf stöhnte er auf und sackte zusammen.
Er träumte erneut, wie er nackt auf der Rollbahn umherirrte und mehrere Flugzeuge, alle vom Typ Tu-154, ihn in einiger Entfernung umkreisten. Weiter geschah nichts und Igor wurde schließlich durch das Summen der Fliegen geweckt. Sie waren also wieder da und eifrig am Eierlegen, was er kaum noch mitbekam, er verscheuchte sie auch nur halbherzig. Eine fiebrige Müdigkeit umfing ihn, seine Glieder wurden bleischwer. Da entdeckte er, dass die Tür der Hütte offenstand. Sollte er liegenbleiben, oder versuchen in die Freiheit zu kriechen? Vielleicht fand ihn ein Jäger oder Wanderer.

Mühsam stemmte sich Igor auf seine zitternden Arme und Beine und begann, Richtung Tür zu krabbeln. Nach einer geschlagenen, halben Stunde erreichte er sie und sah zum ersten Mal, was sich außerhalb seines Gefängnisses befand. Sattes Grün, wohin das Auge blickte. Bäume in dichter Blätterpracht, dazwischen saftige Wiesen, auf denen es bunt blühte. Vögel zwitscherten, Insekten schwirrten herum. Er glaubte sich im Paradies.
War er vielleicht wirklich schon dort? Gestorben und direkt in den Himmel gekommen?
Er begann zu lachen. »Haha, ich bin im Paradies und ihr blöden Flugzeuge kommt in die Hölle.« 

Er kroch auf allen Vieren vorwärts und versuchte sich schließlich aufzurichten. Nach einigen Versuchen gelang es ihm und er konnte nun aufrecht weiterwanken.
Das Plätschern eines Baches zog seine Aufmerksamkeit auf sich und er begab sich dorthin. Da raschelte es im Unterholz. Igor blieb stehen und lauschte.
Zwei Jäger hatten sich auf die Lauer nach einem fetten Sonntagsbraten gelegt und spähten die Gegend aus, als sie Igor bemerkten. Sie erschranken bis ins Mark, als sie den Zustand des Mannes realisierten: Nackt, der ganze Körper voller blauer Flecken, mit undefinierbaren Flüssigkeiten besudelt, das Gesicht mit tiefen Wunden übersäht, Nase und ein Auge fehlten ihm. An beiden Handgelenken hingen Ketten herab. So schlurfte er gekrümmt vorwärts und lallte irgendetwas. Dazu kam der extreme Gestank, der von seinem von Fliegen umschwärmten Leib ausging.

»Was ist mit dem los?«, fragte einer der Waidmänner.
Der andere schüttelte sich vor Ekel. »Das ist ein Zombie.« Er richtete sein Gewehr auf Igor. »Bleiben Sie stehen, oder ich schieße!«
Igor verstand ihn nicht mehr, auch begannen sich die Jäger in grüne Schemen zu verwandeln. Ein ohrenbetäubender Knall zerriss die Stille, gefolgt von einem stechenden Schmerz in seiner Brust. Er fühlte es warm an seinem Bauch herablaufen, gleichzeitig wurde es immer dunkler, wie als bräche eine plötzliche Nacht herein. Das letzte, was Igor vernahm, war das Murmeln der Jäger, gefolgt von dem Triebwerksgeräusch eines Flugzeugs.

 

[Gesamt:8    Durchschnitt: 4.1/5]

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