MANIAC`S CAVE – CREEPY KÖNIG

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

Wie jeden Abend hatte Julia ihr Essen geradezu heruntergeschlungen, nachdem sie es aus der Mikrowelle genommen hatte, um sich so schnell wie möglich an ihren PC setzen zu können. Ohne sich umzuziehen, setzte sie sich an ihren Rechner und startete ihn. Ein Gefühl der Beruhigung erfüllte die 20-jährige BWL-Studentin, als ihre Tastatur und ihre Maus im gewohnten Grasgrün aufleuchteten und endlich ihr geliebtes Anabel-Desktop-Hintergrundbild auf dem Bildschirm erschien.

Den ganzen Tag schon hatte sie sich darauf gefreut, endlich den Discord-Server zu besuchen, der ihr von Klaas, ihrem Kommilitonen und Ex-Freund wärmstens an Herz gelegt worden war. Sie startete die App und klickte auf Direktnachrichten. Dann ging sie mit dem Cursor auf den Nachrichtenverlauf mit Klaas, der sich nach ihrer Trennung auf sämtlichen sozialen Plattformen den Nickname Broken Loverboy gegeben hatte. Da sah sie auch schon die Einladung zu dem Server, der den ungewöhnlichen Namen Maniac´s Cave trug.

Julia klickte auf Beitreten. Im nächsten Augenblick sah Julia die Mitgliederliste auf der rechten Seite, die mit verstörenden Namen wie Der Verstümmler, Bloody Hand und Knochenbecher-König gefüllt war. Die junge Dame schaute einen Moment irritiert auf den Monitor, musste dann aber schmunzeln. Ihr ehemaliger Geliebter, mit dem sie immer noch befreundet war, hatte sich wohl mal wieder einen schlechten Scherz mit ihr erlaubt. Was war das denn bloß für ein Freak-Verein? Die Text-Kanäle auf dem Discord-Server hießen Schlachthof, Kadaverlager, Blutdusche, usw. .

„WTF?“, flüsterte die hübsche Blondine vor sich hin. Dann klickte sie sich durch die einzelnen Kanäle, doch fand sie keinen, in dem gerade irgendetwas geschrieben wurde. Auch von ihrem Ex war nirgendwo etwas zu sehen, obwohl sein Name in der Liste stand. Allerdings waren überall ziemlich gestörte Nachtrichten zu lesen, die von Verstümmelung und Ritualmord handelten. Nach einer halben Stunde wich ihr anfängliches Interesse und ihre Skepsis schließlich einer tödlichen Langeweile. Genervt und verärgert ging sie noch einmal in den Schlachthof, dem Hauptchat des Servers. Teils aus Wut, teils aus Neugierde auf die Reaktion der anderen Mitglieder schrieb sie in fetter Schrift: „Ihr gottverdammten Freaks! Sucht euch mal eine Freundin!“.

Nachdem in den nächsten zehn Minuten auch weiterhin niemand eine Nachricht gepostet hatte, verließ Julia schließlich die Maniac´s Cave indem sie auf Server verlassen ging. Den Rest des Abends verbrachte die Internet-Abhängige damit, irgendwelche You Tube-Videos anzuschauen und sich schon einmal eine gehörige Standpauke zu überlegen, die ihr ehemaliger Freund am nächsten Tag zu hören bekommen sollte…

Es war drei Uhr morgens. Wie so oft konnte Julia nicht schlafen. Ein Grund dafür war die Wut, die sie immer noch auf Klaas verspürte, ein anderer war der unstillbare Drang, noch einmal ins Internet zu gehen. Klaas hatte ihr schon einmal den Rat gegeben, etwas weniger zu surfen und lieber mehr für ihr Studium zu tun, das sie in letzter Zeit immer mehr schleifen ließ. Er hatte seiner Ex-Freundin sogar nahe gelegt, sich unter Umständen professionelle Hilfe zu suchen, da sie starke Anzeichen eines Suchtverhaltens zeigen würde. Aber Julia hatte ihn nie ernst genommen.

Schließlich gab die junge Frau dem Drang nach und griff nach dem Handy auf ihrem Nachttisch. Nachdem sie es eingeschaltet hatte, startete sie erneut die Discord-App. Überrascht stellte sie fest, dass sie in den letzten fünf Stunden über 30 Direktnachrichten erhalten hatte. Sie klickte die erste an und erschrak. Ein User mit dem Namen Skineater hatte ihr geschrieben: „Was hast du gesagt, du kleine Schlampe? Ich werde deine Haut essen und dein Blut bis zum letzten Tropfen trinken.“ Geschockt über den grausigen Text öffnete Julia die nächste Kurzmitteilung. Sie war von Knochenbecher-König und verstörte die junge Frau noch mehr als die erste. Der Text lautete: „Was erlaubst du dir eigentlich, Lovely Angel, so lautete Julias eigener Spitzname, du dumme Drecksau? Erst brichst du Broken Loverboy das Herz und dann muckst du hier auch noch auf! Dein Ex hat immer versucht, uns davon abzuhalten, dich mal zu besuchen. Aber genug ist genug. Wenn ich dich in die Finger bekomme, breche ich dir deine Gliedmaßen zu Knochenmehl.“

Die Studentin richtete in ihrem Bett auf und hatte Angstschweiß auf der Stirn. Panisch klickte sie sich durch anderen Nachrichten. Die Drohungen dieser eindeutig psychisch Gestörten wurden immer finsterer und brutaler. Doch die letzte Nachricht, die vor etwa einer Stunde geschrieben worden war, ließ sie am meisten erschaudern. Sie war von Klaas. Er schrieb:

„Julia, es tut mir so leid. Ich habe versucht, sie aufzuhalten. Aber deine Nachricht von gestern Abend war einfach zu viel. Ich wollte dich nicht auf diesen Server einladen. Aber sie haben mich gezwungen. Sie meinten, sie würden dich finden und dich beseitigen. Das sind alles Geisteskranke dort. Ich habe damals, nachdem du Schluss gemacht hattest, die Einladung zu Maniac´s Cave von einem gewissen Bloody Hand bekommen. Wir hatten auf einem anderen Server stundenlang über unsere Trennung geschrieben und wie schlecht es mir ging. Aber als ich merkte, was für Psychopathen sich da herumtreiben, war es zu spät. Sie haben mir gedroht, mich abzuschlachten, wenn ich den Server wieder verlasse. Immer wieder haben sie versucht, mich dazu zu bringen, dich umzubringen. Aber ich habe mich geweigert und sie immer gebeten, dich in Ruhe zu lassen. Ich kann sie nicht mehr aufhalten. Einige auf dem Server sind äußerst begabte Hacker. Sie haben deinen Namen und deine Adresse herausgefunden. Sie sind auf dem Weg zu dir! Du musst sofort…“

Der Rest der Nachricht bestand aus wirren Folgen von Zahlen und Buchstaben. Julia hatte plötzlich Todesangst. Es wirkte so, als wenn Klaas etwas passiert wäre, bevor er die Nachricht beenden konnte. Merkwürdigerweise war sie trotzdem noch abgeschickt worden. Sie schaute sich mit aufgerissenen Augen in ihrem Schlafzimmer um und horchte, ob irgendwelche Geräusche in ihrer Wohnung zu hören waren, die sich im vierten Stock befand.

Auf einmal bekam sie eine Mitteilung auf Facebook. Es wurde ihr angezeigt, dass ihre Mutter zu einem Post auf Julias Profil geantwortet hätte: „So etwas ist nicht im geringsten Maße witzig, sondern einfach nur grausam. Sie sollten sich schämen!“. Dahinter stand ein weinender Smiley. Julias Mutter hatte sich trotz ihrer Abneigung gegenüber PCs vor zwei Wochen einen Laptop zugelegt, um öfter mit ihrer Tochter kommunizieren zu können, die sich aufgrund ihrer Passion zu ihrem Computer in letzter Zeit immer mehr zurückgezogen hatte. Julia schaute nach, worauf sich der Text bezog. Sie ging auf ihr Profil und ihr Herz begann, zu pochen, als sie den Grund für die empörte Reaktion ihrer Mutter sah. Der Verstümmler hatte sich anscheinend in ihr Facebook-Profil gehackt und folgenden Text gepostet: „Julia Becker, geb. 28. 02 1999, gestorben 27. 06. 2019“.

Voller Angst sprang sie vom Bett auf und warf ihr Handy so hart in die Ecke, dass es kaputtging. Zitternd stand sie in der Mitte des Raumes und wusste nicht, was sie tun sollte. Mit einem Mal ertönte ein Geräusch, das Julia nicht nur zusammen zucken, sondern sogar aufschreien ließ. Es war die Türklingel. Wer konnte das nur sein um halb vier morgens? Würden diese Gestörten ihre Drohung tatsächlich wahr machen wollen? Wieder bekam sie Todesangst. Sie dachte an ihre Mutter, die seit dem Tod ihres Vaters nur noch sie hatte.

Erneut läutete es an der Tür. Aber dieses Mal war das Geräusch leiser und irgendwie dumpfer. Die Ursache dafür wurde der Frau, die mit ihrem Leben schon ein kleinen wenig abgeschlossen hatte, schnell klar. Derjenige, der eben bei ihr geklingelt hatte, klingelte jetzt bei einem ihrer Nachbarn. Als sie dann als Nächstes den Summer und das darauffolgende Öffnen der Haustür hörte, erwachte sie aus ihrer Schockstarre. Julia eilte schnell ins Wohnzimmer und holte aus der unteren Schublade der großen Vitrine ihre Pistole heraus. Diese hatte sie sich ein paar Monate zuvor in den dunklen Ecken des Internets bestellt, nachdem eine junge Frau ein paar Häuser weiter einem Triebtäter zum Opfer gefallen war, der sie überfallen hatte. Schnell lud Julia Becker die Waffe, während die schnellen und überhastet klingenden Schritte im Treppenhaus ihrer Wohnung immer näherzukommen schienen.

Als sie damit fertig war, ging sie in den Flur und stellte sich vor ihre Wohnungstür. Sie hielt die Waffe nach vorne und umschloss sie dabei mit beiden Händen so hart, dass es ihr schon weh tat. Doch das störte sie in dem Moment wenig aufgrund des so hohen Adrenalingehaltes in ihrem Blut. Plötzlich blieben die Schritte direkt vor ihrer Wohnung stehen. Die schweißgebadete Blondine stand für eine Sekunde da, ohne dass sich auch nur einer ihrer Muskeln rührte. Sie starrte einfach nur geradeaus, während ihr Puls bei 180 lag.

Dann klopfte es plötzlich an der Tür. Aus Reflex und aufgrund des Erschreckens drückte Julia den Abzug und ein Schuss löste sich. Die Kugel durchstieß mit Leichtigkeit das Holz der Tür und traf die draußen stehende Person direkt ins Herz, was Sekunden später zu ihrem Tode führte. Als die junge Studentin den Aufprall des fallenden Körpers hörte, kam in ihr ein Gefühl der Erleichterung auf. Dies änderte sich schlagartig, als sie die Wohnungstür öffnete und das Licht im Treppenhaus anmachte. Denn sie sah, dass der Mensch, den sie soeben erschossen hatte, ihre eigene Mutter war. Nach ihrem grauenhaften Fund auf Facebook war diese sofort mit ihrem Wagen zu ihrer Tochter gerast, um sich nach ihrem Wohlbefinden zu erkundigen…

Klaas Lehmbecker und seine Kommilitonen saßen bei ihm in seinem Zimmer im Studentenwohnheim und amüsierten sich über den höchst gelungenen Streich, den sie Lehmbeckers Ex-Freundin gespielt hatten. „Alter, wie krass muss das für Julia gewesen sein, als sie ihre eigene Todesnachricht auf Fratzenbuch gelesen hat“, merkte Markus Stolpmann an. Klaas erwiderte: „Na, die hast du ja auch kurz und bündig gestaltet, Herr Verstümmler! Ich hoffe, die Mühe hat sich gelohnt. Extra einen eigenen Discord-Server zu kreieren, und darauf nur total gestörte Nachrichten hineinzusetzen, und das auch noch wochenlang, das ist schon ein Aufwand. Aber die süße Maus ist mir das wert. Julia hat ein ernsthaftes Problem. Und als ich sie darauf hinwies, hat sie mich abgewiesen. Ich hoffe, wenn wir ihr morgen die Wahrheit erzählen, dass das alles nur ein Scherz war, begreift sie, dass sie Hilfe braucht. Ich wusste, dass sie mitten in der Nacht ihr Handy einschalten würde, um ins Internet zu gehen. Sie ist eben süchtig.“

Peter König alias Knochenbrecher-König schaute nachdenklich und fragte schließlich: „Und was ist, wenn jemand die falsche Todesnachricht auf dem Facebook-Profil deiner Ex gesehen hat, zum Beispiel ihre Mutter?“. Klaas lachte und antwortete: „Ach, Julias Mutter hat mit dem ganzen Computerkram nichts zu tun. Und vor allem wird sie wohl nicht mitten in der Nacht auf das Facebook-Profil ihrer Tochter gehen, oder?“. Peter entgegnete: „Hast wohl recht, Broken Loverboy. Wir haben der kleinen mit unserer Aktion sicher einen Gefallen getan.“ Die Jugendlichen stießen gemeinsam an und feierten ihren Erfolg…

ENDE 

 

[Gesamt:16    Durchschnitt: 4.8/5]

11 Antworten

  1. Jessica Seeger sagt:

    Ich finde die Idee klasse und die Umsetzung und den Schreibstil fesselnd. Ein Ende das man so nicht erwartet hätte. Wirklich gut.

  2. Minouche Marx sagt:

    Diese Geschichte ist richtig spannend geschrieben. Sie fesselt bis zu ihrem unerwarteten Ende. Der Autor bekommt von mir 5 Sterne!

  3. Mina Meer sagt:

    Dieser Autor hat mit seiner fesselnden Geschichte und dem unerwarteten Ende meinen Geschmack absolut getroffen. Wirklich großartig geschrieben! Ich bewerte mit 5 Sternen.

  4. minameer sagt:

    Dieser Autor hat mit seiner fesselnden Geschichte und dem unerwarteten Ende absolut meinen Geschmack getroffen. Wirklich großartig geschrieben. Dafür bewerte ich mit 5 Sternen.

  5. minameer sagt:

    Dieser Autor hat mit seinner fesselnden Geschichte und dem unerwarteten Ende absolut meinen Geschmack getroffen. Wirklich großartig geschrieben! Gerne bewerte ich mit 5 Sternen.

  6. chriswhitedragon sagt:

    Ich liebe, Christians Geschichten sehr. Diese geschichte hat mich wieder einmal total geflasht. Schreibe bitte weiter Christian mein Freund.

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