MENSCHENREGEN – THOMAS WILLIAMS

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

„In New York hast du so etwas bestimmt jeden Tag erlebt, oder?“, fragte Pete mit einem schüchternen Lächeln im Gesicht. In seinen Augen blitzte echte Neugierde auf, als er weiter redete. „Da habt ihr doch ständig solche Fälle. Was war das Kränkste, das du je gesehen hast? Ein Ritualmord? Ein Gruppenselbstmord? Man, eure Leichenhallen müssen doch vollkommen überfüllt sein. Bist du mal mit einer entsicherten Waffe in einen Raum gestürzt und hast um dich geschossen? Wieso hast du dich ausgerechnet an diesen Ort versetzen lassen? Das hier ist der aufregendste Fall seit 35 Jahren! Und damals ist es auch nur ein Raubüberfall auf offener Straße gewesen, bei dem der Täter auf seiner Flucht überfahren wurde. Sie mussten ihn nicht einmal jagen, weil er ja mit gebrochenen Beinen auf der Straße lag. Verstehst du, was ich sagen will? Sich hier her versetzen zu lassen, war womöglich der größte Fehler deines Lebens. Du wirst dich hier zu Tode langweilen.“

Den Daumen immer wieder auf den Klingelknopf drückend, sah Betty ihren Partner schließlich an. Ihr Blick reichte, um ihn zum Schweigen zu bringen. Aber nur kurz.

„Was ist denn?“, fragte er.

„Ich bin aus New York weggezogen, weil ich nicht mehr jede Nacht vorm Einschlafen die eingeschlagenen Gesichter von Toten vor mir sehen und die Schreie der Hinterbliebenen im Ohr haben möchte. In meinen zwanzig Jahren als Polizistin habe ich kaum eine Nacht durchgeschlafen. Ich bin unverheiratet, meine letzte Beziehung dauerte nur ein paar Tage und liegt mein halbes Leben zurück. Ich bin hierhergekommen, weil ich die Schnauze voll von eifersüchtigen Familienvätern habe, die ihren Kindern die Kehlen durchschneiden und weil ich keinen weiteren Junkie erschießen möchte, der mit dem Hammer in der Hand auf mich zukommt, nachdem er seine Nachbarin wegen ein paar Dollar erschlagen hat.“  

Sie hörte auf, als Pete die Farbe aus dem Gesicht wich, drückte dafür aber noch einmal fest auf den Klingelknopf und schnauzte: „Warum reagiert der Kerl nicht? Mein Daumen ist schon ganz taub.“

Es dauerte ein paar Sekunden, dann hatte Pete sich wieder gefangen. „Mister Kaiser empfängt nicht gerne Besuch. Es heißt, dass seit seinem Einzug niemand außer ihm sein Haus betreten hat. Er geht nicht raus, lässt sich alles, was er braucht, liefern.“

Fast hätte Betty wegen dieser lächerlichen Erklärung aufgelacht. Allmählich begann sie zu glauben, dass dies hier ein schlechter Scherz sein sollte. Ein Aufnahmeritual der Polizei für die neue Kollegin.

Es hätte ihr schon spanisch vorkommen müssen, als sie und Pete den Tatort erreichten und ihr junger Partner gesagt hatte: „Wenn dir früh am Morgen ein nackter Mann aufs Auto stürzt, kann dein Tag nur noch besser werden.“

Er schien den Polizeidienst für ein großes Abenteuer zu halten, denn schließlich brauchte er in diesem Kaff nichts anderes zu tun, als Strafzettel zu verteilen, während er davon träumte, wie Bruce Willis Autos in die Luft zu jagen und von Hochhäusern zu springen.

Apropos Hochhäuser, dachte Betty und drehte sich auf der Stelle um.

Sie befanden sich in einer Sackgasse, in der links und rechts nichts außer zweistöckigen Familienhäusern standen. Wo, zum Henker, war besagter nackter Mann also hergekommen, bevor er auf das Auto zwei Häuser weiter fiel?

Von der Veranda aus, auf der sie mit Pete stand, konnte sie die Schaulustigen um den Wagen herumstehen sehen. Mehrere Polizisten versuchten sie auf Abstand zu halten, damit keine Spuren verwischt wurden, doch das dichte Schneetreiben würde es ohnehin unmöglich machen welche zu finden. Seit Tagen fiel das kalte, nasse Weiß fast ununterbrochen vom Himmel. Der Winterdienst stand kurz davor, wegen den Massen zu kapitulieren.

„Was glaubst du, was passiert ist?“, fragte Pete.

Betty drückte den Klingelknopf in die Fassung und hob die Schultern. „Keine Ahnung. Vielleicht ist er aus einem Flugzeug gefallen.“

„Nackt?“

„Pete, wir stehen vor Mister Kaisers Haustür, weil er sein Grundstück mit lauter Kameras versehen hat, deren Aufnahmen uns weiterhelfen können. Bevor ich keine von ihnen gesehen habe, wage ich mich an keine Spekulation. Ach, verdammte Scheiße!“ Betty begann mit der Faust gegen die Tür zu schlagen. „Mister Kaiser, ich weiß, dass Sie uns hören können. Öffnen Sie endlich die Tür!“

„Ist das die übliche Vorgehensweise der New Yorker Polizei?“, spottete Pete.

„Es ist meine, wenn ich genervt bin.“

Betty schaute in die Kamera links über der Tür. Seit mehreren Minuten standen sie hier und allmählich begann die Kälte durch ihre Winterkleidung zu kriechen. Sie hasste diese Jahreszeit und wünschte sich nichts mehr, als einen heißen Kaffee und einen Teller mit Rührei in ihrer neuen Wohnung. Vielleicht eine Sitcom dazu oder irgendeine Polizeiserie, die sie mal mehr, mal weniger ernstnahm. Immer noch besser, als hier draußen zu stehen und sich den Arsch abzufrieren.

„Ich hab Sie schon beim ersten Mal gehört!“, krächzte plötzlich eine blecherne Stimme.

Betty hielt nach einem Lautsprecher Ausschau, ohne ihn finden zu können.

Die Stimme fuhr fort: „Dann hab ich die Klingel abgestellt und gedacht, Sie würden verschwinden.“

„Mister Kaiser, hi! Ich bin es. Pete“

Es überraschte Betty, dass ihr Partner plötzlich das Wort ergriff. Aber andererseits konnte es auch nicht schaden. Kaiser schien ihn zu kennen. Er würde ihm mehr vertrauen als ihr, die er zum ersten Mal sah.

„Wir sind hier wegen … Äh …“ Er zeigte auf die Straße. „Haben Sie gesehen, was passiert ist? Wir dachten, dass Ihre Kameras vielleicht etwas aufgezeichnet haben, das uns weiterhelfen könnte.“

„Ich hab nichts gesehen.“

„Ja, aber ihre Kameras …“, versuchte Pete es noch einmal, bevor Betty ihn zur Seite schob und ernst in die Kamera über der Tür schaute.

„Mister Kaiser, was Sie da tun, ist Behinderung der Justiz. Wir können das hier und jetzt in aller Freundschaft regeln, oder ich besorge mir einen Durchsuchungsbefehl. So oder so, werden Sie uns nicht daran hindern, die Bänder zu konfiszieren, die Sie vor uns geheim halten.“

„Es gibt keine Bänder. Ich nehme nichts auf.“

„Davon möchte ich mich gerne selbst überzeugen. Wozu dienen Ihnen die vielen Kameras denn sonst?“

Als Betty bewusst wurde, dass Kaiser sich nicht äußern würde, griff sie nach Petes Arm und zog ihn mit sich in Richtung Straße. Sie blieb erst stehen, als sie glaubte, außerhalb von Kaisers Mikrofonen zu sein.

„Was ist das für ein Typ und wieso wohnt er in einer Art Fort Knox?“, fragte sie.

Pete sah sie überrascht an. „Du hast noch nicht von ihm gehört? Steffen Kaiser. Ehemaliger Vorstand einer deutschen Automobilmarke. Sein Bruder und er liebten das Jagen, ließen sich immer wieder mit von ihnen erlegten Tieren fotografieren. Die Bilder sorgten für einen schlechten Ruf seiner Automarke, doch geschadet hat es ihnen nicht wirklich. Bis sein Bruder bei einem Jagdausflug in Griechenland ums Leben kam. Danach hatte Kaiser es sehr eilig unterzutauchen. Er trat von seinem Posten zurück, erhält jeden Monat eine lächerlich hohe Rentensumme und lebt zurückgezogen in diesem Haus, das er in eine Festung hat umbauen lassen.“

„Der hat sie doch nicht mehr alle.“

„Man geht davon aus, dass er die Schuld am Tod seines Bruders trägt, aber es konnte ihm nie nachgewiesen werden. Offiziell war es ein Unfall.“

Noch einmal wandte Betty sich dem Haus zu.

Die Tür war verstärkt. Es brauchte schon massive Gewalt, um sie einzureißen. Und die Fenster lagen hinter schweren Gittern. Auf dem Dach entdeckte sie nach oben ragende Nägel. Etwas, das sie schon öfter an Bahnhöfen und anderen öffentlichen Plätzen gesehen hatte. Es sollte verhindern, dass Vögel sich dort niederließen und ihr Geschäft verrichteten. Aber was es hier bewirken sollte, konnte sie nicht sagen.

„Wie ist sein Bruder gestorben?“, fragte Betty schließlich.

„Na, das weiß ja keiner so genau.“ Pete wirkte allmählich genervt. Er wollte merklich woanders hin. Irgendwo, wo es trocken und warm war. Die Polizisten in diesem Ort waren schrecklich verweichlicht. Betty dachte daran, dass ihnen eine Woche in New York vielleicht ganz gut tun würde.

Plötzlich blickte er an ihr vorbei und Betty wandte sich um, in der Erwartung, dass jemand zu ihnen kam. Doch ihre Partner waren immer noch damit beschäftigt, Zeugenaussagen aufzunehmen und zu versuchen, ein Pavillon um den Tatort herum aufzubauen, um ihn vor den herabfallenden Schneemassen zu schützen. Er hatte eine rote Farbe und gehörte wahrscheinlich irgendeinem Anwohner. Aber das war es wohl nicht, was Petes Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.  

„Was war das denn?“, fragte er.

Betty sah sich um, doch in dem Schneetreiben konnte sie kaum etwas erkennen. Der Himmel war eine graue Masse und ständig peitschten ihr Schneeflocken ins Gesicht und in die Augen.

Sie wollte nicht länger hier stehen bleiben und fragte Pete: „Wurde Kaisers Bruder auf der Jagd von einem Tier angegriffen? Nun rück schon raus mit der Sprache.“

Er sah sie irritiert an, fing sich aber schnell wieder. „Sie waren an einer Steilküste in Zakynthos und seilten sich zu einer Höhle ab. Was genau dort geschehen ist, weiß keiner so genau. Angeblich hatten sie vor, diese Höhle zu erreichen und dann …“ Pete hob die Schultern. „Kaisers Bruder soll gestürzt sein und schlug auf den Felsen im Meer auf. Er war auf der Stelle tot. Niemand weiß, wie es dazu kam.“

„Er ist aus ungeklärter Ursache gestürzt? So wie dieser Mann dort drüben?“

Pete machte den Mund auf und zu, brachte aber kein vernünftiges Wort über die Lippen. Dann fiel ihm ein: „Aber er war nicht nackt!“

Betty ließ ihn stehen und marschierte zurück zur Haustür, um wieder mit der Faust gegen die Tür zu hämmern, bis ihre Hand schmerzte.

„Mister Kaiser! Machen Sie die verdammte Tür auf, damit ich mit Ihnen reden kann.“

„Wir sollten uns einfach einen Durchsuchungsbefehl holen“, rief Pete von der Straße aus.

Zuerst wollte Betty ihm antworten, dass Kaiser in der Zwischenzeit alle eventuell existierenden Aufnahmen vernichten konnte. Aber dann entschloss sie sich, ihren Partner einfach zu ignorieren und es weiter mit dem Türhämmern zu versuchen. Die alte New Yorker Schule war ihrer Ansicht nach noch die beste.

Nur würde sie auf diese Art und Weise nichts erreichen.

Wütend trat sie einen Schritt zurück. Dass ihr ein Stück Papier mehr Macht verlieh als ihr Auftreten und ihre Uniform, fühlte sich erniedrigend an.

„Komm schon. Hier erreichen wir nichts“, rief Pete.

Sie drehte sich auf der Stelle um und wollte ihm harsch antworten, als etwas zwischen den Wolken am Himmel verschwand. Es hätte Betty nicht weiter beschäftigt, aber für einen Moment glaubte sie, dort oben einen Menschen gesehen zu haben. Dass Pete immer noch redete, nahm sie schon gar nicht mehr wahr. Einer der Gründe für ihre Versetzung waren die vielen Albträume und schließlich auch Trugbilder gewesen. Sie befürchtete den Verstand zu verlieren. Kollegen rieten ihr, nach einer anderen Position zu fragen. Irgendetwas am Schreibtisch. Aber das konnte sie nicht. Betty musste auf der Straße sein.

Sie zuckte zusammen, als Pete ihr eine Hand auf die Schulter legte. Eben stand er noch an der Straße und nun plötzlich genau vor ihr. Sie musste vollkommen wegegetreten gewesen sein, dass sie ihn nicht bemerkte.

„Alles okay?“, fragte er.

Betty nickte etwas zu eilig und sah ihm an, dass er ihr nicht glaubte.

„Holen wir uns einen Gerichtsbeschluss“, sagte sie kleinlaut und ging zurück in Richtung Streifenwagen.

Als sie ihn erreichten, sagte Pete gerade, dass sie vielleicht kein Glück haben würden, weil der ortsansässige Richter das Wochenende über verreist war, aber Betty hörte ihm wieder einmal nicht zu. Hinter ihr riefen mehrere Personen durcheinander. Es hörte sich an, als würde ein Tumult ausbrechen und als sie sich umdrehte, war die Menge Schaulustiger plötzlich doppelt so groß wie vorher.

„Was ist denn da los?“, fragte Betty an sich selber gerichtet. Erinnerungen an Ausschreitungen in New York kamen hoch. Sie glaubte nicht daran, dass es hier genauso ausarten würde, aber vorsichtshalber ging sie auf die Menschen zu. Nur für den Fall, dass ihre neuen Kollegen Unterstützung brauchten. Und um ehrlich zu sein, wünschte sie sich im Moment nichts mehr, als ihre angestaute Wut an einem der Schreihälse auszulassen.

Bis sie verstand, was die Bürger so aufbrachte. 

„Sie ist hat noch neben mir gestanden und auf einmal war sie weg! Ich hab nur eine Sekunde nicht hingesehen!“, rief jemand.

Ein anderer: „Ich hab irgendein Geräusch gehört und als ich mich wieder zu meiner Frau umdrehte, war sie verschwunden. Ich bin mir ganz sicher, dass sie geschrien hat, aber es ging so schnell.“

Betty sah Hilflosigkeit in den Gesichtern ihrer Kollegen. Genau wie Betty konnten sie nicht begreifen, was hier vor sich ging. Eine Frau in einer dicken Winterjacke entdeckte die Polizistin und kam auf sie zu.

„Sie müssen mir helfen! Meine Tochter …“

Betty wollte ihr sagen, dass sie langsamer sprechen sollte, da stürzte etwas auf die Frau herab. Zuerst glaubte Betty, dass es sie zu Boden reißen würde, doch dann schoss es zusammen mit der Frau ungebremst zurück in die Luft. Sie konnte nicht einmal schreien.

Während Betty noch versuchte, das Gesehene zu begreifen, rief schon jemand: „Was war das?“

Mehrere ungläubige Gesichter waren auf die Polizistin gerichtet, was sie etwas beruhigte, denn es bedeutete, dass sie nicht den Verstand verloren und sich das nur eingebildet hatte.

Die auf sie gerichteten Augen blickten schließlich zum Himmel. Als Betty es ihnen nachtat, sah sie die Frau im Sturzflug zurückkehren. Nur zwei Sekunden später schlug sie genau vor der Polizistin auf den Boden auf.

Betty fuhr entsetzt zurück und entdeckte Blutspritzer auf ihrer Kleidung. Warme Kleckse hatten sich in ihr Gesicht verirrt. Schnell versuchte sie diese wegzuwischen und sah dann auf die Tote herab, unter der sich eine breite Blutlache im Schnee bildete. Niemand wagte es, sich ihr zu nähern.

Einer der Polizisten schaute in den Himmel, beide Hände am Pistolenhalter, obwohl er nicht wusste, wonach er Ausschau halten sollte. Dann fiel ein weiterer Körper etwa zwanzig Meter vom Pavillon entfernt vom Himmel. Und weitere folgten.

Sie schrien, verstummten aber abrupt, als ihre Stürze brutal am Boden endeten.

Trotz des Lärms konnte Betty jemanden sagen hören: „Es regnet Menschen!“

Im nächsten Moment brach die Menschenmenge auseinander und alle rannten in verschiedene Richtungen. Ein paar von ihnen rutschten auf dem Schnee aus, andere wurden von herabfallenden Körpern zu Boden gerissen.

Betty drehte sich auf der Stelle um und lief auf ihren Streifenwagen zu. „Pete, ruf Verstärkung“   

Pete stand wie angewurzelt auf der Stelle, sah in den Himmel und fragte laut: „Was ist das denn? Sind das …“

Er kam nicht dazu weiterzusprechen, als sich ein riesiger Vogel auf ihn herabstürzte. Jedenfalls glaubte Betty zuallererst an einen Vogel, aber trotz seines grauen Federkleids und den breiten Schwingen war es viel zu groß dafür. Es glich eher einem Menschen mit seinen langen Beinen und dem Kopf, der Betty an eine alte Frau denken ließ. Doch was sie für eine gekrümmte Nase hielt, war ein Schnabel. Dieser öffnete sich zu einem lauten Krächzen, als Pete blitzschnell reagierte und sich am Außenspiegel des Streifenwagens festhielt. Das Vogelmonster versuchte ihn, mit sich zu ziehen. Wo es Füße haben sollte, besaß es übergroße Klauen, die sich in Petes Schultern bohrten. Er schrie vor Schmerzen, als sie den Stoff seiner Jacke durchdrangen und sein Fleisch einrissen.

Er konnte sich nicht mehr festhalten und verlor schon den Boden unter den Füßen, als Betty endlich daran dachte, ihre Waffe zu ziehen. Sie zwang sich zu vergessen, dass sie auf irgendeine fremde Kreatur zielte und dachte nur daran, Pete zu retten.

Drei Kugeln trafen das Wesen in die Brust und ließen es zusammen mit Bettys Partner in den Schnee fallen. Während Pete vor Schmerzen schreiend liegen blieb, rührte sich die Kreatur nicht mehr.

Mit der Waffe im Anschlag ging Betty drauf zu. Es besaß das Aussehen einer Frau und gleichzeitig das eines Vogels. Als hätte die Natur sich nicht entscheiden können, was es werden sollte und einen Zwitter aus beidem erschaffen. Sie sah den Ansatz von Brüsten unter dem Federkleid. Sie hoben und senkten sich schnell, während das Ding mit weit aufgerissenen Augen in den Himmel starrte. Es fiel Betty schwer, ihm ins Gesicht zu schauen. Mal schien der menschliche Teil zu überwiegen, dann wieder der animalische. Sie konnte sich nie auf einen der beiden konzentrieren, als würden sie sich ständig abwechseln.

„Geh da weg!“, hörte sie Pete sagen, der inzwischen wieder auf den Beinen stand und eine Hand auf seine blutende Schulter presste. Aber Betty gehorchte nicht.

„Wir brauchen Verstärkung“, sagte sie schließlich und drehte sich um. Pete sah sie an, als wollte er sie bitten, dass sie sich so schnell wie möglich aus dem Staub machten und Betty hätte nichts lieber getan als das. Aber sie war Polizistin und verpflichtet, den Menschen zu helfen. Das bedeutete nicht, dass sie keine Angst hatte, doch noch schlimmer würde es werden, wenn sie sich einfach irgendwo versteckte und darauf wartete, dass alles von alleine endete. Das würde sie ihr Leben lang bereuen.

„Nimm das Funkgerät und ruf …“ Gerade, als sie auf den Streifenwagen zeigte, landete eines der Vogelwesen auf dem Dach. Drückte es mit seinem Gewicht nach innen und ließ die Sirene mit einem klirrenden Geräusch unter seinen Klauen zerspringen.

„Oh, mein Gott!“, schrie Pete, während Betty die Pistole hochriss und ohne zu zögern feuerte. Das Vogelwese schwang sich in die Luft und Betty konzentrierte sich wieder auf ihr Umfeld. Sie musste ihren Partner und so viele andere Menschen wie möglich in Sicherheit bringen, doch um sie herum fielen immer noch Körper vom Himmel, klatschten mit dumpfen Geräuschen auf den Asphalt, krachten in Häuserdächer oder auf Autos. Eines von ihnen raste die Straße entlang, als ein Vogelwesen eine Frau durch die Windschutzscheibe warf und der Wagen Mister Kaisers Zaun einriss. Der Wagen kam erst zum Stehen, als er gegen die Hauswand krachte. Im Innenraum rührte sich nichts mehr.

Weitere Polizisten eröffneten das Feuer und versuchten, die Vogelwesen vom Himmel zu holen, doch sie waren zu schnell. Betty befürchtete bereits, dass um die begrenze Munition wussten und nur darauf warteten, ungehindert angreifen zu können.

„Hört auf wie die Irren um euch zu schießen. Damit erreicht ihr überhaupt nichts!“, schrie sie. Doch ihre Worte gingen in dem Chaos aus herabstürzenden Körpern und explodierenden Schüssen unter.

Gerade noch rechtzeitig bemerkte sie eine Bewegung neben sich und ging instinktiv in die Knie. Eines der Vogelwesen verfehlte sie nur knapp, doch seine Klauen peitschten ihr dennoch ins Gesicht, rissen ihren Kopf herum und ließen sie für einen Moment Sterne sehen. Sofort spürte sie warmes Blut über ihre eiskalte Haut fließen. Sie tastete nach der Wunde, zischte bei ihrer Berührung und entdeckte mehrere rote Tropfen, die von ihrem Gesicht in den Schnee fielen.  

„Du bist verletzt“, sagte er als wüsste sie das nicht selber.

Er hielt ihr eine Hand hin. „Lass mich dir …“

Riesige Klauen legten sich um Petes Kopf, ließen ihn verstummen, als sich eine der schwarzen, dicken Krallen in seinen Hals bohrte und ein Schwall Blut herausschoss. Als Betty nach ihm schrie, zuckte ein stechender Schmerz durch ihre verletzte Wange. Dann wurde Pete mit solcher Wucht hochgehoben, dass sie befürchtete, das Wesen könnte ihm den Kopf abreißen. Sein zappelnder Körper schlug gegen den demolierten Streifenwagen und stieg mit dem Wesen weiter in die Höhe.

Dass Betty ihre Hände nach ihm ausgestreckt hielt, wie um nach ihm zu greifen, merkte sie erst, als das Wesen einen schnellen Bogen flog und Pete von sich schleuderte. Wie eine Puppe wirbelte er durch die Luft, was Betty langsamer wahrzunehmen schien, als es eigentlich passierte. Dann prallte er gegen die Wand von Mister Kaisers Haus und fiel lautlos in den Schnee. So sehr sie sich auch dafür hasste, Betty machte sich keine Hoffnung, dass er noch lebte.

Zum Naschsehen blieb auch keine Zeit. Eines der Ungeheuer warf sie mit seinem Körper zu Boden und presste sie in den Schnee. Die riesigen Krallen zerfetzten Bettys Jacke und Uniform und begannen, ihre darunterliegende Haut zu zerreißen. Schreiend versuchte Betty nach dem Wesen zu schlagen, doch seine riesigen Flügel prügelten von beiden Seiten auf sie ein, dass sie ihre Arme brauchte, um sich vor ihnen zu schützen.

Sie wusste, dass das Ding sie zerfleischen würde, wenn sie nicht etwas unternahm, konnte aber auch nichts gegen den Angriff tun. Ihre Schreie klangen selbst für ihre eigenen Ohren fremd, als kämen sie von jemand anderen. Als Betty etwas Warmes ins Gesicht spritze, ahnte sie, dass es sich dabei um ihr Blut handelte.

Brüllend griff sie nach einer der Klauen, die ihr sofort wieder aus der Hand gerissen wurde, um dann erneut zuzuschlagen. Sie drang in ihr Fleisch ein, bohrte sich zwischen ihre Rippen und hätte vielleicht noch größeren Schaden angerichtet, wäre in diesem Moment nicht die Brust des Vogelwesens explodiert. Kurz nachdem es den Schnabel weit aufgerissen hatte, explodierte auch sein Kopf und Klumpen aus Fleisch und Federn regneten auf Betty herab.

Jeder Atemzug schmerzte und hinderte sie daran zu verstehen, was gerade geschehen war.

Aufgrund ihrer Verletzungen wagte sie es nicht, sich zu bewegen, aber dann drang eine weit entfernt klingende Stimme an ihr Ohr, die sie anschrie, aufzustehen.

Betty konnte die Person nicht sehen. Ein lautes Krachen ließ sie zusammenzucken und aus dem Augenwinkel sah sie ein weiteres Wesen zu Boden fallen. Es schlug noch mit den Flügeln um sich, als wollte es auf sie zu kriechen. Dann versperrte ihr jemand die Sicht. Zuerst glaubte sie zu halluzinieren, dass ein Ritter in wenig strahlender Rüstung kam, um sie zu retten.

Dann drehte er sich zu ihr um und sie blickte in ein Paar Augen das sie durch den Sehschlitz eines Schweißerhelms anblickte.

„Aufstehen hab ich gesagt!“, schrie Mister Kaiser. Sie erkannte seine Stimme sofort. Durch die Maske klang sie fast genauso, wie aus dem Lautsprecher.

Betty wollte ihm sagen, dass sie verletzt war, aber das konnte er schließlich selber sehen. Ohne ein weiteres Wort trat er auf sie zu, griff nach ihrem Arm und zerrte sie auf die Beine. Ihre Schmerzensschreie ignorierend, zog er sie mit sich.

Betty drückte beide Arme gegen ihre verletzte Brust und wagte es nicht, einen genaueren Blick drauf zu werfen. Trotz mehreren Jahren im Polizeidienst konnte sie von sich behaupten, nie schwer verletzt worden zu sein. Die Vorstellung flößte ihr schon immer Angst ein und sie wollte einfach nicht auf ihre zerfetzte Haut herabsehen. Sie wusste, wie schlimm es an anderen Körpern aussah. Es an ihrem eigenen zu sehen, würde sie nicht ertragen.

Kaiser stieß sie durch seine offenstehende Haustür, dass Betty zu Boden fiel. Mit Tränen in den Augen sah sie, wie ihr Retter sich noch einmal auf der Stelle umdrehte. Unwillkürlich hielt sie den Atem an und vergaß sogar die Schmerzen in ihrer Brust. Wie viele Vogelwesen sich auch immer dort draußen aufgehalten hatten, sie mussten alle gleichzeitig auf dem Weg zur Haustür sein. Sie wirkten wie ein riesiges Panorama, das den Rest der Außenwelt hinter sich verbarg. Ein heilloses Durcheinander aus um sich schlagenden Flügeln, weit aufgerissenen Schnäbeln und Klauen, die bereit waren, ihre Opfer zu zerreißen.

Kaiser feuerte mehrmals aus seiner Schrotflinte, warf sich gegen die schwere Haustür und schob sie zu. Kaum, dass sie geschlossen war, begann das Hämmern und Kratzen auf der anderen Seite. Kaiser ließ die Schrotflinte fallen und schob mehrere Riegel vor. Erst dann drehte er sich zu Betty um.

Jedenfalls glaubte sie, dass sein Blick ihr galt. Als er durch den Flur ging, ließ er sie jedoch links liegen und den Helm wie beiläufig fallen. Betty konnte einen kurzen Blick in sein bärtiges Gesicht werfen.

Mit zusammengebissenen Zähnen drehte sie sich auf die Seite und sah ihn durch eine weitere Tür treten. Es brannte kein Licht und dennoch lag das Zimmer dahinter in einem flackernden, weißen Leuchten. Eine Wand aus Bildschirmen überragte Kaiser, der vor ihr stehen blieb. Zuerst wusste Betty nicht, was er sich da ansah, dann erkannte sie die Straße vor dem Haus. Aufnahmen der Sicherheitskameras.

Während sie versuchte aufzustehen, nahm sie Wortfetzen war. Kaiser sprach mit ihr, aber sie konnte kaum etwas verstehen. Ob es am Rauschen in ihren Ohren oder am Lärm vor der Haustür lag, konnte sie nicht sagen.

An die Wand gelehnt, bewegte Betty sich in Kaisers Richtung und verstand ihn von Schritt zu Schritt ein klein wenig besser.

„ … verfolgt … schon fast gedacht, sie hätten es aufgegeben. Aber da sind sie nun. Tut mir leid, dass ich so etwas über Ihre Stadt gebracht habe. Mein Bruder … dachten, es wären nur drei, aber in der Höhle … uns ein ganzer Schwarm. Sie werden mir nicht glauben, aber Sie sehen ja selbst, dass es sie gibt.“

Er drehte sich halb zu ihr herum und sah Betty in der Zimmertür stehen.

„Es sind Harpyien. Das wollten Sie doch gerade fragen, oder? Mein Bruder und ich dachten, wir könnten eine von ihnen fangen. Stellen Sie sich die Schlagzeilen vor. Was das für die Menschheit bedeutet hätte, zu wissen, dass solche Wesen existieren. Wir hätten völlig umdenken müssen. Aber die Bewohner von Zykanthos hüten dieses Geheimnis seit tausenden von Jahren und sie sind wirklich gut darin.“

Während Betty am Türrahmen herabrutschte, sagte Kaiser: „Es gelang uns, eine von ihnen in einen Käfig zu sperren. Dann kamen die anderen und der Käfig stürzte ins Meer. Als die Harpyie ertrank, beeilten wir uns, wieder nach oben zu klettern, aber sie erwischten meinen Bruder. Ich entkam mit viel Glück und ein paar Kratzern. Seitdem verfolgen sie mich. Und sie werden nicht eher ruhen, bis ich tot bin.“

Er sah Bettys Wunden an.

„Ich hole einen Verbandskasten, um Sie zu versorgen“, sagte er schließlich. „Dann überlegen wir, wie es weitergeht.“

Als er an ihr vorbeiging, blieb ihr Blick an den vielen Bildschirmen haften, die nichts anderes zeigten, als riesige, schlagende Flügel und zuschnappende Klauen, welche die Außenkameras nach und nach zerstörten. Ein Monitor nach dem anderen wurde schwarz. Auf den verbliebenen sah Betty, dass sich auf der Straße nichts mehr bewegte. Während sie jedoch immer weniger von den Monstern sehen konnte, schien ihr Kratzen und Trommeln an den Wänden immer lauter zu werden. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie hereinkamen. Oder bis Betty und Mister Kaiser die Vorräte ausgingen und sie hinaus mussten.

 

Ende

 

[Gesamt:16    Durchschnitt: 4.6/5]

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