MONOLITHEN – KEVIN BORCHMANN

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

Ein gewaltiger Monolith aus schwarzem Gestein schwebt über der Hauptstadt. Seine Oberfläche ist spiegelglatt und keine seiner Seiten weist einen Makel auf. Er besteht aus perfekten, rechtwinkligen Kanten. Mein Blick klebt am Monitor des kleinen Fernsehers in meinem Arbeitszimmer. Vor etwa einer Minute schaltete der Sender auf Eilmeldung und zeigte dem ganzen Land, was da in hundert Metern Höhe über dem Brandenburger Tor aufgetaucht war. Es macht weder Geräusche noch bewegt es sich. Das Rechteck steht einfach nur da. Unheilvoll wartend.

     Ich stehe auf und schaue aus dem Fenster hinaus in den Garten, wo mein Sohn spielen sollte. Ich sehe ihn nicht. Ich öffne die Tür meines Büros um zu ihm zu eilen und ihn hereinzuholen, als ein markerschütterndes Klirren die Luft erschüttert und mich zu Boden reißt. Ein Pfeifen, lauter als jeder Düsenjäger den ich je gehört habe, erfüllt die Atmosphäre. Meine Ohren brennen wie ein Stück Glut in einem Lagerfeuer. Ein lautes Knacken in meinem Gehörgang blitzt durch meinen Kopf. Stille. Die Vögel vor dem Fenster verstummen. Das sanfte Lied des Windes hört auf zu spielen. Ich blicke auf den geräuschlosen Fernseher und sehe hunderte Menschen auf dem Platz vor dem Brandenburger Tor. Sie laufen panisch durcheinander. Einige liegen am Boden. Alle halten sich vor Schmerzen die Ohren. Ich höre nichts mehr. Wir alle hören nichts mehr.

     Ich greife mir meine Jacke und renne mit schmerzendem Kopf die Treppe herunter. Vergebens warte ich darauf, das meine Schritte Laute von sich geben. Das Poltern der Treppenstufen drang ebenfalls nicht zu mir hindurch. Ich rannte schneller. Mein Sohn ist allein im Garten. Ich muss zu ihm. Hastig eile ich durch das Wohnzimmer und rutsche auf dem Teppich aus, der über das glatte Parkett rutscht und mich mühelos gegen die Scheibe der Glasfront des Wohnzimmers wirft. Ein tosender Schmerz zuckt durch meine Nase. Blut spritzt auf die Scheibe und meine Kleidung. Erschrocken stoße ich einen Schrei aus, nehme ihn jedoch nicht wahr. Ich spüre wie meine Stimmbänder vibrieren und ihre Arbeit verrichten. Höre sie jedoch nicht. Blut läuft mir in den Mund. Der metallische Geschmack flutet meinen Mund und legt sich auf meine Zunge. Ich ignoriere den Schmerz und öffne die Tür zum Garten.

     Mein Sohn ist nicht zu sehen. Ich erwische mich dabei seinen Namen zu rufen. Vergebens. Plötzlich ein weiteres Beben in meinem Kopf. Ich stürze hinab auf die Knie, kann mich gerade noch an einem Stuhl auf der Veranda festhalten. Ein Schmerz explodiert in meinem Kiefer und wirft mich zu Boden. Meine Zähne fühlen sich an wie Eisblöcke. Meine Zunge wird taub und schwillt an. Der metallische Kupfergeschmack des Blutes verschwindet. Ich schmecke nicht mehr. Verstört und angsterfüllt versuche ich aufzustehen. Panik entspringt meiner Brust und frisst sich ihren Weg durch meinen Körper. Meine Hände werden taub. Mein Gesicht fühlt sich an als stünde es in Flammen.

     Meine Beine richten sich auf. Hoch im Himmel über dem Wald schwebt ein weiteres pechschwarzes Rechteck. Fern ab der Hauptstadt gibt es also einen weiteren von ihnen. Wer weiß wie viele noch. Wo waren sie hergekommen? Was haben sie mit uns vor? Welch grausiges Mysterium erstreckt sich da über unseren Köpfen? Ist das jüngste Gericht gekommen? Kommt es in Form von gradlinigem, tiefschwarzem Chaos?

     Mein Junge ist nicht im Garten. Ich laufe bis zum Ende der Wiese. Ein Feuerwehrauto liegt im Gras auf der Seite. Ich setze angestrengt einen Fuß vor den anderen und trete aus Versehen darauf. Das Plastik senkt sich in das Erdreich und soll für immer dort liegen bleiben. Auf dem Grundstück neben mir sehe ich meinen Nachbarn. Er rudert wild mit den Armen und zeigt mit seinem Finger auf seine Ohren und seinen Mund. Seine Frau weint bitterlich und versucht verzweifelt sich mit Worten zu verständigen. Ich zucke mit den Achseln und schüttle mit dem Kopf. Mit Handzeichen versuche ich die Beiden nach meinem Sohn zu fragen. Sie deuten auf den Wald hinter meinem Haus. Ich renne los.

     Mein Atem zischt mir aus der Brust und ist kochend heiß, wenn ich ihn wieder in mich aufnehme. Meine Lunge glüht. Ich werfe mich am Ende meines Grundstücks über den Zaun und trete zwischen die ersten Baumreihen. Weit vor mir, zwischen Baumstämmen und Büschen, sehe ich meinen Sohn, der verängstigt in Richtung seines Baumhauses läuft. Ich hatte ihm dieses Baumhaus vor zwei Jahren zum Geburtstag geschenkt. Es lag tief im Wald und er hatte es geliebt wenn wir dort spielen gingen. Ich nehme an, dass er sich nun darin verstecken will. Ich renne weiter.

     Plötzlich erschwert sich meine Atmung. Ich greife mir an die Brust und lehne mich benommen an den nächsten Baum. Meine Atemwege scheinen sich zu schließen. Panisch versuche ich Luft zu holen. Es klappt. Ich kann durch den Mund atmen. Meine Nase ist zu. Verschlossen. Mein Schädel wummert wie eine Dampflok.

     Ich sehe die rote Jacke meines Sohnes hinter einem Felsen verschwinden und renne weiter. Weiter. Ich muss weiter. Meine Knie sagen mir ich solle stehen bleiben. Sie können nicht mehr. Ich muss zu meinem Sohn. Gott, mein Kopf. Mein Gehirn fühlte sich an als würde es sich ausdehnen. Wachsen. Anschwellen wie ein Tumor und jeden Augenblick meine Augen aus ihren Höhlen drücken. Doch ich renne weiter. Ich erreiche den Felsen und sehe meinen Jungen vor mir. Er steht auf dem Waldweg und scheint fürchterlich zu weinen. Natürlich. Ihm ging es genauso. Allen ging es genauso.

     Vor uns fällt ein Abhang mit einem Wasserfall in das Tal hinab. Eine Holzbrüstung soll Wanderer und Radfahrer vor dem Abstürzen retten. Ich gehe auf meinen Sohn zu, als er plötzlich zu Boden fällt. Jetzt durchfährt ein kaltes Stechen mein Herz und rast eisig meinen Hals hinauf in meine Augen. Schwärze wuchert über meine Augen und verdunkelt die Welt um mich herum. Ich sehe nichts mehr. Was geschieht mit mir? Was geschieht mit uns?

     In pechschwarze Dunkelheit gehüllt, ist alles was ich noch wahrnehme, der Wind auf meiner Haut und der Boden unter meinen Füßen. Ich höre keine Vögel, ich rieche keinen Wald, ich schmecke kein Blut und sehe meinen Sohn nicht mehr. Langsam falle ich auf die Knie, an die Stelle wo ich eben noch meinen Jungen habe stehen sehen und strecke meine Arme aus. Ich ertaste mein eigen Fleisch und Blut. Er erschrickt sich. Weiß nicht, dass ich es bin, der nach ihm greift.

     Er schlägt, beißt, tritt und kratzt um sich. Ich spüre die Tränen über mein Gesicht laufen und versuche ihn zu beruhigen. Ohne Erfolg. Er befreit sich aus meinem Griff und will panisch loslaufen. Ich strecke erneut meine Hand aus und stoße gegen einen Holzpfahl des Geländers. Mein Junge. War er? Blind ertastete ich meine Umgebung. Ich fand das Geländer, den Boden, mich selbst, einen Baum. Mein Sohn ist fort. Einen Meter? Ins Tal hinabgestürzt? Ich weiß es nicht. Stechender Schmerz zerreißt meine Brust. Mein Puls steigt ins unermessliche. Ich zerre mich auf das Geländer zu und warte. Warte bis der letzte meiner Sinne meinen Körper verlässt. Ich liege an dem Abhang zum Tal. Alles was mich am Fallen hindert ist meine Hand, fest um das Geländer geschlungen. Sobald der Tastsinn versagt ist es soweit. Ich werde nicht wissen ob ich falle. Ich werde nicht wissen ob ich unten aufschlage. Plötzlich passierte es.

     Meine hämmernden Kopfschmerzen verschwinden. Mein stechender Atem verlässt mich. Die Glasscherben in meinen Knien scheinen sich aufzulösen. Mein Sohn ist fort. Meine Schmerzen sind fort. Meine Sinne sind fort. Ich schließe mich ihnen an.

 

[Gesamt:5    Durchschnitt: 3.8/5]

Eine Antwort

  1. ZombieLoverin sagt:

    Die Idee erinnert mich ein wenig an Krieg der Welten, jedoch der Schreibstil und der Spannungsaufbau haben mich überzeugt. Sehr flüssig zum lesen und fesselnd.

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