NICHT ERSCHRECKEN – NORBERT BÖSELER

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

„Nicht erschrecken!“

Bob ließ das Handy fallen. Es landete auf dem harten Parkettboden, wobei der Bildschirm nach oben wies. Auf dem Display blickte ihm seine Frau entgegen, doch die Stimme, die Bob den Schreck in die Glieder hat fahren lassen, stammte eindeutig von einem Mann, den er nur allzu gut kannte. Lydia hatte er nach der Beerdigung nicht mehr gesehen. Nachdem sie Blumen in das Grab geworfen hatte, begleitet von einigen Tränen, war sie verschwunden. Lydia wollte nach der Beisetzung noch einmal alleine zum Grab gehen, um von ihrem geliebten Sohn in aller Stille Abschied nehmen zu können. Sie kam nicht zurück. Bob hatte den ganzen Friedhof abgesucht, doch sie war wie vom Erdboden verschluckt. Er machte sich Sorgen um seine Frau, hatte sie vergeblich angerufen, mehrmals, und nun blickte ihm ihr von tiefen Falten durchfurchtes Antlitz entgegen. Die Falten hatten sich in der letzten Woche noch tiefer in ihre Haut gegraben, weil der schreckliche Unfall ihre heile Welt in Fetzen gesprengt hatte. Jerome, ihr gemeinsamer Sohn hatte die Kontrolle über sein Motorrad verloren und war gegen einen Baum geprallt. Er trug schwere Kopfverletzungen davon. Die Ärzte versetzten ihn in ein künstliches Koma, doch zwei Tage später konnten selbst die medizinischen Geräte sein Leben nicht erhalten. Er starb, die lebenserhaltenen Maschinen wurden ausgeschaltet, sein Leben für beendet erklärt. Von da an, bis zur heutigen Beisetzung, war Bobs Frau nicht mehr ansprechbar gewesen. Sie unterstützte ihren Mann nicht bei den anstehenden Formalitäten. Lydia verschanzte sich ihrem Zimmer und nahm Tabletten. Sie verarbeitete ihre Trauer mit Pillen, deren Wirkung er nicht kannte.

 

Lydias Gesicht verblasste, das Display färbte sich schwarz, schwarz wie der Tod, von dem Bob gerade einen Anruf erhalten hatte. Die Stimme, die immer noch in seinem Ohr nachhallte, gehörte zweifellos Jerome, seinem verstorbenen Sohn. Sie klang zwar ähnlich wie die von Gerry, was nicht verwunderlich war, denn Jerome und Gerry waren eineiige Zwillinge. Während Jerome bis zum letzten Tag bei den Eltern gewohnt hatte, verließ Gerry vor fünfzehn Jahren die Familie im Zorn. Mochten die Söhne optisch gleich sein, vom Charakter waren die beiden so gegensätzlich wie Feuer und Wasser. Gerry glich einem wilden Wolf, Jerome einem frommen Lamm. Gerry hatte von Kindheit an eine aggressive Ader in sich getragen. Schlägereien auf dem Schulhof gehörten zur Tagesordnung. Als er seine Mutter krankenhausreif geschlagen hatte, setzte Bob ihn vor die Tür. Seitdem war der Kontakt abgebrochen. Von dem Tag an veränderte sich Lydia zusehends. Ihr einst harmonisches Zusammenleben bekam nicht enden wollende Risse. Lydia fiel in tiefe Depressionen, die sie mit Tabletten bekämpfte. Eine Therapie kam für sie nicht in Frage, weil sie fremde Hilfe strikt ablehnte. Selbst ihren Ehemann hielt sie auf Distanz, doch Bob stand ihr bei, denn er liebte seine Frau nach wie vor.

 

Der Klingelton seines Handys ließ Bob erneut zusammenzucken. Er griff sich an die Brust, weil er dort ein krampfhaftes Stechen verspürte. Seine Schreckhaftigkeit hatte ihm vor drei Jahren bereits einen Herzinfarkt beschert. Er atmete einmal tief durch und bückte sich zum Handy, das vibrierend über das Parkett rutschte. Bob hob es auf und nahm den Anruf entgegen.

„Dad, hörst du mich? Sag doch was!“

„Ich höre dich“, schnaufte Bob schwer atmend. „Jerome, bist du es wirklich“?

„Ja, Dad!“ Die Stimme klang dumpf, als würde man ihr die Luft abschnüren. „Ich weiß nicht, wo ich bin. Es ist dunkel und kalt. Ich habe gerade das Handy gefunden und damit geleuchtet. Ich bin in irgendeiner Kiste eingesperrt, die aussieht wie ein Sarg. Alles ist mit einem hellen Stoff bespannt. Ich liege unter einer Decke, trage einen schwarzen Anzug und kann mich kaum bewegen. Was ist passiert, Dad? Wo bin ich? Ich habe fürchterliche Angst!“

Bob konnte nicht glauben, was er da hörte, wusste nicht, was er antworten sollte. Das Stechen in der Brust war nach wie vor vorhanden, doch er spürte es nicht mehr. Jerome war seit mehreren Tagen tot, er lag unter der Erde und sprach jetzt zu ihm. Hatte man ihn etwa lebendig begraben, ein unvorstellbarer Gedanke. Bob versuchte einen klaren Kopf zu wahren, mit zitternder Stimme sagte er: „Du musst mir glauben, was ich dir jetzt sage, so unglaublich es auch klingen mag, Jerome. Du bist gestorben, man hat dich heute Nachmittag beerdigt.“

„Das kann nicht sein. Sag mir, dass das nicht wahr ist!“

„Du hattest einen schlimmen Motorradunfall und lagst im Koma. Die Ärzte konnten dir nicht helfen, sie haben alles Menschenmögliche getan, doch sie konnten dein Leben nicht retten. Sie haben dich für tot erklärt, mein Junge. Ihnen ist wohl ein schrecklicher Fehler unterlaufen, anders kann ich mir das nicht erklären“, sagte Bob wie in Trance, ohne seine eigenen Worte zu verstehen.

„Ein Fehler! Ich erinnere mich an nichts. Als ich die Augen aufschlug, war nur Dunkelheit um mich herum, eine Dunkelheit, aus die ich gerade erwacht bin. Es riecht nach modriger Erde, die Luft ist stickig und stumm. Jetzt sagst du, man hat mich begraben, obwohl ich am Leben bin. Wieso steckt man mir ein Handy in die Hosentasche, wenn man mich für tot hält? Ist jemand davon ausgegangen, dass ich wieder aufwache? Ma vielleicht, denn es ist ihr Handy, das ich gerade in der Hand halte. Ich verstehe das alles nicht. Kannst du mir Ma mal geben, sie muss doch wissen, wie das Handy in meine Tasche gelangt ist?“

„Deine Mutter schläft bereits, der heutige Tag hat sie doch sehr mittgenommen,“ log Bob, der seinen Sohn nicht zusätzlich aufregen wollte.

„Okay, lass sie schlafen! Dad, bereite dem Wahnsinn ein Ende, du musst mich hier rausholen, jetzt sofort, bitte!“

„Ja, ich komme so schnell ich kann. Ich rufe noch ein paar Leute an, die mir helfen, dann fahre ich unverzüglich los“, verkündete Bob.

„Nein, du musst alleine kommen. Ich möchte nicht, dass mich jemand so sieht.“

„Mit tatkräftiger Unterstützung bin ich schneller“, meinte Bob, der Jeromes Aussage nicht nachvollziehen konnte.

„Du musst es ohne fremde Hilfe schaffen, Dad. Versprich mir, dass du alleine zum Friedhof fährst“, forderte Jerome beinahe flehend.

„Versprochen“, mit diesem Wort brach die Verbindung ab.

 

Bob sah auf die Uhr. Es war kurz vor Mitternacht. Seine maroden Knochen waren müde, doch der ohnehin schon anstrengende Tag hatte eine unglaubliche Wendung genommen. Viele Gedanken wirbelten durch seinen Kopf, das unheimliche Telefonat hatte ihn völlig aus der Fassung gebracht. Sein Sohn lag unter der Erde und hatte mit Lydias Handy angerufen. Wie konnte das sein? Bob schüttelte die Gedanken ab, zog eine dicke Jacke über den schwarzen Anzug, den er immer noch trug, und eilte nach draußen. Eisige Oktoberkälte schlug ihm entgegen. Der böige Wind peitschte durch sein Gesicht. Bob rannte zur Garage und öffnete das Tor. An der Wand hingen sauber aufgereiht einige Gartengeräte. Bob nahm zwei Schaufeln und legte sie in den Kofferraum seines alten Kombis. Als er an der Fahrertür lehnte, merkte er, wie seine Knie zitterten. Wie sollte er in dem Zustand ein Grab ausheben? Bob wusste es nicht, doch er musste es versuchen. Wieviel Zeit würde er haben, wie lange hatte Jerome unter der Erde Luft zum Atmen? Bob war nur bewusst, dass er sich beeilen musste. Er stieg ein und fuhr los.

 

Der Friedhof lag außerhalb der Stadt, man benötigte mit dem Auto etwa eine Viertelstunde. Bob trat das Gaspedal durch und raste mit überhöhter Geschwindigkeit durch den Ort. Viele verkleidete Gestalten wandelten über die Fußwege. Einige trugen dunkle Gewänder, auf denen weiße Skelette gestickt waren. Außerdem erkannte Bob Gummimasken, die abscheuliche Zombiegesichter imitierten. Es war Halloween, kam Bob in den Sinn, was ihn zusätzlich erschaudern ließ. Er durfte sich nicht ablenken lassen, musste sich auf die Straße konzentrieren, um schnellstmöglich den Friedhof zu erreichen. Eine kahlköpfige Kreatur mit nur einem Ohr und zerfetzter Nase winkte ihm zu, als das Handy plötzlich ertönte. Bob riss erschrocken das Steuer nach links, sah aus den Augenwinkeln ein rotes Licht aufleuchten und trat reflexartig auf die Bremse. Die Reifen quietschten. Kurz vor der Ampel kam das Auto zum Stehen. Bob griff zum Handy, das auf dem Beifahrersitz lag. Kalter Schweiß hatte sich auf seiner Stirn gebildet. Sein ohnehin geschundenes Herz schlug ihm bis zum Hals. Die tief umrandeten Augen von Lydia starrten ihn an. Bob nahm ab.

„Bist du unterwegs, Dad?“ Die Stimme klang noch dumpfer als zuvor.

„Ja, aber ich bin noch in der Stadt“ antwortete Bob.

„Mach so schnell du kannst. Mir geht es nicht gut. Ich habe eine Scheiß-Angst. Mir ist kalt und schwindelig. Ich habe fürchterlichen Durst. Mein Mund ist ausgetrocknet, die Zunge klebt mir ständig am Gaumen fest. Das Gesicht brennt, ich fühle Krusten, die zum Bersten gespannt sind. Und dann diese höllischen Kopfschmerzen. Ich halte das nicht mehr lange aus, Dad. Außerdem höre ich Geräusche, als würde jemand über den Sarg kratzen. Erde bröckelt durch die Ritzen, ich kann sehen wie sich der Stoff bewegt. Ich habe überhaupt kein Zeitgefühl mehr und gehofft, dass du schon gräbst, Dad, warum sonst sollte ich die Geräusche hören? Was kann das sein?“

„Ich weiß es nicht, mein Junge.“

„Das Atmen fällt mir immer schwerer und ich spüre meine Beine nicht mehr, weil ich mich nicht bewegen kann. Sie sind wie abgestorben. Die Platzangst macht mich wahnsinnig. Wann bist du endlich hier, Dad?“

„Ich beeile mich. Du musst ganz ruhig bleiben, Jerome, atme langsam und gleichmäßig, damit du nicht so viel Sauerstoff verbrauchst. Am besten, du legst jetzt auf. Versuch dich zu entspannen, schließ die Augen und denke an etwas Schönes. Ich bin bald bei dir, ich lasse dich nicht im Stich, Jerome, niemals“, versprach Bob.

Lydias Gesicht verblasste wortlos, dafür schlug ihm grünes Licht entgegen. Jemand hupte, was zu einem weiteren schmerzvollen Schlag in Bobs Brust führte. Er startete mit qualmenden Reifen und gab Vollgas.

 

Er kam an eine grölende Menge Zombies vorbei, die mit Bierflaschen bewaffnet waren. Einer der betrunkenen Untoten rollte einen ausgehöhlten Kürbis, aus dem kleine Flammen schlugen, auf die Straße. Bob erschrak, versuchte dem Kürbis auszuweichen, was nicht gelang. Der Kürbiskopf wurde vom rechten Vorderreifen des Kombis zermalmt. Bob hörte noch das Gelächter von den betrunkenen Geschöpfen der Nacht, die ihm freudig hinterherwinkten. Trotz des makabren Zwischenfalls, fokuszierte Bob sich auf die Straße, was sich links und rechts abspielte, ignorierte er fortan. Er hatte nur ein Ziel vor Augen, Jeromes letzte Ruhestätte.

 

Bob erreichte den Friedhof ohne weitere Vorkommnisse. Er parkte den Kombi auf dem unbefestigten Parkplatz, der abseits der Hauptstraße lag. Ein einsamer und verlassener Ort, besonders zu nächtlicher Stunde. Uralte Eichen umgaben den Friedhof wie schweigende Totenwächter, nur der böige Wind konnte ihnen ein unheimliches Rauschen entlocken. Knochige Wurzeln ragten aus dem Boden. Bob stolperte über eine dieser Wurzeln, als er sich zum Kofferraum begeben wollte. Er konnte den sich anbahnenden Sturz mit einem Griff an die Dachreling verhindern. Ihm schlotterten die Knie. Seine körperliche Verfassung bereitete ihm Sorgen. Mit einundsechzig Jahren war er nicht mehr der Jüngste und sein Nervenkostüm hatte seit dem Anruf arge Risse bekommen. Was er jetzt zu tun hatte, würde ihm alles abverlangen. Bob öffnete die Heckklappe und nahm beide Schaufeln an sich. Die zweite hatte er nur zur Vorsicht mitgenommen. Falls eine brechen sollte, oder er doch unerwartete Hilfe in Anspruch nehmen musste. Er hätte Jeromes Bedingung, allein zu kommen, einfach ignorieren sollen. Ohnehin kam ihm die Aussage seines Sohnes sehr suspekt vor. Warum durfte ihn niemand so sehen, in einem verschlossenen Sarg? Seine Situation war zwar unglaublich und glich einer Horrorvorstellung, doch warum vertraute er nur ihm, obwohl sein Leben davon abhing? Jetzt war es zu spät sich darüber Gedanken zu machen, Bob musste sich auf seine eigenen Fähigkeiten verlassen. Er steckte noch die Taschenlampe ein, die er für alle Fälle immer im Auto liegen hatte, und ging zum Eingang.

 

Ein schwarz lackiertes Eisentor war zwischen zwei gemauerten Säulen eingelassen. Die Pforte knirschte in den Angeln, als Bob sie aufschob. Ein kalter Schauer kroch über seinen Rücken. Der Vorplatz des alten Friedhofs war mit Klinkersteinen gepflastert, rechts befand sich die kleine Kapelle. In dem Backsteingebäude hatte am Nachmittag der Pfarrer die letzten Worte für Jerome gesprochen, bevor er im Familiengrab beigesetzt wurde. Dort ruhten bereits Bobs Eltern und Großeltern, dort wollte auch er beerdigt werden. Bob leuchtete nach links. Der Lichtstrahl erfasste einen schmalen Weg, der von hochgewachsenen Koniferen gesäumt wurde. Bob bewegte sich auf den Weg zu, wobei ihm eine der Schaufeln aus der Hand rutschte. Sie fiel scheppernd auf die Pflasterung. Einige Krähen flüchteten laut kreischend aus den Bäumen. Bob hob die Schaufel auf. Die aufgeschreckten Vögel verstummten in sicherer Entfernung, die Dunkelheit hatte sie verschluckt. Der Wind flaute zusehends ab, eine bedrückende Stille machte sich breit. Bob schritt zielstrebig über den engen Pfad, der direkt zum Grab führte.

 

Der gesamte Friedhof wurde von einer Buchenhecke umgeben, die zu dieser Jahreszeit ihre Blätter abwarf. Links von der schon teilweise kahlen Hecke wucherte das Unterholz eines angrenzenden Waldes, in dem Bob schon mit seinem Vater Pilze gesucht hatte. Mit seinen Söhnen hatte er ihn nur einmal aufgesucht, wobei sich die Begeisterung der Jungs in Grenzen gehalten hatte. Besonders Gerry hatte schon in jungen Jahren keinerlei Interesse an gemeinsame Aktivitäten gezeigt, er lungerte lieber mit zwiespältigen Freunden herum. Er war zwar Teil der Familie gewesen, doch die Zusammengehörigkeit hatte ihm nie etwas bedeutet. Jetzt wusste Bob nicht einmal wo Gerry wohnte. Vielleicht saß er ja sogar im Gefängnis, was nicht abwegig erschien. Kurz nach seinem Auszug, wurde sein abtrünniger Sohn wegen Körperverletzung verhaftet. Er verbrachte anschließend mehrere Monate in einer Jugendhaftanstalt. Vor zwei Jahren kam Bob zu Ohren, dass Gerry mit Drogen handelte und die Polizei ihn bereits im Visier hatte. Das war das Letzte, was er von Jeromes Zwillingsbruder gehört hatte.

 

Bob leuchtete in den Wald hinein. Feuchter Nebel hatte sich wie ein durchsichtiges Tuch über den Waldboden gelegt. Der Lichtstrahl wanderte von einem Baumstamm zum nächsten. Einige Motten flatterten durch das vom Nebel getrübte Licht. Er schwenkte die Lampe zurück und verharrte an der Hecke. Goldfarbene Augen starrten Bob entgegen. Leichte Panik schlich sich in Bobs Glieder. Als die Katze ihn fauchend ansprang und sein Bein attackierte, setzte sein Herzschlag für einen Moment aus. Bob geriet ins Stolpern und fiel rücklings in eine Konifere. Eine Schaufel hätte sich beinahe in seinen Rücken gebohrt, doch er konnte sie in letzter Sekunde beiseite schleudern. Die Taschenlampe flog im hohen Bogen durch die Luft und landete genau neben der Katze auf dem Weg. Das wildgewordene Tier streckte den Schwanz in die Höhe, blähte sich mit einem gewaltigen Buckel auf und sprang auf Bob zu. Der wehrte den Angriff mit erhobener Hand ab. Die scharfen Krallen der Katze rissen tiefe Striemen in seinen Handrücken. Bob trat mit dem Fuß nach seinem Widersacher. Die Katze jaulte auf und ergriff die Flucht. Schwer schnaufend rappelte Bob sich auf. Seine Hand schmerzte, Blut quoll aus der aufgeschlitzten Haut. Bob sog es mit dem Mund auf und spuckte es auf den Boden. Seine Kleidung war mit abgestorbenen Baumnadeln übersät. Einige zwickten unter dem Hemdkragen in seinen Hals, doch damit wollte er sich nicht aufhalten. Bob sammelte Schaufeln und Taschenlampe ein, dann begann er zu rennen. Er hatte viel Zeit verloren, Zeit, die Jerome am Ende fehlen könnte.

 

Wenige Augenblicke später erreichte er die Grabstätte. Einige Kränze und Gestecke lagen auf der frisch aufgehäuften Erde. Scheinbar war der Friedhofswärter nicht ganz fertig geworden, denn überschüssiger Sand verteilte sich noch auf dem Weg. Bob legte die Lampe auf den Gedenkstein, der am Fuße des Grabes in die Höhe ragte. In dem schwarzen Stein waren die Daten der verstorbenen Familienmitglieder eingraviert. Jeromes Name fehlte noch, das sollte für lange Zeit so bleiben, wenn Bob seine Mission erfüllte. Er nahm eine Schaufel und fing an zu graben. Er hatte noch nicht viel Erde ausgehoben, als sein Telefon wieder klingelte. Bob zog es aus der Hosentasche. Lydias Antlitz erhellte in der Dunkelheit sein Gesichtsfeld. Bob nahm ab.

„Wo bist du, Dad?“ Die krächzende Stimme hörte sich schwach an, müde und verzweifelt.

„Ich bin hier, mein Junge. Ich habe gerade angefangen zu graben. Ich versuche, mich zu beeilen, aber es wird sicherlich noch eine Weile dauern. So lange musst du noch aushalten, Jerome! Schaffst du das?“ Während Bob das Handy an sein Ohr hielt, rann warmes Blut aus der Wunde in seinen Ärmel.

„Ich versuch es, doch mir geht es nicht gut. Ich bekomme kaum noch Luft, sie schmeckt bitter und beißt in den Lungen. Ich traue mich kaum noch zu atmen, mein Kopf weigert sich, doch ich will nicht ersticken. Dad, hol mich hier raus! Bitte!“

„Ich tue alles in meiner Macht stehende, Jerome, das kannst du mir glauben. Ich werde dich da unten nicht alleine deinem Schicksal überlassen und bin bald bei dir“, sagte Bob, ohne seine Worte wirklich wahrzunehmen. Er stand auf dem Grab seines Sohnes, der wenige Fuß unter ihm lag und um sein Leben rang, das er angeblich bereits ausgehaucht hatte. Er telefonierte mit ihm, weil ein Haufen Erde sie voneinander trennte. Konnte man durch die Erdschicht Signale empfangen, dachte Bob und verwarf den Gedanken gleich wieder. Stattdessen sagte er: „Wir sollten nicht länger reden, Jerome. Du musst sorgsam mit der verbleibenden Luft umgehen und ich darf keine Zeit verlieren. Wir schaffen das, okay!“

„Ich will nicht sterben, Dad, nicht jetzt und vor allen Dingen nicht hier. Bevor du weitermachst, muss du mir noch eine Frage beantworten. War Gerry auf meiner Beerdigung?“

„Ja, dein Bruder war da und hat bittere Tränen geweint“, sagte Bob ohne Umschweife. Warum er die Unwahrheit gesagt hatte, konnte er Jerome später immer noch erklären. Wenn es ein Später gab! Seinen einzig wahren Sohn aus der lebensbedrohlichen Lage zu befreien, hatte jetzt absolute Priorität. „Ich bin bald bei dir, mein Junge“ versprach er.

„Ich warte“, flüsterte es aus dem Hörer, dann herrschte Totenstille.

 

Bob legte das Handy auf dem Grabstein ab. Im diffusen Schein der Lampe schaufelte er weiter. Er stieß das scharfe Blatt der Schüppe in die Erde und hievte den Sand auf den Weg. Er schaufelte wie ein Berserker. Schweiß benetzte seine Stirn. Er wischte es mit seinem blutigen Handrücken ab, wobei er rote Schlieren in seinem Gesicht verteilte. Bob arbeitete weiter, wie von Sinnen beförderte er schwere Erde auf den schmalen Pfad. Wie tief musste er graben? Er wusste es nicht. Als er die gelbe Rose auf Jeromes Sarg geworfen hatte, hatte er nicht auf die Dimensionen des Loches geachtet. Seine Sinne waren in dem Augenblick von Trauer getrübt und hatten keine andere Wahrnehmung zugelassen. Jetzt trieb ihn die Hoffnung an, seinen Sohn wieder in die Arme schließen zu können.

 

 Die Blutung auf seiner Hand ließ nicht nach, der Lebenssaft färbte die Krücke des Schüppenstiels in ein dunkles Rot. Bob ignorierte den Schmerz. Er entledigte sich seiner Jacke, warf sie achtlos hinter den Stein, stieß in den Mutterboden und schleuderte ihn hinaus. Abgesehen von der Tiefe, war die Größe der Fläche, die er ausheben musste, nicht zu verachten. Es war bereits eine deutliche Mulde zu erkennen, als sich Bob das erste Mal über den Schaufelstiel lehnte, um einen kurzen Moment zu verschnaufen. Er ging an seine Grenzen, wenn er sie nicht längst überschritten hatte. Er musste Unvorstellbares vollbringen. Seine Lungen brannten, das Herz schlug in einem unregelmäßigen Tempo und verursachte Stiche im Brustkorb. Als er den Kopf nach unten beugte, wurde ihm schwindelig. Bob richtete sich auf und machte unverdrossen weiter.

 

Die Zeit verstrich, das Loch nahm Formen an. Er musste den Sand jetzt nach oben wuchten, was die Arbeit noch erschwerte. In seiner unversehrten Hand hatten sich Blasen gebildet, von denen zwei bereits aufgeplatzt waren. Die ungeschützte Haut brannte, wenn sie über den Holzstiel rieb. Bob ärgerte sich, weil er keine Handschuhe mitgenommen hatte. Während er erneut eine kurze Pause einlegte, vernahm er aus dem Wald entfernte Geräusche, als würden Zweige zerbrechen. Er achtete nicht darauf, sondern widmete sich weiter seiner schier unüberwindbaren Aufgabe. Bob grub. Schicht für Schicht trug er ab. Der Spaten fuhr in den Sand, jeder Hub brachte ihm seinen Sohn näher. Die Gelenke, sein Rücken, seine Hände, alles schmerzte, doch Bob ließ sich davon nicht aufhalten. Er befand sich in einer anderen Welt, einer Welt, die unter der Erde verborgen lag, eingebettet in einem Sarg. Diesen zu erreichen, war seine Berufung, doch war es auch Gottes Wille? Bestand das Jenseits aus einem zugeschütteten Erdloch? Nicht für Jerome, nicht für sein eigen Fleisch und Blut! Er konnte sich in Jeromes Situation hineinversetzen, was ihm zusätzlich Antrieb verlieh. Er musste das sandige Bollwerk durchbrechen, bevor es seinen Sohn für alle Ewigkeit einschloss.

 

Wut keimte in Bob auf. Das Gefühl trieb das kalte Metall der Schaufel immer tiefer in den Boden. Abermals hob er das scharfe Werkzeug an und rammte es ins Erdreich. Diesmal traf er auf etwas Weiches. Er spürte, wie der Stiel zurückfederte. Er zog den Spaten aus dem Sand. Rötlich schimmernder Schleim klebte an der Spitze. Bobs Atem beschleunigte sich. Er kletterte aus dem Loch und holte die Taschenlampe, damit er besser sehen konnte. Er steckte sie in die ausgehöhlte Sandwand, von wo sie schräg auf den Boden leuchtete. Mit flachgehaltener Schaufel schabte er weitere Erde ab. Ein schwarzer Stoff kam zum Vorschein. Bobs Herz raste. Mit bloßen Händen räumte er die Stelle vorsichtig frei. Dort, wo er zugestochen hatte, fühlte sich die Erde feucht an. Er betrachtete seine verschmutzten Hände im Licht. Blutgetränkte Sandkrümel bröckelten durch seine Finger. Sein Magen krampfte sich zusammen. Vom Wahnsinn getrieben schabte Bob weiter. Der Stoff entpuppte sich als dunkle Jacke, in der ein Körper steckte. Unterhalb der Brust quoll Blut aus einer Wunde, die er mit der Schaufelspitze verursacht hatte. Rechts ragten gekrümmte Finger einer Hand aus dem Sand. Bob griff nach der Hand, die sich eiskalt anfühlte, und hob sie vorsichtig hoch. Ein goldener Ehering glitzerte im Licht. Klumpige Erde rutschte von dem erschlafften Arm. Wie in Trance machte Bob weiter. Unermessliches Grauen schlich in seinen Geist und breitete sich sekündlich aus. Als er den Kopf freilegte, traf ihn ein tiefer Schmerz in der Brust. Ihm wurde schlecht. Er starrte verständnislos in das Gesicht seiner Frau. Das Blut gefror ihm in den Adern. Mitten auf Lydias Stirn prangte ein kleines rundes Loch, in ihrem weit aufgerissenen Mund steckte Sand. Ein Wurm schlängelte über ihre linke Wange und wollte in die Nase eindringen. Bob nahm ihn, warf ihn weg und übergab sich.

 

Nachdem er sich erleichtert hatte, griff er unter Lydias Achseln und hob sie hoch. Aus ihrem Hinterkopf tröpfelte eine schleimige Masse. Bob lehnte den Leichnam seiner Frau an den Rand des Loches, kletterte hinaus und wuchtete die Tote nach oben. Die Tränen, die aus seinen Augen strömten, nahm er nicht wahr. Er strich gerade die sandigen Haare aus ihrem Gesicht, als das Handy ein weiteres Mal läutete. Bob raffte sich auf und torkelte zum Grabstein.

„Dad, hast du es bald geschafft. Ich höre wieder diese merkwürdigen Geräusche, die mir schon zu Anfang Angst eingejagt haben. Die Kiste hat sich bewegt und es ist Sand hineingefallen. Bist du das? Kannst du den Sarg schon sehen? Sag was, Dad, ich kann nicht mehr, ich werde wahnsinnig, wenn ich nicht endlich Luft bekomme. Ich werde ersticken, sterben, wenn du mich nicht endlich befreist. Öffne den Sarg so schnell wie möglich, ich flehe dich an, mir bleibt nicht viel Zeit!“

Bob blickte das Handy mit leblosen Augen an. Die Stimme klang diesmal klar und deutlich, als würde sein Sohn in unmittelbarer Nähe sein. Was letztendlich auch der Wahrheit entsprach. Bob stand kurz vor dem Ziel, doch war er dazu imstande es zu erreichen? Bob sah seine tote Frau an. Trauer und Wut legten sich um sein krankes Herz. Er konnte sich nicht erklären, was passiert war, alles schien so unwirklich wie ein schrecklicher Alptraum. Er musste diesen Traum beenden.

„Ich bin sofort bei dir, mein Sohn. Halte aus, nur diesen einen Moment. Wir bringen das jetzt zu Ende, alles wird gut!“ Bob legte auf.

Er sprang ins Loch, nahm die Schaufel und grub weiter. Am Rand lag Lydia, den trüben Blick auf ihren Mann gerichtet. Bob glaubte, auf ihren blauen Lippen ein Lächeln erkennen zu können. Allein ihr zuliebe durfte Jerome nicht sterben. Einige Spatenstiche später stieß er auf einen harten Gegenstand. Eichenfarbiges Holz schälte sich aus dem Boden. Bob beseitigte mit seinen Unterarmen den Sand vom Sargdeckel. Die scharfen Kanten des aufgeleimten Holzkreuzes rissen den rechten Ärmel auf. Das Holz trieb eine blutige Furche in seine Haut. Kein Schmerz dieser Welt konnte ihn jetzt aufhalten. Er hatte das Ziel vor Augen und setzte den Kampf gegen die Erde fort. Die Seiten des Sarges schabte er mit den Händen frei, bis er endlich die Griffe greifen konnte.

„Ich habe es geschafft, Jerome“, schrie er wie von Sinnen in die dunkle Nacht.

„Was hast du geschafft, alter Mann?“

Von grenzenloser Panik befallen drehte Bob sich um. Der Schreck stand ihm förmlich im Gesicht geschrieben. Am Rand des Loches stand eine dunkle Gestalt. Sie trug Motorradkleidung und hatte einen Helm auf. In der Hand leuchtete das Display von Lydias Handy.

„Nicht erschrecken, ich nehme jetzt den Helm ab“, verkündete die Gestalt. Mit wenigen Handgriffen wurde ein Gesicht enthüllt, das Bob eine halbe Ewigkeit begleitet hatte. Vor ihm stand Jerome. Bob griff sich an den Brustkorb. Sein Herz drohte die Rippen zu durchbrechen. Lähmende Schmerzen durchzogen seinen linken Arm.

„Du kannst jetzt nicht sterben, alter Mann, zuerst musst du den Sarg öffnen. Du wirst doch sehnlichst erwartet.“ Jerome zog eine Pistole aus der Jackentasche und richtete sie auf Bob. „Los beeil dich, vielleicht ist es ja noch nicht zu spät. Du musst dich nicht erschrecken, denn du solltest wissen, was dich erwartet. Du wirst es im Gegensatz zu Mutter verkraften. Sie hat sich mit dieser Waffe vor wenigen Stunden an den Grabstein gesetzt und sich eine Kugel in den Kopf gejagt. Ich habe sie gefunden und begraben, weil niemand sie so elendig sehen sollte. War reiner Zufall, eigentlich wollte ich nur mein Grab bewundern, mit ihrem unwürdigen Tod habe ich nichts zu tun. Jetzt fang schon an, mach die Kiste auf!“

 

Bob wusste nicht, wie ihm geschah. In seinem Kopf rotierten die Gedanken, doch sein Verstand setzte aus. Er sah zu dem Sarg, dann nach Jerome, der mit der Pistole auffordernd in das Loch wies. Bob bückte sich und klammerte seine Hand um den Messinggriff. Die Wunde, die die Katze ihm zugefügt hatte, war wieder aufgebrochen. Sein schwaches Herz pumpte Blut auf den Sarg. Bob zerrte an dem Griff und der Deckel hob sich. Helles Leinentuch lugte durch den Spalt. Sand bröselte in das Totenbett. Bob kippte den schweren Deckel zur Seite. Der Mann ruhte unter einer beigefarbenen Decke. Die Augen waren geschlossen, das vom Unfall entstellte Gesicht wies tiefe verkrustete Wunden auf. Gerrys markanten Konturen ließen sich nur erahnen, doch sie waren definitiv vorhanden. Wieso hatte er vorher nicht so genau hingesehen, fragte sich Bob, als er nach dem Unfall mit der grausamen Wahrheit konfrontiert worden war.

„Der Taugenichts hat sich mein Motorrad ausgeliehen und ist damit gegen den Baum gefahren. Wir haben uns öfter getroffen, musst du wissen. Er hat nie wirklich losgelassen, hat immer nach dir und Ma gefragt. Irgendwann war Ma bei ihm. Er hat ihr die Pistole besorgt, weil ihre Pillen nicht mehr wirkten. Als letzte Option sozusagen. Heute nach der Beerdigung hat sie sie gezogen. Ich habe ihr Handy genommen und dich angerufen. Ich hatte dabei den Helm auf, damit mein Anruf aus dem Jenseits möglichst echt wirkt. Ich stelle es mir schrecklich vor, wenn man lebendig begraben ist. Da Gerry so viel Pech im Leben gehabt hat, wollte ich nur sicher gehen, dass es jetzt wirklich beendet ist. Wie ich jetzt beruhigt feststelle, ist er tatsächlich tot. Ich wäre gerne auf meiner eigenen Beerdigung dabei gewesen, hätte nur zu gern gesehen, wie ihr um mich weint. Nun ja, man kann nicht alles haben. Dafür hast du wunderbar mitgespielt, alter Mann. Die Rolle des Totengräbers steht dir gut“, sagte Jerome mit einem teuflischen Lächeln im Gesicht.

Bob schnappte nach Luft und griff sich an die Brust. Durch seinen linken Arm schien Strom zu fließen. Sein Körper verkrampfte, der Schmerz fraß sich von der Fußspitze bis in den Kopf. Er sah leichenblass aus, wie der Geist eines Verstorbenen, der sein Grab selbst ausgehoben hatte. Das Loch, in dem er stand, wankte hin und her, auf und ab. Ihm wurde schwindelig, dunkle Schleier waberten vor seinen Augen. Mit letzter Kraft sagte Bob: „Du bist nicht mein Sohn, ich kenne dich, du bist….“ Bevor Bob die letzten Worte aussprechen konnte, sank er röchelnd in sich zusammen. Ein allerletzter Stich, dann hörte sein Herz auf zu schlagen. Bob fiel in den geöffneten Sarg, vereint mit dem verlorenen Sohn.

 

Jerome, der Wolf im Schafspelz, legte die Mutter zu ihren Lieben und schaufelte das Grab zu.

 

[Gesamt:8    Durchschnitt: 4.3/5]

2 Antworten

  1. Michael Franke sagt:

    Richtig coole abgedrehte Idee. An manchen Stellen war mir die Geschichte ein bisschen zu lang und hat sich gezogen. Daher 4/5 Sterne.

    • Mario sagt:

      Mit dem Ende habe ich jetzt nicht gerechnet, aber ein gute Idee, mir fehlte jetzt noch die Motivation von Jerome, warum gibt er sich als Gerry aus und begeht diese Tat? 4/5

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