ORPHANATROPHIUM – L. H. HATECRAFT

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

1

Jetzt stehe ich an des Abgrunds Rande, hinter mir die Furcht, die mich ein Leben lang begleitete. Schwarze Rauchschwaden immenser Ausmaße, todbringende Augen und gottloses Gelächter.

All dies war nicht, vor langer Zeit, vor jenem verhängnisvollen Tag, welcher mein Leben fortan zeichnen sollte.

Ich ging eine schmale Gasse entlang, damals 1924, gerade 9 Jahre alt geworden, und auf dem Weg ein Leib Brot zu kaufen. Ich habe diese Gasse vorher nie genutzt, ein Freund riet sie mir als Abkürzung. Es war Winter und die Sonne bereits hinter dem Horizont verschwunden, kaltes Licht der Laternen fiel auf den Weg. Die steinernen Wände voller Bewuchs und Risse schlängelten sich durch den alten Boden, wie Schlangen auf der Flucht. So plötzlich es kälter wurde, schienen mir auch die Lichter zu verblassen und ich vernahm leises Flüstern. Es war mir nicht möglich, die Herkunft der Laute zu bestimmen, sie schienen von überall her zu hallen. Im Mark erschüttert beschleunigte ich meine Schritte, getrieben von Furcht und Hast, eilte ich die Gasse herunter, doch auf einmal schien sie kein Ende zu nehmen, und vor mir taten sich Schritt für Schritt weitere endlose Meter Weg auf, die geradewegs in den endlosen Schatten zu führen schienen. Hastige Blicke hinter mich verrieten nicht viel, sie taten jedoch die Sicht auf etwas Schemenhaftes auf. Ein lauerndes Etwas, angetrieben mich zu erreichen, mir das Fleisch von den Knochen zu ziehen und mich lebendig zu verspeisen. So schien es zumindest, bis sich der Schatten und die Kälte langsam zu legen begannen, und das wackere Licht der Laternen begann, wärmer zu werden. Im Angesichte meiner vom Schweiße gezeichneten Stirn und meinen geschundenen Knien, sank ich auf den zermürbten Boden und schluchzte durch die auf mein Gesicht gepressten Hände. Langsam richtete ich mich auf und lugte, vorsichtig und mit Bedacht, hinter mich, konnte bis auf rauen Stein und totes Holz nichts ausmachen, keine Monster, keine Schemen, und nur ein einziger Schatten war geblieben anderen Seite befinden würde. Vor mir konnte ich nun eine Leiter ausmachen, die ich sogleich bestieg. Oben angekommen zitterte mein ganzer Leib und ich wagte es kaum über den Rand der Mauer zu spähen. Als ich nun doch einen flüchtigen Blick erhaschte, tat sich mir eine karge, von Nebelschwaden überzogene Landschaft auf. Tote Bäume, graues Gestrüpp. Ich wanderte eine Weile über die triste Erde, bis sich mir der Blick auf eine eiserne Pforte öffnete. Ein hohes Tor, gekrönt von Zacken und Spitzen. Lings und rechts von jenem ging eine hohe Mauer. Durch die Gitterstäbe hindurch konnte ich bereits erahnen, was mich erwartete und vom Schlag der Erkenntnis einer Kirche  gegenüberzustehen getroffen, riss mich das Versagen meiner Muskeln unsanft zu Boden und tauchte die Umgebung in ein tiefes, endloses Schwarz, aus der ich mich kurze Zeit später jedoch wieder zu befreien versuchte, als sich meine Augen langsam  öffneten und ich zu denken begann. Vorsichtig richtete ich mich auf, mein geschundener Leib, stark gezeichnet vom Wassermangel, schmerzte, auch der zugezogenen Prellungen wegen. Doch der wohl schlimmste Schmerz bohrte sich durch die Schädeldecke in mein Hirn, wie ein Spatel, immer weiter und härter durch einen fortwährend schlagenden Hammer in dichtes Holz getrieben. Übermannt von den Schmerzen schrie ich besinnungslos und taumelte herum, ehe ich an den schmiedeeisernen griffen des Tores rettenden Halt fand. Mit einem Mal verschwand die Pein, als sich langsam knarrend die Pforten zur Hölle zu öffnen begannen, auf dessen hohem Bogen die eisernen Lettern „Finit hic deo Valak incipit“ prankten. Ich machte ein paar Schritte zurück und stierte voller Entsetzen dem Nahenden entgegen.

 

An dieser Stelle endete das Geschriebene. Kate blätterte die verbliebenden Seien des modrigen Lederbuches durch, um sicherzugehen, dass es unbeschrieben war. Es schien sich um ein altes Notizbuch zu handeln, welches wohl einem der Kinder, die in der Vergangenheit im Waisenhaus gelebt haben, gehört haben musste. Sie wurde nicht wirklich schlau aus dem Gelesenen und steckte sich das kleine Buch in die Tasche ihrer Strickjacke.  Die untere Ecke des Buches lugte neugierig aus der Naht ihrer Tasche heraus, welche so droht, noch weiter aufzureißen, als sie es bereits war. Naja, soviel verdiente sie in ihrem Beruf als Sozialarbeiterin nicht, aber sie musste sich unbedingt eine neue Strickjacke kaufen. War nicht letztens eine bei H&M runtergesetzt? Ist ja auch egal. Sie richtete sich vom Boden auf und klopfte ihre vom Staub dreckigen Knie ab. Prüfend ließ sie ihren Blick noch einmal durchs Zimmer schweifen und überlegte, ob sie noch irgendetwas vergessen hatte. Eine Stimme hinter ihr riss sie aus ihren Gedanken: „Hey, bist du auch mal langsam fertig? Ich bin jetzt bei meinem letzten Raum und du lungerst hier nun schon 20 Minuten rum. Hast du eine ausgestorbene Tierart entdeckt?“ Urgh. Es war Garry. Sie hasste Garry. Er war so etwas wie ihr Partner. Zusammen kontrollierten sie Kinderheime, Waisenhäuser und Adoptionsfamilien auf das Einhalten der vorgegebenen Standards und der Gleichen. „Ich habe ein altes Notizbuch gefunden, vermutlich ein Tagebuch oder so“, antwortete sie, seine Sticheleien einfach ignorierend. Garry war so ziemlich der nervigste Mitarbeiter den man sich vorstellen konnte. Er war extrem arrogant und unfassbar besserwisserisch. Sich selbst hielt er für den Mittelpunkt der Welt um den sich alles zu drehen hat. Prompt ertönte seine hollywoodreife Schnösel-Stimme: „Steck deine Nase nicht in die Angelegenheiten der armen Kleinen und komm mit, mir reden jetzt mal mit ein paar der Kinder.“ Mit diesen Worten verließ er schwungvoll den Türrahmen in dem er sie beobachtet hatte und glitt energischen Schrittes den Korridor hinunter.

 

2

Rebecca tippte nervös auf  ihren Knien herum, während ich mit ihr im Büro auf die Schwester wartete, um unsere neuen Adoptiveltern kennenzulernen. Die Tap-Geräusche, gedämpft durch die weiße Strumpfhose, welche ab ihren Fußspitzen bis hoch zu den Schenkeln reichte und brav in einem kleinen Rock mündete, wurden jäh unterbrochen, als sich die Tür zum Büro langsam öffnete und Schwester Abby mit einer großen blonden Frau in rotem Mantel und einem etwas kleineren Herrn in Jackett und mit einem kleinen Monokel vor dem rechten Auge hereinkam. Schwester Abby machte uns miteinander bekannt und führte eine lange Unterhaltung mit beiden Partien über Erziehung, Regeln und unsere individuellen Persönlichkeiten und Vorlieben. Die beiden waren einfach toll- herzlich, großzügig und witzig. Rebecca konnte es kaum erwarten, in die große Limousine einzusteigen, die bereits mit eigenem Chauffeur am Ausgang des Waisenhauses wartete. Eigentlich war es mehr ein Kloster, als ein Wasenhaus. Denn die alten Gemäuer waren mal genau das- ein Kloster. Mit der Zeit hatte sich lediglich die Bezeichnung geändert, doch noch immer wurden die Kinder von Nonnen betreut und streng mit dem christlichen Glauben erzogen. Auf der Rückbank der Limousine angekommen, stupste mich Rebecca mit dem Fuß an und raunte leise: „Mir kommen diese Typen irgendwie komisch vor…, was meinst du?“, „Bist du irre?!“, fuhr ich sie daraufhin mit einem bestürzten Gesichtsausdruck an „Das einzige, was an ihnen komisch ist, ist, dass sie verdammt nochmal viel zu perfekt sind!“, setzte ich noch hinzu, woraufhin sie sich nur abwinkend zum Fenster drehte und verträumt der vorbeirauschenden Landschaft hinterher blickte, welche uns mit jedem Pferd, jeder Weide, jedem Baum und jedem Strauch weiter von unserem Gefängnis der letzten 3 Jahre entfernte. Langsam bahnte sich ein unfassbar warmes und belüftendes Gefühl an, kroch durch meine Finger schleichend immer weiter, Finger für Finger und Knochen für Knochen, bis es mich letztendlich, als wir das gelbe Schild, auf dem das durchgestrichene  „Gatersburg“ dem Wort „Freidental“ wich, passierten, komplett einnahm- es war das Gefühl von Freiheit.

 

3

Auch Kate wand sich nun zum Gehen, schließlich hatte sie heute Nachmittag noch Yoga und wollte nicht so spät zuhause sein. Als sie das Zimmer verließ hielt sie sich rechts und gelangte schließlich über einen langen Korridor zu einer großen steinernen Wendeltreppe. Hier musste es sein, die Treppe hatte Schwester Theresa erwähnt, nur konnte sich Kate nicht daran erinnern, in welche Richtung sie die Treppe gehen sollte. Ihr Problem sollte sich wohl bald von selbst lösen, als Garrys unverkennbare Stimme von unten bemerkbar machte und sie dazu anhielt, nun endlich ihren Arsch zu bewegen.  Sie setzte sich in Bewegung und stieg die Stufen hinab. Unten angekommen schlugen ihr die schwüle Luft und der seltsame Geruch ins Gesicht und es wirkte als hätte sie eine andere Klimazone betreten. Es wurde viel kälter, eine säuselnde Briese streifte ihr Gesicht und brachte einen fauligen Geruch mit sich. Es platschte kaum merklich neben Kate, welche den Kopf emporstreckte und Wassertropfen an der Decke ausfindig machen konnte. Sofort zückte sie ihren Notizblock und notierte sich Gesehenes. Zaghaften Schrittes folgte sie dem Korridor weiter. Es schien von Meter zu Meter dunkler und auch kälter zu werden. Den elektronisch betriebenen Leuchten sind etwa seit der Hälfte des Ganges an den Wänden angebrachte Fackeln gewichen, welche statt Wärme jedoch lodernde Beklemmnis und Unsicherheit in Kate hervorriefen. Sie beschleunigte ihren Gang und presste sich ihren Notizblock dabei stark gegen die Brust, wie ein Baby, dass sie aus einem brennenden Gebäude retten wollte. Der Gang schien kein Ende nehmen zu wollen und Kate bog um diverse Ecken, jedoch ohne auch nur etwas Büro-ähnliches ausfindig machen zu können. Doch dann weitete sich der Korridor zunehmend und am Horizont erblickte sie tatsächlich eine hölzerne Tür.  Ihr Herz hüpfte eine, ach was rede ich eigentlich, zehn Etagen höher und Kate beruhigte ihre Bewegungen langsam, während sie die Abdrücke in Augenschein nahm, die sie auf ihrem Notizblock mit ihren Nägeln, welche übrigens eine Pediküre gut gebrauchen könnten, hinterlassen hatte und entkrampfte diesen Klammergriff allmählich. Sie merkte, wie lächerlich sie sich verhalten hatte, denn auf einmal wirkte alles wärmer und heller und ein Blick über die Schulter verriet ihr, dass sie in Wahrheit nur knappe 30 Meter zurückgelegt hatte. Ihre Panik rührte wohl von all den Horrorfilmen, die sie in all den einsamen Nächten gerne mit ihrem einzigen wahren Freund Jack Daniels schaute. Das Erfühl der Erleichterung sollte jedoch nicht allzu lange bestehen, als sich die Tür vor ihr mit einem Schwung laut knallend öffnete und ein damit einhergehender Windzug alle Fackeln außerhalb des Raumes hinter der Tür löschte.  In dem Zimmer standen sechs Nonnen in einem Halbkreis um einen kleinen Tisch mit einem großen ledergebundenen Buch darauf. Die Luft wurde schwer und dick, ihre Kehle schnürte sich immer mehr zu und auf ihren Brustkorb wurde plötzlich so viel Druck ausgeübt, als hätte man einen Amboss auf sie gelegt. Ihre Knie gaben nach und sie sackte zu Boden, von wo aus sie angestrengt nach oben Blickend verschwommen die Nonnen sehen konnte, welche ihren zuvor gebannten Blick auf das Buch in der Mitte gleichzeitig zu lösen schienen und ihre Köpfe langsam hoben und in ihre Richtung zu drehen begannen. Kates Atem ging schneller, ihr Puls schnellte so rasant in die Höhe, dass jedes Gerät an einem Krankenhausbett sofort Alarm geschlagen hätte. Sie versuchte den Blick abzuwenden, versuchte, davonzukriechen oder wenigstens die Augen zu schließen, doch ihr Körper gehorchte keinem ihrer Befehle.  So lag sie dort regungslos am Boden und das von dem Raum, von den Nonnen und von dem grässlichen Buch, auf dessen Vorderseite sich ein großer Baphomet abzeichnete, ausgehenden, unausweichliche Unheil abwartend.

 

4

Zitternd spielte ich mit einem kleinen Kieselstein, den ich zwischen meinen dürren verdreckten Fingern hin und her bewegte. Die Wunde an meinem Knöchel unter der Fußfessel wurde von Minute zu Minute schlimmer und tat furchtbar weh. Leise schlichen sich ungebetene Gäste meine Tränendrüsen entlang und fanden Gefallen daran, meine Wange hinunterzustürzen. Leise begann ich in meine Armbeuge zu meinen. Aus dem Dunkeln legte sich unverhofft ein Arm um meine Schulter und Rebecca lehnte ihren Kopf an meinen Oberarm. „Hey, Süße, nicht weinen. Das versaut dir nur das hübsche Gesicht“, flüsterte sie mir ins Ohr und obwohl ich nichts sehen konnte, spürte ich ihr herzliches Lächeln, wie es sich von hinten unter mein belastetes Gemüt schob und es mit aller Kraft nach oben stemmen zu versuchte. Wenn auch nicht viel, gab es mir etwas Kraft und hörte auf zu weinen. Ich weiß nicht, seit wie vielen Tagen wir nun schon in diesem Keller eingesperrt sind, da nicht ein Sonnenstrahl unser Verlies erreicht. Eingetaucht in tiefes schwarz vegetieren wir hier unten vor uns hin, voller Grauen, was uns erwartet. Nachdem wir vom Waisenhaus bei der großen Villa der Richards, so hieß unsere Adoptivfamilie, wurden wir hinein und auf unsere Zimmer geführt. Daraufhin gab es eine Tasse Tee für uns. Danach sind wir zusammen in diesem dunklen Loch aufgewacht und bekommen in unregelmäßigen Abständen über eine kleine Luke verschimmeltes Brot und schmutziges Wasser. Erst weigerte ich mich, es zu essen, doch mit der Zeit wuchs auch der Hunger, sowie die Erkenntnis, dass es vielleicht für lange Zeit nichts anderes mehr geben wird, weswegen ich mich dann doch dazu überwand, es zu essen. An diesem tag schliefen Rebecca und ich gemeinsam, Arm in Arm ein, uns gegenseitig tröstend, doch uns beider der Tatsache bewusst, dass die Situation ausweglos erscheint. „Hey, Lisa“, wimmerte Rebecca mir entgegen. „Ja“, antwortete ich, ebenso kraftlos. „Glaubst du, wir werden das schaffen?“. „Was schaffen?“. „Na, von hier zu verschwinden, diesen scheußlichen Ort zu verlassen…“, sie stockte einen Moment, schluckte dann und sprach weiter: „…nicht zu sterben?“. Bei den letzten Worten gefror mir das Blut in den Adern. Ich hatte noch nicht an diese Option gedacht. Und ich wollte es auch gar nicht. Bei diesem Gedanken wurde mir übel und ich wand mich mit ernster Miene, auch wenn ich wusste, dass Rebecca mich nicht sehen konnte, an sie und sagte: „Hey! So wollen wir gar nicht erst anfangen. Wir werden hier rauskommen und wir werden ganz sicher nicht sterben.“. „Wirklich?“. „Wirklich.“. „Versprichst du es mir Lisa?“. Kurz musste ich zögern, da mir durchaus bewusst war, dass ich ein solches Versprechen niemals abgeben konnte, doch das einzige, was uns hier unten nicht verzweifeln lässt, ist Hoffnung. Selbst der kleinste Funken, das kleinste Aufblitzen, selbst, wenn wir beide wissen, dass es erlogen ist, ist Hoffnung das einzige, was uns erhalten bleiben muss. Sie muss es einfach. „Versprochen“, sagte ich.

 

 

5

Sechs Gesichtslose Kutten stierten nun in Kates Richtung und sie spürte ein scharfes Stechen mitten in ihre Seele. Über dem Türrahmen begannen sich nun orange Lettern in den Stein zu brennen. Glühende Buchstaben formten sich zu einem Satz, der Kate bereits bekannt war, ihr den Atem stocken ließ und die Besinnung raubte. „Finit hic deo Valak incipit“ prangte nun über der schweren Tür. Vor Kates Augen färbte sich alles schwarz und jegliches Gefühl wich aus ihrem Körper, als sei sie in eine Saftpresse gesteckt und ausgequetscht  worden, fühlte sie sich wie plattgedrückt, ja beinahe inexistent. Doch dann kroch leise etwas Gefühl zwischen die Finger ihrer rechten Hand, die etwas zu umschließen schien. Auch unter ihren Füßen kehrte die Standhaftigkeit zurück und als sie die Lider aufschlug, fand sie sich selbst am Türrahmen lehnend und Garry davonstackseln hören, wie er ihr befahl, ihren rasch zu bewegen. Langsam kehrte sie in die Wirklichkeit zurück und realisierte mit der Geschwindigkeit eines wachsenden Baumes, dass ihr kleiner Ausflug in die Kellergewölbe wohl bloß eine Vision, ein Tagtraum oder dergleichen gewesen sein muss. Sie schüttelte sich einmal kräftig und ging dann Garry hinterher. Auf dem Weg hörte sie Stoff reißen und bemerkte das alte Tagebuch in ihrer Tasche und auf einen Schlag waren ihr wieder die Worte im Kopf, die Worte des Tores zur Hölle.

 

 

6

Prompt riss mich ein Schrei aus dem Schlaf. Rebecca wurde unter starker Gegenwehr durch eine fremde Macht aus meinen Armen entrissen. Ich konnte nicht rechtzeitig reagieren, um sie festzuhalten. Die Gestalten, die zu uns gekommen sind, lösten ihre Fußfessel und schleiften sie an beiden Füßen über den rauen Granit zur Tür hinaus. Sie schrie ununterbrochen und durch den faden Lichtschein aus der offenstehenden Tür konnte ich ihr blankes Entsetzen sehen. Es stach mir mitten ins Herz und ich wünschte, ich könnte ihr die Angst und die Qualen nehmen, doch ich war machtlos. Nun spürte ich endgültig, wie die jüngst gewonnene Freiheit, wie schwarzer Teer aus meinen Liedern sickerte, zäh an mir hinablief und sich über den kalten Boden ins Nichts flüchtete. Kraftlos saß ich da an der rauen Wand, als ich hörte wie Dumpfe Schläge auf rohes Fleisch zu mir drangen, als würde man ein Schnitzel zum panieren zubereiten. Auf das dumpfe Hallen folgten markerschütternde Schrie, die von Mal zu Mal immer leiser, verzweifelter und unerträglicher wurden. So machtlos wie in diesem Moment habe ich mich mein ganzes Leben nicht gefühlt. Ich versuchte mich, an schönen Erinnerungen an meine gemeinsame Zeit mit Rebecca zu entsinnen. Das sind so ziemlich die einzigen schönen Erinnerungen die ich habe. Meine Eltern waren beide Junkies, als ich auf die Welt kam und ich wurde ziemlich schnell vom Jugendamt weggeholt. Mit 4 kam ich in mein erstes Waisenhaus, welches ich dann mit 8 für eines mit älteren Kindern verließ, bis ich mit 12 in das Nonnen-Kloster kam. Dort lernte ich Rebecca und das erste Mal eine echte Freundin kennen. Mit 13 erfuhr ich, dass meine Alten zusammen an einer Überdosis abgekratzt waren und obwohl sie mir nie etwas gegeben haben und ich keinerlei positive Erinnerungen an sie hatte, tat es ziemlich weh, da tief in mir wahrscheinlich immer noch die Hoffnung saß, dass sie eines Tages clean werden, mich abholen und wir eine glückliche Familie werden können. Auch wenn ich wusste, dass es lediglich Wunschdenken war, hielt mich diese Hoffnung die ersten 13 Jahre lang am Leben. Danach bin ich also in ein tiefes Loch gefallen, aus dem ich niemals dachte, wieder herauszukommen, bis ich Rebecca traf. Sie lachte mit mir, sie weinte mit mir und hörte mir zu. Mit ihr hatte ich das erste Mal richtig Spaß und konnte lachen, ohne eine Maske dafür aufsetzen zu müssen. In gewisser Weise hat sie mein Leben gerettet und ich wollte ihr das schon immer zurückgeben. Und jetzt, wo ich ihr helfen könnte, sie beruhigen, beschützen sollte, bin ich so machtlos wie ich es noch nie war, und das bringt mich um. Inzwischen waren die Schreie verstummt und durch die massiven Wände drang nur noch ein leises Wimmern in das ich in die Dunkelheit hinein einstimmte.

7

Unsanft wurde auch ich aus meinen Träumen gerissen, als man mir die Fesseln löste und mich an den Haaren hinausschleifte. Die Schmerzen waren enorm, jedoch war ich noch halb in meinem Delirium, weshalb es auszuhalten war. Hinaus durch die Tür in einen schmutzigen Korridor, an den Wänden Schimmel und Rost und der Boden war getränkt von stinkenden Exkrementen, Urin und Blut. Die Kerle schoben eine große stählerne Tür zur Seite und schleiften mich in einen weiteren Raum. Der Anblick, welcher sich mir dort bot, war unbeschreiblich grausam. Blut verzierte Die Wände, den Boden und sogar die Decke wie ein riesiges Gemälde und auf kleinen Wägen lagen Messer, Sägen, Hämmer und Äxte. Das schlimmste war jedoch Rebeccas geschundener Leib, der nackt an einem gigantischen hölzernen Kreuz genagelt war. Wie Jesus Christus höchst selbst hing sie dort, völlig weggetreten von der Pein. Ihr Gesicht war übersäht von Schwellungen, eitrigen Wunden und Verkrustungen. Pures Entsetzen fuhr durch meinen gesamten Körper und nistete sich tief in meinen Kopf. Ich verspürte eine nie dagewesene Angst und schrie vor lauter Panik meine Seele aus dem Leib. Noch furchteinflößender war jedoch das auf dem Boden liegende zweite große Kreuz, neben dem bereits Hammer und Nägel bereit lagen. Von schierer Furcht und Hass gepackt trat ich nun um mich und zappelte wie eine gefangene Forelle. Ein harter Schlag mit einem Schraubenschlüssel verlieh meiner Aktion jedoch einen gewaltigen Dämpfer und mir wurde schwarz vor Augen.

 

8

Als Kate an diesem Abend nach Hause kam, warteten ihr Goldfisch Remo, Kater Louis und ein großer Haufen ungewaschener Wäsche, sowie Formulare auf sie, welche aus dem Waisenhaus des heutigen Besuches stammten. Sie galt es heute noch durchzusehen, die Wäsche konnte warten. Die Erlebnisse des heutigen Tages saßen immer noch tief bei ihr, jedoch wollte sie das einfach wieder vergessen, es war schließlich nicht echt… es wirkte jedoch so real… Kate googelte „Tagträume“. Bei Wikipedia gab es viel darüber zu lesen, dies vertagte sie jedoch auf morgen. Oder nächste Woche, da letzte Woche morgen schon die Wäsche dran war. Also widmete sie sich den Papieren, doch sah diese nur halbherzig durch, da sie dieser lateinische Satz in Gedanken nicht losließ. Sie schlug ihn in dem Tagebuch, das sie gefunden hatte, nach „Finit hic deo Valak incipit“. Sie gab den Satz bei Google Übersetzer ein und bekam „Hier endet ein Gott beginnt Valak“ raus. Gerade bei Latein ist man vom Internet ja keine Glanzleistungen beim Übersetzen gewohnt, sodass sie den Satz etwas umstellte und so letztlich auf „Gott endet hier und Valak beginnt“ kam.  Zuerst versuchte sie den ganzen Satz zu recherchieren, da es sich eventuell um ein Sprichwort handeln könnte, doch das ergab keine Treffer. Dann versuchte sie es nur mit „Valak“ und erhielt einen Haufen Treffer. Valak scheint ein altertümlicher Dämon zu sein. Laut Internet befehlige er 30 Legionen der Hölle und sei ein Hohepriester dieser. Er erscheine als Kind mit Flügeln und reite einen Zweiköpfigen Drachen. Bei zureichender Opfergabe, beantworte er die Frage nach verborgenen Schätzen. Kate konnte diese Informationen noch nicht so ganz zuordnen, weswegen sie den Fall erst einmal zu den Akten legte und sich wieder den Formularen widmete. Sie schenkte sich eine großzügigen Schluck Jackie ein und trank ihn in beinahe einem Schluck aus.

 

9

Weit entfernt hörte ich leise Töne durch den weißen Schleier, der mich umgab und spürte, wie etwas meine Wange streichelte. Langsam legte sich der Nebel, die Stimmen wurden lauter und das Kitzeln verwandelte sich schlagartig in schmerzhafte Schläge mit dem Handrücken. Ich schlug die Augen auf und blickte in eine grinsende Fratze, voller Sadismus und Raserei. „Biste doch endlich aufgewacht du Schlampe, dachte schon, wir müssen den ganzen Spaß ohne dich haben.“, lachte die Fratze und wandte sich ab. Mein Blick schwang rüber zu Rebecca die geknebelt und noch immer bewusstlos an ihrem kreuz hing. Auch ich befand mich inzwischen auf  einem Kreuz, jedoch lag ich und war lediglich mit Seilen in der Jesus-Haltung fixiert. Ich drehte meinen Kopf in Richtung Fratze und sah, wie er lachend den Hammer schwang und nach der Packung Nägel langte. Dann kam er auf mich zu und rotzte mir ins  Gesicht. Er schlug mich wieder und wieder ins Gesicht, welches an vielen stellen aufplatze. Die Schmerzen waren unerträglich, ich schrie, doch dann ließ er von mir ab. Er nahm sich einen Nagel und setzte ihn an meine Handfläche an. Dann holte er mit dem Hammer aus und schlug den ersten Nagel mit einem fast perfekten Schlag beinahe bis zum Anschlag in meiner Hand. Die Schmerzen breiteten sich von meiner Hand aus wie ein Lauffeuer und wanderten impulsartig durch meinen gesamten Körper, bis einer dieser Impulse in meinem Kopf ankam und mich ausknocke. Als ich wieder zur Besinnung fand, stand mein Kreuz bereits aufrecht und ich war gnadenlos daran festgenagelt worden. Die Gefühle, die meine Gliedmaßen aussanden, waren unbeschreiblich qualvoll und ich konnte nicht anders, als bitterlich zu weinen. Doch schon trat Fratze wieder auf die Bildfläche und grinste mich an. Ich spuckte ihm mitten ins Gesicht und schrie wild herum. „Halt die fresse du beschissene Schlampe!“, keifte die Fratze und holte mit einem Vorschlaghammer aus. Er drosch seitlich gegen meine Kniescheibe und zertrümmerte diese hoffnungslos. Ich spürte meine Knochen splittern und was ich dann von mir gab, war kein Schrei mehr. Nein, es war nicht mal mehr menschlich. Die unvorstellbaren Qualen setzten meinem Verstand viel mehr zu, als meinem Körper. Ich konnte ihnen psychisch nicht standhalten. Jedes mal zerbrachen sie mich und ich erwischte mich dabei, aufzugeben. Doch ich wollte noch nicht aufgeben. Ich sah die Fratze nun zu Rebecca gehen und sie angrinsen. Sie schien zu erwachen und in dem Moment, in dem sie realisierte, wo sie war begann sie wieder zu schreien. Und Rebeccas Schreie bereiteten mir mehr Qualen, als jede Verletzung die man mir zufügte. Die Fratze holte ein langes Rohr, was auf einer Seite abgebrochen war. Er ging auf Rebecca zu und führte ihr das Rohr vaginal ein. „Jaaaaa, gute Fotze, schön rein damit“, stöhnte die Fratze und bevor Rebecca bemerkte, was passiert, schrie ich auch schon los und flehte ihn geradezu an, sich an mir anstatt an ihr auszutoben. Er hielt inne und schaute zu mir herüber. „Schätzchen keine Sorge, zu dir komme ich noch.“ Das Rohr war nun fast komplett in ihr verschwunden und sie wand sich vor Schmerzen. Es musste mindestens 40cm lang gewesen sein. Die Fratze ging ein Stück weg und kam mit einer Rolle Stacheldraht zurück. Er streifte einen Handschuh über und zog ein langes Stück Stacheldraht ab. Nachdem er es mit einer Rosenschere abgetrennt hatte, führte er es durch das Rohr in Jessica ein. Als es ganz drin war, zog er das Rohr mit einem Zug raus, sodass nur noch der Stacheldraht zurückbliebe. Kurzerhand griff er ihn und zog ihn ungefähr bis zur Hälfte raus, wodurch Rebeccas Innereinen zerfetzt wurden. Dementsprechend klangen auch ihre Schreie.

 

10

Kate war in der Zwischenzeit auf etwas ziemlich Interessantes gestoßen. Der Jackie schien ihr wohl eine Detective-Brille aufgesetzt zu haben. Nachdem sie die Spendenliste für das Waisenhaus durchgegangen war, ist ihr aufgefallen, dass viele der Spender, auch Adoptiveltern wurden. Auch ist ihr Aufgefallen, dass das Waisenhaus insgesamt von 3 großen Familien finanziert wird. Den drei Gründerfamilien des größten Aktienkonzernes Amerikas. Daraufhin ist sie jede einzelne Adoption der letzten 30 Jahre durchgegangen und jedes einzelne Kind wurde von einem Familienmitglied dieser drei Familien, aus den letzten 3 Generationen adoptiert. Außerdem wurde keines dieser Kinder jemals in einer Schule angemeldet, den Akten zufolge sollen sie alle ausnahmslos Privatunterricht erhalten haben. Diese Kinder wurden also nie wieder von irgendjemandem gesehen. Kate war sich zu 110% sicher, an etwas ganz Großem dran zu sein. Ihre Gedanken schweiften von Menschenhandel über Haussklaven oder Organhandel. Dann fiel ihr Blick auf die offene Seite über Valak und die Erkenntnis traf sie wie einen Schlag. Das konnte doch nicht… das geht doch gar nicht…. Wie könnte jemand nur…Sie scrollte weiter runter und sah einen Link zu einem Buch, in dem es nähere Informationen geben solle. Sie klickte den link und wäre fast vom Stuhl gekippt, als sie das Cover das Buches über den Bildschirm flackern sah. Es war das Buch aus ihrem Tagtraum im Waisenhaus, auf dessen Vorderseite ein riesiger Baphomet prangte. Sofort kaufte sie die Ebook-Version und suchte nach Valak. Laut dieses Buches gebe Valak den Aufenthaltsort von Schätzen preis, wenn ihm eine gequälte Seele bei lebendigem Leibe als Brandopfer dargebracht werde. So wussten sie also immer, welche Aktien sie zu welchem Zeitpunkt kaufen sollten, schoss es Kate durch den Kopf. Sie kramte in ihren Unterlagen und suchte die Adresse der jüngst adoptierten Mädchen Rebecca und Lisa. Sofort griff Kate zu dem 66er Revolver in ihrer Schreibtischschublade und rannte zu ihrem Wagen. So schnell sie konnte fuhr sie Richtung Waisenhaus. Auf dem Weg rief sie die Polizei an: „Officer, bitte kommen sie schnell in die Palm Avenue 35… sie, sie foltern sie…und sie, sie opfern sie… kleine Mädchen, KINDER! Lebendig werden sie verbrannt…nur, …“.  An dieser Stelle erstickte der gigantische Kloß in Kates Hals ihre Worte, als würden sie plötzlich von der Flut an nahenden Tränen, die schon fiebernd am Ausgang von ihren Tränendrüsen warteten, ertränkt. Schonungslos begann sie zu weinen und verlor beinahe die Fassung, während der Officer an dem anderen Ende der Leitung hoffnungslose Beruhigungsversuche startete. Als sie den Blick wieder auf die Straße richtete, sprang ein Reh aus den Böschungen seitlich der Straße. Sie erschrak und glitt seitwärts von der Straße und sah noch mit Entsetzenden nahenden Gemeindebus auf sich zu kommen, bevor sich alles zu drehen begann, sie den Boden unter den Füßen verlor und in ihrem Auto seitlich auf die Leitplanke geschleudert wurde. In all der zuvor herrschenden Hektik musste sie vergessen haben den Sicherheitsgurt anzulegen bevor sie losgefahren war. So öffnete sich die Tür während des Zusammenpralls und sie wurde aus dem Auto über die Planke den Abhang dahinter hinuntergeschleudert. Unsanft setzte sie mit dem Gesicht auf dem dreckigen Boden auf. Kleine Stöcker und Steine bohrten sich auf ihrem Weg nach unten in ihre Haut und Büsche zerkratzen ihre Beine. Unten angekommen blieb sie in mitten einer riesigen Staubwolke liegen.

11

Mit der Rosenschere wand sich die Fratze nun an mich, setzte an meinem Nippel an und schnitt ihn glatt ab. Er trennte mit ebenfalls jeden Finger einzeln von meiner rechten Hand ab und stopfte mir nacheinander alle in den Mund, bis ich daran zu ersticken drohte und er sie herausnahm. Mit einem Skalpell schnitt er mir quer durch das Fleisch, wahllos schien er mich zu zerschnippeln. Dann setzte er einen ganz tiefen Schnitt unterhalb des Bauches und legte so einen Teil meines Darms frei. Während er in mir rumwühlte und ich schon beinahe nichts mehr spürte, liefen Literweise Blut, Urin und Scheiße aus Rebecca, da die Fratze den Vorgang mit dem Stacheldraht rektal wiederholt hatte. Sie stammelte nur noch kaum merklich irgendwas und war völlig weggetreten. Plötzlich japste die Fratze vor Freude und zog etwas winziges aus mir heraus- es war ein Embryo. Zu diesem Zeitpunkt war mir nicht bewusst, dass ich schwanger war, doch unter all den Schmerzen und der Trauer konnte ich kaum Gefühle für das kleine Wesen entwickeln und nahm es so hin, wie es war. Er trennte das Embryo von der Nabelschnur, ging hinüber zu Rebecca und schob es ihr wie einen Pfropfen in Vagina und Arsch, welche durch all die Penetration mittlerweile zu einem Blut triefenden, riesigen Loch verschmolzen waren und stoppte somit die Blutung. Abermals trennte er ein sehr langes Stück Stacheldraht ab, kam aber dieses Mal auf mich zu. Schon lange hatte ich aufgehört mich zu fürchten, oder mir irgendwelche Hoffnungen aufs Überleben zu machen. Er umwickelte meinen Kopf dreifach mit dem Draht, sodass er mir durch den Mund, über die Augen und um die Stirn hing. Die scharfen Klingen schnitten meine Iris auf und drangen tief in mein Auge ein. Es lief aus der Höhle in einem Rinnsal aus Blut, Eiter und anderen Körperflüssigkeiten. Meine Wangen wurden längst aufgeschnitten und öffneten meinen Mund immer und immer weiter. Leise begann ich jedoch trotzdem zu weinen und dann schrie ich. Nicht aber der Schmerzen oder der Pein wegen. Nein, ich schrie, weil ich Rebecca nicht beschützen konnte. Durch das Schreien schnitt mir der Stacheldraht bis zu den Ohren und aus meinem Mund ergoss sich ein Schwall aus Blut, der meine Schreie in einem nassen Gurgeln ersticken ließ. Tränenverströmt blickte ich mit dem nicht zerschnittenen Auge zu Rebecca und sagte ihr in Gedanken, dass es mir unendlich leid tut. Rebecca war ohnmächtig und hing schlaff an ihrem Kreuz.

 

 

 

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Kate öffnete orientierungslos die Augen und brauchte einige Sekunden, um wieder klar im Kopf zu werden und sich zurecht zu finden. Langsam richtete sich auf und dachte, jeden einzelnen Knochen in ihrem Körper spüren zu müssen. Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen und blickte den Abhang hinauf, auf dem sich dutzende Kinder und Gemeindemitglieder panisch tummelten, die Ausmaße der Schäden ermittelten und ihr sorgenhafte Blicke zu warfen. Eine Ordensschwester schien sogar die Polizei zu verständigen, was Kate sehr erleichterte, für den Fall, der Officer von ihrem Telefonat vorhin habe sie nicht verstehen können, oder das Handy ging vor einer erfolgreichen Ortung zu Bruch. Mit Erleichterung bemerkte sie, dass sie der Sturz dem Anwesen deutlich nähergebracht hatte und machte sich schnell auf, dem langen Feldweg in Richtung Besagtem folgend.

 

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Benommen sah ich, wie die Fratze einen großen Tisch mit einer Apparatur darauf in den Raum schob. Bei genauerem Hinsehen konnte ich einen großen rauen Schleifstein aus Granit ausmachen. Er bückte sich vor mir hin und zückte seinen Hammer. Kurzerhand riss er mir die Nägel aus den Füßen und schmiss sie zu Boden. Er zwang das Gestell zwischen meine Beine und fixierte diese links und rechts mit Schlaufen an dem Tisch, sodass ich breitbeinig über dem Schleifstein stand. In grausiger Erwartung auf das Folgende bohrte sich mein Pilsschlag fast durch meine Brust, als wolle er diesem Höllengefängnis entfliehen. Und ja, ich wollte sterben. Als er den Schleifstein anschaltete und ich kurzerhand meine Schamlippen, gefolgt von einer Welle dunkelroter Blutspritzer, durch den Raum an die gegenüberliegende Wand fliegen sah, verlor ich das Bewusstsein. Als ich wieder zu mir kam, sah ich die Wand vor mir, wie ein modernes Kunstwerk, besprenkelt mit Blut und verziert mit Fleischstückchen und Hautfetzen. Dann erblickte ich die Fratze, wie sie Rebecca mit ihrem Kreuz, welches auf Rädern zu stehen schien, anhob und aus dem Raum hinausschob.

 

 

14

Kate hatte das große Anwesen erreicht und suchte nach einem offenen Eingang. Nachdem sich die Vordertür als verschlossen erwies, gelang ihr das auf einem langen Korridor wieder. Ein paar Treppen weiter unten wurde die Luft moderiger und kälter. Plötzlich zog ihr ein grauenhafter Gestank der Verwesung in die Nase, der sie glauben ließ, ihre Nase müsse auf der Stelle von innen wegätzen. Auf einmal hörte sie Stimmen und das Quietschen von etwas, was auf Rollen transportiert worden schien. Schnell versteckte sie sich hinter einer Ecke und umfasste den Griff des Revolvers so hart, dass ihre Gelenke weiß hervortraten. Sie hatte unheimliches Glück, dass sie ihn bei dem Sturz Eintreten durch eine kleine Seitentüre, weiter hinten am Haus. Über eine kleine Treppe hinab gelangte sie in die Waschküche, durchquerte diese und fand sich nicht verloren hatte. Siespähte um die Ecke und sah einen Mann, der eine mit einem Tuch bedeckte Apparatur vor sich herschob. Leise nahm sie die Verfolgung auf. Ihr Herz pochte bis zum Hals und ihre Hand war mittlerweile so vom Schweiß getränkt, dass der Revolver jede Sekunde drohte, kurzerhand aus der Hand zu rutschen. Sie kamen an einer riesigen hölzernen Tür an, über welcher die altbekannten Lettern prangten. Ein eiskalter Schauer durch sie und sie ging abermals hinter einer Mauer in Deckung. Der Mann öffnete die Tür und gab somit den Blick auf ein grauenhaftes Szenario frei. Vor ihr lag ein halbkreisförmiger Raum, dessen Wände von großen Säulen geziert waren. In der Mitte befand sich eine Art Alta, mit einer großen Schüssel darauf. Unmittelbar dahinter hing ein großes Kreuz mit einem Jesus Christus daran an der Wand. Links von ihm hing ein weiteres Kreuz, an dem sich ein lebendiges Mädchen genagelt befand, welche sich nur noch Schwach unter den Schmerzen krümmte und wimmerte. Der Mann zog das Tuch von seinem Gestell und offenbarte so den Blick auf ein weiteres großes Kreuz mit einem Mädchen daran. Ihr schien es jedoch deutlich schlimmer ergangen zu sein, da ihr kompletter Körper entstellt und gezeichnet durch unzählige Verstümmelungen und Amputationen war. Er hing sie rechts von dem Jesus auf und verließ den Raum. Erst jetzt bemerkte Kate auch die sechs Nonnen, welche sich ebenfalls in dem Raum befanden. Vier von ihnen ließen große Schwenkräuchergefäße hin und her tanzen und somit kräuselnde Rauchschwaden aufsteigen. Eine weitere hielt das große Buch aus Kates Vision in den Händen und las einige Zeilen auf Latein vor. Währenddessen nahm sich die sechste Nonne die große Schale von dem Altar, ging zuerst zu der linken Frau, schnitt ihr ins Fleisch und fing etwas von ihrem Blut auf. Diesen Prozess wiederholte sie ebenfalls bei dem anderen Mädchen, bevor sie die Schale wieder auf dem Altar platzierte und ihr eigenes Blut hinzugab. Au einmal hob die lesende Nonne ihre Stimme, begann den freien Arm empor zu strecken und schien etwas Unsichtbares anzuhimmeln. Plötzlich entzündete sich der Schaleninhalt in einer blau lodernden Flamme. Ihr Stimme wurde immer lauter und schneller, während die Nonne mit dem Messer langsam auf das Altar zuging, die Schale mit beiden Händen umfasste und schließlich ihr Gesicht in dem Gemisch verschwinden ließ. Auf einmal spürte Kate leichte Vibrationen im Boden, das Feuer der Fackeln tanzte wild umher und feiner Putz rieselte ihr von der Decke in die Haare. Dann begannen sich die beiden Kreuze plötzlich zu drehen, bis sie schließlich einmal um 180 Grad gedreht waren und die beiden Mädchen auf dem Kopf hingen. Von der einen auf die andere Sekunde fingen die Kreuze an zu brennen. Das alte Holz knackte als die Luft zu entweichen begann und knarzte und bog sich unter der Last der Flammen. Das Feuer jedoch loderte in blauen Flammen und stob blitzende Funken in alle Richtungen. In derselben Sekunde noch füllte sich das Gesicht der Gequälten mit purem Entsetzen und sie begannen unter Höllenqualen zu schreien, bis ihre Stimmbänder sie nicht mehr unterstützten. Sie wurden ihm geopfert. Kate musste etwas tun, doch sie wusste den Mädchen nicht zu helfen. Aber mit jeder tatlosen Sekunde schwand die Chance auf Rettung. So stierte sie lediglich den Hahn ihrer Waffe bis zum Anschlag gespannt unter nervenzerreißender Anspannung. Plötzlich spürte Kate eine kalte Hand auf ihrer Schulter. Sofort fuhr sie herum und ohne gesehenes verarbeiten zu können schoss sie dem Polizei-Officer mitten ins Gesicht, sodass sich sein Hirn an der gegenüberliegenden Wand wiederfand. Ein hektischer Blick über die Schulter verriet ihr, dass die Nonnen nun auf sie aufmerksam geworden sind. Panisch feuerte sie zwei Schüsse in die Richtung der Nonnen, musste aber mit Entsetzen feststellen, dass die Kugeln einfach an ihnen abzuprallen schienen. Sie hechtete in Richtung Ausgang los, doch sah sich bereits einem Kugelhagel weiterer Polizisten entgegen, welcher sie regelrecht zu zerfetzen schien. Ihr Blut und Gedärme pflasterten die Wände, ihr Kopf zerplatze und ihr Hirn verteilte sich über dem kalten Boden.

 

15

Ich hatte die Frau am Eingang bereits zu Beginn bemerkt. Doch nun war sie tot. Unsere einzige Chance auf Rettung war verloren. Ich litt unter unvorstellbaren Schmerzen. Es fühlte sich an, als würde mir die Haut abgezogen, dann mit Salz bestreut und dann wieder festgemacht worden, nur um dann noch einmal abgezogen werden zu können. Die blauen Flammen schienen meinen Körper jedoch nicht zu verbrennen, da er unbeschadet blieb. Als ich die drei Polizisten den Raum betreten sah, keimte etwas ganz tief in mir, was ich schon lange für verloren glaubte, nein wusste, wieder auf. Es war die Hoffnung. Ihre Wurzeln rammten sich in mein Herz und durchwuchsen es mit einer wohligen Wärme. Ihre Äste schlängelten sich durch meine Glieder und verschufen ihnen wieder Gefühl, während sich die Blätter an meine Lunge setzten und mich wieder Atmen ließen. Doch so schnell diese Frucht in mir reifte, so schnell wurde der Wald in mir wieder gerodet, als die Polizisten von einer fremden Macht ergriffen in die Höhe stiegen. Der erste Polizist schien seine Gliedmaßen von sich zu strecken, woraufhin sie ihm aus den Gelenken gerissen wurden und sein zerfetzter Torso dumpf auf dem Boden aufschlug. Im Einklang mit diesem schlug auch etwas Dumpfes gegen den Stamm meiner Hoffnung. Der zweite Polizist wurden in der Mitte zerfetzt, während seine Gedärme im Raum herumspritzen und sein Kopf platze. Als er leblos den Boden errichte setzte ein zweiter Axtschlag an den Stamm an. Dem dritten Beamten riss es das Rückgrat heraus und zerquetschte den Körper wie in einer riesigen unsichtbaren Hand. Als auch sein Körper zu Boden fiel, durchtrennte die Axt den Stamm und meine Hoffnung erstarb aufs Neue, brach in mir zusammen und riss jegliche Empfindungen mit sich. Ich fühlte nun gar nichts mehr, keine Trauer, keine Hoffnung, keine Schmerzen. Mein Blick war leer, als die Nonne ihren Kopf aus der schale hob und alles um mich herum dunkel wurde.

 

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