SÜßES FÜR DIE KINDER – HANNEY HILL

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

  • 10.2019

„Mama? Mama, wann kann ich los?“ Ich ziehe aufgeregt an dem Ärmel meiner Mutter, die sich gerade um den Abwasch kümmert.

„Wenn deine Freunde da sind, Timo und Dominik müssten in zehn Minuten hier sein.“

„Okay.“ Schnell flitze ich in mein Zimmer und werfe mich auf mein Bett. Endlich ist Halloween, darauf habe ich schon so lange gewartet. Mama sagt zwar, dass sie dieses Fest bescheuert finden würde und dass wir diesen Quatsch von den Amis nicht mitmachen sollten, aber trotzdem hat sie mich geschminkt und mir ein Kostüm gekauft. Dominik und Timo dürfen ja auch Halloween feiern, also wäre es unfair, wenn sie es mir verbieten würde. Außerdem ist es doch toll, dass man so viele Süßigkeiten geschenkt bekommt!

Ich trage ein zerfetztes Kostüm und Mama hat mein Gesicht weiß angemalt, denn heute bin ich ein Zombie! Plötzlich klingelt es an der Haustür. Aufgeregt stürme ich in den Flur und reiße die Tür auf.

„Buh!“, ruft ein weißes Gespenst, das neben einer Mumie steht.

Dominik und Timo!

„Hallo Claudia“, begrüßt meine Mama Dominiks Mutter.

„Hallo! Timos Mutter will die beiden so gegen 21 Uhr bei dir abholen, ist das okay?“

„Na klar“, antwortet meine Mutter, dabei weiß ich ganz genau, dass sie lügt. Normalerweise muss ich um acht schon im Bett sein, sie mag es gar nicht, wenn es später wird.

„Na dann, dir einen ruhigen Abend“, verabschiedet sie sich und geht zu ihrem Auto.

Meine Freunde folgen mir in mein Zimmer. Timos Kostüm finde ich besonders toll, er hat sich von Kopf bis Fuß in Toilettenpapier eingewickelt. Dominik steckt unter einem weißen Bettlaken mit Löchern für Augen und Mund.

„Bist du ein Zombie?“

„Ja!“, antworte ich stolz.

„Wie cooool.“ Die beiden bewundern mein Kostüm und wären auch gern so toll geschminkt wie ich, aber das kann nur meine Mama. Außerdem geht das gar nicht als Geist, da sieht man das Gesicht doch sowieso nicht!

„Hier, nehmt jeder einen Beutel“, sagt meine Mama, als sie auf einmal in der Tür steht, und streckt uns die Baumwolldinger entgegen. „Und geht nicht in die Häuser, bleibt nur vor der Haustür, es gibt zu viele böse Menschen. Habt ihr verstanden?“

„Ja Frau Ritter“, antworten meine Freunde im Chor. Ich nicke eifrig, nehme mir einen Beutel und gehe voran zur Haustür.

  • Manuel

Nach einem anstrengenden Arbeitstag sehnt Manuel sich nach seinem hartverdienten Feierabend. Er fährt gerade in seinem Wagen nach Hause, da fallen ihm die mit Kürbissen geschmückten Gärten in der Nachbarschaft auf.

Schon wieder Halloween?

Er ärgert sich bei dem Gedanken an die kleinen Drecksplagen, die an diesem Abend wieder alle paar Minuten bei ihm klingeln würden. Er will einfach nur seine Ruhe haben und eine DVD schauen. Stattdessen werden die Kinder ihn um seine geliebten Süßigkeiten anbetteln und Sturmklingeln. Er hasst Halloween schon immer, jedes Jahr dieselbe Scheiße. Hunderte Kinder, die durch die Straßen laufen und in ihren lächerlichen Kostümen wie kleine Witzfiguren aussehen.

Warum tun die Eltern denn nichts dagegen? Sind die denn bescheuert? Wie können die es zulassen, dass ihre Abkömmlinge bei wildfremden Menschen um Süßes betteln?

Manuel kann nicht begreifen, dass dieses Verfahren erlaubt ist. Die Polizei müsste doch endlich mal einschreiten! Schließlich ist das Betteln in der Bahn auch verboten und dort wird schon nicht genügend dagegen vorgegangen. Aber kleine Kinder in albernen Kostümen durch die Straßen zu schicken, ist noch viel schlimmer.

Außerdem muss er immer wieder Angst um seinen Audi haben, Angst davor, dass sein Heiligtum mit Rasierschaum beschmiert und mit Toilettenpapier umwickelt wird. Die kleinen Rotzgören haben keinen Respekt vor dem Eigentum anderer und denken, sie können an Halloween tun, was immer sie wollen!

Schlechtgelaunt parkt Manuel vor seinem Haus, steigt aus und betritt endlich sein ruhiges Heim.

  • Pascal

„Schneller, schneller!“, ruft Timo und läuft auf das nächste Haus zu. „Sonst bekommen die anderen Kinder alles!“

Dominik und ich rennen ihm hinterher, Dominik kann mit seinem Gespensterkostüm aber nicht so gut laufen, er muss aufpassen, nicht über das Laken zu stolpern. „Wartet auf mich!“, ruft er.

Hechelnd erreichen wir die Haustür. Timo hat schon auf die Klingel gedrückt.

„Süßes oder Saures“, trällern wir im Chor, als eine alte Frau die Tür öffnet.

„Na ihr Kleinen, habt ihr euren Beutel denn schon ordentlich voll?“

„Nur halb“, erzähle ich fröhlich und strecke ihr meine geöffnete Tasche entgegen.

„Oh ja, da passt ja noch einiges rein. Also sucht euch etwas aus.“

„Oh ja!“

Sie reicht uns eine Schale mit Hanuta, Bonbons und Colalollys. Ich lange ordentlich zu und lasse die Süßigkeiten zu meiner restlichen Beute fallen, auch Timo und greifen voller Freude in die Schale.

„Und immer schön die Zähne putzen“, sagt die Frau. „Sonst bekommt ihr Karies.“

Ich weiß zwar nicht, was das ist, aber das Wort hat meine Mama schon einmal benutzt. Ich glaube, sie hat dieses Karies. Aber ich sehe sie nie Zähne putzen, nachdem sie etwas Süßes gegessen hat.

Wir verabschieden uns von der netten Frau und machen uns auf den Weg zum nächsten Haus. Es ist dunkel draußen und überall laufen andere Kinder durch die Straßen, manche sogar noch mit ihren Eltern. Das fände ich total blöd, zum Glück ist meine Mama nicht dabei und lässt mich und meine Freunde alleine Süßigkeiten sammeln.

  • Der Typ

Manuel hat sich Popcorn gemacht und die Schüssel auf den Couchtisch gestellt. Nun steht er vor dem DVD-Schrank und der schwierigen Frage, welchen Film er sich ansehen soll. Der Schrank ist voll von oben bis unten, für jeden ist etwas dabei. Komödien, Actionfilme, Lovestorys, sogar Serien fehlen nicht in seiner Sammlung.

Hmm.

Nach einer Weile ohne Entscheidung zieht er einfach irgendeine DVD aus der obersten Reihe. Er legt sie in den DVD-Player und kommt auf dem Weg zum Sofa an seiner schon geöffneten Flasche Whisky vorbei.

Ein Gläschen kann ich mir genehmigen.

Nachdem er sich ein Glas eingegossen hat, kann er es sich endlich auf dem Sofa gemütlich machen. Zufrieden nippt er an seinem Glas und startet mit der Fernbedienung die DVD.

„Ding Dong!“

Beim Klingeln der Haustür verwandelt sich sein frohes Lächeln in eine finstere Mine. Eine Ader an seiner Schläfe pocht bedrohlich und mit Aggressionen beladen springt er auf, läuft in den Flur und reißt die Haustür auf. Vor ihm stehen zwei Mädchen im Hexenkostüm.

„Süßes oder Sau-“

„-verpisst euch, ihr Nutten und lasst euch nie wieder hier blicken! Sagt das auch den anderen Blagen!“

Die zwei Mädchen fangen furchtbar an zu heulen, lassen ihre Süßigkeitenbeutel fallen und laufen weg. Mitleid? Kennt er nicht.

Manuel geht zurück aufs Sofa und kippt sich das ganze Glas Whisky in den Hals.

„Jetzt muss ich auch noch zurückspulen!“, spricht er mit sich selbst und greift nach der Fernbedienung.

Scheiß Rotzlöffel!

Gerade als er die DVD an der richtigen Stelle weiterlaufen lässt, klingelt es erneut.

„Ach verpisst euch!“ Manuel bleibt sitzen und hofft, dass sie schon von alleine weggehen würden, aber das Klingeln hört nicht auf.

Euch werde ich es zeigen!

Verärgert läuft er in den Flur und öffnet die Tür.

„Ich schwöre euch, ich-“ Doch vor der Haustür ist niemand. Stattdessen ist sein nigelnagelneuer Audi in Klopapier eingewickelt und eine weiße, schmierige Substanz ziert die Frontscheibe.

„Was … was habt ihr getan?“, schreit er und läuft zu seinem geliebten Wagen. Er wirf seinen Kopf nach links und rechts, kann aber bloß noch einen Jungen im Kürbiskostüm und einen Horrorclown wegrennen sehen.

„Bleibt stehen ihr kleinen Wichser! Bleibt sofort stehen!“ Manuel läuft ihnen bis zur nächsten Häuserecke hinterher, kann sie dann aber nicht mehr finden. „Ihr seid der größte Fehler eurer Eltern, ihr hättet abgetrieben gehört!“ Fluchend und fauchend brüllt er in die Straße hinein, die mit Halloweenkindern nur so überfüllt ist. Ein Teil von ihnen bleibt verdutzt stehen.

„Ihr alle seid es! Nutzlose, kleine Schmarotzer, die jedem Erwachsenen auf die Nerven gehen!“ Ganz außer Puste von seinem Geschrei macht er sich auf den Rückweg. Er schlurft zu seinem Wagen zurück und behebt die größte Verunstaltung. Doch auch als er das Klopapier entfernt hat und nur noch geringe Rückstände auf seiner Frontscheibe zurückbleiben, ebbt die Wut in seinem Bauch einfach nicht ab.

Das werdet ihr bereuen, das verspreche ich. Ihr alle werdet das.

Mit diesem Gedanken sammelt er die heruntergefallenen Beutel vor seiner Tür auf, geht er zurück in sein Haus und schmiedet einen Plan.

  • Pascal

„Sind das nicht Pia und Malina?“, fragt Timo, als er unsere Klassenkameradinnen auf einer Bank entdeckt. Beide tragen ein Hexenkostüm, aber sie sehen unglücklich aus.

„Pia? Malina? Was ist los?“, frage ich, als wir uns ihnen nähern.

„Ein Mann … er war gemein zu uns“, schluchzt Malina.

„Genau!“, stimmt Pia zu. „Er hat uns furchtbar angeschrien.“

„Wie gemein von ihm“, meint Dominik und nimmt die beiden in den Arm. Obwohl wir nicht mehr viel Zeit zum Süßigkeiten sammeln haben, weil wir bald nach Hause müssen, versuchen wir, sie zu trösten. Es macht mich ganz traurig, Pia und Malina weinen zu sehen, sie sind immer so nett zu uns. Pia gibt mir sogar manchmal ihre Hausaufgaben. Leider habe ich keine Taschentücher dabei und meine Freunde auch nicht.

„Wo war dieser Mann?“, fragt Timo.

„Da“, antwortet Pia und zeigt auf ein Haus ganz in der Nähe.

„Den knöpfen wir uns vor.“

„Wie willst du das denn machen?“, frage ich besorgt, denn ich kenne Timo. Er macht immer das, was er sagt und traut sich viel mehr als ich. Auch bei Dingen, die wir nicht dürfen.

Er zuckt mit den Achseln. „Mal schauen.“

„Habt ihr eure Eltern schon angerufen?“, fragt Dominik.

„Nein, aber meine Mama wollte uns um Viertel vor neun hier abholen.“

„Ach so, das ist ja gleich.“

„Sollen wir denn solange warten?“, frage ich.

„Braucht ihr nicht“, meint Pia und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. „Es geht schon wieder.“

„Wir machen diesen Kerl fertig“, meint Timo und geht voraus. Dominik und ich folgen ihm bis zu dem Haus.

„Was hast du denn jetzt vor?“, frage ich ihn noch einmal und habe ein bisschen Angst vor seiner Antwort.

„Guck mal, ein schönes Auto“, staunt er, ohne mir zu antworten. „Ich habe eine Idee.“

Timo sammelt zwei Steine von der Straße auf und wirft sie gegen das Auto. Mir gefällt es gar nicht, was er da tut.

„Los, macht schon mit“, fordert er mich uns Dominik auf und greift schon zu weiteren Steinen.

„Ich weiß nicht, wir bekommen bestimmt ganz doll Ärger“, meine ich und hebe zögernd einen Stein auf.

„Nun mach schon du Weichei! Ich dachte, Dominik wäre der größere Angsthase von euch!“ Aber Dominik hat schon mit dem Werfen begonnen.

Den erkennt unter dem Laken ja auch niemand.

Ich werfe meinen Stein, aber versuche, es nicht so doll zu machen. Ich habe viel zu große Angst vor dem Ärger, der aus unserem Racheakt ganz bestimmt entsteht.

„Na siehst du, geht doch“, jault mein Freund in seinem Mumienkostüm. Er wirft die Steine mit großer Begeisterung, ihm macht das scheinbar Spaß.

„Wir klingeln gleich und dann laufen wir weg“, bestimmt Timo und reißt zum Schluss noch an dem Außenspiegel. Er fällt herunter und ganz viele kleine Scherben verteilen sich über den Boden. „Okay, kommt.“

Mit einem total komischen Gefühl folge ich den beiden zur Tür. Mir wäre es viel lieber, einfach abzuhauen, aber Timo besteht darauf.

  • Manuel

„Das gibt es doch nicht!“, denkt Manuel, als er aus dem Fenster sieht. Drei kleine Missgeburten bewerfen seinen schönen Audi mit Steinen. Drei freche Gören haben ihr Leben nicht verdient!

Die Wut in seinem Bauch lässt ihn fast jeden klaren Gedanken verlieren. Eigentlich würde er sofort zu ihnen hinauslaufen und ihnen dieses Verhalten ausprügeln. Aber sie hätten einen kleinen Vorsprung und er darf es nicht riskieren, dass sie ihm entwischen. Deshalb positioniert er sich hinter der Haustür und wartet nur darauf, bis die Plagen an seiner Tür klingeln.

  • Pascal

„Wir sollten besser einfach verschwinden“, schlage ich vor. „Wir müssen auch bald zu Hause sein.“

„Ach quatsch, wir wollen doch wenigstens noch sehen, wie er sich aufregt, wenn er das Auto sieht.

Ich habe ein richtig schlechtes Gewissen. Die Scheiben haben feine Risse und außen an den Türen sind auch massenhaft kleine Beulen. Außerdem der kaputte Außenspiegel …

Aber ich kenne Timo, der lässt sich nicht so einfach überreden, schon gar nicht von mir. Also brauche ich es nicht noch einmal versuchen.

Mein Herzschlag beschleunigt sich, als Timo den Finger auf die Klingel legt und drückt. Gegen alle Erwartungen geht die Tür sofort auf und wir sind so erschrocken, dass wir vergessen, wegzulaufen.

„Hallo Kinder“, sagt der Mann. „Müsst ihr nicht eigentlich einen Spruch aufsagen?“

„Ähm … ja“, zögern wir. „Süßes oder Saures!“

Guckt der denn gar nicht zu seinem Auto?

„Na dann nehmt euch was, greift ruhig zu.“ Er hält uns eine grüne Dose mit unterschiedlichen Bonbons hin. Ich bin irritiert, weil er so nett ist.

Haben wir etwa das falsche Haus erwischt?

Mich packt das schlechte Gewissen. Dieser Mann ist gar nicht böse und wir haben sein Auto kaputt gemacht.

„In der Stube habe ich noch mehr und viel leckerere Bonbons“, verspricht er und tritt zur Seite, damit wir ins Haus gehen können. Dominik und Timo gehen voran, in meinem Hinterkopf höre ich Mama sagen: Geht nicht in die Häuser.

„Was ist mit dir? Willst du keine Süßigkeiten?“, fragt der Mann mich und eigentlich will ich wirklich nicht. Aber alleine draußen zu warten ist noch viel blöder, und man soll ja immer zusammen bleiben, also folge ich meinen Freunden ins Innere. Als wir alle drin sind, schließt der Mann hinter uns ab.

„Den Wagen wird mir wohl niemand ersetzen, aber dafür werdet ihr mich auch nie wieder nerven“, faucht der Mann und hat auf einmal so ein unheimliches Funkeln in seinen Augen. Die nette Stimme von gerade eben ist plötzlich verschwunden. „Kommt mit!“ Er reißt das Laken von Dominik herunter, packt ihn und Timo an den Armen und zieht sie mit sich. Weil er nur zwei Arme hat, kann ich weglaufen, renne die Treppe dieses fremden Hauses nach oben und laufe weinend in eines der Zimmer.

Das muss das Schlafzimmer sein.

Ich verstecke mich in dem Kleiderschrank und beiße mir in die Hand, um mein Schluchzen zu unterdrücken.

Er darf mich nicht hören! Aber was ist mit Dominik und Timo?

Ich habe furchtbare Angst und will einfach nur zu meiner Mama. Ich weiß nicht, was der Mann mit uns vorhat, aber er klang sehr böse! Malina und Pia hatten recht, genau wie ich. Wir hätten hier nie klingeln dürfen!

Plötzlich höre ich Schritte, dann wird die Schranktür aufgerissen. Der Mann steht vor mir und packt mich am rechtem Arm und Bein, reißt mich in die Luft und trägt mich auf seinem Rücken.

„Du dummes Miststück wirst jetzt mal lernen, was Respekt ist!“, schreit er und trägt mich aus dem Raum. Ich zapple und versuche, mich zu befreien, aber er ist viel zu stark. Der Mann trägt mich die Treppe hinunter bis in den Keller und schließt dort einen Raum auf.

„Dort drin könnt ihr versauern!“, faucht er, setzt mich ab und stößt mich in den Raum hinein. Ich stürze und schlage mir das Knie am Boden an. Als ich mich aufrichte, sehe ich Timo und Dominik.

„Da seid ihr ja! Ich habe doch gesagt, wir sollten nicht klingeln!“

„Jetzt ist es zu spät“, schluchzt der sonst so taffe Timo und reißt sich das Kostüm vom Körper. „Wir werden richtig Ärger bekommen. Wir sollten schon längst wieder bei dir zu Hause sein.“

„Ist mir egal, ich will einfach nur nach Hause“, wimmert Dominik.

„Was sollen wir denn machen?“, frage ich in die Runde, aber wir stehen alle so unter Schock, dass niemand antwortet. Ich habe furchtbare Angst, dass der Mann jeden Moment wieder hereinkommt und uns etwas antut.

  • Manuel

Wieder klingelt es an der Tür, doch dieses Mal versucht er, ruhig zu bleiben. Wenn alles so läuft, wie er will, dann ist dies das letzte Halloween, an dem er genervt wird. Dann kann er die nächsten Jahre auf seinem Sofa entspannen, ohne gestört zu werden. Manuel öffnet die Haustür und vor ihm stehen zwei Mädchen, ein Zombie und eine Hexe.

„Süßes oder Sauren!“

Er ist diesen ätzenden Spruch leid, immer wieder der selbe Müll, der in seine Ohren dringt. Der Gedanke daran, dass er ihn noch so oft hören muss, bis er endlich seine Ruhe hat, macht ihn wahnsinnig. Manuel atmet tief ein. Dann setzt er ein freundliches Lächeln auf.

„Sucht euch etwas Schönes aus. In der Stube habe ich noch mehr, kommt gerne rein.“

Ohne zu zögern, folgen diese kleinen, dummen Dinger ihm auch noch.

Haben die denn überhaupt nichts von Mami und Papi gelernt?

Grinsend schließt er die Tür hinter sich und packt die Mädchen an den Armen.

„Aua, das tut weh! Lass das!“

„Lass los, ich will das nicht“, schreit die andere.

„Haltet euer scheiß Maul!“ Er verpasst dem Mädel im Hexenkostüm eine Backpfeife. Erst ist sie plötzlich ruhig, dann fängt sie an, zu heulen.

„Reißt euch doch zusammen, ihr kleinen Ratten!“ Aufgebracht zerrt er sie in den Keller und stößt sie zu den anderen Kindern in den Raum. „Viel Spaß!“

Schon seit er denken kann, hasst er diese Plagen. Selbst seine Nichte und seinen Neffen konnte er noch nie leiden und hatte sie von der Schaukel geschubst, als die einen frechen Spruch gebracht haben. Sie erlitten eine Gehirnerschütterung, deshalb hat er auch keinen Kontakt mehr zu seiner Schwester.

Schon in der Schule war er genervt von den anderen, die im Unterricht einfach nie still sein konnten. Wenn der Lehrer redete, musst er sie immer ermahnen, nicht zu quatschen. Manuel konnte nie verstehen, was daran so schwer war, einfach die Klappe zu halten. Einmal, das war in der fünften Klasse, da hatte sein Mitschüler nicht aufgehört, zu reden. Deshalb konnte er sich nicht auf die Matheaufgabe konzentrieren und war dann irgendwann ausgerastet. Manuel hatte seinem Mitschüler eine gelangt und seinen Kopf gegen heftig gegen die Wand gestoßen. Das hatte für ihn den ersten von drei möglichen Schulverweisen zur Folge, aber der Junge hielt fortan die Klappe, wenn Manuel im Raum war.

Nun sammelt er die Süßigkeiten der Kinder ein, die ihre Beutel im Kampf mit ihm fallengelassen hatten. Da er keine eigenen besitzt, weil ihm süßes Essen zuwider ist, muss er den Süßkram der Kinder benutzen.

Mit den vollen Beuteln steigt er in den Keller hinab.

  • Mutter

Mensch, wo bleiben die denn!
Seit einer halben Stunde sitzt Claudia mit Timos Mutter am Küchentisch.

„Normalerweise ist Pascal immer pünktlich.“

„Mein Sohn ist leider nicht so zuverlässig, vielleicht hat er Dominik und Pascal einen Flo ins Ohr gesetzt“, mutmaßt Lena.

„Ich hoffe sehr, dass es nur das ist“, sagt Claudia und wirf einen Blick auf die Küchenuhr.

Schon wieder zehn Minuten vergangen.

„Lass uns nachsehen“, schlägt sie vor, ihr Aufstehen verdeutlicht aber, dass sie sowieso keine Widerworte zulassen würde. Trotzdem stimmt Lena ihr zu.

Zu zweit laufen sie durch die Straße und halten Ausschau nach einem Zombie, einem Gespenst und einer Mumie. Noch immer sind viele Kinder unterwegs und laufen mit ihren Taschen und Beuteln von Tür zur Tür.

„Wieso dürfen die so lange draußen bleiben, es ist zwanzig vor zehn!“, staunt Claudia. „Die gehören doch schon längst ins Bett!“

„Also an besonderen Tagen darf Timo auf schon mal länger machen und wenn sie hier in der Nähe bleiben, finde ich es bis zehn auch okay.“

Bin ich etwa zu streng?

„Hm. Ich überlege es mir für die Zukunft, aber heute mache ich mir echt Sorgen, da sie um neun zurück sein sollten.“

„Wir finden sie schon. Vielleicht ist es sogar besser, wenn du zurückgehst und im Haus wartest, ansonsten bekommen wir es ja gar nicht mit, wenn die Kinder nach Hause kommen.“

Claudia würde lieber selber weiter nach ihrem Sohn suchen, aber Lenas Einfall ergibt Sinn. Seufzend lässt sie Timos Mutter alleine weitersuchen und kehrt ins Haus zurück. Doch auch eine Stunde später tauchen die Kinder nirgends auf.

 

 

 

  • Pascal

Ich sehe Timo zum ersten Mal weinen. Eigentlich dachte ich, der Anführer weint nicht. Sonst ist er immer so stark und zeigt keine Gefühle, aber jetzt hört er nicht auf zu heulen. Dominik ebenfalls nicht, der Unterschied ist bloß, dass ich bei ihm nichts Anderes erwartet hätte.

„Timo? Timo, nicht weinen, wir müssen hier raus.“

„Ach was!“, pampt er mich an und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. „Ich weine nicht!“

Ich wünschte, er würde nicht immer den coolen Macker machen, dann wäre vieles einfacher. Ich stehe auf und sehe mir den Raum an. Es gibt keine Fenster, die Wände sind weiß und kahl. Es steht nicht viel herum, nur ein paar leere Umzugskartons und Farbeimer.

Plötzlich geht die Tür hinter mir auf und zwei Mädchen stürzen in den Raum. Die eine schreit und kreischt was das Zeug hält, die andere ist nur am Heulen, aber nicht ganz so laut wie ihre hysterische Freundin.

„Ey, lass uns raus!“, rufe ich und stürme auf den Mann zu, aber da hat er die Tür schon wieder zugeknallt.

„Hat er euch auch hier reingelockt?“, frage ich und reiche den Mädchen meine Hand, um ihnen aufzuhelfen.

„Ja! Der Mann hat uns einfach … einfach festgehalten“, schluchzt das Mädchen im Hexenkostüm und nimmt ihre Freundin in den Arm.

„Wie heißt ihr denn?“

„Klara.“

„Und Betty“, fügt die andere hinzu.

„Wir müssen hier weg“, heult Klara und blickt verzweifelt zur Tür.

„Das wollen wir alle“, seufze ich. „Unsere Eltern werden sicher nach uns suchen.“

  • Manuel

Noch vor dem Kellerraum fällt ihm ein, dass er etwas Wichtiges vergessen hat. Er kippt die Beutel über dem Flurboden aus und kniet sich neben den Süßkram. Dann beginnt er, alles auszupacken. Die Lollis, die Bonbons, die Schokolade … nichts lässt er in der ursprünglichen Plastikverpackung. Die bleibt einfach auf dem Fußboden liegen und die Süßigkeiten befördert er wieder in die Beutel.

Jetzt kann der Spaß losgehen.

Voller Vorfreude öffnet er die Tür und blickt in die verängstigten Gesichter der Kinder.

Sie sehen alle fertig aus, so wie es sich gehört. So wie ich mich fühle, wenn sie mich nerven!

„Ich habe euch etwas Leckeres mitgebracht!“, verkündet er fröhlich und hält die Beutel in die Luft. „Die habt ihr oben vergessen.“

Nachdenklich lässt er seinen Blick von Kind zu Kind schweifen. Er muss sich für eines entscheiden, das den Anfang machen soll.

Das da.

„Wie heißt du?“, fragt Manuel und geht zielsicher auf einen Jungen im Zombiekostüm zu.

„I-i-ich?“, stottert das verängstigte Mistvieh.

„Natürlich du!“, schreit Manuel, so laut er kann, und klatscht ihm den Beutel ins Gesicht. „Rede!“

„Pa-Pascal.“ Der Junge sieht weinerlich aus, doch das kümmert ihn wenig. Manuel hat schon von klein auf kein Mitgefühl und scherrt sich nicht um die Gefühle anderer.

Dieser dumme Hurensohn soll einfach nur leiden.

„Also Pascal. Was magst du am liebsten? Schokolade oder doch lieber Lollis? Womit fangen wir an?“

„Ich möchte nicht.“

„Es interessiert auch niemanden, was ich möchte!“ Manuel packt ihn am Hinterkopf, greift nach einem der Schokoschaumküsse und stopft ihn in das verdammte Maul des Jungen. „Kau es!“

Pascal stehen die Tränen in den Augen, das gefällt ihm so sehr, dass er noch fester an seinen Haaren zupackt.

„Noch mehr! Ihr liebt doch dieses süße Zeug, also gönnt euch!“, raunt er gefährlich ruhig und stopft dem Jungen den nächsten klebrigen Schokokuss zwischen die Zähne. So geht das eine ganze Zeit, bis Pascal würgen muss.

„Lass ihn doch in Ruhe, du merkst doch, dass er genug hat!“, fleht eines der Mädchen.

„Du kleine Hurentochter hältst dich wohl für etwas Besseres? Glaubt mir, ihr kommt alle dran, ihr habt doch genug für alle gesammelt.“

Pascal presst die Zähne zusammen, als der Manuel ihm eine Handvoll Marshmallows in den Mund stopfen will.

Du frisst es, ob du willst oder nicht.

Manuel packt den Jungen am Hals und drückt kräftig zu. Die Geräusche, die dabei entstehen, bringen die Mädchen zum Kreischen. Manuel kann sich kaum etwas Schöneres vorstellen.

„Bist du jetzt willig zu schlucken?“

Pascal nickt schwach. Als Manuel ihn loslässt, fängt der Junge furchbar an, zu röcheln.

„Und jetzt zeig mir, wie es sich für dich gelohnt hat, für Süßigkeiten andere Leute zu nerven!“

Widerwillig schluckt Pascal die Marshmallows, obwohl sein Magen bis zur Speiseröhre gefüllt ist. Das ändert sich im nächsten Moment, als Pascal auf Manuels Schuhe kotzt. Der ganze Brei ergießt sich über seine glänzenden Lackschuhe und stinkt bestialisch. Pascal weint und röchelt und kotzt. Zur Strafe muss er die Schuhe wieder sauberlecken.

„So, wer will als Nächstes?“, fragt Manuel zufrieden in die Runde. Dabei spielt das überhaupt keine Rolle, denn er hört nicht auf, bis jedes Kind einmal dran war.

  • Pascal

Alles tut mir weh, der Geruch von Kotze sticht in meiner Nase und ich mag nur noch am Boden liegen. Die anderen sind leise, nur noch ein leises Wimmern geht durch den Raum. Als ein Türklingeln zu hören ist, verschwindet der Mann kurz, bringt dann aber drei weitere Kinder in den Raum mit. Sie müssen das Gleiche durchmachen wie wir. Ich weiß überhaupt nicht mehr, wie spät es ist, aber wenn man in der eigenen und in fremder Kotze liegt, interessiert das nicht mehr. Doch es fühlt sich wie Tage an, die Zeit, die er immer mehr Kinder in den Raum bringt. Irgendwann werden die Abstände zwischen dem Klingeln zum Glück weniger. Bei letzten Mal betritt der Mann den Raum ohne neue Kinder, dafür hält er etwas in seinen Händen.

„Ich habe euch etwas mitgebracht“, verkündet er. „Ihr liebt es doch, euch zu verkleiden. Ich nicht so besonders, aber Mumien finde ich auch toll.“ Mit seinem fiesen Grinsen kommt er auf mich zu, stellt die Kiste neben mir ab und holt eine weiße Rolle heraus.

Verbandzeug! Das kenne ich noch von meinem verstauchten Fuß!

Der Mann beginnt, den Verband um meinen geschwächten Körper zu wickeln. Schnell sind meine Arme und Beine so eng an meinen Körper geschnürt, dass ich sie nicht mehr bewegen kann.

„So gefallt ihr Plagen mir schon viel besser!“

Er macht weiter, wickelt die elastischen Stoffstreifen bis zu meinem Kopf und über meinen Mund. Erst kann ich noch gut durch den Stoff atmen, doch bei jeder Verbandschicht wird es schwieriger. Bei der nächsten Lage werde ich panisch.

Ich bekomme keine Luft mehr.

Mein Körper bäumt sich auf, ich will mich befreien, aber der Stoff ist so eng, dass es mir nicht einmal gelingt, einen einzigen Finger zu rühren. Ich höre die Schreie der anderen, die mir nicht helfen können. Verzweifelt ringe ich nach Sauerstoff, den ich nicht bekomme, stattdessen atme ich den Geruch des Verbands kombiniert mit dem unerträglichen Geruch der Kotze ein.

Hilfe! Hilfe!

Dann wird alles um mich herum schwarz.

  • In der Schule

Es ist Freitagmorgen und wie jeden Tag sitzt Malina im Klassenzimmer neben Pia und plappert ausgiebig. Die beiden freuen sich schon auf die ersten zwei Stunden, denn sie haben Deutsch und das ist ihr Lieblingsfach. Zum Glück ist die Lehrerin Frau Engländer so nett und lässt sie ein Buch lesen, wenn sie mit einer Aufgabe früher fertig sind. Doch heute ist etwas anders. Auch als es schon acht Uhr ist, bleiben Dominiks, Timos und Pascals Sitzplätze leer. Dabei sind die fast nie krank und gleichzeitig sowieso nicht.

Frau Engländer kommt in das Klassenzimmer, aber nicht wie sonst immer alleine. Hinter ihr betritt ein Mann mit Hemd den Raum.

„Schhhh, bitte seid ruhig“, fordert die Deutschlehrerin und stellt sich an die Tafel. „Ich habe jemanden mitgebracht, Kriminalhauptkommissar Hoffmann. Er möchte euch ein paar Fragen stellen.“

„Ein Polizist!“, raunt es durch das Klassenzimmer, viele aufgeregte Stimmen reden wirr durcheinander.

„Hallo liebe Kinder“, beginnt der Kommissar und sofort herrscht ruhe. Alle hängen gebannt an seinen Lippen. „Euch ist vielleicht aufgefallen, dass drei eurer Mitschüler heute nicht da sind. Sie sind nicht krank, sondern gestern verschwunden. Sie haben gestern an Halloween, wie viele von euch bestimmt auch, in ihrer Wohnstraße Süßigkeiten gesammelt. Leider ist von ihnen keiner nach Hause gekommen und die Eltern machen sie große Sorgen. Hat sie einer von euch noch gesehen oder weiß irgendetwas? Wenn ja, sagt es mir bitte, damit wir die drei wiederfinden können.“

Malina und Pia werfen sich beunruhigte Blicke zu und beginnen, zu tuscheln.

 „Pia? Malina? Wisst ihr irgendetwas?“, fragt Frau Engländer, der das nicht entgangen war.

„Ähm … ich weiß nicht, ob das wichtig ist“, zögert Pia.

„Alles ist wichtig, jedes noch so kleine Detail kann entscheidend sein“, ermutigt der Kommissar sie zu einer Aussage.

„Ja also … wir waren gestern auch in der Straße und da haben wir alle drei zusammen getroffen.“

„Und wann und wo war das?“

„Kurz bevor meine Mama uns abgeholt hat. Sie wollten zu einem Mann?“

„Wieso das?“

„Wir haben vorher bei dem geklingelt und er hat uns ganz böse angeschrien. Deshalb wollte sie sich ihn vorknöpfen.“

„Und da sind sie dann auch wirklich hingegangen? Habt ihr das gesehen?“

„Ja.“ Pia und Malina nicken zeitgleich.

„Könnt ihr euch noch erinnern, welches Haus das war?“

„Wenn wir es sehen, dann bestimmt“, meint Malina.

„Okay, sehr gut.“ Der Kommissar wendet sich an Frau Engländer. „Ich würde die beiden jetzt für heute aus der Schule nehmen.“

 

  • Ende

Zeitung vom 02.11.2019, Hamburg

Abscheulicher Fund in Hamburg-Bergedorf

Gestern Morgen hat die Hamburger Polizei einen grausamen Fund in Bergedorf gemacht. Die am Donnerstag als vermisst gemeldeten dreizehn Kinder wurden tot in dem Keller eines Wohnhauses aufgefunden. Nachdem zwei Mädchen Angaben zu dem Verschwinden dreier Mitschüler machen konnten, konnte die Polizei nur noch den Tod aller Vermissten feststellen. Wie der Polizeisprecher mitteilte, möchte man keine genaueren Angaben zu den Todesumständen machen. Bei dem Täter handelt es sich um einen 41-jährigen, psychisch gestörten Deutschen. Er wurde in der Straße seines Wohnhauses aufgegriffen und warf noch während der Verhaftung mit den Kürbissen seiner Nachbarn. Er wurde in einer psychiatrischen Klinik untergebracht.

 

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