WEG – ADRIENNE HOFFMANN

Schreibwettbewerb für Horror-Autoren

In diesen vergangenen Tagen trafen wir uns oft bei Micks Eltern im Partykeller, saßen einfach nur rum, hörten Musik, spielten dümmliche Spiele, bei denen man Alkoholisches auf Ex trinken mußte, wenn man verlor, und hatten einfach nur Spaß. Noch waren wir eine verschworene Truppe, die sich  durch Zufall zusammengefunden hatte; kurz nach dem Abi, glücklich, daß wir diese anstrengende und trotzdem aufregende Zeit überstanden hatten, und bereit, die Welt zu erobern.  Freiheit bedeutete, nach Einbruch der Dunkelheit noch draußen  sein zu können- lange nach Einbruch der Dunkelheit. Ich war auf dem Weg nach Hause, kam von Mick, hatte ein bischen was getrunken, aber nicht viel. Eine Polizeikontrolle wäre ein Spaß gewesen. Ich war mit dem klapprigen BMW meines Bruders unterwegs, ein eigenes Auto hatte ich noch nicht. Jedes Mal, wenn Ben mir sein Kleinod lieh und mir mit einem Augenzwinkern den Autoschlüssel in die Hand drückte,

sagte er: „Wiedersehen macht Freude, Schwesterlein.“ Blöder Spruch!  Und jedes Mal verkniff ich mir eine launische Erwiderung darauf. Denn ich wußte ja genau, daß meine mobile Freiheit von seiner Generosität abhängig war, und ich ihn nicht verärgern durfte. – Und jetzt war ich wieder einmal „on the road“. Freiheit genießen… Gerade hatte ich die niemals geschlossene Schranke passiert, die die offizielle Route zwischen Sindlingen und Schwanheim von dem „geheimen Weg“ (kürzer, näher, einfacher zu merken) trennte. Nacht. Keine Straßenlaterne säumte die einsame Straße.  Weit hinten konnte ich im unteren Bereich des dunklen aber nicht stockdunklen Himmels die petrolblaue Verfärbung des Horizonts erkennen, und  schemenhafte Umrisse von Gebäuden, dort, wo die nächste Ortschaft begann. Ich hatte keine Angst.  Die Strecke, den „Holperweg“,  kannte ich wie meine Westentasche.  Jeder Baum, jede Biegung, jede noch so kleine Unebenheit der Straße war mir vertraut, so oft hatte ich die Abkürzung schon benutzt.  Rechts und links  wurde die  schmale asphaltierte aber ziemlich unebene Wegstrecke, die eigentlich nicht für den öffentlichen Straßenverkehr freigegeben war, sondern als privater Zufahrtsweg für  Bauern und Schrebergartenbesitzer diente, von einem leicht zu übersehenden Graben begleitet. Kam einem ein anderes Fahrzeug entgegen, wurde es kritisch. Dann mußte einer der Fahrer bis zur nächsten  Straßeneinbuchtung oder Weggabelung ausweichen, ansonsten lief man Gefahr, mit seinem Auto im Straßengraben zu landen.

Aber heute hatte ich  Glück. Ich war bislang der einzige Benutzer dieser Strecke. Kein anderes Fahrzeug weit und breit. Müde, aber zufrieden, drehte ich das Autoradio lauter. Depeche Mode,  „Enjoy the silence“ , gerade Platz 1  in den Charts. Die Welt war in Ordnung. Ich wußte, daß,…..dann wischte ein unruhiger kleiner Schatten vor den Scheinwerfern des Autos vorbei. Ich schrie  und trat mit voller Wucht auf die Bremse. Das Auto heulte kurz auf und soff dann ab. Mist! Vor mir, auf dem Weg, saß der kleine „Schatten“, offenbar ein Tier. Regungslos. Ich atmete tief durch. Ganz ruhig, das ist nur eine  Feldmaus oder ein winziger  Hase. Ich startete das Auto wieder. Der Lichtkegel der Scheinwerfer erhellte sich und beleuchtete jetzt vollständig das kleine Etwas da vor mir.  Es wird schon weglaufen. Ich fuhr langsam auf das dort hockende Tier zu. Es rührte sich nicht.  Ich hielt an, drehte den Zündschlüssel  und stieg aus. Sanfter Nachtwind umwehte mich. Außer dem Rauschen der Bäume und der fernen Autobahn  war nichts zu hören. Eigentlich ganz idyllisch, aber auch ein klein wenig unheimlich. Vorsichtig lief ich  zu dem kleinen Tier. Ja, ein Häschen, vielleicht noch ein Junges, ich kannte mich ja nicht aus. Aber es war ziemlich klein. Ausgewachsene Feldhasen sind größer, dachte ich. Es bewegte sich immer noch nicht. Ich versuchte, im schwachen Licht etwas mehr zu erkennen. War es veletzt? Oder einfach nur verängstigt? Waren seine Pupillen vor Schreck geweitet? Meine wahrscheinlich schon, denn urplötzlich wurde mir doch etwas mulmig, als ich realisierte, daß ich mitten in der Nacht auf einem dunklen Feldweg im einsamen Nirgendwo alleine stand. Beunruhigt versuchte ich, meine Gedanken zusammen zu nehmen. Was tun? Gefährlich ist es nicht, es hat ja mehr Angst vor Dir als du vor ihm. Junge Tiere soll man nicht anfassen, schoss es mir durch den Kopf. Sie werden dann durch den menschlichen Geruch von der Mutter nicht mehr angenommen. Oder wenn es Tollwut hat? Tollwütige Tiere benehmen sich zunächst zutraulich. Und das Häschen einfach sitzen lassen?

Es wird schon weghoppeln. Mir wurde es jetzt langsam aber sicher ziemlich ungemütlich hier. Ich drehte mich um und sah in Richtung Stadt. Keine Menschenseele, nichts war zu sehen. Ebenso in der anderen Richtung,  und neben mir,  an beiden Seiten nur vereinzelte dunkle Bäume,  ein paar wenige, eingezäunte Gärten, Beete, dahinter Felder. Immer noch ein leichter Wind,  Grillen, leises Vogelzwitschern, unbestimmtes, diffuses Rauschen von der weit entfernten Autobahn. Ich lief wieder zum Auto, setzte mich hinein, schloß schnell die Fahrertür und betätigte die Zentralverriegelung. Puh! Startete nun das Auto erneut. Aufheulender Motor, aufblendendes Licht, auf den Fellhaufen dort vorne gerichtet, aufgedrehte Musik aus dem Radio. Aufgeregt. Möglicherweise sitze ich hier bis zum Sankt Nimmerleinstag, bis das Tier sich mal überlegt von dort vorne zu verschwinden, dachte ich. Man muß das Licht abdrehen. Die Tiere erstarren vor Angst, wenn sie in den Bereich des Lichtkegels eines heranfahrenden Autos kommen. Möglicherweise hatte ich das mal irgendwo gelesen, möglicherweise auch damals in der Fahrschule gelernt, keine Ahnung. Also: Licht aus, warten, Licht an, immer noch da. Licht aus, warten, Licht an, immer noch da. Licht aus, Radio aus, da mitlerweile genervt von der Musik, jetzt Spandau Ballet, Licht an, immer noch da. So wurde das nichts. Ich versuchte abzuschätzen, wie viel Platz sich zwischen Hase und Wegrand, zwischen Hase und Straßengräben  befand. Konnte ich um das Tierchen herum fahren, ohne in der Böschung zu landen? Und wenn es schief ging? Mitten in der Nacht weit weg von einer Ortschaft mit dem Auto im Graben festsitzen und keine Telefonzelle in der Nähe. Dann nachts zu Fuß allein zur nächsten Ortschaft? Zu gefährlich. Über das Tier drüberfahren? Wenn ich genau mittig,…. Und wenn es sich dann erschreckt und plötzlich losrennt? Unter die Räder gerät? Alleine in einer Einöde und ein verletztes Tier unter dem  Wagen? Unmöglich. „Ein letzter Versuch“, sagte ich laut und startete erneut. Fuhr an. Langsam vorwärts. Das Tier: bewegungslos.

 

Ich stoppte ein paar Meter vor dem kleinen Hindernis. Machte ich mich gerade lächerlich? Möglicherweise war das ein Erlebnis, welches  ich weder mit meinem Freunden , noch mit meinem Bruder, noch meinen Eltern teilen würde. Eine Erfahrung, von der ich ihnen nicht berichten wollen würde. Möglicherweise benahm ich mich gerade ganz töricht, unvernünftig und albern. Möglicherweise gab es eine sehr einfache Lösung für das ganze Problem  und ich stellte mich einfach gerade nur wirklich absolut dämlich an. Absurd. Ich schaltete den Motor wieder aus  und verließ das Fahrzeug. Im Schein des schwachen Standlichtes bewegte ich mich vorwärts. „Du dummer Hase.“ sagte ich laut und erschrak fast über meine eigene Stimme, ungewohnt nach der langanhaltenden Stille. „Ich bin tierlieb.“ Als ob ich mich daran erinnern mußte.  „Was ist denn mit Dir?“ fragte ich. „Lass Dich mal ansehen. Ich tu dir doch nichts.“ Ich kauerte mich links neben das Tier, nicht allzu nah, damit es sich nicht vor mir ängstigte. Ich berührte es nicht. Die Scheinwerfer beleuchteten das Fellbündel schwach und warfen diffuse Schatten hinter die kleine dunkle Gestalt. Fast glaubte ich, sein Herz im Mini- Brustkorb hämmern zu sehen und seine angelegten Ohren zittern und seinen Blick verängstigt. Aber vielleicht war es auch gar nicht so. „Was ist los, hm? Was denkst du, kleiner Wicht?! Komm, hoppel weg.“  Das Licht, das vom Autoscheinwerfer auf die Straße geworfen wurde, verdunkelte sich, als ob sich etwas davorgeschoben hätte.  Ich hob den Blick. Einen kurzen Moment dauerte es , bis mein Gehirn alarmiert und etwas als mögliche drohende Gefahr erkannt hatte. Dann war es, als ob viele auf mich einstürmende Gedanken versuchten, meine aufkommende Panik zu verdrängen. Lächelte ich, reflexartig? Ich dachte an das Häschen, das ich beschützen wollte, meine Familie, das Auto, -was ist mit dem Auto?- Ich dachte: Fehler gemacht, oder…?! Ich realisierte, daß da etwas oder jemand war, wenngleich ich ja doch niemanden herankommen gesehen oder gehört hatte. Mir ist noch immer nicht klar, wer oder was es war. Es war eigentlich unmöglich, daß ich sein Sich-Nähern nicht bemerken konnte. Auch deshalb ist es so sonderbar und unwirklich und unglaublich und seltsam. Alles das. Ein großer Schatten stand zwischen mir und dem Fahrzeug, mitten auf der Straße.  Ich glaube, menschenähnlich; eine menschenähnliche Gestalt.  Der untere Teil wurde von den Autolichtern beleuchtet, der obere Teil der….Person?…ragte in den Nachthimmel (warum wirkt ein Sommernachthimmel oft gar nicht Dunkelblau sondern dämmerig gebrochen -fast schon – Hellblau?)   und hob sich Schattenrissartig davor ab. Es sah nach einem Menschen aus. Es „fühlte“ sich menschlich an. In dem Moment war es einfach nur ein riesiger schwarzer Umriss. Bedrohlich. Ich glaube, ich schrie nicht. Ich hatte keine Zeit mehr dazu. Ich weiß nicht, was mit dem Hasen war, ob er weglief…meine Gedanken, die laute, verwirrende Kakophonie der ganzen Gedanken in meinem Kopf verstummte plötzlich, wie das Lied, als ich das Radio ausgedreht hatte. Stille. Ruhe. Dunkelheit. – Und jetzt bin ich hier. Meine Eltern haben am Wegrand, direkt hinter dem Straßengraben, ein Kreuz aufstellen lassen. Sie waren nur ein Mal hier. Dann nicht mehr. Ich bleibe.

 

[Gesamt:18    Durchschnitt: 3.8/5]

Eine Antwort

  1. Holger Richter sagt:

    Liest sich gut. Die Ich-Perspektive ist hier gut gewählt.

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